Archive for April, 2014


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Quick! Let’s make love. Before you die.

Eine meiner kostbarsten Schallplatten ist eine kleine Single für sechs Mark. Ein recht krudes und extrem minimalistisches Coverdesign, mit einem Archivfoto und zwei Clip Art Zeichnungen, die Schrift wie mit einer Schablone aufgemalt. Das Cover hat bei mir extrem gelitten, was für Platten aus meiner Sammlung extrem unüblich ist, aber durch den Umstand erklärt werden kann, dass die Single in meinem Regal stand, Cover nach vorn, zum anschauen, als 1986 in meiner Studentenbude ein Schwelbrand ausbrach und erst der Ruß des Feuers und dann das Löschpulver der Feuerwehr sich über jeden Gegenstand im Zimmer zog.

Glück im Unglück: Die Single selbst blieb völlig unversehrt und kann auch heute noch einwandfrei gespielt werden. Und ich gehe auch nicht von weiteren Schwelbränden aus, sie steht auch heute im Regal, neben ein zwei anderen wichtigen Anschaffungen ist sie so ziemlich das erste, was man zu sehen bekommt, wenn man sich den Plattenregalen nähert.

Aber natürlich ist die Geschichte des Schwelbrands im Studentenzimmer nicht der Hauptgrund, warum diese Single einen Sonderplatz in der Sammlung hat. Ein weiterer Grund kann in der Katalognummer der Single recht leicht abgelesen werden. Es ist MUTE 001. Die allererste Platte des Mute Labels, und das einzige, was Daniel Miller, der Gründer des Labels, je veröffentlicht hat.

Ich weiß sogar noch, wie es war, als ich damals diese Platte erstand. Ich war auf dem Weg zur Kasse, in einem kleinen Lübecker Plattenladen, als ich auf der Theke ein kleines Display sah, in dem ein Stapel Singles angeboten wurde. Ich sah mir diese simpel designte Plattenhülle an und fand sie irgendwie interessant, besonders, und ich glaube auch, dass die Gestaltung mich auch deswegen ansprach, weil wir damals viel mit Rubbelbuchstaben, ausgeschnittenen Bildern, Schablonen und anderen Materialien Cassettencover gestalteten, und auch so unsere Schülerzeitung layouteten.

So eine Single ist ja auch nicht teuer, fast wie ein Impulsartikel auf dem Weg zur Kasse. Wo Mutti im Supermarkt für die kleine Bratze noch ein Hubba Bubba in den Korb werfen muss, greift der Musikfreund an der Schlange vor der Kasse noch mal schnell zur 7″. Mit dem Unterschied natürlich, dass so ein Kaugummi im Nu Geschichte ist, während die Single im Idealfall Geschichte macht – wie in diesem Fall.

Da ist natürlich einmal die historische Dimension, die angesprochene – Daniel Millers einzige Platte, die erste des Labels, auf dem nicht nur Depeche Mode groß wurden, sondern auch Einstürzende Neubauten, Moby, Nick Cave und Goldfrapp. Aber da ist auch das, was man auf den beiden Seiten der Single findet, und das ist so dermaßen konsequent, dass man heute noch den Hut ziehen muss.

Vor allem „Warm Leatherette“, das zumindest auf der Platte selbst als B-Seite erscheint, auf der Rückseite des Covers aber zuerst genannt wird. Wie noch bei so manch anderem Künstler danach kam die Inspiration für dieses Stück von „Crash“, dem ziemlich kontroversen Roman von J. G. Ballard, in dem es um Menschen geht, die eine sexuelle Erregung genießen, wenn sie an einem Autounfall beteiligt sind.

Miller hat dieses Konzept in ein paar dürren, aber ungeheuer intensiven Zeilen komprimiert, die in ihrem Minimalismus wie Kraftwerk sind, in ihrer drastischen Erzählweise aber genau das Gegenteil dessen repräsentieren. Da wird der gerade vonstatten gehende Tod im Crash garniert mit Erotik und stilisierter New Wave Romantik, da ist Lust und Eitelkeit, Masochismus und Fatalismus – die Mischung ist selbst in diesen paar Zeilen erschreckend und faszinierend zugleich.

Die berühmtesten Zeilen des Stücks illustrieren dies besser als jede Beschreibung. „A tear of petrol is in your eye. The handbrake penetrates your thigh. Quick – let’s make love before you die.“ Fast zur gleichen Zeit veröffentlichte Human League ihr legendäres „Being Boiled“, das mit seinen unterschiedlichen Bedeutungsebenen und verklausulierten Versen textlich fast das Gegenteil der Unmissverständlichkeit von „Warm Leatherette“ darstellte – und doch einen ähnlich starken Einfluss auf die Musik der frühen 80er hatte.

Auch musikalisch ist „Warm Leatherette“ ein großartiges Beispiel für Minimalismus in der Frühzeit der elektronischen Musik. Es wäre jetzt einfach zu sagen, dass Daniel Miller auch nicht mehr zur Verfügung stehen hatte als seine paar kleinen Geräte im Schlafzimmer, und dass der Minimalismus eine Konsequenz dessen wäre. Und doch ist das nicht wirklich richtig – denn selbst mit dem bisschen Equipment hätte man mehr in das Stück legen können.

Aber Daniel Miller beließ es bei einem simplen und dürren Drum Beat, schnell und schnörkellos, und legte drei kompromisslose Sägezahnsounds drauf, die ebenso erbarmungslos und unbeirrt ihre Arbeit machen wie Daniel Miller, dessen Stimme emotionslos und kalt berichtend die Texte abliefert. Diese komplett ungeschminkte Art zu erzählen wirkt eher verstärkend als ernüchternd, es ist auch diese völlig unbeteiligt wirkende Nüchternheit in der Stimme, die zur bizarren Erotik dieses Titels beiträgt.

Man kann das Stück abstoßend finden, aber man kann nicht sagen, dass es keine Wirkung hinterlasse. Es gibt kaum ein Stück Musik, das es schafft, das künstlerische Konzept so komprimiert, so direkt und so gnadenlos effektiv umzusetzen. Es gibt viele, die sagen, es sei tragisch, dass Miller nie wieder etwas veröffentlicht hätte, aber man kann auch vermuten, dass er nie wieder die Chance gehabt hätte, so gut zu sein wie bei „Warm Leatherette“. Und er wird sich auch gedacht haben, dass er als Gründer von Mute mehr bewegen kann als mit „The Normal“.

„T.V.O.D.“ auf der anderen Seite ist zwar auch extrem simpel produziert – im Vergleich zu „Warm Leatherette“ aber fast schon komplex. Eine minimale Melodie ist auszumachen, ein ganz klein wenig Komplexität im Arrangement, sogar ein paar Soundschnipsel aus dem Fernsehen. Das war es dann aber auch. Der Text ist hingegen noch reduzierter, bei ähnlicher Radikalität: „I don’t need a TV screen. I just stick the aerial into my skin and let the signal run through my veins.“ Dazu noch gezählte 30 mal „T.V.O.D.“ – fertig ist der Text.

„This is a Mute record“ steht auf der Rückseite. Kaum ein Label wurde je konsequenter, programmatischer und richtungsweisender gestartet als dieses. Man muss es einfach so sagen – ein kleines Meisterwerk, eine radikale, visionäre Single. „Join the car crash set“ sagt Daniel Miller ganz am Ende von „Warm Leatherette“. Ich bin sicher, dass sich mir die Erotik eines Autounfalls nie erschließen wird. Dafür um so mehr die künstlerische Dimension seiner einzigen Single.

THE NORMAL – WARM LEATHERETTE – MUTE – MUTE 001 – 10/10

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Das Meer in dir

Die Welt der elektronischen Musik ist bisweilen auch nicht so viel anders als die des Pop oder Rock, genau betrachtet. Manche Künstler gelten einfach grundsätzlich als Referenz, als Helden, erhaben und quasi per Definition immer gut. Da können die auch mal ein Jahrzehnt lang Sachen machen, die außer alt eingesessenen Fans niemanden interessieren, aber am Denkmal rüttelt man nicht. Springsteen. Wenn der morgen das Lied von Wum und Wendelin neu aufnimmt, sind alle voller Ehrfurcht.

Das gleiche gilt, eben auf der elektronischen Seite des musikalischen Entertainments, für Boards of Canada. Da geht eigentlich schon lange nicht mehr wirklich etwas voran, aber wenn du da mal sagst, hey die neue BoC ist echt müde, dann musst du aufpassen, dass dich nicht gleich ein paar Fans vierteilen. Dabei gibt es durchaus Leute, die in der Lage sind, ähnlich spannende Musik zu machen. Kel McKeown zum Beispiel, besser bekannt unter den Namen Kelpe.

Während sich Boards of Canada eigentlich immer der gleichen Welt elektronisch nostalgifizierter Sounds distanzierter Wehmut widmen, gibt Kelpe auf „Sea Inside Body“ der ganzen Sache einen etwas frischeren, nahbareren, verspielteren Anstrich. Eigenwillige Samples, schwurbelnde Synthesizer, minimale Melodien, jede Menge Ambient Elemente – die Zutatenlisten sind fast identisch, die Resultate nur bedingt.

„Ice Cream Knife Handle“ gleich am Anfang der LP zum Beispiel – im Bezug auf die Synthesizer Sounds durchaus BoC Nähe, aber der Beat ist dann doch zwingender, präsenter, etwas deutlicher auf den Groove schielend. Klar, bevor es zu sehr Dancefloor Charakter bekommt, geht man auch gern mal ganz raus aus dem Beat und lässt die Synths wabern, im Grunde aber geht Kelpe merklich schwungvoller an die Arbeit, und lässt ein wenig mehr Sonne rein.

Gut so, klar – hier wird nicht kopiert, hier wird eine ganz eigene kleine Welt konstruiert. „Sickly Situation“ häckselt ein paar Samples über trockene Beats, lässt es im Hintergrund knistern und rauschen, gibt ne eher schräge Bassline und nimmt zwischendurch den Beat so auseinander, dass der Titel fast zum Programm wird. In „Nat’s Twirly Mug“ eröffnet ein kleines elektronisches Glockenspiel, das dann erneut von trickreichen Beat Tracks begleitet wird. Was Kel McKeown einfach richtig gut drauf hat: mit verschiedenen Synthesizer Sounds auf unterschiedlichen Ebenen Themen miteinander spielen zu lassen, sich abwechselnd und ineinandergreifend – es wird nie langweilig und ist immer wirklich exzellent produziert.

„Age Sculpture“ ist ein weiteres schönes Beispiel – feine Syntharbeit, lebhafte Beats, nette Melodien. Nur wird hier der eine etwas beklagenswertere Punkt dieses Albums deutlich, denn irgendwann bei der Entstehung des Albums muss der gute Kel auf die etwas seltsame Idee gekommen sein, ein paar weibliche britische Teenager bei ihren Unterhaltungen zu belauschen und die aufgenommenen Gespräche ins Album einzubauen. In diesem Stück größtenteils verfremded, aber in manchem Intermezzo kommen dann so wenig tiefgreifende Statements zu Tage wie „Ich kann es kaum erwarten, 16 zu werden“ oder „Früher haben wir uns Bier und Pizza bestellt, heute koche ich lieber“. Die Banalität in ihrer unkommentiert verwendeten Form passt einfach nicht zum hohen musikalischen Niveau des Albums.

Aber größtenteils sind die Teenies ja still, wie in „Keep Danger“, das erneut kunstvoll konstruierte Drums mit weit ausladenden Synth Themen koppelt und dank einer dynamischen Bassline auch mal mit fast treibendem Tempo aufwartet. „Overland But Underwater“ ist ein kleines melodisches Einod auf sattem Elektrobeat, „Grappling Hook“ knarzt und rumpelt zwischendurch recht beschwerlich, und „Knock, Turn“ setzt aus verzerrten Xylophon Sounds eine geloopte Basismelodie zusammen, auf der mit Sounds und Effekten gespielt wird – bei Kelpe ist immer was los.

Das schöne daran ist, dass es in diesen kunstvoll zusammengestellten Klangräumen immer etwas zu entdecken gibt. Kleine Geräusche oder Melodieansätze, feine Harmoniewechsel, ein paar eingestreute Sounds – auch das trägt viel zum Liebreiz des Albums bei. Allenfalls hätte Kelpe hier und da ein wenig kondensieren können – kurze Zwischenspiele wie „Care Of Presto Mini“ oder die erwähnten Girlie-Zitate tragen zumindest nicht zu konzeptioneller Klarheit bei.

Das (mehr oder weniger) Titelstück „There’s A Sea In Your Body“ wagt viel schräge Sounds und Harmonien, lässt den Beat schwer elektronisch schwappen – fast hat man das Gefühl, dass all das Wasser in unserem Körper sich vereinigt hat und als blubbernde Blase im Inneren für seltsame Geräusche sorgt. „Sylvania“ führt das Spiel mit fordernden Beats und schrägen Harmonien noch mal etwas konzentrierter fort und „Petrified“ lässt uns mit leicht vereiertem Glockenspiel dann doch wieder an Boards of Canada denken, hier sogar inklusive melancholischer Grundstimmung. Ist aber okay, weil wirklich gut.

Doof, dass dann zum Abschluss noch einmal die Banalität übernimmt – eine 50jährige erzählt davon, wie sie sich fühlt, in ihrem Leben, und dass sie jetzt zu malen angefangen hätte. Manchmal fühle sie sich ein wenig isoliert, sagt sie. Vor allem wenn es regnet. Aaaah ja… können wir da nur sagen. Und bestätigen, dass die Frau wie ihre anderen Geschlechtsgenossinnen recht isoliert lebt auf dieser Platte, die ansonsten wirklich viel Qualität hat. Muss ja nicht immer Boards of Canada sein. Kelpe kann’s auch.

KELPE – SEA INSIDE BODY – D. C. RECORDINGS – DC 53 LP – 7/10

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DER Klaus?

Lars Vegas nennt sich einer der beiden DJs/Produzenten, die unter dem Namen Karma ab Mitte der 90er im absichtlich eher wenig definierten Bereich aus Drum & Bass, Downbeat, Breakbeat und anderen verwandten Musikstilen ein recht kreatives Leben führte. Jener Lars Vegas, der als einer der Gründer des Groove Attack Ladens und Labels in Köln quasi deutsche Musikgeschichte geschrieben hat. Gemeinsam mit seinem Kumpel Tom gründete er damals das Groove Attack Sublabel Spectrum Works, extra für deren Projekt Karma.

Zentraler Bestandteil ihrer Veröffentlichungen war eine neunteilige 12″ Serie, die auch einfach nur durchnummeriert wurde. Dies hier ist dementsprechend der Abschluss dieser Serie, in der sie neben „Modifications Pt. 1“ auch einen Remix von „Let’s Go Thrillseeking“ veröffentlichten. Interessant dabei ist der Remixer: Elektronik-Legende Klaus Schulze.

Für alle, die nicht so ganz etwas mit diesem Namen anzufangen wissen: Schulze ist einer der Urväter des Synthesizers und war Ende der 60er zwei Jahre lang der Keyboarder von Tangerine Dream. Er hat schon sehr früh angefangen, mit einem Big Moog zu arbeiten, einem der größten Moog Synthesizer, die es je gab. Bekannt sind vor allem seine Alben mit Pete Namlook – die elf Alben der Reihe „The Dark Side Of The Moog“.

Aber erst einmal zu Karma und ihren „Modifications“. Die knappen 10 Minuten dieses Stücks werden von deutlich auf Jazz getrimmten Rhythmen geprägt – die Drums spärlich auf Becken und Snare begrenzt, der Bass auf wenige knappe Noten reduziert. Dazu ausgiebige Soloarbeit an der Querflöte. Stilistisch irgendwo zwischen Cinematic Orchestra und Kruder & Dorfmeisters „G-Stoned“ EP angesiedelt, legen die beiden noch wechselnde Synth Flächen dahinter und garnieren mit Rhodes Akkorden, während der Bass sich im Laufe des Stücks beim gleichen Thema mit gezupften Streichern abwechselt. Downbeat auf der Höhe der Zeit, klare Sache – mit einem ausgedehnten Break, in dem die Synth Flächen allein von Sprachsamples und einem Chor begleitet werden. Und dann kommt sie doch noch, die Bassdrum im mittleren Tempo – so nach geschätzten sechseinhalb Minuten. Kann man so machen – und hört sich auch heute nicht unbedingt verkehrt an.

Schulzes Remix von „Let’s Go Thrillseeking“ ist ebenfalls eine extrem entspannte Angelegenheit. Dicker Samt weichster Synth Strings legt die Basis für wirklich ungeheuer nostalgisch anmutende Synthesizer Sounds, dicke Chöre, begleitet von fein dosierten Drums aus der Box. Das kommt schon mal ziemlich sakral rüber, vor allem durch die Chöre, deren Themen einen immer mal wieder kurz befürchten lassen, dass sie gleich noch dominanter werden und Herr Cretu um die Ecke biegt. Aber nein, wir sind ja beim Herrn Schulze, der tut so etwas nicht. Lieber lässt er seine Lieblings-Synthesizer-Stimme ein paar kleine Soli spielen.

Interessant, wie hier 2001er Downbeat mit Elementen früher Synthesizer Musik gekreuzt wird – so viel Raum hätte ein Produzent Anfang des 21. Jahrhunderts nicht in die Bar gelassen. Da war man lieber „tight“ unterwegs. Man kann ein wenig meckern, dass Schulze über den gesamten Zeitraum der acht Minuten und sechs Sekunden ein klein wenig mehr Abwechslung hätte schaffen können – aber vermutlich würde er über solch eine Bemerkung nur die Nase rümpfen. Also schimpfen wir nicht. So oft hat Schulze nicht am Remix Pult gesessen, da sind wir schon froh, dass er hier überaupt einmal ein Statement abgibt.

Keine wirklich essentielle 12″, aber eine durchaus bemerkenswerte Kooperation und ein spannendes Zeitdokument – in doppelter Hinsicht.

KARMA – 9 / LIMITED MODIFICATIONS 12″ – SPECTRUM WORKS – SPEWO14 – 5,5/10

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Wenn der Josh mit dem Bono eine Runde dreht

Viel weiter an den Anfang dessen, was man damals anfing, Trip Hop zu nennen, kann man eigentlich gar nicht gehen. Vielleicht noch eine 12″ weiter, zur ersten 12″ von DJ Shadow auf Mo’Wax, „In/Flux“. Zu der Zeit, so geht die Mär, habe Josh Davis alias DJ Shadow auf einer Nachricht auf dem Anrufbeantworter von Mo’Wax Labelchef Lavelle gesagt, dass seine neuen Tracks nicht wirklich Hip Hop seien, weil sie viel mehr wie ein Trip daher kämen, nicht wie eine Geschichte, also eher Trip Hop wären.

Ob das so stimmt, ist natürlich unklar, dass „In/Flux“ allgemein als Startpunkt des TripHop und Shadow als dessen Erfinder gilt, ist so gut wie unbestritten. Die Liste der Samples, die allein schon für dieses Stück verwendet wurden, geht kaum auf eine DIN-A-4 Seite und ist stilistisch so unendlich viel breiter und bunter als das, was sonst im Hip Hop gesampelt wurde, und so viel raffinierter zusammengestellt, dass man schon deswegen nicht von Hip Hop reden darf. Tatsächlich besteht ja die primäre Kunst von Josh Davis darin, dass seine Stücke rein aus Samples bestehen.

Bei „Lost And Found“ ist die Liste nicht wirklich kürzer, aber ein fundamentaler Unterschied besteht doch – nämlich in der Herkunft und Vewendung des Drum Samples. Statt hier auf feine und wenig bekannte Drum Loops aus dem endlosen Jazz Archiv zu setzen, griff sich DJ Shadow hier eines der markantesten und gleichzeitig ungeeignetsten Drum Tracks überhaupt – dem vom Anfang von „Sunday Bloody Sunday“ von U2.

Klar – so wie er auf dem Original gespielt wurde, war er so rein gar nicht für ein Trip Hop Stück geeignet – zu sehr Rock, zu wenig Groove, zu gerade, und natürlich voll auf den wenig erbaulichen Inhalt des Stücks ausgerichtet. Also zerpflückte Shadow den Beat in Einzelteile, und schob so lange die Stücke hin und her, bis daraus auf einmal eine rollende, lässige Drum Loop entstand. Darauf legte er einfach einen Orgel- und Bass-Sample von Fleetwood Mac, und schon war die Basis geschaffen.

Man kann die Genialität dieses Streiches wirklich nur verstehen, wenn man sich einmal die Mühe gemacht hat, die Drum Loops miteinander zu vergleichen. Ja, klar, das ist ein Sample, aber nein, echt nicht, das ist nicht das gleiche Stück, das hat nicht den gleichen Charakter. Und auch der Fleetwood Mac Sample kommt in diesem Kontext völlig anders rüber als im Original.

Es braucht auch keine weitere Analyse der Samples. Das Stück hat schon nach den ersten Takten gewonnen. Gitarren im Hintergrund, kurze Gesangsschnipsel, ein paar Trompetensounds, die irgendwo aufgegriffen wurden – und fast zehn Minuten Zeit, diese wirklich neue Art, Hip Hop zu produzieren, auszukosten. Was DJ Shadow aus Drum Samples alles schneidern konnte, war über viele Jahre unerreicht. Das zeige sich nicht nur auf dem folgenden Album „Endtroducing“, sondern auch auf der Kollaboration mit James Lavelle alias UNKLE, auf „Psyence Fiction“.

Tatsächlich ist wohl „In/Flux“ eher noch eine Bauanleitung für viele Trip Hop Projekte gewesen als es „Lost And Found“ gewesen ist – dafür zeigt dieses Stück aber auch schon, wohin die Reise im Bezug auf „Endtroducing“ gehen würde – ein Album, das sich vom Trip Hop zwangsläufig entfernter positionierte, weil Trip Hop durch Bands wie Portishead in eine andere, mehr Band-basierte Richtung geführt wurde.

Das spannende an dieser 12″ ist, dass auf der zweiten Seite ein weiteres Frühwerk des Trip Hop zu finden ist – „Kemuri“ von DJ Krush. Auch hier basierend auf einem ruhigen, trockenen Hip Hop Beat, mit super tiefer Bassline, stark verfremdeten DJ Edits und Bläsersounds – es ist eher die etwas düstere Stimmung, die hier die Assoziation Trip Hop aufkommen lässt, während die Strukturen noch tief im instrumentalen Hip Hop verankert sind.

Beide Stücke sind wie schon „In/Flux“ in ihrer neuen Art, Beats, Samples, Scratches und Spoken Word Elemente zu einem neuen Stil zu kombinieren, wegweisend gewesen – und sie zementierten den Ruf von Mo’Wax als Epizentrum für diesen neuen Stil. Ein Ruhm, der bis weit über die 90er hinaus aufrecht erhalten werden konnte. Oh, und auch das sollte nicht unerwähnt bleiben: Cover Art von Futura 2000, dem Urvater der Graffitti Kunst.

DJ SHADOW / DJ KRUSH – LOST AND FOUND (S.F.L.) / KEMURI 12″ – MO’WAX – MW024 – 9/10

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Auf ycoolen Abwegen

Eigentlich ist eigentlich ja ein echt ätzendes Wort. So etwas die die kürzeste Variante des sich mal so rein gar nicht festlegen wollens. Ausflucht, Ausrede, Ausweichmanöver. Aber manchmal braucht man so ein eigentlich wirklich. So ein ganz dickes fettes sogar. Wie bei dem Ding hier. Denn EIGENTLICH hat Jiri.Ceiver – sein bürgerlicher Name ist Arno Paul Jiri Kraehahn – Mitte der 90er ziemlich derbe Techno Sachen gemacht. Harthouse Style eben. Ich persönlich fand das Label ja bei aller Würdigung der Pionierarbeit teilweise echt schwer zugänglich, um es mal nett zu formulieren. Aber man muss anerkennen, dass sie stilistisch durchaus viel Offenheit gezeigt haben und dabei manchmal echte Perlen hervorbrachten.

„Ycool“ zum Beispiel. Ich weiß nicht, wie viel Airtime Harthouse so auf Viva hatte in dieser Zeit – aber dieses Stück war da zu sehen, wie man leicht auf Youtube herausfinden kann. Und wenn man nicht genau wüsste, dass das genau dieser Jiri.Ceiver ist, und das tatsächlich auf Harthouse raus gekommen war, dann würde man sich die Augen reiben und denken, dass irgend ein Vollidiot die Tapes verwechselt hat, oder zumindest kräftig bei der Geschwindigkeit daneben gelangt hat.

Denn die Originalversion „Ycool – Jiri. vs. Jinks“ ist so gar nicht schnell, so gar nicht Techno, so rein gar nicht elektronisch, sondern eigentlich ein schwer schleppender dreckiger Blues. Zumindest ist das eine Beschreibung, die dem, was man da hört, am nächsten kommt. Ein bis in die langsamste Zeitlupe runtergedrehter und zementschwer schleppender Drum Beat, eine arschcoole Bassline und ein paar clever rein editierte Bluesgitarren, angereichert mit Sprachsamples, die den bekifften Gesamteindruck noch mal verstärken – man muss sich ernsthaft fragen, was man alles anstellen muss, um mit so einem dreckigen Bastard Blues daher zu kommen.

Vermutlich wäre mir dieses Stück nie aufgefallen, wenn nicht die großen Downbeattrüffelschweine von Boozoo Bajou das Ding auf ihren „Juke Joint“ Sampler geholt hätten. In einer ohnehin schon großartigen Auswahl war das die mit Abstand feinste Empfehlung. Und mit ein bisschen Glück fand ich die 10″ dann auch noch auf Ebay. Die Freude war groß.

Eigentlich (ja klar, jetzt wo ich nen Grund hab, hol ich gleich die Zehnerpackung eigentlich raus) hat so eine 10″ zwei Seiten. Aber eigentlich hätte hier auch eine gereicht. Seite zwei bietet zum gleichen Stück noch Russ Gabriel’s 12 Bar Desert Mix. Nur – nach so einer ultrafetten Portion Coolness auf Seite 1 hat der gute Russ nicht wirklich eine Chance. Sein Versuch, das Ganze ins Gegenteil zu verkehren und den Beat als Drum&Bass Version zu verdoppeln, ist sicher nicht dumm, und die edlen Rhodes Akkorde sind auch nicht verkehrt, aber klar, viel mehr als registrieren wird man die zweite Seite nicht.

Ist auch egal. Way fucking cool, die Nummer. Also das Original. Seite 1. Und nicht den Fehler machen und dem Aufdruck auf dem Label Glauben schenken. Bei Harthouse hat man wohl gedacht, das ist ne langsame Nummer, die läuft auf 33. Aber so langsam ist sie nun auch wieder nicht. Das Ding läuft auf 45. Und wie.

JIR.CEIVER – YCOOL 10″ – HARTHOUSE – 28186.0015.0 – 7/10

Ada – Blondie

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Frau Dippel und die Abteilung Melodie

Es gibt viele Gründe, warum man so rund um 2005 das Areal Label gern hatte. Irgendwie fügten sie dem Kölner Labelleben eine weitere intellektuell-spielerische Komponente hinzu, ließen sie mehr Spielerei zu, mehr Schwelgen, mehr Emotion und Melodie. So ein wenig war das auch nötig. Vieles in der Minimal Szene war ein wenig zu ernst, ein bisschen zu sektiererisch. Sicher auch ein wenig zu männlich, so gesehen, auch wenn es sicher ein paar Vorzeigefrauen im Techno gab, aber kaum eine, die dem Ganzen eine wirklich dezidiert weibliche Note gab.

Aber auch da gab es bei Areal die ideale Antwort – Michaela Dippel alias Ada. Von Anfang an war das, was sie für Areal produzierte, ein wenig verträumter, freundlicher und charmanter als alles andere. Gut, vielleicht ist es auch ein klein wenig so, dass sie einfach nur ein wenig mehr den männlichen Vorstellungen dessen entspricht, was wir als weiblich empfinden. Trotzdem – schon ihre erste 12″ „Blindhouse“ war einfach viel zu gut, als dass man da von einem machismogetriebenen Mädelvorsprung hätte reden können.

Und auch das erste Album hat eine Fülle richtig schöner Vorzüge, von denen viele auch mit dem Label der Weiblichkeit gar nichts zu tun haben. Vieles hat einfach nur damit zu tun, dass Ada eine recht eigene Art hat, ihre Stücke aufzubauen, und dass sie nicht direkt auf Charme und Betörung setzt, sondern häufig das, was ihre Stücke so besonders macht, erst nach vier oder fünf Minuten präsentiert. Ada ist nicht so eine, die gleich die Kerle umkippen lässt, wenn sie in den Raum kommt, sondern erst im Laufe des Abends die intelligenteren unter den Jungs zu späten, aber um so überzeugteren Anhängern macht. Mühelos sogar.

„Eve“ ist ein prima Beispiel dafür. Netter knarzender Synth, schöne warme Bassdrum,  ein nettes kleines Keyboardspiel und die effektverschleierte Ada, die uns sagt, wir mögen unsere Augen schließen und die Lippen anfeuchten. Wer will da bitte widersprechen? Vor allem wenn es so insistierend wiederholt wird. So wippen wir erwartungsfroh mit, freuen uns über feine Rhythmusarbeit und schöne Keyboard Akkorde, und denken, was für eine nette die Frau Dippel ist. Und dann kommt die völlig unerwartete Erlösung, in Form eines richtig knalligen Synthgitarrenriffs, das aus dem netten Groover noch eine richtig dicke Tanznummer macht. Nix küssen. Dancefloor.

Und wenn wir schon mal auf der Tanzfläche sind, dann bleiben wir auch gleich da, bei „Cool My Fire (I’m Burning)“. Ein Stück, das anfangs ein bisschen Deep House in sich trägt, nur mit deutlich mehr Hihat Schub, das dann Stück für Stück angereichert wird, bis man nicht mehr weiß, ob das House, Electro, Minimal oder Techhouse ist, oder eben alles zusammen. Auch das kann Ada prima. Einfach alles zusammenwerfen und richtig gute elektronische Musik machen, die keiner stilistischen Einordnung bedarf.

Auf Seite zwei werden wir gleich wieder verzaubert. „The Red Shoes“ fängt mit einem recht unspektakulären Beat an, schiebt einen verfremdeten Tiersound auf den Takt und legt eine fast schon nervend verzerrte Synth Minimalmelodie dazu – und kurz bevor es zu nervig wird, kommt diese unglaublich feine und herrlich breit angelegte Keyboard Melodie, die dich einfach sofort für sich gewinnt. Das ist unverschämt einfach, irrsinnig charmant, Lächeln unumgänglich. Zwischendurch wird mit ein paar Gesangssamples gespielt – aber letzten Endes will man immer wieder diese hübsche kleine Melodie hören und sich freuen. Das ist eigentlich feinste Popmusik, nur ohne peinliche Texte.

Im Anschluss ist „Livedriver“ schon ein wenig bissiger. Knarzend und bullernd der Bass, treibende Synth Loop, 909er Style Claps, man merkt, dass Frau Dippel auch anders kann, wenn ihr danach ist. Vor allem – sie kann singen, und sie weiß wie sie das idealerweise zu solchen Beats zu machen hat. Die vollen Synth Bells passen auch prima dazu – das ist vielleicht nicht gerade der Höhepunkt des Albums, aber hübsch effektiv.

Es ist schon interessant, wie Ada manchmal wirklich alles versucht, um nicht gleich geliebt zu werden. „Our Love Never Dies“ beginnt beispielsweise gar nicht so richtig liebevoll, sondern echt knarzig und fast abweisend. Das blubbert und rotiert tiefelektronisch, bis man denkt, da bewegt sich gleich gar nichts mehr, dann ein wirklich ohrfeigenmäßig klatschender und batschender Beat und ein paar deutlich neben den Rhythmus gelegte elektronische Warnmeldungen und Acid tropfende Zwischenbemerkungen. Minutenlang kämpft man sich hier durch die Beziehung zur Frau Dippel und fragt sich, ob das gut enden kann.

Immer wieder wird der Beat neu aufgenommen, wieder ausgedünnt, neu angeschoben. Dann öffnet sich das Stück ein wenig, mit ein bisschen Keyboard im Hallraum – eine von Adas Minimal-Melodien lässt hoffen, während es weiter fiept und farzt. Tatsächlich ist diese kleine Vier-Ton-Melodie mit ein paar unschuldigen Akkorden das, was die Liebe leben lässt – man kann sich tatsächlich vorstellen, dass Ada immer so weiter machen könnte, und es irgendwann richtig lieblich werden würde. Sie macht es der Liebe nicht leicht, die Ada. Aber darum verfliegt sie auch nicht so schnell.

Sie kann es sich eh leisten. Denn „Each And Everyone (Blindhouse)“ – eine überarbeitete Version ihres feinen Hits – lässt in Sachen Charme so rein gar nichts aus. Schöne Akkorde, ein sanfter House-Beat und ein paar fast kindliche Keyboard-Töne bieten einen perfekten Hintergrund für die schwärmerische Ada-Variante des Everything But The Girl Stücks. Wie anstrengend auch immer „Our Love Never Dies“ die Schwierigkeiten, die selbst die unendlichste Liebe mit sich bringt, hat klingen lassen mögen – „Blindhouse“ entschädigt mit ebenso endloser Harmonie.

Für „Les Danseuses“ holt Ada wieder ihren bassschweren eins-zwei-Rhythmus hervor, um ihn mit richtig dicken Synth Waves und leicht angedubten Akkorden zu garnieren – fast schon ein bisschen Retro. Eine Option für die frühen Morgenstunden, die aber angesichts der Perlen, die dieses Album sonst zu bieten hat, fast ein wenig untergeht.

Da bleibt uns das abschließende „Maps“ schon eher in Erinnerung. Auch dies ist ein Cover – das Original stammt von den Yeah Yeah Yeahs. Anfangs völlig ohne Drums, nur mit der warmherzigen Stimme Adas über breiten Synthakkorden und einem ebenso vollen Bassthema gibt sie dem Stück eine ganz ganz große Umarmung, die dann mit einem weiteren ihrer feinen Drumbeats an uns alle weitergereicht wird. Viel schwärmerischer und optimistischer kann man dieses ohnehin sehr von unbeeinflussbarer Positivität durchzogene Album gar nicht beenden.

Innerhalb der recht eng gesetzten Regeln des deutschen Minimal- und Techhouse Betriebs ist es nicht leicht, eine ganz eigene Sprache zu entwickeln, einen Sound zu kreieren, der eine klare Erkennbarkeit, eigentlich sogar so etwas wie eine Marke zu erschaffen. Mit ihrem Ada Projekt hat Michaela Dippel das geschafft wie kaum jemand sonst, und „Blondie“ ist der unwiderstehliche Beweis.

ADA – BLONDIE – AREAL – AREAL026 – 8/10

 

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Seit ich von Aliens entführt wurde, höre ich ganz andere Musik

Ufologen anwesend? Nein? Schade. Denn die könnten uns sicher jede Menge interessante Sachen über O. H. Krill erzählen. Und über die Krill Papers. Denn natürlich gibts sowohl den einen wie auch die anderen. Klar. Spätestens seit „Independence Day“ wissen wir ja alle, dass es Area 51 tatsächlich gibt. Der Alien, den man damals gefangen genommen hat, hieß O. H. Krill. Vielleicht hatte er nen Personalausweis dabei oder vielleicht sprach er ja auch wie alle im Weltall Amerikanisch. Jedenfalls hat man ihn damals endlos verhört und ihn gezwungen, alles zu sagen, was er so weiß, und das steht alles in den Krill Papers. Wahnsinn, für was Aliens alles verantwortlich gewesen sind auf der Erde.

Die reine Wahrheit ist natürlich auch, dass  O. H. Krill himself Teil der gleichnamigen Band ist, um die es heute geht. Kann sein, dass ein gewisser Max Brennan (Fretless AZM, Universal Being) hier den Bandleader mimt, aber in Wirklichkeit wird alles vom obersten Alien himself gesteuert. Wer glaubt schon, dass dieser Brennan neun verschiedene Instrumente bedient. Geht doch gar nicht. Jede Wette, dass die anderen vier Musiker nie wirklich im Studio waren. Alles ein riesen Cover-Up.

Klar, dass ein stilsicherer Alien wie Krill nicht irgend ein banales Pop Geträller entstehen lässt. Er ist uns ja technisch um Lichtjahre voraus, da kommt dann natürlich ein völlig abgefahrener Fusion Style bei raus. Vermutlich wird davon auch sein UFO angetrieben. Jede Wette. Vor allem, weil das auch nicht dieser billige NuJazz Treibstoff ist, der hier auf der Erde so penetrant die Gehörgänge verklebt.

Wer genau hinschaut, sieht auch die vielen teilweise geheimen Botschaften, die O. H. Krill in den Titeln der einzelnen Stücke versteckt hat. Gleich zu Anfang ist es noch recht deutlich. Kann sich ja jeder denken, warum ein Alien einen Titel „Reaching Up“ nennt. Das ist ein klares Bekenntnis, sieht ja jeder. Der Rhythmus mag für uns Erdenmenschen etwas holprig klingen, aber Insider wissen, das ist der beliebteste Rhythmus auf Krills Planeten. Die Trompete klingt für uns auch etwas schräg, im Gegensatz zu den E-Piano-Sounds. Leicht hat er es nicht hier auf der Erde, der Herr Krill. Er schaut hoch in die Sterne, auch Aliens haben Heimweh, frag nur mal ET. An Tagen wie diesen setzt er sich als fünf Musiker hin und jamt sich durch spannend melancholische Fusion Jazz Musik.

Beim zweiten Titel muss man schon etwas recherchieren, in den Krill Papers. „Fet Stoggies“ ist ein Mischmasch aus Alien- und Menschensprache und heißt so viel wie „fette Bässe“. Kann man sich aber auch denken, so wie er den Brennan hier auf dem Bass arbeiten lässt. Dazu passen die Saxophonsoli, die Krill James Nye spielen lässt, hervorragend – fast fühlt man sich in so genannte Jazz-Rock Zeiten zurückversetzt. Zeit-Raum-Kontinuum und so.

Beim dritten Titel erlaubt sich der Alien – auch die haben Humor – einen kleinen Scherz. Natürlich ist mit „Broccoli Head“ Wernher von Braun gemeint, einer der Gründer der NASA , der Krill immer „Kohlkopf“ genannt hat. Weiß auch nicht jeder. Aber zum Glück kommt da keine Space-Marschmusik bei raus, eher lässt Krill den Beat ein wenig lateinamerikanisch hüpfen, gibt Brennan einen Kontrabass samt anspruchsvoller Bassline, und spendiert Vibes wie frisch vom Korallenstrand auf Alpha Centauri.

„Seven Up Swing“ erklärt sich leicht so, dass der Metabolismus von Aliens grundlegend anders ist als bei uns, und manche Nahrungsmittel entsprechend anders wirken. Für O. H. Krill ist eine Dose 7up in etwa das gleiche wie für uns eine richtig satte Portion Speed, so von der Wirkung her. Bei diesem Stück gibt es auch entsprechend Tempo, und ein tatsächlich irrsinnig swingendes Zusammenspiel von Drums, Gitarre und Bläsern, die einen wirklich spektakulären Rhythmus bauen, auf dem es sich geradezu kosmisch improvisieren lässt. Da zeigt Krill, wie weit man auf seinem Planeten uns kompositorisch voraus ist. Ganz andere Technik.

Und wenn der Alien mal seine 7up drin hat, setzt er sich gern mal in sein UFO und dreht eine Runde. Wer sollte ihn auch anhalten, gell? Dabei hört er so rasante Percussion-getriebene Jazz Groover wie „Riding High“, das neben der Geschwindigkeit auch ein wenig die Einsamkeit im Weltraum thematisiert. Zwischendurch halbiert er gekonnt das Tempo, so wie er bei solchen Ausflügen auch gern mal mitten im Flug den Antrieb ausschaltet und einfach nur gleitet. Aber dann wird wieder aufs Gaspedal gedrückt (verrückt, das hat er tatsächlich in seinem UFO, sagt er), und man hört Asteroiden vorbeifliegen, wie Trompeten hören sie sich an.

„Visions Of The Divine“ ist weniger eine Beschreibung eigener Glaubenswelten, weil Aliens so etwas nicht haben, sondern ein Versuch, das, was er von den Menschen über Gott und so Sachen gelernt hat, in einem Stück Musik auszudrücken. Kein Wunder, dass da eine Sitar zu hören ist, und auch nicht weiter überraschend, dass die Grundstimmung eher verhalten ist, das Tempo reduziert. Da steckt viel Nachdenken drin, wie auch die Keyboards ausdrücken, und vor allem die etwas zweifelnde Trompete andeutet. Also weniger eine Darstellung des Göttlichen, sondern ein Versuch, unsere Haltung zu dem Thema hörbar zu machen.

Dann wird es etwas funky, mit Wah Wah Gitarren und entsprechenden Drumbeats – „Yesterday’s Hero“ wird gefeiert. Geheimen Unterlagen zufolge ist hier Klaatu gemeint, ein entfernter Vorfahre Krills, der im Film „Der Tag, an dem die Erde still stand“ einen großen Auftritt hatte. Ihm widmet er aber nur ein kurzes Stück Jazz Funk – er hielt nicht viel von ihm.

Dafür hält er sich um so länger beim „Back Room Shuffle“ auf, ein Synonym für eine berühmte Verhandlungsrunde bei den Beratungen zur Vereinigung mehrerer Sonnensysteme in 4288 Jahren. Bass und Schlagzeug deuten hier geheime, emsige Verhandlungen an, während das Saxophon die Schwierigkeiten und Langwierigkeiten der Diskussionen thematisiert. Eine galaktische Abordnung nach der anderen wird in teils klagenden, teils virtuosen Soli vorgestellt – man kann sich das komplizierte Ringen um eine Einigung bildhaft vorstellen, so eindringlich sind die Exkursionen des Solisten. Schließlich kommt doch noch deutlich Bewegung in die Sache und die Debatte gewinnt an Intensität. Wortgefechte, Ringen um Dominanz im Diskurs, deutlich intensivere Beiträge aus den hinteren Reihen, von Bass und Schlagwerk – doch dann ebbt die Aufregung wieder ab, die Verträge werden aufgesetzt. Krill kann weiterreisen. Richtung Vergangenheit, Richtung Erde.

Es ist anzunehmen, dass dieses Album nicht eben jedem große Freude bringt – es ist speziell, anspruchsvoll, eigenwillig. Aber es gehört zum Besten, was je auf DC Recordings veröffentlicht wurde, und da gab es auch sonst viel Gutes. Vor allem: Jetzt wissen wir – der Alien in Area 51 ist ein Space Fusion Jazz Musiker erster Güte.

O. H. KRILL – THE KRILL PAPERS – DC RECORDINGS – DC34LP – 7/10

mirwais

Das ist doch der, der da der Madonna das Album gemacht hat, oder?

Mirwais. Erinnert sich noch jemand an ihn? Nicht wirklich, oder? Das kommt davon, wenn man der Gottesanbeterin eine Produktion auf den Leib schneidert. Madonna. Sie ließ sich von Mirwais einen großen Teil ihres „Music“ Albums produzieren, darunter auch das Titelstück. Riesen Erfolg natürlich. Danach hat man die klassische Marketingschablone aufgesetzt, Mirwais schwer in den Himmel gelobt, und sein Album angekündigt wie die Verheißung schlechthin.

Und was kam dabei raus? Nichts. Das Album kam, das Album ging, und mit ihm im Prinzip auch Mirwais. Einmal kurz für die große Madonna aufgeheizt, ein paar Euros gemacht, dankeschön. Vermutlich war das Album nicht mal wirklich ein Flop, finanziell – so dermaßen, wie da die Werbetrommel gerührt wurde, haben sicher reichlich Leute zugegriffen und sich schon bald gefragt, warum denn eigentlich.

Lausige Taktik seitens der Plattenfirma. Denn der Hauptgrund, warum diese Platte nicht wirklich überzeugend rüber kommt, liegt in den monströsen Lorbeeren, mit denen sie auf den Weg geschickt wurde. Mirwais ist der Produzent von Madonna, das neue Produzenten-Mastermind, Zauberer, Heilsbringer, und bevor überhaupt auch nur ein halber Hit auf dem Weg ist, gibt es auf der Hülle nen Kleber, welche Chartbomben auf diesem Album zu finden sind.

Es wäre auch interessant gewesen, sich einmal erklären zu lassen, wer auf den taktisch wahnsinnig hirnlosen Trip gekommen ist, dieses Album „Production“ zu nennen. Das war doch ganz genau das, was dieses Album eben NICHT beweisen sollte – dass Mirwaïs Ahmadzaï eben nicht nur der Knöpfleindreher für andere ist, sondern eben selbst ein talentierter Künstler. Und dann werden ihm auch noch so doll terminatormäßige Kabel ins Gesicht retouchiert, als wäre Kreativität auch nicht seine Stärke, sondern eher der Umgang mit Sequencern und dergleichen.

Viel schlechter vorbereitet hätte man das Album gar nicht veröffentlichen können. Dabei ist es gar nicht mal schlecht. Ist ja auch nicht so überraschend, denn Madonna holt sich einen wie den ja nicht ins Studio, ohne dass er ein Talent hätte, von dem ihre Manager und Trendscouts genau wissen, dass es das nächste dicke Ding für die Chefin liefert. Und dass man in Paris richtig guten Electropop baut, ist ja auch hinlänglich bekannt.

„Disco Science“ beispielsweise ist durchaus ansprechender Midtempo Electropop mit ordentlich sägenden Sirenen, viel Effekt, dezenten Hintergrundvocals und einem Klassiker unter den Samples, „Cannonball“ von den Breeders. Gut gemacht, konsequent produziert – und doch: Nach „Music“ denkt man irgendwie, gleich kommt noch Madonna um die Ecke. Oder sonst wer berühmtes.

Passenderweise fängt „Naive Song“ mit einem hübsch naiven Synth Bass an und kommt dann mit leicht verhackstückten Gitarrensamples rüber. Auch die Texte sind konsequent naiv, erzählen von happy girl, happy boy, happy world und happy life. Alles total happy – ulkigerweise denke ich da prompt an Andreas Dorau, der derartig naive Wortkreationen so verabreicht, dass man drüber lächeln kann. Hier soll es irgendwie fashionable sein oder so. Nette Konserve, die trotzdem nur sehr begrenzte Haltbarkeit hat.

Für „V.I. (The Last Words She Said Before Leaving)“ nimmt sich Mirwais ein Stück von Serge Gainsbourg vor – schleichend, leicht unheilvoll, gespenstisch. Geflüsterte Texte, minimales Arrangement, leichte Synth Streicher. Irgendwie hätte man sich dieses Experiment eher von Kid Loco gewünscht, der dem Geist dieses Stückes wohl eher gerecht geworden wäre als Mirwais, bei dem es letztlich eher zu einer dekorativen Übung wird, inklusive dicker Drums und knarzender Synths im zweiten Teil des Stücks. Aber wir wollen fair bleiben – die Idee ist nicht schlecht.

Beim einen oder anderen Stück lohnt sich auch mal der Blick in die Videos. Zum Beispiel das von „I Can’t Wait“, entstanden unter der Regie von Stephane Sednaoui. Artifizielle Räume, hagere Figuren, ausdruckslose Gesichter, Mirwais mit seiner vom Cover her schon bekannten Verkabelung, Überblendungen mit dürren Models, theatralisches Sich-selbst-lieben in lasziven Tänzen, vage Andeutungen gespaltener Persönlichkeiten und homoerotischer oder selbsterotischer Begierden – das kann man eventuell unter produktionstechnischen Aspekten interessant finden, inhaltlich bietet es keine Verbindung zum Titel.

Dabei ist auch dies ein durchaus gutes Stück Electropop, das allenfalls darunter leidet, dass es außer einem geflüsterten „I Can’t Wait“ keine großen Botschaften bietet. Die hätte man sich schenken können, das wäre konsequenter gewesen. Wie überhaupt Mirwais‘ Versuche, sich als „kompletter“ Künstler zu präsentieren, großenteils dadurch in Frage gestellt werden, dass er eben nicht als Vokalist ernst genommen werden kann.

Bei „Junkie’s Prayer“ kriege ich dann aber doch einen Anflug von Ärgerlichkeit. Wir wollen Sex, wir wollen Drogen, wir machen böses, machen fieses, mit verzerrtem Gesang und etwas dürftiger Hip-Hop-Attitüde. Platte Texte, wenig inspiriert vorgetragen – es funktioniert einfach nicht, wenn man ultrasimple Texte in schlechtem Englisch vorträgt. Es wirkt immer so als würde uns jemand ganz bestürzt mitteilen, dass es echt viel Krieg gibt auf der Welt. Ach. Echt? Dürftig, weil flach und ohne jede weiterführende Botschaft (die man ja wohl erwarten darf, wenn jemand die Laster und das Übel der Welt auflistet).

Dann kommt mal bissl Tempo ins Spiel. „Definitive Beat“ schiebt mal die Breakbeats an, durchaus interessant editiert und mit angescratchten Samples garniert. Daraus hätte man sicher eine ziemlich feist treibende Nummer machen können, wenn man dann so konsequent gewesen wäre, noch mehr Druck drauf zu legen, anstatt sich in Stereoeffekten zu üben und ein paar akustische Bomben zu zünden. Da ist der Arsch in der Hose ein wenig zu flach geblieben.

Auch das ist ein immer schon gern verwendeter und wahnsinnig leicht zu durchschauender Deal: Hier, Mirwais, komm, produzier mir mal meine neue Platte, wir machen das dann so, wenn die fertig ist und das Ding hübsch abgeht, dann hauen wir einen von den Titeln auch auf dein Solo-Album. Na? Was meinste? Und so landet dann „Paradise (Not For Me)“ auch auf „Production“.

Fatal. Denn es passiert genau das, was man befürchten musste – es wird einem sehr deutlich gezeigt, dass Mirwais eben ein guter Produzent ist, der einer wie der Madonna was hitverdächtiges zurechtbasteln kann. Und eben nicht ein Künstler ähnlichen Formats. Wo auf dem Rest des Albums viel versucht wird, wird hier auf hohem Niveau erzählt und mit viel Gefühl etwas erschaffen, das letzten Endes sogar aus Madonna mehr raus holt als das üblicherweise möglich ist. Der Effekt für dieses Album ist trotzdem verheerend – es zeigt deutlich die Limitationen des Producers auf. Madonna kann es mit jedem – Mirwais nicht ohne andere.

„Involution“ zeigt das gleich im Anschluss. Ja, das ist ein hochwertig produziertes, atmosphärisch dichtes Stück elektronischer Musik, hier mit ein paar Dub Effekten angereichert, ein Stück zum Lauschen und Pfeifchen rauchen vielleicht – aber weit von der Spannung entfernt, die „Paradise“ so besonders macht. Auch „Never Young Again“ schafft es nicht, mehr als interessante und hochwertige Produzentenarbeit zu präsentieren, und so läuft das Album mehr oder weniger ins Leere.

Gut, da hängt am Ende der Vinylversion noch der Giorgio Moroder Remix von „Disco Science“ dran – aber ehrlich gesagt holt er aus dem Stück auch nur eine andere Variante heraus, und keine neue Interpretation. Er kann einem ein bisschen leid tun, der Mirwais. Von Madonna in den Himmel geschossen, mit dem Soloalbum wieder hart auf der Erde gelandet. Von den monströsen Vorschusslorbeeren seiner Plattenfirma im Handumdrehen verbrannt. Im Plattenregal irgendwie nur anwesend, nicht viel mehr.

MIRWAIS – PRODUCTION – NAIVE/EPIC – 498213 1 – 4/10

schoollysatnight

Ungehobelt

Das ist ja immer so eine heikle Geschichte, das mit dem „wer hat’s erfunden?“. Die Namen, die einem immer so eingetrichtert werden, die die Erfinder von irgend etwas gewesen sein sollen, waren meist nicht die tatsächlichen Erfinder, sondern eher nur die, die eine neue Erfindung kommerziell nutzbar gemacht haben. Und auch wenn diese Formel hier ein wenig weit ausgelegt scheint – sie passt auch prima auf das Thema Gangsta Rap.

Denn wenn man mal so die Baseballkappenfraktion fragt, wer denn wohl der erste Gangsta Rapper gewesen sein mag, dann heißt es ganz schnell „Ice T natürlich“. Aber da ist – und das muss man ihm hoch anrechnen – genau dieser Ice T deutlich anderer Meinung. Für ihn war es eindeutig Schoolly D. Den kennen zwar nur echte Insider, aber man muss sich nur sein „P.S.K. – What Does It Mean?“ anhören, und dann direkt im Anschluss den Anfang von „6 In The Morning“ von Ice T, dann ist alles klar. Aber wie gesagt, Ice T hat da keine Scheu, uns zu sagen, wo die Inspiration her kam.

Klar, man kann sich fragen, ob es nun so eine tolle Sache ist, der echte erste original Gangsta gewesen zu sein. Und man kann sich auch fragen, ob das tatsächlich auch die Intention war. Tatsächlich hat Jesse B. Weaver, Jr. alias Schoolly D nichts anderes gemacht als sein tägliches Leben zu beschreiben und es mit einer gehörigen Portion Macho-Allüren und Großmäuligkeit zu garnieren. Dabei kann man ihm sogar noch attestieren, dass er sich selbst und seine Abenteuer auch nicht so richtig ernst nimmt – zumindest nicht am Anfang seiner Karriere.

Damals war das Geschrei aber groß. Schoolly D wäre das schlechtestmögliche Vorbild für die Jugend, man müsse seine Platten aus den Läden verbannen, und so weiter und so weiter. All das, was später auf nationaler Ebene und mit großen Bürgerinitiativen (weitaus berechtigter) auf die dann ausufernde Gangsta Rap Szene los ging.

Heute hören wir uns Schoolly D auf dessen „Saturday Night“ Album an und müssen doch ein wenig schmunzeln. Tatsächlich ist das größtenteils wirklich recht harmlos, was da so getextet wird. Interessanter ist da schon viel eher die Art, wie hier produziert wird, wie gerapt wird, wie das Ganze präsentiert wird. Was natürlich deutlich auffällt, ist, noch lange bevor man den ersten Ton gehört hat, wie einfach die Mittel gewesen sein müssen, mit denen die ersten Alben aufgenommen und gestaltet worden. Schoolly D selbst übernimmt mit krudem und genau genommen konzeptlosem Graffitti-Gekritzel auf Pennäler-Niveau die Covergestaltung. Auf der Rückseite ebenso vom Rapper geschriebene Titel und ein simples Foto vom Schoolly mit seinem DJ. So ziemlich das Gegenteil von sophisticated. Aber das gehörte bei ihm einfach dazu.

Passt auch, denn vor allem für die ersten Veröffentlichen wie zum Beispiel das erwähnte „P.S.K.“ stand nur ein billiger kleiner Drumcomputer zur Verfügung, die Decks von DJ Code Money, und allenfalls noch ein billiges Gerät zum Sampeln. Wenn irgend jemand wirklich extrem LowFi unterwegs war, in der eh schon mit simpelsten Mitteln arbeitenden Welt des frühen Rap, dann war das Schoolly D. Dazu gehörte auch eine Art zu rappen, die sowas von dahingerotzt und schlampig war, dass man es schon wieder als Stilmittel bezeichnen musste.

Das war der Charme des Schoolly D. Total ungeschönt, total ungehobelt, ohne den leistesten Versuch, irgend etwas an dem, was er da tat, aufzupolieren, hübsch zu machen. In der Hinsicht war er auf jeden Fall ein Pionier, und die Tatsache, dass er damit als Folge zum ersten Gangsta Rapper wurde, hat tatsächlich mehr etwas damit zu tun, dass Gewalt, Verbrechen und Promiskuität einfach Teil des Alltags waren, und dass das wahre Problem in dem Moment entstand, als daraus nicht (wie bei Schoolly D) Prahlgeschichten wurden, sondern (wie später ständig) Gewalt bis zum Mord offen verherrlicht wurde.

Tatsächlich sind einige der Tracks auf dieser LP ziemlich simple Übungen darin, mit ein paar Beats aus der Box dem DJ Raum für hübsche Tricks zu geben, und eben Schoolly D seine Geschichten erzählen zu lassen. „We Get Ill“ zum Beispiel lässt wenig hören, das irgendwen groß aufregen könnte. Klar, 1986 war es keineswegs üblich, dass man einfach mal ein „motherfucker“ in die Texte einbaute, aber hey, kein Grund, den Untergang der Kultur des Abendlandes zu befürchten.

Auch „Do It Do It“ ist allenfalls ein bisschen typische Rapper-Macker-Pose, ich habs drauf und du bist ne Null, das kennt man ja. Oder eben ich tu es mit jeder, Hauptsache ordentlich Hintern, ich gebs dir besser als jeder andere, auch das nicht wirklich rasend neu und umstürzlerisch. Dazu der Drumloop, den wir später noch auf „I Know You Got Soul“ hören werden, und ein Haufen Zeug aus Cartoons und Kindersendungen. Tatsächlich ist es vor allem die ungeschönte, locker auf den Beat gelegte Art zu rappen, leicht nasal und mit so einer mir-doch-egal-was-du-denkst-Attitüde vorgetragen, die Schoolly D hier von anderen Rappern unterscheidet.

„Dedication To All B-Boys“ hat natürlich wieder einen mächtig simpel zusammengeschobenen Beat, über den immer mal wieder „Young Girls Are My Weakness“ von den Commodores gelegt wird. Hier wird der moralisch wachsame Bürger schon etwas hellhöriger. Denn hier wird schon mal davon geredet, dass man in der Nachbarschaft immer nen Joint in der Hand hält und ne Knarre dabei hat. Und wer sich in den Weg stellt, wird eben aus dem selben geräumt. Immerhin – es ist ihm da völlig wurscht, welchen Glauben oder welche Hautfarbe der beiseite geräumte hat. Stilistisch ist der Rhythmus seiner Raps hier wieder nah an dem von „P.S.K.“, was den Eindruck frühen Gangsta Raps noch einmal verstärkt.

Und dann gibt’s natürlich jede Menge Geld. „Get’n‘ Paid“ ist extrem wichtig, und natürlich kriegt keiner so viel Schotter wie Schoolly. Und komm nicht auf die Idee, mir die Gage nach dem Gig bezahlen zu wollen, weil ich da ja schon mit all den Bitches rummache, kapiert? Jede Menge Scratches, dicker Hall auf der Bassdrum, fertig ist das Teil. Bumm. Auf „B-Boy Rhyme And Riddle“ wird vor allem ein alter Funk, Inc. Sample verbraten, und zwar gleich mal locker ne halbe Minute lang. Dazu wieder ein paar deftigere Lyrics, inklusive der „Smoke somke kill“ Textzeile, aus der dann der Titel des nächsten Albums wird.

Tatsächlich hat sich bis hierher die Originalität und das Schock-Element in Grenzen gehalten. Im Grunde macht Schoolly D mehr oder weniger das gleiche wie seine Kollegen, nur etwas dreckiger, kruder, chaotischer. Unsaubere Edits, billig abgemischte Drumsounds, das direkt so vom Mikro genommene Rappen – in den Einzelteilen ist das tatsächlich schlampig und fast amateurhaft, als Ganzes dann aber eben doch mächtig mehr als die Summe der Teile.

Das sieht man dann vor allem am Titelstück. „Saturday Night“ war klar der Hit dieses Albums und ist locker zwei Klassen besser als alles andere auf diesem Album. Denn hier wird der ganze LowFi Trip noch mal so richtig schön konsequent ins Extrem getrieben. Fast schäbig daherklöppelnde Drums und Toms und Bells reihen sich zu einem erstaunlich lässig groovenden Beat, dazu gibt es den immer gern benutzten Wild Magnolias Sample aus „Soul Soul Soul“. Bis dahin noch nicht so berauschend, aber dann kommen Schoolly Ds natürlich absolut total wahren Heldengeschichten aus diversen Wochenendnächten. Jede Menge Drogen, ständig Sex natürlich, dann auch mal ein Fehlgriff, verdammt das ist ja ein Kerl, ha ha verrückt die Samstag Nacht, ich sag’s dir.

Schon ulkig, dass das so gut funktioniert. Aber weniger als die Inhalte überzeugt hier die Art, wie die Geschichten erzählt werden. Viel zu cool und durch und durch der nie aus der Ruhe zu bringende B-Boy, als dass man vor irgend etwas Respekt haben müsste. Man zieht sein Ding durch, macht was man will, Drogen, Frauen, Waffen, bei so einem Leben ist schon allein die Erwähnung von so b-boy-weltfremden Worten wie Gesetze und Regeln undenkbar. Und trotzdem sind wir hier noch ganz ganz weit entfernt von „Fuck The Police“.

Völlig aus der Reihe tanzt dann das Abschluss-Stück dieses Albums, „It’s Crack“. Ein Hip-Hop Instrumental, gespickt mit allerhand Samples und Gescratche – vor allem die durchaus interessante Idee, bei solch einem Stück einfach mal das fette Synthesizer-Intro „Threshold“ von Steve Millers „Book Of Dreams“ LP zu verwenden, ist für die ansonsten bewusst krude Produktion ein überraschender Kunstgriff. Manche finden, dass das eins der besten Hip Hop Instrumentals aller Zeiten ist. Kann man ganz sicher auch anderer Meinung sein, aber auf diesem Album ist es eine echte Überraschung.

Schoolly D konnte aus dem frühen Gangsta Rap Ruhm keine sonderlich große Karriere stricken, aber den Respekt seiner Kollegen hat er in jedem Fall. Die Arbeit an diesem Album brachte ihm immerhin die Möglichkeit ein, mit Abel Ferrara zusammenzuarbeiten, einem der bekanntesten Hollywood-Regisseure. „Saturday Night“ ist sicher mehr aus historischer Sicht interessant als dass es großen künstlerischen Wert hat. In der Entwicklung des Rap ist es sicher eines der wichtigsten Alben.

SCHOOLLY D – SATURDAY NIGHT – FLAME/RHYTHM KING – MELT LP2 – 6,5/10

visitvenus

Mein Papa war Musiker bei der NASA

Es gibt Platten, bei denen merkt man erst sehr viel später, wie gut sie eigentlich waren. Denn das tragische an Musik, die ihrer Zeit voraus ist, liegt logischerweise darin, dass sie in ihrer Zeit oft nicht als zukunftsweisend erkannt wird, sondern erst, wenn ziemlich viel von der Zukunft verstrichen ist. In diesem Fall fast 20 Jahre. Aus dem Jahr 2014 betrachtet ist „Music For Space Tourism“ eine ziemlich erstaunliche Platte.

Dazu passt die Geschichte, die zu diesem Album gehört. Die beiden Köpfe hinter dem Namen Visit Venus, Mario Cullmann und Mario von Hacht, erklären uns allen Ernstes, dass ihre Väter bei der NASA gearbeitet haben, um dort Musik zu komponieren, die den Passagieren einer Reise zur Venus zu Gemüte geführt werden sollte. Die beiden Marios haben dann die geheimen Bänder dieser Aufnahmen gefunden und daraus dieses Album erstellt.

Dass diese Geschichte nicht als kompletter Blödsinn rüber kommt, sondern von manchen Rezensenten sogar für nicht total unmöglich gehalten wurde, spricht zum einen für die Erzählkunst der Protagonisten, zum anderen aber deutlich für die Qualität dieses Albums. Tatsächlich ist diese Platte ein erstaunliches Frühwerk des Downbeat Genres. Es erschien ein glattes Jahr vor der berühmten Kruder & Dorfmeister DJ Kicks, und ein weiteres Jahr, bevor Mo Wax DJ Shadows „Lost & Found“ veröffentlichte – also noch bevor auch nur der Begriff Trip Hop existierte.

Nicht dass man die Musik auf diesem Album als Trip Hop bezeichnen würde, aber der Grundgedanke ist ähnlich – man holt sich lässige Hip Hop Beats von der Straße und bereitet sie für die Lounge auf – oder eben für den Flug zur Venus. Und so machen Mario und Mario eben nicht Music For Airports, sondern Musik für den Raumtourismus.

Boarding findet in Brooklyn statt – auch ne ziemlich interessante Wahl, denn 1995 war Brooklyn noch echt verrucht. „Brooklyn Sky Port (Departure)“ schiebt gleich mit einem absolut klassischen Hip Hop Beat los, lässt den Beat weit im dumpfen Hintergrund den Coolness-Faktor um einiges steigen, während diverse hübsche Keyboard Sounds genau die richtige Mischung aus Weltraum und Entspannung erschaffen, die es braucht, um sich auf die nicht eben kurze Reise Richtung Venus einzustimmen. Ein sehr eleganter Begrüßungscocktail ist das.

Auch bei den Titeln zeigt man viel Kreativität – denn kaum fliegt das Raumschiff an unserem kleinen Erdtrabanten vorbei, hören wir auch schon „First Man On The Moog“, das natürlich mit einer tief knarzenden Moog-Bassline glänzt. Wieder feine Beats, dazu ein bisschen clever gesetzte Bläser-Muzak-Einwürfe wie frisch aus den späten 60ern in die Zukunft gebeamt, ein bisschen feiner Orgel Sound – es ist kein sehr reichhaltiges Buffet, hier wird recht gerade durcharrangiert, aber trotzdem ziemlich cool.

Dann folgt, fast logisch, „One Step Beyond“. Noch mal ein bisschen auf die Tempobremse gedrückt und mit ein paar Soundschnipseln und etwas Orgel- und Vibraphonspiel der Beat garniert – allenfalls wird hier das Spiel ein klein wenig zu einseitig, als dass es über sechs Minuten gebraucht hätte. Und schon müssen wir uns den ersten Passagieren widmen, die unter speziellen Reisesymptomen leiden – „Stellarphobia“. Ihnen verabreichen wir eine Portion beruhigende Rhodes Akkorde, und einen extrem Trockenen Beat-Cocktail, und schon hören wir in der Tiefe des Raums die Chöre singen.

Was keiner wusste: im Weltraum sind mächtig coole Leute unterwegs. Wer hätte gedacht, dass man mit „Shaft In Space“ reisen würde? Prompt erklingen typische Blaxploitation Themen über Hip Hop Beats, und Gefahr andeutenden Orgelakkorde – aber alles locker, Shaft ist auf Urlaub, keine fiesen Gangster an Bord. Trotzdem, ein wenig sicherer fühlt man sich schon.

Ziemlich üppig haben sie es grooven lassen, die Marios. Drei gut gefüllte LPs und jeweils richtig ausgedehnt arrangierte Stücke, bis zu knappen neun Minuten, wie bei „Zoom“. Da sind wir auch schon im Anflug auf die Venus – feines Glockenspiel kündigt die Landephase an, während die plüschige Bassbegleitung und das dezente Schlagzeug einen noch mal in die behaglichen Raumgleitersessel hinein räkeln lässt. Querflötenmelodien begleiten einen in die Atmosphäre hinein – gleich setzen wir auf dem Spacepad auf. Zeit für ein paar Tage Entspannung kurz vor der Sonne.

Und da sind wir auch schon, im „Venus Beach Resort“. Lateinamerikanische Gitarrenklänge deuten an, dass die Copacabana eigentlich auf der Venus liegt, die Beats sind auch ein klein wenig gebrochen, was allerdings beim recht gemächlichen Tempo des Titels nicht so richtig funktioniert. Sieht so aus als müsse am nagelneuen Resort noch ein wenig gearbeitet werden, da passt noch nicht alles zusammen. Einem Passagier scheint es aber mächtig gut gefallen zu haben auf dem fernen Planeten. Auf dem Rückflug murmelt man am Checkin „One Passenger Lost“. Und so sucht eine einsame Trompete im Raum nach dem Passagier, feine Synthesizer Peiltöne werden ausgesandt, während die übrigen Passagiere in der Lounge warten, bei trockenen Beats aus den Boxen und Intercom-Klingeln vom Check-in-Schalter.

Wir lassen den Passagier auf der Venus und gönnen dem jungen Copiloten beim Abflug noch einen „Orbital Workshop 2“ – er scheint der Second Man On The Moog zu sein, wenn man sich so die brunzende Bassline anhört. Aber er macht seinen Job ganz gut, zielsicher steuert er das Raumschiff in die Umlaufbahn, und dann im richtigen Moment wieder hinaus in den Raum, zurück zur Erde.

Landeanflug. Noch ein kleiner Schlenker über Manhattan, „Harlem Overdrive“ genannt. Viel Stereoeffekt mit feinem Orgelsound, ein wieder einmal ausgesucht elegantes Bass Thema, verhallte Piano Akkorde, Vibraphon, und ein Hauch von Jazz im Schlagzeug – der Anflug auf den Spaceflughafen ist durchaus stilvoll und bietet feine Aussichten.

Und schon sind wir wieder da. „Home“. So ein Urlaub vergeht doch immer viel zu schnell. Ein etwas wehmütiges Saxophon deutet an, dass man gern noch eine Woche dran gehängt hätte, aber dann geht es schon wieder auf die Straße, begleitet von einem Drumbeat, der auch der Thievery Corporation gut zu Gesichte gestanden hätte. Keyboard Stabs zeigen, dass es auf dem Highway etwas hektischer zugeht, aber der Erholungseffekt der Tage auf der Venus hält zum Glück noch vor. Kleine Flashbacks erinnern an heiße Nächte und lässige Stunden an der Hotelbar – da fahren wir ganz gewiss wieder hin.

Freunde des Vinyls werden dann noch mit einem wirklich passenden Bonus Titel belohnt: „Apres Sky“. Noch ein extrem trockener Beat, ein tiefes sattes Saxophon und jede Menge hübsche Orgelsounds, dazu ein schwer cooles Bläserthema und lässige Gitarren – ganz offensichtlich gönnt man sich am Ankunftstag noch einen abendlichen Cocktail und lässt die Ferien elegant ausklingen.

Mario und Mario haben uns auf eine wirklich souveräne und wegweisende Reise geschickt, damals, 1995. Aber nicht nur im historische Zusammenhang ist „Music For Space Tourism Vol. 1“ ein richtig gutes Album – man kann sicher auch heute mal den einen oder anderen Titel in das ausgesuchte Bar Set legen und die Leute grübeln lassen, woher der Titel wohl stammen mag. Da kann man dann lächelnd „Von der Venus“ sagen. Hat doch was.

VISIT VENUS – MUSIC FOR SPACE TOURISM VOL. 1 – YO MAMA – YO 0910-1 – 7,5/10