the-normal-tvod-warm-leatherette-mute1-560x560

Quick! Let’s make love. Before you die.

Eine meiner kostbarsten Schallplatten ist eine kleine Single für sechs Mark. Ein recht krudes und extrem minimalistisches Coverdesign, mit einem Archivfoto und zwei Clip Art Zeichnungen, die Schrift wie mit einer Schablone aufgemalt. Das Cover hat bei mir extrem gelitten, was für Platten aus meiner Sammlung extrem unüblich ist, aber durch den Umstand erklärt werden kann, dass die Single in meinem Regal stand, Cover nach vorn, zum anschauen, als 1986 in meiner Studentenbude ein Schwelbrand ausbrach und erst der Ruß des Feuers und dann das Löschpulver der Feuerwehr sich über jeden Gegenstand im Zimmer zog.

Glück im Unglück: Die Single selbst blieb völlig unversehrt und kann auch heute noch einwandfrei gespielt werden. Und ich gehe auch nicht von weiteren Schwelbränden aus, sie steht auch heute im Regal, neben ein zwei anderen wichtigen Anschaffungen ist sie so ziemlich das erste, was man zu sehen bekommt, wenn man sich den Plattenregalen nähert.

Aber natürlich ist die Geschichte des Schwelbrands im Studentenzimmer nicht der Hauptgrund, warum diese Single einen Sonderplatz in der Sammlung hat. Ein weiterer Grund kann in der Katalognummer der Single recht leicht abgelesen werden. Es ist MUTE 001. Die allererste Platte des Mute Labels, und das einzige, was Daniel Miller, der Gründer des Labels, je veröffentlicht hat.

Ich weiß sogar noch, wie es war, als ich damals diese Platte erstand. Ich war auf dem Weg zur Kasse, in einem kleinen Lübecker Plattenladen, als ich auf der Theke ein kleines Display sah, in dem ein Stapel Singles angeboten wurde. Ich sah mir diese simpel designte Plattenhülle an und fand sie irgendwie interessant, besonders, und ich glaube auch, dass die Gestaltung mich auch deswegen ansprach, weil wir damals viel mit Rubbelbuchstaben, ausgeschnittenen Bildern, Schablonen und anderen Materialien Cassettencover gestalteten, und auch so unsere Schülerzeitung layouteten.

So eine Single ist ja auch nicht teuer, fast wie ein Impulsartikel auf dem Weg zur Kasse. Wo Mutti im Supermarkt für die kleine Bratze noch ein Hubba Bubba in den Korb werfen muss, greift der Musikfreund an der Schlange vor der Kasse noch mal schnell zur 7″. Mit dem Unterschied natürlich, dass so ein Kaugummi im Nu Geschichte ist, während die Single im Idealfall Geschichte macht – wie in diesem Fall.

Da ist natürlich einmal die historische Dimension, die angesprochene – Daniel Millers einzige Platte, die erste des Labels, auf dem nicht nur Depeche Mode groß wurden, sondern auch Einstürzende Neubauten, Moby, Nick Cave und Goldfrapp. Aber da ist auch das, was man auf den beiden Seiten der Single findet, und das ist so dermaßen konsequent, dass man heute noch den Hut ziehen muss.

Vor allem „Warm Leatherette“, das zumindest auf der Platte selbst als B-Seite erscheint, auf der Rückseite des Covers aber zuerst genannt wird. Wie noch bei so manch anderem Künstler danach kam die Inspiration für dieses Stück von „Crash“, dem ziemlich kontroversen Roman von J. G. Ballard, in dem es um Menschen geht, die eine sexuelle Erregung genießen, wenn sie an einem Autounfall beteiligt sind.

Miller hat dieses Konzept in ein paar dürren, aber ungeheuer intensiven Zeilen komprimiert, die in ihrem Minimalismus wie Kraftwerk sind, in ihrer drastischen Erzählweise aber genau das Gegenteil dessen repräsentieren. Da wird der gerade vonstatten gehende Tod im Crash garniert mit Erotik und stilisierter New Wave Romantik, da ist Lust und Eitelkeit, Masochismus und Fatalismus – die Mischung ist selbst in diesen paar Zeilen erschreckend und faszinierend zugleich.

Die berühmtesten Zeilen des Stücks illustrieren dies besser als jede Beschreibung. „A tear of petrol is in your eye. The handbrake penetrates your thigh. Quick – let’s make love before you die.“ Fast zur gleichen Zeit veröffentlichte Human League ihr legendäres „Being Boiled“, das mit seinen unterschiedlichen Bedeutungsebenen und verklausulierten Versen textlich fast das Gegenteil der Unmissverständlichkeit von „Warm Leatherette“ darstellte – und doch einen ähnlich starken Einfluss auf die Musik der frühen 80er hatte.

Auch musikalisch ist „Warm Leatherette“ ein großartiges Beispiel für Minimalismus in der Frühzeit der elektronischen Musik. Es wäre jetzt einfach zu sagen, dass Daniel Miller auch nicht mehr zur Verfügung stehen hatte als seine paar kleinen Geräte im Schlafzimmer, und dass der Minimalismus eine Konsequenz dessen wäre. Und doch ist das nicht wirklich richtig – denn selbst mit dem bisschen Equipment hätte man mehr in das Stück legen können.

Aber Daniel Miller beließ es bei einem simplen und dürren Drum Beat, schnell und schnörkellos, und legte drei kompromisslose Sägezahnsounds drauf, die ebenso erbarmungslos und unbeirrt ihre Arbeit machen wie Daniel Miller, dessen Stimme emotionslos und kalt berichtend die Texte abliefert. Diese komplett ungeschminkte Art zu erzählen wirkt eher verstärkend als ernüchternd, es ist auch diese völlig unbeteiligt wirkende Nüchternheit in der Stimme, die zur bizarren Erotik dieses Titels beiträgt.

Man kann das Stück abstoßend finden, aber man kann nicht sagen, dass es keine Wirkung hinterlasse. Es gibt kaum ein Stück Musik, das es schafft, das künstlerische Konzept so komprimiert, so direkt und so gnadenlos effektiv umzusetzen. Es gibt viele, die sagen, es sei tragisch, dass Miller nie wieder etwas veröffentlicht hätte, aber man kann auch vermuten, dass er nie wieder die Chance gehabt hätte, so gut zu sein wie bei „Warm Leatherette“. Und er wird sich auch gedacht haben, dass er als Gründer von Mute mehr bewegen kann als mit „The Normal“.

„T.V.O.D.“ auf der anderen Seite ist zwar auch extrem simpel produziert – im Vergleich zu „Warm Leatherette“ aber fast schon komplex. Eine minimale Melodie ist auszumachen, ein ganz klein wenig Komplexität im Arrangement, sogar ein paar Soundschnipsel aus dem Fernsehen. Das war es dann aber auch. Der Text ist hingegen noch reduzierter, bei ähnlicher Radikalität: „I don’t need a TV screen. I just stick the aerial into my skin and let the signal run through my veins.“ Dazu noch gezählte 30 mal „T.V.O.D.“ – fertig ist der Text.

„This is a Mute record“ steht auf der Rückseite. Kaum ein Label wurde je konsequenter, programmatischer und richtungsweisender gestartet als dieses. Man muss es einfach so sagen – ein kleines Meisterwerk, eine radikale, visionäre Single. „Join the car crash set“ sagt Daniel Miller ganz am Ende von „Warm Leatherette“. Ich bin sicher, dass sich mir die Erotik eines Autounfalls nie erschließen wird. Dafür um so mehr die künstlerische Dimension seiner einzigen Single.

THE NORMAL – WARM LEATHERETTE – MUTE – MUTE 001 – 10/10

« »