Category: F – K


kingkoothrone

Ein Kessel Buntes im Thronsaal

Reichlich bevölkert war die Downbeat Schrägstrich Electronica Schrägstrich Lounge et cetera Landschaft um die Jahrtausendwende. Viele interessante Projekte mit spannenden Ansätzen. Den meisten mangelte es aber am Konzept oder an der Qualität, um ein klein wenig Rampenlicht zu ergattern. King Kooba zum Beispiel, auch wenn man durchaus der Meinung sein darf, dass es an Format und Qualität nicht gelegen haben dürfte, sondern vielleicht eher am Konzept. Oder daran, dass es schwer war, eins zu finden.

Auf diesem Doppelalbum beispielsweise gibt es viel Hörenswertes. Die stilistische Bandbreite ist beachtenswert, man hat sich mit der Produktion viel Mühe gegeben, und es gibt einige Stücke, die auch bei mehrmaligem Hören noch überzeugen. „Enter The Throne Room“ hat diverse Male den Weg in meine DJ Tasche gefunden, und sie wurde dann auch tatsächlich eingesetzt.

Beispielsweise die „California Suite“ – ein echter Killer für den eleganten Abend in der Bar oder Lounge. Schwer entspannter Beat, fein gesetzte Streicher, ein Acapella von Esther Phillips, das perfekt auf dem Track liegt – das kann man ernsthaft nicht viel besser machen. Oder „Koobesq“. Das ist nicht weit von der Thievery Corporation entfernt, und die Sängerin Melissa Heathcote macht ihren Job durchaus ordentlich. Man könnte allenfalls beklagen, dass man das ganze etwas straffer hätte arrangieren können.

Auch „Single Malt“ hat durchaus Stärken. Viel Raum für die Synth Streicher, effektvoller Einsatz der Snare, ein Stück, das sich ein wenig wie Drum’n’Bass anhört, aber in der Lounge bleibt. Vielleicht beschränkt man sich hier ein wenig zu sehr darauf, Coolness zu vertonen, aber wenn wir mal ehrlich sind, ist das ja größtenteils auch der Auftrag der Musik in diesem Genre.

Die stilistische Bandbreite wird in „Spectra In C Minor“ noch ein wenig erweitert. Hohes Tempo bei weiterhin entspannter Grundstimmung, eine einfache, aber effektvolle Bass Line, ein feiner Drum Beat, der das Tempo sowohl unterstützt als auch kaschiert – das hätte durchaus so auch von Red Snapper sein können, und das ist ganz sicher so etwas wie ein Kompliment.

Wäre „Enter The Throne Room“ keine Doppel-LP, es wäre eine wirklich runde Sache. Wäre. Denn auf Seite 3 fängt es an, kompliziert zu werden. Mit „Terminal X“, einer Mischung aus Jazz Elementen und verhaltenem Drum’n’Bass, in etwas düsterer Atmosphäre. Schlagzeug und Bass sind sicher gekonnt eingespielt, und man merkt, dass King Kooba viel als Band tourt und eben nicht als blankes Studioprojekt im virtuellen Raum entstand – live ist das sicher spannend, auf dieser LP wirkt es wie eine Übung, oder ein Tool, wie man heute sagen würde.

Die „Pugwash Beats“ führen uns in abstrakte Hip Hop Sphären, und so langsam wird deutlich, wo die Schwäche dieses Projekts liegt – es wird mit fast jedem Stück etwas neues aufgemacht, und statt dass man King Kooba am Ende für facettenreich hält, tendiert man schließlich eher zum Verdacht der Konzeptlosigkeit. Da hilft es auch nicht wirklich, dass hier Simon Richmond alias Palm Skin Productions produziert.

Seite 4 verstärkt den Eindruck dann noch mehr – „Fraternity“ ist ein hektisches Stück Drum’n’Bass, bei dem einfach keine Freude aufkommen will, und „Catscratch“ wiederholt diesen Fehler dann auch noch. Vertrackt dräunend rennt die Platte dem Ende entgegen und man fragt sich, wie aus der Band, die auf der ersten Seite so erfreulich stilvoll die Lounge beschallte, diese unfroh klöppelnde Drum’n’Bass Combo weden konnte.

Das ist wirklich sehr schade. So ist man am Ende ratlos und leicht genervt von den unnachgiebigen Beats – und weiß, dass man das zweite Stück Vinyl wohl nicht mehr aus der Hülle holen wird. Aber die erste Hälfte, die ist wirklich prima. Immerhin.

KING KOOBA – ENTER THE THRONE ROOM – SECOND SKIN – SKINLP005 – 6/10

fourtet-pause

Hör mal wie der bastelt

Ab und zu gibt es mal so Typen, die sind wohl ganz einfach dafür geboren, Musik zu machen. Können gar nicht früh genug damit anfangen, machen von vornherein sinnvolles Zeug, entwickeln sich immer weiter, sammeln treue Fangemeinden ein, all so Sachen. Kieran Hebden ist ganz sicher so einer. Erster Plattenvertrag mit 15, erster Remix gleich auf der Jubiläums-Remix-LP von Warp, und seitdem ging es nur noch nach vorn und nach oben.

Als „Pause“ 2001 erschien, war das schon sein sechstes Album – vier hatte er mit seiner ersten Band Fridge aufgenommen, ein Album, „Dialogue“, hatte er bereits unter dem Namen Four Tet veröffentlicht. Und trotzdem ist „Pause“ der eigentliche Anfang seiner Karriere. „Dialogue“ war noch ein Versuch, auf der Basis von Hip Hop Beats und Jazz Samples einen eigenen Stil zu finden, wirkte aber noch spröde und kopflastig.

Das änderte sich deutlich mit diesem Album, das bei aller Kunstfertigkeit und introvertierter Spielerei deutlich zugänglicher ist, und in dem die Stilelemente viel harmonischer miteinander verbunden sind. Lange vor dem zaghaften Folk Revival begann Hebden auf diesem Album, mit akustischen Gitarren, Folk-ähnlichen Harmonien und einem wie naturbelassener wirkenden Sound eine Atmosphäre zu schaffen, die die Kritiker auch damals schon eine Nähe zum Folk attestieren ließen.

„Pause“ ist das Fundament der Entwicklung von Four Tet – hier sind die Rhythmen noch recht gradlinig, sind die Songstrukturen nicht sonderlich ungewohnt. In einer Zeit, in der an jeder Ecke ein neues Downtempo Projekt aus der Taufe gehoben wurde, fiel das Album auch schnell mal in ein Genre, aus dem es gleichzeitig auch schon wieder heraus ragte. Wie für die Zeit typisch geht Hebden mit sehr viel Ruhe ans Werk, „Glue Of The World“ zum Beispiel ist so frisch und entspannt wie ein Sonntagvormittag auf einer Wiese, in den ersten Tagen des Frühlings. Nur kann man die frische Luft bei Hebden fast riechen, er ist einfach sehr viel näher dran.

Er beherrscht auch spielend die Kunst, das gleiche Konzept in ein schnelleres Format zu transferieren – „Twenty Three“ arbeitet mit durchaus ähnlichen Elementen wie der Opener, geht aber ungleich flotter an den Start. Hier erkennt man auch schon Spielelemente, die Hebden in späteren Alben immer wieder verwendet – allerhand Glocken und Glöckchen, die auf den Rhythmus pfeifen, sondern atmosphärische Elemente sind, dem Empfinden dienen.

Manchmal übernehmen diese Sounds auch fast komplett die Regie, wie bei „Harmony One“, das größtenteils aus Tastatur- und Bürogeräuschen besteht, über dem eine kleine verträumte Orgelmelodie gespielt wird. Ein hübsch harmonisches Geklicker ist das, mit Hilfe dieser paar Akkorde. „Parks“ beginnt mit einer Atmosphäre spielender Kinder und einem fast bluesartigen Intro, in das dann ein sehr entspannter Hip Hop Beat einsetzt. Verzerrte und teils rückwärts eingespielte Gitarrensounds setzen sich zu einer sanft melancholischen Melodie zusammen, eine Zither ergänzt das Ganze – an diesem Stück lässt sich am besten darstellen, wie weit Four Tet schon 2001 vom üblichen Lounge Brei entfernt war.

„Leila Came Round And We Watched A Video“ – noch ein so kleines Intermezzo, und wir ahnen nur, dass es alles andere als ein Thriller war, den die beiden geschaut haben. Vielleicht haben sie auch gar nicht den ganzen Film gesehen. Schön. „Untangle“ wirkt dann fast wie ein Kontrast, sehr elektronisch, der Beat, im gemäßigten House Tempo, spärlich garniert mit ein paar Samples und einer einfachen Bass Line. Aus heutiger Sicht sehr interessant, denn in den letzten Jahren hat sich Hebden deutlich für neue Spielarten des House interessiert.

Anfangs der zweiten Seite heißt es dann „Everything Is Alright“, fast so als wollte man den Hörer beruhigen, angesichts der Paukentöne im Hintergrund – der temporeiche Beat und das sich stets wiederholende Gitarrenthema sorgen für ein Lächeln, und die Botschaft kommt an. Braucht es auch, denn für mich kommt danach eigentlich der schwächste Moment des Albums, in dem es den Mücken an den Kragen geht. „No More Mosquitoes“ lässt allerhand Bleeps die Plagen der fliegen Quälgeister simulieren, während ein Kind singend das Ende der selbigen fordert. Mochte ich damals nicht, mag ich auch heute nicht. Und der zentnerschwere Beat passt auch meiner Meinung nach nicht zu Four Tet. So.

Da kann ich schon eher mit „Tangle“, auch wenn die Soundkakophonie am Anfang sicher nicht jedermanns Geschmack ist. Aber daraus entwickelt sich ein feines Spiel mit Gitarren, Zithern und anderem Gezupfe, das durchaus seinen Liebreiz hat. Und zeigt, dass Leichtigkeit dem Herrn Hebden eben doch mehr liegt als die Schwere. Teilweise hört es sich so an als würde das Stück ab der Mitte rückwärts zum Anfang zurückkehren, aber dann nimmt es das Thema wieder auf und wir sind erleichtert.

„You Could Ruin My Day“ droht Hebden dann mit einem spinettartigen Keyboard Sound und einem trocken eingespielten Beat. Darauf legen sich verhalten Gitarrenmelodien, die eher angedeutet, verhuscht, vermischt, von einander durchzogen werden. Über die für dieses Album üppige Länge des Stücks werden die Elemente immer wieder variiert, neu zusammengestellt, durch lange ruhige Breaks geführt – teilweise werden die Strukturen komplett über Bord geworfen, einfach mal neue Samples eingewoben, das Stück zur akustischen Spazierfahrt verarbeitet, die auch mal über die Autobahn führt, aber immer bereichernd bleibt. Der Tag ist ganz sicher nicht ruiniert worden, trotz recht ruppiger Dekonstruktion am Ende.

Zum Abschluss gibt es einen „Hilarious Movie Of The 90’s“, ein bisschen Glockenspiel, elektronisch bearbeitet, eher hübsch als hilarious, richtiggehend fröhlich bisweilen. Zur minimalen Melodie wird wie am Anfang der Platte wieder eifrig die Computertastatur bearbeitet, und so schließt sich der Kreis dieses Albums, das bis auf den komisch halbgaren Hitversuch mit den Mücken nur erfreuliche Momente bietet. Der Anfang einer Karriere, die auch weit über ein Jahrzehnt später noch im Aufstieg begriffen ist.

FOUR TET – PAUSE – DOMINO – WIGLP94 – 8/10

 

deahermanl

Wenn das Soundtrack länger als der Film ist

Benjamin Herman ist Holländer, und er spielt Saxophon. Bandleader ist er auch, seine Formation nennt sich New Cool Collective. Und er hat auch schon an der Seite von Candy Dulfer gespielt. Vor sechs Jahren wurde er mal von „Esquire“ zum bestangezogenen Holländer gewählt.

Aus dieser kurzen Auflistung von Fakten lässt sich schon ein wenig herauslesen, dass der Benjamin so ein wenig auf der arrivierten, vielleicht gar etwas schmalzigen Seite des Jazz und Swing zu Hause ist. Und wenn man liest, dass er für dieses Album das City of Prague Philharmonic Orchestra eingeladen hat, verstärkt sich natürlich der Eindruck, dass es auf „Deal“ recht gediegen zugehen könnte.

Aber da täten wir Herrn Herman Unrecht. „Deal“ ist nur in wenigen Momenten etwas schnulzig, meist sogar ziemlich lebhaft. Und es hat durchaus Stil. Genau genommen handelt es sich auch um ein Soundtrack – Regisseur Eddy Terstall brauchte für einen 30minütigen Film um einen Mann, eine Frau und eine Hand voll Euro etwas Musik. Dass die gesamte Spieldauer länger ist als die 30 Minuten des Films, zeigt primär, dass Herman offensichtlich Spaß an der Arbeit hatte.

Konzeptionell ist „Deal“ so etwas wie eine Hommage an Spionage- und Agentenfilme der 60er und 70er und deren Filmmusik. Das macht man nicht mal so eben, dass man solch einen Sound nachempfindet und in die Gegenwart holt, und so hat Benjamin Herman auch deutlich über ein Jahr an diesem Album gesessen. Anfangs mit vier Kollegen, irgendwann dann auch mit dem oben erwähnten Orchester – ohne dessen Streicher wäre der Sound nicht so authentisch.

Die Mitstreiter sind durchweg fähig – Manuel Hugas spielt seinen Honer Bass, als hätte man ihn direkt aus den späten 60ern ins 21. Jahrhundert gebeamt, Joost Kroon erweist sich am Schlagzeug als versiert und variabel, Jesse van Ruller macht an der Gitarre eine elegante Figur und Carlo de Wijs rundet an der Hammondorgel die Zeitreise wirklich gekonnt ab. Herman selbst zeigt, dass er sein Saxophonspiel in den Rahmen des gewählten Konzepts bringen kann, ohne sich in Klischees zu verdudeln. Erfreulich, denn die Renaissance des Instruments dürfte noch immer recht lange auf sich warten lassen.

Zwischen Bond-ähnlichen Mustern, Ausflügen an die Cocktail-Bar, entspannten Funk-Anleihen, dramatischen und sinnlichen Momenten bedient das Album so ziemlich jedes Thema, das zu einem alten Agentenfilm gehört – und Hermans Band bringt sie überzeugend auf die Bühne. Das ist stilvoll eingespielt, hat einen guten Schwung und lässt den bestangezogenen Holländer erfreulich oberhalb der anfänglichen Befürchtungen landen.

Klar, das ist nicht viel mehr als ein unterhaltsames Album, das man mit genügend Genuss problemlos durchlaufen lassen kann, und auch in der DJ Tasche wird es eher nur vereinzelt landen, wenn die Bar gehobener und das Publikum gesetzter ist – aber das ist immer noch aller Ehren wert. Im besten Sinne unterhaltsam.

BENJAMIN HERMAN – DEAL – DOX RECORDS – DOX165 – 6/10

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Das Meer in dir

Die Welt der elektronischen Musik ist bisweilen auch nicht so viel anders als die des Pop oder Rock, genau betrachtet. Manche Künstler gelten einfach grundsätzlich als Referenz, als Helden, erhaben und quasi per Definition immer gut. Da können die auch mal ein Jahrzehnt lang Sachen machen, die außer alt eingesessenen Fans niemanden interessieren, aber am Denkmal rüttelt man nicht. Springsteen. Wenn der morgen das Lied von Wum und Wendelin neu aufnimmt, sind alle voller Ehrfurcht.

Das gleiche gilt, eben auf der elektronischen Seite des musikalischen Entertainments, für Boards of Canada. Da geht eigentlich schon lange nicht mehr wirklich etwas voran, aber wenn du da mal sagst, hey die neue BoC ist echt müde, dann musst du aufpassen, dass dich nicht gleich ein paar Fans vierteilen. Dabei gibt es durchaus Leute, die in der Lage sind, ähnlich spannende Musik zu machen. Kel McKeown zum Beispiel, besser bekannt unter den Namen Kelpe.

Während sich Boards of Canada eigentlich immer der gleichen Welt elektronisch nostalgifizierter Sounds distanzierter Wehmut widmen, gibt Kelpe auf „Sea Inside Body“ der ganzen Sache einen etwas frischeren, nahbareren, verspielteren Anstrich. Eigenwillige Samples, schwurbelnde Synthesizer, minimale Melodien, jede Menge Ambient Elemente – die Zutatenlisten sind fast identisch, die Resultate nur bedingt.

„Ice Cream Knife Handle“ gleich am Anfang der LP zum Beispiel – im Bezug auf die Synthesizer Sounds durchaus BoC Nähe, aber der Beat ist dann doch zwingender, präsenter, etwas deutlicher auf den Groove schielend. Klar, bevor es zu sehr Dancefloor Charakter bekommt, geht man auch gern mal ganz raus aus dem Beat und lässt die Synths wabern, im Grunde aber geht Kelpe merklich schwungvoller an die Arbeit, und lässt ein wenig mehr Sonne rein.

Gut so, klar – hier wird nicht kopiert, hier wird eine ganz eigene kleine Welt konstruiert. „Sickly Situation“ häckselt ein paar Samples über trockene Beats, lässt es im Hintergrund knistern und rauschen, gibt ne eher schräge Bassline und nimmt zwischendurch den Beat so auseinander, dass der Titel fast zum Programm wird. In „Nat’s Twirly Mug“ eröffnet ein kleines elektronisches Glockenspiel, das dann erneut von trickreichen Beat Tracks begleitet wird. Was Kel McKeown einfach richtig gut drauf hat: mit verschiedenen Synthesizer Sounds auf unterschiedlichen Ebenen Themen miteinander spielen zu lassen, sich abwechselnd und ineinandergreifend – es wird nie langweilig und ist immer wirklich exzellent produziert.

„Age Sculpture“ ist ein weiteres schönes Beispiel – feine Syntharbeit, lebhafte Beats, nette Melodien. Nur wird hier der eine etwas beklagenswertere Punkt dieses Albums deutlich, denn irgendwann bei der Entstehung des Albums muss der gute Kel auf die etwas seltsame Idee gekommen sein, ein paar weibliche britische Teenager bei ihren Unterhaltungen zu belauschen und die aufgenommenen Gespräche ins Album einzubauen. In diesem Stück größtenteils verfremded, aber in manchem Intermezzo kommen dann so wenig tiefgreifende Statements zu Tage wie „Ich kann es kaum erwarten, 16 zu werden“ oder „Früher haben wir uns Bier und Pizza bestellt, heute koche ich lieber“. Die Banalität in ihrer unkommentiert verwendeten Form passt einfach nicht zum hohen musikalischen Niveau des Albums.

Aber größtenteils sind die Teenies ja still, wie in „Keep Danger“, das erneut kunstvoll konstruierte Drums mit weit ausladenden Synth Themen koppelt und dank einer dynamischen Bassline auch mal mit fast treibendem Tempo aufwartet. „Overland But Underwater“ ist ein kleines melodisches Einod auf sattem Elektrobeat, „Grappling Hook“ knarzt und rumpelt zwischendurch recht beschwerlich, und „Knock, Turn“ setzt aus verzerrten Xylophon Sounds eine geloopte Basismelodie zusammen, auf der mit Sounds und Effekten gespielt wird – bei Kelpe ist immer was los.

Das schöne daran ist, dass es in diesen kunstvoll zusammengestellten Klangräumen immer etwas zu entdecken gibt. Kleine Geräusche oder Melodieansätze, feine Harmoniewechsel, ein paar eingestreute Sounds – auch das trägt viel zum Liebreiz des Albums bei. Allenfalls hätte Kelpe hier und da ein wenig kondensieren können – kurze Zwischenspiele wie „Care Of Presto Mini“ oder die erwähnten Girlie-Zitate tragen zumindest nicht zu konzeptioneller Klarheit bei.

Das (mehr oder weniger) Titelstück „There’s A Sea In Your Body“ wagt viel schräge Sounds und Harmonien, lässt den Beat schwer elektronisch schwappen – fast hat man das Gefühl, dass all das Wasser in unserem Körper sich vereinigt hat und als blubbernde Blase im Inneren für seltsame Geräusche sorgt. „Sylvania“ führt das Spiel mit fordernden Beats und schrägen Harmonien noch mal etwas konzentrierter fort und „Petrified“ lässt uns mit leicht vereiertem Glockenspiel dann doch wieder an Boards of Canada denken, hier sogar inklusive melancholischer Grundstimmung. Ist aber okay, weil wirklich gut.

Doof, dass dann zum Abschluss noch einmal die Banalität übernimmt – eine 50jährige erzählt davon, wie sie sich fühlt, in ihrem Leben, und dass sie jetzt zu malen angefangen hätte. Manchmal fühle sie sich ein wenig isoliert, sagt sie. Vor allem wenn es regnet. Aaaah ja… können wir da nur sagen. Und bestätigen, dass die Frau wie ihre anderen Geschlechtsgenossinnen recht isoliert lebt auf dieser Platte, die ansonsten wirklich viel Qualität hat. Muss ja nicht immer Boards of Canada sein. Kelpe kann’s auch.

KELPE – SEA INSIDE BODY – D. C. RECORDINGS – DC 53 LP – 7/10

ceivercool

Auf ycoolen Abwegen

Eigentlich ist eigentlich ja ein echt ätzendes Wort. So etwas die die kürzeste Variante des sich mal so rein gar nicht festlegen wollens. Ausflucht, Ausrede, Ausweichmanöver. Aber manchmal braucht man so ein eigentlich wirklich. So ein ganz dickes fettes sogar. Wie bei dem Ding hier. Denn EIGENTLICH hat Jiri.Ceiver – sein bürgerlicher Name ist Arno Paul Jiri Kraehahn – Mitte der 90er ziemlich derbe Techno Sachen gemacht. Harthouse Style eben. Ich persönlich fand das Label ja bei aller Würdigung der Pionierarbeit teilweise echt schwer zugänglich, um es mal nett zu formulieren. Aber man muss anerkennen, dass sie stilistisch durchaus viel Offenheit gezeigt haben und dabei manchmal echte Perlen hervorbrachten.

„Ycool“ zum Beispiel. Ich weiß nicht, wie viel Airtime Harthouse so auf Viva hatte in dieser Zeit – aber dieses Stück war da zu sehen, wie man leicht auf Youtube herausfinden kann. Und wenn man nicht genau wüsste, dass das genau dieser Jiri.Ceiver ist, und das tatsächlich auf Harthouse raus gekommen war, dann würde man sich die Augen reiben und denken, dass irgend ein Vollidiot die Tapes verwechselt hat, oder zumindest kräftig bei der Geschwindigkeit daneben gelangt hat.

Denn die Originalversion „Ycool – Jiri. vs. Jinks“ ist so gar nicht schnell, so gar nicht Techno, so rein gar nicht elektronisch, sondern eigentlich ein schwer schleppender dreckiger Blues. Zumindest ist das eine Beschreibung, die dem, was man da hört, am nächsten kommt. Ein bis in die langsamste Zeitlupe runtergedrehter und zementschwer schleppender Drum Beat, eine arschcoole Bassline und ein paar clever rein editierte Bluesgitarren, angereichert mit Sprachsamples, die den bekifften Gesamteindruck noch mal verstärken – man muss sich ernsthaft fragen, was man alles anstellen muss, um mit so einem dreckigen Bastard Blues daher zu kommen.

Vermutlich wäre mir dieses Stück nie aufgefallen, wenn nicht die großen Downbeattrüffelschweine von Boozoo Bajou das Ding auf ihren „Juke Joint“ Sampler geholt hätten. In einer ohnehin schon großartigen Auswahl war das die mit Abstand feinste Empfehlung. Und mit ein bisschen Glück fand ich die 10″ dann auch noch auf Ebay. Die Freude war groß.

Eigentlich (ja klar, jetzt wo ich nen Grund hab, hol ich gleich die Zehnerpackung eigentlich raus) hat so eine 10″ zwei Seiten. Aber eigentlich hätte hier auch eine gereicht. Seite zwei bietet zum gleichen Stück noch Russ Gabriel’s 12 Bar Desert Mix. Nur – nach so einer ultrafetten Portion Coolness auf Seite 1 hat der gute Russ nicht wirklich eine Chance. Sein Versuch, das Ganze ins Gegenteil zu verkehren und den Beat als Drum&Bass Version zu verdoppeln, ist sicher nicht dumm, und die edlen Rhodes Akkorde sind auch nicht verkehrt, aber klar, viel mehr als registrieren wird man die zweite Seite nicht.

Ist auch egal. Way fucking cool, die Nummer. Also das Original. Seite 1. Und nicht den Fehler machen und dem Aufdruck auf dem Label Glauben schenken. Bei Harthouse hat man wohl gedacht, das ist ne langsame Nummer, die läuft auf 33. Aber so langsam ist sie nun auch wieder nicht. Das Ding läuft auf 45. Und wie.

JIR.CEIVER – YCOOL 10″ – HARTHOUSE – 28186.0015.0 – 7/10

glancenever

Doch doch, das ist aus Darmstadt

House ist weit mehr ein deutsches Phänomen als mancher denkt. Nicht nur weil Kraftwerk auf „Computerwelt“ ein paar Dinge gemacht haben, die von Dancefloor Producern gern aufgegriffen und weitergeführt wurden, sondern viel mehr auch deswegen, weil sich in Deutschland immer mal wieder ein paar talentierte Leute erstaunlich stilvolle House Projekte gestartet haben. Man denke nur an Terry Lee Brown und Plastic City.

Ganz so weit wie die Mannheimer hat man es ein paar Kilometer weiter nördlich nicht geschafft – diese LP ist die einzige, die der Darmstädter Produzent Thorsten Scheu veröffentlicht hat. Was natürlich nicht heißen muss, dass es deswegen automatisch eine wenig hörenswerte Platte wäre. Schon allein aus Interesse an der deutschen House Szene um die Jahrtausendwende ist es spannend, sich diesem Album noch einmal zu widmen.

Eins muss man Thorsten Scheu auf jeden Fall lassen: Er geht durchaus stilvoll zu Werke, und er weiß sich gekonnt im Katalog der Deep House Stilmittel zu bedienen. Die Stücke lassen sich viel Zeit (meist deutlich über sieben Minuten), werden in aller Ruhe aufgebaut, und sind größtenteils klar davor gefeit, allzu platt oder zu gerade daher zu kommen. Käsige Sounds sind selten, die Beats sind gern etwas gebrochen und mit einem kleinen Hauch lateinamerikanischem Einfluss gewürzt, und vor allem vermeidet Scheu die in diesem Genre oft so beklagenswerten Simpelakkordwechsel.

Dass dadurch den Stücken auch so ein klein wenig Großstadt-Tristesse anhaftet, die auch vom ansprechend gestalteten Cover ausgeht, verleiht dem Album eher noch einen Reiz als dass es den Genuss schmälert. Der Opener „Move When I Move (Lift Off)“ ist ein gutes Beispiel. Sehr entspannt, souverän produziert. Schwieriger wird es schon, wenn sich Scheu auf die Dienste von Gastvokalisten verlässt. Das schleppend soulige „We Can Be Good“ zum Beispiel ist zwar fein arrangiert, aber die gesangliche Unterstützung zeigt das, was bei deutschen Houseproduktionen oft als Achillesferse ausgemacht werden muss – wird gesungen, sinkt das Barometer auf beliebig.

Gleiches gilt für „Guess“, das auf R&B beeinflusste Popmusik schielt, und bei dem der Gesang gefährlich nah an Lisa Stansfield liegt. Das mag damals irgendwie vielversprechend gewesen sein, wirkt heute aber natürlich recht dünn. Gastrapper Kazy Jumaking übt sich schwer in Smoothness und Flow, erzählt in „Question“ auf deepem Beat zwischen lässiger Pose und motherfuckerwerfender Straßensprache – funktioniert primär, weil Scheu ihm ein eher entschlacktes, dezent treibendes Beatgerüst liefert, das mit rückwärts eingespielten Synth Strings über die nötige Verfremdungsebene verfügt. Nur dieses rhythmische eingestreute Poser-„Ah“ von Kazy hat mich damals schon genervt.

Aber es geht ja auch ohne Vokalakrobatik. Wie auf „Second Life“. Schon hören wir wieder viel erfreuter hin. Noch so ein entspannter Deep House Groover, richtig lässig zusammengestellt, mit feiner Bassline, einigen Dub Effekten, schleppenden Schellenringen als Hihat Ersatz – da merkt man, wo bei Glance die Talente liegen. Davon ein ganzes Album und die Chance auf weitere Veröffentlichungen wäre vermutlich größer gewesen. Das hat in etwa das Niveau von Frankman, der gleichzeitig auf FM Recordings eine ganze Reihe feiner Deep House 12″es veröffentlichte.

Auch „The Happy People“ kommt ohne Gesang aus, verwendet lediglich ein wenig Spoken Word, und lässt so dem Produzenten genügend Raum, um zu zeigen, dass er auch im Downtempo Eck recht versiert ist. Ein relaxter Hip Hop Beat, ein paar clever verfremdete Samples – ein nicht unspannendes Intermezzo, wie auch „Join Up“, das nicht viel mehr verwendet als einen trockenen Hip Hop Beat, ein paar sehr deep schwingende Orgelakkorde und ein paar Synth Beigaben. Nichts spektakuläres, aber gut produziertes Albumfutter.

Am Schluss ist „Caj“ ist ein weiterer Beweis für die Qualitäten im entspannten Uptempo-Bereich – schon mehr Broken Beats als klassischer Deep House, opulent, aber nicht überfrachtet arrangiert, und erfreulicherweise weiß man hier, die Gesangsbeiträge geschamackvoll einzubauen, zu verfremden und in den Dub Raum zu schicken – schon wird es zwei Klassen lässiger.

House ging gut in Deutschland ums Jahr 2000 herum, und Glance war kein schlechtes Beispiel für das, was damals möglich war. Andere haben es erst einmal ohne Gesangsparts versucht und sind direkter auf die Tanzflächen gegangen – das wäre sicher auch für dieses Projekt keine schlechte Idee gewesen. Respektabel aber allemal.

GLANCE – NEVER IN TIME – STIR15 – STIR15-DLP3 – 6/10

 

hardtonone

Ist das der Mayfield?

Wieder eine von diesen Platten, die es verdient haben, in jeder guten Sammlung vertreten zu sein – und doch irgendwie nicht wirklich weit über den Radar derer hinaus gekommen ist, die ohnehin schon wussten, dass Hardkandy immer gute Alben baut. In diesem Fall sogar ein verdammt gutes. Wenn prominente Rezensionskollegen schon schreiben, dass die Welt mehr davon bräuchte, dann ist das a) richtig und b) ein guter Gedanke.

Wie so manch anderer fing Tim Bidwell mit seinem Projekt Hardkandy im instrumentalen Downbeat Bereich an. Ein wirklich guter, stilvoller Produzent, der es immer wieder schafft, hochwertige Ware für Kopfhörer und Bars zu erschaffen. Auch die nächsten Schritte sind nicht eben ungewöhnlich. Ein bisschen mehr stilistische Bandbreite und, vor allem, die Einbindung von Sängern. Auch hier beweist Bidwell viel Geschmack, indem er zum Beispiel beim Vorgängeralbum Terry Callier ins Studio einlud.

Was aber eindeutig nicht irgend welchen gängigen Abläufen entspricht, ist der Schritt zu diesem Album. Nicht weil Hardkandy zu einem neuen Label gegangen wäre, das passiert schon mal. Aber dass quasi von einer Veröffentlichung zur nächsten die Stilrichtung einfach mal so von qualitativ hochwertigem Downbeat auf eine Mischung aus Soul, Funk, und Blues umgestellt wird und dabei noch ein verdammt gutes Album heraus kommt, das ist dann schon eher selten.

Sicher – die Mischung, die Bidwell hier präsentiert, ist mit dem, was vorher geschah, durchaus noch kompatibel. Trotzdem ist es verblüffend, mit welcher Leichtigkeit, Eleganz und Überzeugungskraft er vom weißen britischen Barsound zu einem Stil kommt, der einen hoffen lässt, dass Curtis Mayfield nie gestorben sei.

Das liegt auch nicht nur an Seany Clarke, der als Gastsänger verdammt nah am großen Curtis liegt, sondern eben auch an Bidwell, der genau das richtige Material dazu liefert. Das geht schon in „Scum“ los, ganz am Anfang, bei dem es richtig schön groovt, so warm und so lässig und so schwarz, dass man sich noch mal anschauen möchte, ob man wirklich die richtige CD in der Hülle hatte. Hier lernen wir auch schon die Eleganz zu schätzen, mit der bei Hardkandy Streicher eingesetzt werden – unaufdringlich, stilvoll, akzentuiert. Fein.

Clarke ist nicht der einzige interessante Gast auf dem Album: Ninja Tunes Fink ist mit dabei, John Hughes mit seiner Querflöte, Simon Little wurde aus Bonobos Live Band ausgeliehen, Laura Vane und Martin Harley singen ebenfalls mit. Das sorgt auch für Abwechslung, die bereits beim zweiten Stück prächtig zum Ausdruck gebracht wird – „Dunks“ ist ein deutlich afrikanisch angehauchter Instrumental- Groover, dessen Streicher auf angenehme Weise an Quantic erinnern.

Aber schon „Overkill“ bringt uns zurück zu Seany Clarke und schönen orgelseeligen Soul-Rückblicken, die einen ernsthaft fragen lassen, warum nicht mehr so funky Zeugs produziert wird. Ohne jede nostalgische Schwärmerei schiebt man bei Hardkandy den Mayfield-Sound ins 21. Jahrhundert. „My Morphine“ siedelt den Sound ein klein wenig näher bei Ray Charles an – auch hier ist mit Martin Harley genau der richtige Sänger am Werk, und der Chorus ist so herrlich eingängig und soulig, dass es einem kleine Schauer den Nacken runter schickt. Die Laune steigt kräftig.

Ganze zwei Instrumentalstücke sind auf dem Album vertreten – und auch der zweite, „Moochin“, ist ein feiner Beitrag. Wie ein stilvolles Intermezzo, das einen von einem Soul Schuppen zum nächsten führt. Oder zurück zum Club Mayfield, bei dem die Band die Akustikgitarre herausgeholt und den kleinen Bläsersatz daneben gestellt hat. „The Others“ ist eine coole kleine Nummer, in der sogar so ein ganz ganz klein wenig ganz früher Prince durchschimmert, mit viel Spielfreude obendrein.

Dagegen ist „Morning Light“ trotz Unterstützung durch Fink und Harley ein etwas weniger starker Moment – etwas vorhersehbar, aber nichts, was einem den Genuss des Albums ernsthaft verleiden könnte. Nett halt. Aber nicht so stark wie das darauf folgende „Elevation“, das mit vielen hübsch lässigen Händen an diversen Gitarren und einem erneut feinen Streicher-Arrangement überzeugt – und einem ebenso starken und eingängigen Chorus.

Für „The Good And The Bad“ geht es rüber in die Blues Bar, in der mit Nikolas Barrell ein weiterer Gastsänger einen sehr weißen, aber durchaus glaubwürdigen Einsatz hat. Dann endlich mal eine Frau am Mikrofon, und kaum hat sie angfangen zu singen, über trockenem, schnörkellosem Drumbeat, da denkt man schon, Moment mal, sind wir hier doch bei Tru Thoughts gelandet? Laura Vane in „Hey Lover“ könnte man glatt als Alice Russell verkaufen.

Zum durchaus krönenden Abschluss kommt noch einmal ein feines Stück Funk auf die Bühne, hübsch entspannt, mit vorzüglichem Bass und einem perfekt begleiteten Seany Clarke. Das ist wirklich vorzüglich. Wie überhaupt die ganze Platte, die wirkt als wäre sie in irgend einem funky Zeitwurmloch aufgenommen worden, in dem sich alles, was Ende der 60er und Anfang der 70er den Soul so richtig fett cool werden ließ, niemals aufgehört hat zu existieren, und die Entwicklung in der Produktionsqualität trotzdem immer weiter gegangen ist.

Eine Platte wie aus einer besseren Welt. Nicht revolutionär besser, einfach nur lässiger, unbeschwerter, cooler, und eine in der Curtis noch lebt. Und der Weg dahin ist denkbar einfach. Insert CD , play, listen, smile.

HARDKANDY – SECOND TO NONE – WAH WAH 45s – WAHCD007 – 8,5/10

archipelago

Ja nicht verstecken

Als Ninja Tune vor Jahren das erste Album des Cinematic Orchestra veröffentlichte, war das ein ziemlich ungewöhnlicher und interessanter Schritt, denn bis dahin war das Wort Jazz bei Ninja Tune eher so etwas, das man auf der Liste der Einflüsse hätte aufzählen können, aber weniger im Repertoire des Labels fand. Es war auch ein erfolgreicher Schritt, wie man weiß, und es folgten noch ein paar weitere interessante Acts wie zum Beispiel Jaga Jazzist und Skalpel.

Im Ursprung ist Tru Thoughts ein sehr mit den Ninjas verwandtes Label. Die Sicht auf das, was gute Musik ist, war schon immer recht ähnlich, die Musiker der Labels schätzen sich von jeher gegenseitig. Bonobo ist so etwas wie die deutlichste gemeinsame Schnittmenge – er fing seine Karriere bei Tru Thoughts an und wechselte dann zu Ninja Tune, veröffentlichte aber noch mal bei Tru Thoughts unter dem Namen Barakas.

Eine weitere Gemeinsamkeit: Bei aller Freude am Bedienen der etwas intelligenteren Tanzflächen pflegt man auch bei Tru Thoughts gern die modernen Formen des Jazz. So wie bei Ninja Tune dafür primär das Cinematic Orchestra zuständig war, stand bei Tru Thoughts Nostalgia 77 im Focus. Es dauerte lange, bis sich eine zweite Kraft neben Benedic Lamdin, dem Chef bei Nostalgia 77, etablierte. Die fand sich dann mit dem Hidden Orchestra, das aus dem Joe Acheson Quartet hervorging. 2010 erschien das erste, überaus gelungene Album des Hidden Orchestra, und 2012 das Album, um das es hier geht, „Archipelago“.

Um aber gleich mal die Dinge in die richtige Perspektive zu rücken: Selbst wenn insbesondere die Schlagzeugarbeit beim Hidden Orchestra die Wurzeln eindeutig im Jazz hat und die Arrangements oft geradezu orchestral sind, gibt es noch eine Fülle anderer Einflüsse, die eine „pure“ Einordnung beim Jazz irreführend werden ließen. Die Verwendung elektronischer Elemente rückt das Ganze auch ein wenig in tanzbare Kategorien oder in die Nähe des Trip Hop, und der Chef der Band, Joe Acheson, hat ein großes Faible für das Verarbeiten von diversen Found Sounds, Ambient Elementen, alten Interviews, eben diversen anderen Soundquellen. Abgesehen davon freut man sich natürlich immer über den Besuch talentierter Gastmusiker – insbesondere Streicher und Bläser.

Dass sich daraus ein Stilmix ergibt, der tatsächlich nicht in wirklich großer Ferne des Cinematic Orchestra liegt, lässt sich an den Fingern einer Hand ausrechnen. Glücklicherweise kommt das Resultat aber auch nie in den Verdacht, als bloße Kopie angelegt zu sein. Zum einen hörbar anders, zum anderen einfach zu gut, zu durchdacht, zu speziell, um nicht originär sein zu können.

Schon die „Ouverture“ – mit über sechs Minuten für eine Ouvertüre recht opulent – beweist das deutlich. Groß angelegt, mit vielen Streichern und Bläsern, einem leicht dramatischen Thema, führt uns das Orchester in die Stimmung des Albums ein, die gegenüber der des Erstlingswerks trotz der Getragenheit weniger düster wirkt. Die etwas positivere Grundstimmung wird dann von „Spoken“ weitergeführt – mit einem Beat, der ohne Probleme so auch bei Amon Tobin hätte verwendet werden können. Trompete wiederum ein wenig früher Nils Petter Molvaer, würde man sagen. Aber auch hier: Das, was das Orchester da komponiert, musiziert, produziert, ist so gut, dass eine mögliche Ähnlichkeit mit noch lebenden oder auch nicht mehr unter uns weilenden Musikern schlicht nebensächlich ist.

Das dann folgende „Flight“ beginnt mit Natursounds und einem Bassthema, einem Harfenspiel, das leicht an Dead Can Dance erinnert – viele perkussive Elemente (man merkt, dass zwei von den Mitgliedern des Hidden Orchestra am Schlagwerk sitzen), Cello, Kaval… Die Instrumentierung ist so reich wie die Bilder, die sich beim Hören des Titels aufbauen – fast möchte man meinen, man sei in einer Aufführung des Cirque du Soleil gelandet, bei der ausnahmsweise mal die Musik nicht den typischen Touch zu kitschig geraten ist.

Auch „Vorka“ weiß mit spannender Komposition und tollem Arrangement für Spannung zu sorgen, und findet mit dem Spiel auf einer Säge ein passendes Element, um der cineastischen Seite des Stückes noch etwas morbides hinzuzufügen. „Hushed“ ist ein verhaltenes, feines, von elegantem Klarinettenspiel durchzogenes Stück orchestraler Erzählung, „Reminder“ ein etwas rhythmischerer Exkurs mit erneut leicht morbiden Zwischenspielen, die wiederum gut zu Amon Tobin oder einer dunklen Version des Herbalizer gepasst hätten, und „Seven Hunters“ lässt fast übervolle Orchestrierung glänzen, die sich fast nur in ihrer Opulenz von der schönen Überzeugungskraft großer Momente des Cinematic Orchestra unterscheidet – und das gleich fast zehn Minuten lang.

Etwas kürzer kommt „Fourth Wall“ daher – fast ein Kurzfilm. Atmosphärisch dicht, wie alles auf diesem Album. „Disquiet“ lässt vom Titel her doch wieder an das etwas schaurig beklemmende Erstlingsalbum denken – und in der Tat sorgen die Streicher gleich für das Gefühl von drohender Gefahr, doch gleich sorgt die Harfe zumindest für Teilentwarnung. „Disquiet“ zeigt schön, wie das Hidden Orchestra arrangiert um zu erzählen, immer wieder Szenen aufbaut, das Bühnenbild wechselt, die imaginäre Handlung weiter führt, den Hörer verlockt, immer weiter zu lauschen und zu erleben.

Das abschließende „Vainamoinen“ ist dann fast mehr ein Epilog als „Ouverture“ eine Ouvertüre war, ein schönes, von vielen Natursounds unterlegtes Schätzchen, das nach den spannenden Geschichten und großen Stürmen am Strand liegen bleibt und einen dafür belohnt, diese schöne und ereignisreiche Vorstellung des Hidden Orchestra besucht zu haben. Noch einmal wird ein feines Thema aufgebaut, angereichert, verziert, mit Kraft und Volumen versehen, auf den Weg geschickt, um uns nach dem Hören des Albums mit einem guten und bereicherten Gefühl wohlbehalten auf dem Sofa abzusetzen.

HIDDEN ORCHESTRA – ARCHIPELAGO – TRU THOUGHTS – TRULP261 – 8/10

 

fila brazillia maim

Immer diese komischen Titel

Fila Brazillia. Was für ein Name. Abgewandelt nach dem Namen einer Hunderasse, immer wieder Grund für Verwirrungen und Verschreibereien, und damit auch irgendwie typisch. Was haben die Herren sich für bizarre Song- und Albumtitel einfallen lassen… Der hier geht ja noch, auch wenn es etwas seltsam anmutet, wenn zwei amtliche Großmeister der Downbeat Musik ein Album „Verstümmele das Stück“ nennen – aller Wahrscheinlichkeit ein skurriler Sound-Alike für „Name That Tune“, der Titel einer berühmten Musikrateshow.

Ist eine etwas skurrile und nicht immer leicht nachzuvollziehende Form von Humor. Ich zumindest habe keinen Schimmer, was der erste Titel dieses Albums mir sagen soll: „Dave Yang & Steve Yin De-Swish T‘ Swish“. Mehr als das Yin und Yang Ding hab ich da nicht kapiert. Aber ist auch egal. Bei instrumentalen Stücken im Downbeat Bereich ist die Wahl des Titels sicher meist eine Frage der momentanen Laune und das Opfer diverser interner Jokes und Wortspielereien. Fakt ist jedenfalls, dass dieses Stück schon ganz gut zeigt, woran die Herren Steve Cobby und David McSherry ihre Freude haben: tiefenentspannte, stilistisch variable elektronische Musik, immer auf exzellentem Produktionslevel, bisweilen auch ein wenig verkopft.

Das ist vermutlich das interessante an Fila Brazillia – sie sind oft auf eine erstaunlich uncoole Art cool. Produzieren reihenweise richtig edle und einfallsreiche Downbeat Hits und sind dabei immer so ein wenig streberhaft und intellektuell unterwegs. „Maim That Tune“ ist dabei vermutlich ihr zugänglichstes und lässigstes Album. Hier finden wir auch einen ihrer bekanntesten Titel, „A Zed And Two L’s“, der einen etwas lechter zu decodierenden Spaß beinhaltet – es ist ein Hinweis zur Schreibweise ihres Bandnamens. Im Kern elektronisch, bietet dieses Stück eine schön warme und vibrierende Synth Bass Line, einen maximal entspannten Beat, der mehrmals im Tempo verdoppelt wird, und – das gibt es nicht oft bei Fila Brazillia – Gesangssamples, in diesem Fall afrikanische. Für 1995 ist das schon ziemlich amtlich – die DJ Kicks von Kruder & Dorfmeister beispielsweise kam erst ein Jahr später auf den Markt und trat den Downbeat Trend eigentlich erst richtig los. Da waren Fila Brazillia schon am dritten Album.

Bei „Leggy“ wird es dann aber schon wieder ein klein bisschen staksig – da arbeiten auch Fila Brazillia mal mit dem allzu simplem breiten Synth Akkordwechsel als Basis – rauf runter rauf, immer wieder. Hier merkt man, dass der Stil noch ein wenig in den Kinderschuhen steckt. Aus heutiger Sicht wirkt es ein wenig wie eine Art Fingerübung. Im Gegensatz zu „At Home In Space“, das ein paar sehr schöne Synth Strings zu bieten hat, die ein bisschen an Nightmares On Wax erinnern, deren „Nights Interlude“ im gleichen Jahr erschien. Ein schöner schwarzer 60er Jahre Beat, ein bisschen Wah-Wah, eine satte Portion Synths und Querflöten – hier zeigt sich, dass die Herren eine ziemlich spannende stilistische Bandbreite aufzuweisen hatten. Zehneinhalb Minuten mit allerhand Intermezzi, Breaks und Schwelgereien – Kino fürs Ohr.

Dann kommt die 1 Meter 80 große Wespe – „6 ft Wasp“. Wohl klar auf den voluminös brummenden Bass Synth bezogen, der schwer verzerrt und in Begleitung eines Rock Beats und Gitarrenlicks daher kommt. Wieder eins von den Stücken, die ein wenig wie eine Übung wirken – das Thema variieren und mit verschiedenen Sounds und ein paar Sprachsamples garnieren – nett, aber nicht wirklich mehr.

„Slacker“ ist dann fast schon im Techno Tempo unterwegs, rein elektronisch, die Sounds teilweise an Kraftwerk erinnernd, ein fast durchweg laufender Drone im Hintergrund, die Bassline wieder richtig weit im tiefen Bereich – und dann ein indischer Percussion Sample, der eigentlich noch mal Tempo machen soll, aber ein wenig fremd wirkt in diesem Arrangement, zumindest am Anfang. Hat man sich ein wenig an ihn gewöhnt und die Aufmerksamkeit mehr auf die diversen Synth Einsätze und Effektspielereien konzentriert, tut er dann aber doch genau das – Dampf machen. Elfeinhalb Minuten treiben sie das Spiel hier – recht generös bemessen. Aber wir wollen fair bleiben – ein Jahr später spült „Trainspotting“ Underworld mit „Born Slippy“ ganz nach oben – ganz so weit sind Fila Brazillia mit diesem Stück gar nicht von Underworld aus der „Dirty Epic“ Zeit gar nicht entfernt.

Aber dann kommt das Downbeat Highlight schlechthin – „Harmonicas Are Shite“. Wieder einmal stellt man fest, dass Fila Brazillia stilistisch ihrer Zeit ein kleines Stück voraus waren, denn die Rhodes Akkorde, die Dubräume, der Beat, die Mundharmonika, der Bass, sogar die Breaks und die verhallten Gitarrenlicks – sämtliche Elemente dieses Stücks finden wir in den Jahren darauf bei den Remixes von Kruder & Dorfmeister wieder. Dieser Titel ist wie ein Bauplan für den „Transfattyacid“ Remix, um mal ein Beispiel zu nennen. Und auch wenn hier Fila mehrfach etwas kopflastig und staksig beschrieben wird – dieser Track ist so arschcool, dass man das mehr als getrost hinnehmen kann.

Sogar den nächsten Titel, den Zirbeldrüsenextrakt, „Extract Of Pineal Gland“. Noch so ein komischer Titel, und wieder ein etwas unlockerer Anfang. Aber wir werden entschädigt. Die Bassline ist fein, der Beat wieder einmal extremst entspannt – selbst wenn man erneut sagen muss, dass es bei einem interessanten Ansatz bleibt, ist das auch nicht weniger spannend als das durchschnittliche Füllmaterial eines Thievery Corporation Albums (deren erster Longplayer übrigens auch erst zwei Jahre nach dieser Scheibe erschien).

Der Abschluss des Albums aber ist in meinen Augen die Krönung, auf eine ganz und gar unerwartete Art. „Subtle Body“ ist, ich kann es nicht anders sagen, gute neun Minuten echte Schönheit. Ein Ambient Track, der mit nichts weiter arbeitet als ein paar leicht variierten Synth Akkorden, unendlich viel Hallraum, einigen meditativen Glockenklängen und ein paar dezenten elektronischen Spielereien. Ich weiß nicht, was Steve Cobby und David McSherry da geritten hat, was sie für Pilze gegessen haben, aber bei mir wirkt es Wunder. Seit Jahren hole ich dieses Stück immer mal wieder hervor und betreibe damit neun Minuten musikalische Meditation. Egal, was der Tag dir an Unbill gebracht hat, „Subtle Body“ lässt es in der Tiefe des Hallraums sich selbst auflösen. Auch das bietet dieses Album – ein großes Stück Ambient.

In vielerlei Hinsicht ist „Maim That Tune“ ein wegweisendes Album, dessen Weitsicht nicht jedem offenbar wurde. Aber für einen richtig lässigen Abend in der Bar ist zum Beispiel „Harmonicas Are Shite“ immer noch gut zu gebrauchen. Und nicht vergessen – ein Z und zwei Ls.

FILA BRAZILLIA – MAIM THAT TUNE – PORK – PORK 027 – 7,5/10

Lee-Konitz-Alone-Together

Three Kings

Es ist ein gutes Zeichen, dass ich bei diesem Album unweigerlich zu reflektieren beginne, wie ich im Laufe meines Lebens in der Liebe zur Musik immer näher an den Jazz heran gekommen bin, es betrachte, einordne. Und es ist auch ein gutes Zeichen, wenn ich am Anfang einer Rezension deutlich spürbare Sorge erlebe, dem Thema gerecht zu werden. Ich bin kein Musiker, und immer wieder geistert dieser Gedanke durch meinen Kopf, dass ich ein richtig guter Musiker sein müsste, um ein Album wie dieses seinem Niveau entsprechend zu beschreiben.

Aber dann höre ich es noch mal und denke – nein, das ist Quatsch. Die drei Herren haben dieses Album nicht für Musiker gemacht. Keiner wird sich hinstellen und sagen, nein, du bist nicht qualifiziert genug, um dieses Album zu lieben. Und im Falle von „Alone Together“ würde ich sogar wagen zu behaupten, dass vieles von dem, was es so besonders macht, eben nicht nur für den ausgebildeten Musiker erklärbar ist, sondern auch für den liebenden Laien spürbar.

Als Konitz, Haden und Mehldau zusammentrafen, um für dieses Album gemeinsam zu spielen, war Konitz, so heißt es, ein wenig vorsichtig, im Bezug auf Brad Mehldau. Er kannte ihn nicht, sie hatten noch nie zusammen gespielt, und Konitz sagte, dass er nie so schnell spielen könne wie ein Pianist. Dass Mehldau aber schon bald angefangen habe, sein Spiel zu verändern, um auf Konitz einzugehen, eine gemeinsame Ebene zu finden.

Für mich ist das etwas, das man diesen Aufnahmen auch anmerkt. Dass die drei einander zuhören, auf einander hören, schauen was da passiert, es aufnehmen, annehmen, verarbeiten, drauf eingehen, damit spielen. Und auch, dass es da keine großen Allüren gibt, keine Angebereien, kein Kämpfen oder Effekt haschen. Man hat fast ein wenig das Gefühl, dass es Brad Mehldau gut tut, mit zwei Legenden zu spielen, die zumindest sein Vater sein könnten, im Falle von Konitz sogar durchaus der Großvater. Konitz gibt vor, Mehldau nähert sich, begleitet, wagt sich vor, trägt bei – es tut ihm gut, ohne Zweifel.

Was dem Trio auch sehr gut tut: Es ist kein Schlagzeuger dabei. Nicht dass ich etwas gegen Schlagzeuger hätte, ganz gewiss nicht. Aber in diesem Fall gibt es dem ohnehin recht befreit und inspiriert aufspielenden Trio noch mehr Freiheit, und auf interessante Weise ist das abwesende Schlagzeug so etwas wie die Abwesenheit des Metronoms, einer Form von Zwang, eines mahnenden Antriebs. Man könnte sagen, dass sie so spielen, dass ein Schlagzeug fehl am Platze wäre – oder eben dass sie die Abwesenheit des Schlagzeugs in vollem Maße nutzen.

Das ist insofern beeindruckend, als dass es für diese Session keinen konkreten Plan gab. Konitz hat einfach Titel angesagt, und das Trio hat losgelegt – ohne dass man sich da groß abgesprochen hätte. So erklärt sich auch ein wenig die Auswahl der Titel, die nicht unbedingt besonders einfallsreich oder ungewöhnlich wäre. Es sind Standards. „Alone Together“, „What Is This Thing Called Love“, „‚Round Midnight“ – wäre nicht das Ergebnis so großartig, würde mancher zickige Connaisseur sich genötigt sehen, eine Augenbraue nach oben zu ziehen.

Aber so… Kritik nicht denkbar, beim besten Willen nicht. Der Einfallsreichtum, die Lebendigkeit, die große Klasse, die offensichtliche Freude am sich zuhören und entdecken machen jedes der sechs Stücke zu einem selten großen Genuss. Es lebt eine schöne Balance in diesem Trio, zwischen den drei Protagonisten und ihren Fähigkeiten, die – da muss ich mich einfach wiederholen – durch die Abwesenheit des Schlagzeugs offen gelegt wird.

Wer nur ein ganz klein wenig Freude am Jazz hat, wird schon im ersten Stück „Alone Together“ unweigerlich zum lächelnden Liebhaber. Mit viel Behutsamkeit spielen die drei sich hinein in den Abend, gewöhnen sich aneinander, bis es Zeit ist, den Solisten Raum zu geben, den Brad Mehldau sehr zu nutzen weiß. Eben noch fast zaghafter Begleiter von Lee Konitz, spielt er im nächsten Moment ein Solo, von dem man glaubt spüren zu können, dass es von Konitz beeinflusst ist, ohne dass dieser eingreift, sondern nur weil er auch auf der Bühne ist. Und als Konitz dann nach dem Solobeitrag von Haden zum Instrument greift und kurz mit Mehldau improvisiert, wird deutlich, dass an diesem Gefühl wohl auch etwas dran ist.

„The Song Is You“ zeigt erneut, wie gut das warme und zugleich entspannte und präzise Bassspiel von Charlie Haden der Soloarbeit von Brad Mehldau tut – ich kann mir nicht helfen, aber irgendwie ist Mehldau mir auf diesen Aufnahmen ein ganzes Stück sympathischer als auf vielen seiner – nichtsdestotrotz großartigen – Art of the Trio Aufnahmen. Ähnliches gilt für „Cherokee“, in dem Mehldau seine Mitspieler schon einmal etwas mehr herauszufordern scheint, was Haden und Konitz eher dankbar aufnehmen als dass es sie irgendwie überraschen könnte. Brad kann machen, was er will, und man glaubt zu spüren, dass die Leichtigkeit, mit der seine Mitspieler auf ihn reagieren, ihn ein klein wenig befreit, einen Hauch ungezwungener und der Freude hingegeben sein lässt.

Spätestens bei „What Is This Thing Called Love“ hat man den Eindruck, dass die drei nicht erst seit ein paar Stunden zusammen musizieren, sondern schon seit Jahren. Klar, ist ein Standard, das macht es sicher leichter – und doch ist gerade hier das Spiel zu dritt am elegantesten, am harmonischsten. Und wieder freut man sich, wie Haden es schafft, dem meist unterstützenden, Halt gebenden Spiel eine Präsenz zu geben, die fast verblüffend ist. Ein warmer Boden aus Spielfreude, auf dem sich Mehldau hier ganz besonders wohl zu fühlen scheint. Wirklich wunderbar, und man hört die Verzückung des Publikums am herrlich abrupten Ende seines Solos – sie gilt definitiv nicht nur Mehldau, sondern auch Haden, der direkt danach ein weiteres seiner luftigen, vibrierenden und unaufgeregten Soli spielt.

Die fast dreizehnminütige Version von „‚Round Midnight“ ist – wie sollte es auch anders sein – ein weiterer Beweis für die besondere Art, in der bei diesen Aufnahmen die drei Musiker aufeinander hören und sich gegenseitig entdecken. Mehldau gibt Haden hier einmal sehr viel mehr Raum, begleitet ihn fast nur, lässt ihn vibrieren, auch das ist ein schönes und interessantes Erlebnis. Am Ende ist „You Stepped Out Of A Dream“ ein fast schwärmerisches Fazit dieser Begegnung. Leichtfüßig, fast fröhlich bewegen sich die drei in diesem Klassiker, offensichtlich bester Laune.

Dieses Album gehört zu denen, die einen dankbar sein lassen, dass man sich dereinst entschieden hat, eine ordentliche Anlage zu kaufen, auf der man so schöne Musik wie diese wirklich würdigen kann. Ich persönlich hätte es noch schöner gefunden, wenn das gute Stück auch als Schallplatte zu erwerben wäre, durchaus auch wegen des schönen Covers in bester Blue Note Tradition. Und es gehört zweifelsohne zu den Alben, die einen dazu ermahnen, so oft es geht ins Konzert zu gehen. So etwas ist nur noch dann schöner, wenn man es direkt erlebt. „Alone Together“ macht sehr viel Freude. Man möchte sich nach dem Hören bedanken. Das sagt alles.

LEE KONITZ, CHARLIE HADEN, BRAD MEHLDAU – ALONE TOGETHER – BLUE NOTE – 724385715020 – 10/10