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vistalevie

Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein

So oft erlebt, so oft bedauert – zwei talentierte Musiker finden zusammen, kombinieren ihre Fähigkeiten, produzieren ohne großen Erfolgsdruck ein erstaunlich gutes Album, nur um dann wieder getrennte Wege zu gehen und in der Versenkung zu verschwinen. Dass das dann auch noch auf einem Label geschieht, das Innovation wie kaum ein anderes verkörpert, nämlich Laurent Garniers F-Communications, macht es noch um so bedauernswerter.

Vista Le Vie, ein Produzentenduo aus Frankreich, hat außer zwei Mini-Alben, die vor dieser LP entstanden, nichts weiter veröffentlicht. Und wenn man sich die Suchresultate anschaut, die Google zu diesen beiden Herren anbietet, haben sie auch sonst keine großen Spuren in der Musikgeschichte hinterlassen. Schaut man sich die liebevolle und aufwändige Covergestaltung an und vergegenwärtigt sich, mit wie viel Hoffnung die Veröffentlichung dieses Albums verbunden gewesen sein muss, dann ist das richtig schade.

Selbst wenn ich noch tausend weitere Rezensionen schreiben würde – ich könnte nicht erklären, warum so eine Formation wie Vista Le Vie nicht zumindest noch den Weg zum zweiten Album hätte schaffen sollen. „A Futuristic Family Film“ ist richtig gut. Das ist anspruchsvolle, hochwertig produzierte Musik, mit einer Fülle wirklich guter Ideen – und doch blieb diese Platte weitestgehend unentdeckt.

Stilistisch ist der futuristische Familienfilm ein spannendes Gemisch elektronischer Downbeat Spielarten, mal etwas poppig, mal ein wenig Trip Hop infiziert, durchaus hier und da ein wenig nach Jazz duftend, oder nach Filmmusik – eine Mischung, die nicht nur gut funktioniert, sondern auch durchweg überzeugt. Dazu werden auch noch richtig gute Geschichten erzählt, stimmig inszeniert und mit großem Können produziert.

In „Crime In Stereo“ zum Beispiel erzählt Gaststar Black Sifichi von einem, der auszieht, eine Handfeuerwaffe zu erstehen, dringend braucht er sie, fühlt sich erst sicher, wenn er sie hat, will durch die Straßen ziehen, um sie irgendwo zu kaufen, will über Verbrechen lesen, am besten Verbrechen, die er selbst begeht. Und dann hat er sie, gute vier Stunden später, überlegt sich, wen er erschießt, wessen Verschwinden er im Fernsehen verfolgt, wenn die Nachrichten darüber berichten. Erinnert ein wenig an die paranoiden Monologe von MC 900 ft. Jesus, auch stilistisch.

Noch lässiger wird es im Anschluss in „For You (And You)“, eine Art poetische Erzählung über eine Unterhaltung mit Gott zum Thema Rhythmus, vorgetragen von Ishmael Reed, begleitet von einem entsprechend göttlich entspannten Sound – das ist richtig gut geschrieben, toll produziert, und hat Tonnen von Stil. Das ist eine wirklich tolle erste Seite dieses Albums, auch wenn mich persönlich das poppige „First Class“ am Anfang nur bedingt überzeugt.

Auf der zweiten, überwiegend instrumentalen Seite zeigen die beiden Produzenten, dass sie auch noch richtig gute Musiker und Arrangeure sind. „Refuse, Resist“, das in gleich zwei Teilen serviert wird, ist spannend und stimmig, im zweiten Teil sogar virtuos, und das dazwischen platzierte „That Strange Rhythm“ ist von fast lasziver Langsamkeit, perfekt begleitet von entsprechend verführerisch drauf gehauchten Texten einer gewissen Barbara Silverstone – auch sie hat neben diesem Auftritt kaum weitere Veröffentlichungen vorzuweisen. So etwas wie das Leitmotiv dieses Albums.

Für „Seven Thousand And Three Hundred Days“ haben Grand National vorbeigeschaut und erinnern in ihrer Performance direkt ein wenig an Big Audio Dynamite, nur ein Stück verträumter und fragiler, dafür aber mindestens ebenso cool. Und wieder stellt sich die Frage, wie es möglich ist, dass so ein Album verschmäht wird. Auch das verhaltene, fein elektronische „Tanzanite“ kann keine Begründung sein, so behutsam , wie es von stiller Unscheinbarkeit zu leicht vertrackter rhythmischer Kraft geführt wird, von einem Hauch Exotik durchzogen.

Für „A Curse She Cannot Win“ kehrt Frau Silverstone wieder ans Mikrofon zurück, eine Geschichte von unerfüllten Wünschen nach etwas, das nicht so ist wie die Dinge, die immer so sind, wie sie eben sind. Nicht sehr beglückend, und nicht eben der Höhepunkt dieses Albums. Dafür entschädigt uns „Cascade“ zum Ende des Albums mit raffinierter Rhythmik und stilvoller Instrumentalarbeit.

Nee. Das ist wirklich viel zu gut, als dass man den beiden Herren hätte sagen müssen, dass sie wieder nach Hause gehen mögen. Vielleicht hat die Marketingabteilung der Plattenfirma grad Sommerferien gehabt, wer weiß. Das Internet gibt da keine Antwort drauf. Wir trösten uns damit, dass dieses Album sehr gelungen ist und stellen uns einfach vor, dass Vista Le Vie ein lausiges zweites Album gemacht hätten und es so einfach besser ist. Hilft nur bedingt, ich weiß.

VISTA LE VIE – A FUTURISTIC FAMILY FILM – F COMMUNICATIONS – F 223 DLP – 8/10

unklepsy

Der große Wurf, aus dem Ärmel geschüttelt

Im Grunde könnte ich mein Urteil über dieses Album in einen kleinen dürren Satz mit einer simplen Aufzählung kleiden. Dieses Album besitze ich als Download, als CD und nicht weniger als drei Mal in Form von Vinyl. Aber das wäre nicht in Ordnung. „Psyence Fiction“ verdient eine ordentliche Lobhudelei. Auch wenn sie heute vielleicht einen Hauch weniger jubelnd ausfällt als damals, als ich das Album zum ersten Mal erstand.

Die Vorgeschichte ist, kurz gefasst, schon ziemlich legendär. James Lavelle gründete mit Mo‘ Wax das Label, das den Trip Hop Trend lostrat und für eine Weile so ziemlich zum Epizentrum musikalischer Innovation wurde. Einer seiner ersten Stars war DJ Shadow, sozusagen die ausführende Kraft bei der Erfindung des Begriffs Trip Hop, auf der Basis zweier 12″es und einer Nachricht auf James Lavelles Anrufbeantworter.

Lavelle, der ein Faible für wuchtigen Stilmix und dicke Produktionen hatte, erkannte schnell, dass seine Vorlieben großartig mit DJ Shadows legendärem Riecher für großartige Drum Loops und effektvolle Sample Collagen zusammenpasste. Und so lud er den guten Josh ein, mit ihm zusammen das erste UNKLE Album zu produzieren. Dann ging er mal kurz durch sein kleines rotes Büchlein mit den Telefonnummern berühmter Musikanten, fand ein paar illustre Gäste – fertig waren die Grundlagen für „Psyence Fiction“.

Jedenfalls so ungefähr. Tatsächlich hat es mehrere Jahre gedauert, bis dieses Album endlich fertig war, teilweise an der Westküste und teilweise in London produziert, und auch die Liste der musikalischen Gäste aus der Planungsphase hatte letztendlich nichts mit den Beteiligten am fertigen Album zu tun. Aber egal. Was zählt, ist das Resultat – und das kann man eigentlich nur dann nicht sonderlich gut finden, wenn man James Lavelle nicht leiden kann. Und das soll öfter vorkommen.

Wir hingegen halten uns von derartigen Anwandlungen fern. Zumindest mal fürs erste. Bleiben wir bei den Fakten. Beim Album. Sieht man es als Ganzes, ist es so etwas wie eine Sammlung all dessen, was man in den Neunzigern irgendwie toll fand, musikalisch. Da ist ein bisschen Electro, einiges an britischem Rock, ordentlich Hip- und Trip Hop, da sind klagende Sänger, bellende Rapper, sägende Gitarren und endlos viele Samples.

Den Start macht „Guns Blazing (Drums Of Death Part 1)“, in dem gleich der erste Gast seine Visitenkarte abgibt – Kool G Rap. Keiner der ganz berühmten Rapper, aber dafür einer von den richtig guten. Und so ist dieser Opener auch das beste Beispiel dafür, was entstehen kann, wenn Lavelles und DJ Shadows Fähigkeiten mit denen des Gaststars verschmelzen, wenn die Beats und der Rap perfekt miteinander harmonieren und die Stimmungen der Samples und elektronischen Begleitungen zum Rhythmus, zur Betonung, zur gefühlten Botschaft des Rappers passen. Satt, konsequent, atmosphärisch dicht, allenfalls aus heutiger Sicht ein wenig überladen. Trotzdem. Fett.

Es wird schnell klar, dass Shadow, der mit „Endtroducing“ knapp zwei Jahre vor diesem Album sein absolutes Meisterwerk abgeliefert hatte, auch auf „Psyence Fiction“ für den Löwenanteil der Kreativität und produktionstechnischen Qualität hatte. Man muss nur einmal im Internet nach einer Liste der von ihm verwendeten Samples suchen und sich die dann mal genauer anschauen – da ist einfach nichts unmöglich, und das Resultat ist zumindest Mitte bis Ende der 90er faszinierend. Oder man schaut sich einfach nur auf dem Album die Music Credits an – da steht fast durchweg nur „DJ Shadow“.

Beim zweiten Titel, dem „Unkle Main Title Theme“, wird man so auch eher an „Endtroducing“ erinnert als an irgend etwas, das James Lavelle produziert hat – allenfalls die sehr präsente Gitarre erinnert daran, dass Lavell schon 1998 ein Faible für Rockmusik hatte. Das verstärkt sich noch bei „Bloodstain“, ein etwas düsteres Werk, in dem die damals eher halbbekannte Alice Temple als Gastsängerin auftritt. Shadow legt den idealen Drumbeat drunter, glänzt mit kreativen Breaks, ein verzerrtes Gitarrensolo erledigt den Rest. Auch hier stimmt einfach die Atmosphäre – man kann Frau Temple für nur relativ überzeugend halten, zum Songkonzept passt ihre Performance allemal.

Und dann legt der Shadow wieder so einen monströs geilen Drum Loop hin. „Unreal“ ist genau das, zumindest im Bezug auf die Drum Samples und deren Bearbeitung – einfach unreal. Dazu ein paar dräuende Synthesizer und ein runtergesampeltes Gitarrenriff, ein Arrangement, das Minute für Minute dichter und packender wird, zwischendurch immer mal die Stimmung wechselt, mit tiefen drohenden Streichern mahnt, ein paar exzellente Breaks noch on top – auch hier fühlt man sich auf erfreuliche Art und Weise an die packendsten Momente von „Endtroducing“ erinnert, in denen DJ Shadow es so unvergleichlich schafft, mit der Spannung in seinen Stücken wie in einer Choreographie zu spielen.

Auftritt Richard Ashcroft. Der war damals schwer angesagt. Ganz große Nummer, The Verve waren so für zwei Jahre ganz hoch im Kurs. Und es war auch so ein wenig die große Zeit der britischen Rocksänger, die so schön wehklagend intonieren konnten. Ideal für „Lonely Soul“, in dem er schön oft „God knows you’re lonely souls“ singen kann, auch hier von großartigen Drum Loops unterstützt, von schwer emotionalisierenden Streichern, dramatischen Orgelthemen und allerhand Effekten. Und dann dieses endlos lange Break, das bei etwa fünf Minuten einsetzt, teilweise nur das Steicherthema variiert, fast bis ins konzertante, filmmusikalische. Was immer DJ Shadow da geritten hat, es war eine feine Idee, und das Wiedereinsetzen der Drums mit Streichern und Ashcroft ist durchaus eine Gänsehaut wert. Pathetisch? Ja. Aber eben auch echt gut gemacht.

Das ist überhaupt eine der Stärken dieses Albums – es wird teilweise echt dick aufgetragen, und es werden durchaus ein paar ebenso dicke Klischees verbraten, es wird sich hemmungslos bei allem bedient, von dem man weiß, dass es wirkt. Aber eben weil es in der Ausführung exzellent ist, kommt keine negative Stimmung auf.

Zumal dann eh die Gitarren einem die Birne vollschrammeln, bei „Nursery Rhyme“ – kompromisslos nach vorne gemischt, fast bis zur Verzerrung. Das geht ins Ohr, sozusagen. Der damals auf dem aufsteigenden Ast emporsingende Badly Drawn Boy singt zur krassen Begleitung, und komplett mit Refrain und feinem Drum Loop ist selbst dieses brachiale Werk so etwas wie ein Stück Popmusik. Und am Ende darf James Lavelle auch mal was machen. Keuchen.

Krasser als zum nächsten Stück kann der Wechsel kaum sein – wieder mächtig breite Streicher, dieses Mal auf einem Beat, der fast vom ollen Bambaataa stammen könnte. Eine interessante Kombination allemal. Synth Horns übernehmen, und irgendwie wirkt das wie so eine Mischung aus Kampfstern Galaktica und Früh-80er Electro Jams. Prompt kommt ein dicker fetter Newcleus Sample rein geschwappt, ein dicker Synth Bass, der erstaunlich gut zu den Streichern passt – „Celestial Annihilation“ hätte horrender Kitsch werden können, und ich würde mich nicht wundern , wenn manche dieses Stück auch so einstufen. Ich neige eher dazu, dem Experiment ein erstaunliches Gelingen zu attestieren.

Noch ein krasser Schnitt, zurück in den Hip Hop von Shadow und Lavelle – mit Gastrapper Mike D von den Beastie Boys. „The Knock (Drums Of Death Part 2)“ ist definitiv anarchischer, radikaler, beastiger als der erste Teil. Hier werden fröhlich die Beats und die Vocal Tracks zerhackt, hier knarzt Metallica Bassist Jason Newsted mit nem offensichtlich hoffnungslos übersteuerten Bass im Hintergrund rum – das haut rein.

Das bunte wilde Treiben führt uns dann zu „Chaos“, von und mit einer sonst nicht weiter bekannten Sängerin namens Atlantique – sie singt so naiv und pseudo-unbeholfen wie einst das Mädel in „The Party“ an der Seite von Peter Sellers – begleitet von ein wenig Gitarre und ein bisschen Beckengeschubber. Und einer Hupe, irgendwo zwischendrin. Mir ist nicht klar, was dieses Stück soll – so wenig, wie sie hier rein passt, die gute Atlantique, könnte man meinen, dass James Lavelle sie irgendwie putzig fand. Oder so. No more lullabies singt sie gegen Ende. Hätte man sich zu Herzen nehmen können, bevor sie ins Studio ging.

Aber egal, wir werden danach aufs allergrößte entschädigt. „Rabbit In Your Headlights“. Mit Thom Yorke in einer seiner wohl beeindruckendsten gesanglichen Darbietungen. Und wieder hat man das Gefühl, dass die Stimmung, die Intonation, das Thema – alles, was Yorke mitbringt, auf perfekte Weise von DJ Shadow aufgenommen wurde, der dann das ideale Arrangement, die genau richtigen Samples, eben einfach die perfekte Musik und Inszenierung dafür gefunden hat. Da greift alles ineinander, verschmelzen alle Elemente zu einem Erlebnis. Und spätestens, wenn man das unfassbar intensive Video zu diesem Stück gesehen hat, weiß man, dass man diese Perfektion noch eine Stufe weiter treiben kann.

Allein, wie in der Mitte des Stückes plötzlich die Drums förmlich explodieren und Thom Yorke seiner Stimme in vollem Umfang Ausdruck verleiht, kann einen fassungslos machen. Ebenso wie der Moment, an dem all dies abrupt angehalten wird und dem Piano Thema weicht – das Arrangement, man kann es nicht anders sagen, ist großartig.

Ja, es gibt gute Gründe, James Lavell nicht zu mögen. Vieles von dem, was er macht, leidet darunter, dass er sich irrsinnig wichtig nimmt, und noch mehr darunter, dass er irgendwie immer so den Eindruck zu machen scheint, als hätte er was irrsinnig wichtiges zu sagen, und doch ist in vielem von dem, was er nach diesem Album gemacht hat, nur richtig viel Betonung und wahnsinnig wenig Inhalt. Es ist bezeichnend, dass DJ Shadow nach einer Runde mit Lavelle bei UNKLE den Hut nahm und lieber allein weiter machte.

Aber für dieses eine Album hat es einfach gepasst. Fulminant sagt man gern, bei so einer Scheibe. Tatsächlich steht sie ziemlich allein da in der Welt der populären Musik, es gibt nicht wirklich viel vergleichbares, außer dem, was die beiden einzelnen Hauptdarsteller sonst so gemacht haben, und das auch nur bedingt. „Psyence Fiction“ ist tatsächlich ziemlich einzigartig, und das kann man nur von sehr wenigen Alben sagen.

UNKLE – PSYENCE FICTION – MO WAX – MW 085S – 9/10

 

visitvenus

Mein Papa war Musiker bei der NASA

Es gibt Platten, bei denen merkt man erst sehr viel später, wie gut sie eigentlich waren. Denn das tragische an Musik, die ihrer Zeit voraus ist, liegt logischerweise darin, dass sie in ihrer Zeit oft nicht als zukunftsweisend erkannt wird, sondern erst, wenn ziemlich viel von der Zukunft verstrichen ist. In diesem Fall fast 20 Jahre. Aus dem Jahr 2014 betrachtet ist „Music For Space Tourism“ eine ziemlich erstaunliche Platte.

Dazu passt die Geschichte, die zu diesem Album gehört. Die beiden Köpfe hinter dem Namen Visit Venus, Mario Cullmann und Mario von Hacht, erklären uns allen Ernstes, dass ihre Väter bei der NASA gearbeitet haben, um dort Musik zu komponieren, die den Passagieren einer Reise zur Venus zu Gemüte geführt werden sollte. Die beiden Marios haben dann die geheimen Bänder dieser Aufnahmen gefunden und daraus dieses Album erstellt.

Dass diese Geschichte nicht als kompletter Blödsinn rüber kommt, sondern von manchen Rezensenten sogar für nicht total unmöglich gehalten wurde, spricht zum einen für die Erzählkunst der Protagonisten, zum anderen aber deutlich für die Qualität dieses Albums. Tatsächlich ist diese Platte ein erstaunliches Frühwerk des Downbeat Genres. Es erschien ein glattes Jahr vor der berühmten Kruder & Dorfmeister DJ Kicks, und ein weiteres Jahr, bevor Mo Wax DJ Shadows „Lost & Found“ veröffentlichte – also noch bevor auch nur der Begriff Trip Hop existierte.

Nicht dass man die Musik auf diesem Album als Trip Hop bezeichnen würde, aber der Grundgedanke ist ähnlich – man holt sich lässige Hip Hop Beats von der Straße und bereitet sie für die Lounge auf – oder eben für den Flug zur Venus. Und so machen Mario und Mario eben nicht Music For Airports, sondern Musik für den Raumtourismus.

Boarding findet in Brooklyn statt – auch ne ziemlich interessante Wahl, denn 1995 war Brooklyn noch echt verrucht. „Brooklyn Sky Port (Departure)“ schiebt gleich mit einem absolut klassischen Hip Hop Beat los, lässt den Beat weit im dumpfen Hintergrund den Coolness-Faktor um einiges steigen, während diverse hübsche Keyboard Sounds genau die richtige Mischung aus Weltraum und Entspannung erschaffen, die es braucht, um sich auf die nicht eben kurze Reise Richtung Venus einzustimmen. Ein sehr eleganter Begrüßungscocktail ist das.

Auch bei den Titeln zeigt man viel Kreativität – denn kaum fliegt das Raumschiff an unserem kleinen Erdtrabanten vorbei, hören wir auch schon „First Man On The Moog“, das natürlich mit einer tief knarzenden Moog-Bassline glänzt. Wieder feine Beats, dazu ein bisschen clever gesetzte Bläser-Muzak-Einwürfe wie frisch aus den späten 60ern in die Zukunft gebeamt, ein bisschen feiner Orgel Sound – es ist kein sehr reichhaltiges Buffet, hier wird recht gerade durcharrangiert, aber trotzdem ziemlich cool.

Dann folgt, fast logisch, „One Step Beyond“. Noch mal ein bisschen auf die Tempobremse gedrückt und mit ein paar Soundschnipseln und etwas Orgel- und Vibraphonspiel der Beat garniert – allenfalls wird hier das Spiel ein klein wenig zu einseitig, als dass es über sechs Minuten gebraucht hätte. Und schon müssen wir uns den ersten Passagieren widmen, die unter speziellen Reisesymptomen leiden – „Stellarphobia“. Ihnen verabreichen wir eine Portion beruhigende Rhodes Akkorde, und einen extrem Trockenen Beat-Cocktail, und schon hören wir in der Tiefe des Raums die Chöre singen.

Was keiner wusste: im Weltraum sind mächtig coole Leute unterwegs. Wer hätte gedacht, dass man mit „Shaft In Space“ reisen würde? Prompt erklingen typische Blaxploitation Themen über Hip Hop Beats, und Gefahr andeutenden Orgelakkorde – aber alles locker, Shaft ist auf Urlaub, keine fiesen Gangster an Bord. Trotzdem, ein wenig sicherer fühlt man sich schon.

Ziemlich üppig haben sie es grooven lassen, die Marios. Drei gut gefüllte LPs und jeweils richtig ausgedehnt arrangierte Stücke, bis zu knappen neun Minuten, wie bei „Zoom“. Da sind wir auch schon im Anflug auf die Venus – feines Glockenspiel kündigt die Landephase an, während die plüschige Bassbegleitung und das dezente Schlagzeug einen noch mal in die behaglichen Raumgleitersessel hinein räkeln lässt. Querflötenmelodien begleiten einen in die Atmosphäre hinein – gleich setzen wir auf dem Spacepad auf. Zeit für ein paar Tage Entspannung kurz vor der Sonne.

Und da sind wir auch schon, im „Venus Beach Resort“. Lateinamerikanische Gitarrenklänge deuten an, dass die Copacabana eigentlich auf der Venus liegt, die Beats sind auch ein klein wenig gebrochen, was allerdings beim recht gemächlichen Tempo des Titels nicht so richtig funktioniert. Sieht so aus als müsse am nagelneuen Resort noch ein wenig gearbeitet werden, da passt noch nicht alles zusammen. Einem Passagier scheint es aber mächtig gut gefallen zu haben auf dem fernen Planeten. Auf dem Rückflug murmelt man am Checkin „One Passenger Lost“. Und so sucht eine einsame Trompete im Raum nach dem Passagier, feine Synthesizer Peiltöne werden ausgesandt, während die übrigen Passagiere in der Lounge warten, bei trockenen Beats aus den Boxen und Intercom-Klingeln vom Check-in-Schalter.

Wir lassen den Passagier auf der Venus und gönnen dem jungen Copiloten beim Abflug noch einen „Orbital Workshop 2“ – er scheint der Second Man On The Moog zu sein, wenn man sich so die brunzende Bassline anhört. Aber er macht seinen Job ganz gut, zielsicher steuert er das Raumschiff in die Umlaufbahn, und dann im richtigen Moment wieder hinaus in den Raum, zurück zur Erde.

Landeanflug. Noch ein kleiner Schlenker über Manhattan, „Harlem Overdrive“ genannt. Viel Stereoeffekt mit feinem Orgelsound, ein wieder einmal ausgesucht elegantes Bass Thema, verhallte Piano Akkorde, Vibraphon, und ein Hauch von Jazz im Schlagzeug – der Anflug auf den Spaceflughafen ist durchaus stilvoll und bietet feine Aussichten.

Und schon sind wir wieder da. „Home“. So ein Urlaub vergeht doch immer viel zu schnell. Ein etwas wehmütiges Saxophon deutet an, dass man gern noch eine Woche dran gehängt hätte, aber dann geht es schon wieder auf die Straße, begleitet von einem Drumbeat, der auch der Thievery Corporation gut zu Gesichte gestanden hätte. Keyboard Stabs zeigen, dass es auf dem Highway etwas hektischer zugeht, aber der Erholungseffekt der Tage auf der Venus hält zum Glück noch vor. Kleine Flashbacks erinnern an heiße Nächte und lässige Stunden an der Hotelbar – da fahren wir ganz gewiss wieder hin.

Freunde des Vinyls werden dann noch mit einem wirklich passenden Bonus Titel belohnt: „Apres Sky“. Noch ein extrem trockener Beat, ein tiefes sattes Saxophon und jede Menge hübsche Orgelsounds, dazu ein schwer cooles Bläserthema und lässige Gitarren – ganz offensichtlich gönnt man sich am Ankunftstag noch einen abendlichen Cocktail und lässt die Ferien elegant ausklingen.

Mario und Mario haben uns auf eine wirklich souveräne und wegweisende Reise geschickt, damals, 1995. Aber nicht nur im historische Zusammenhang ist „Music For Space Tourism Vol. 1“ ein richtig gutes Album – man kann sicher auch heute mal den einen oder anderen Titel in das ausgesuchte Bar Set legen und die Leute grübeln lassen, woher der Titel wohl stammen mag. Da kann man dann lächelnd „Von der Venus“ sagen. Hat doch was.

VISIT VENUS – MUSIC FOR SPACE TOURISM VOL. 1 – YO MAMA – YO 0910-1 – 7,5/10

uwor

Nichts für Fans. Oder eben doch.

Das Problem mit Underworld Fans ist, dass viele von ihnen wirklich reine Underworld Fans sind. Wenn es nicht hemmungslos klopft und kein Karl Hyde zu hören ist, dann ist das doof. Aber gut, das ist beim Fan-sein eh immer das Problem – man begrenzt sich bewusst auf ein Thema, eine Spielart, einen Verein, eine Person. Und generiert damit in der ungesunden Konsequenz automatisch Feindbilder. Man schaue sich nur viele von den Reaktionen der „leidenschaftlichen“ Underworld Fans auf diese CD an. Unverständnis, Enttäuschung, Entfremdung.

Da steht schließlich Underworld drauf! Hallo? Und dann drückt man auf Play und dann kommt da so Jazz Kram. Rockt so gar nicht. Ich hatte mal das unverschämte Glück, ein Interview mit den beiden Herren führen zu dürfen. Selten habe ich mit so höflichen, neugierigen, respektvollen, musikalisch breit interessierten und klar denkenden Musikern gesprochen. Man hatte mich unter anderem gebeten, sie nach ihren fünf Lieblingsplatten zu fragen. Eigentlich mag ich so etwas nicht, es ist so eine lahme und vorhersehbare Frage. Aber sie fanden es prima. Nur zu gern.

Nicht weiter überraschend: Das Ergebnis waren fünf Alben aus fünf verschiedenen Musikrichtungen, ein paar Klassiker, ein paar ganz nagelneue Sachen. Kraftwerk, King Tubby, Jazz, wirklich bunt. Bei King Tubby fiel ihnen partout nicht der Titel des Albums ein. Kurz mal bei Darren Price angerufen und gefragt. Der wiederum nannte gleich drei Album Titel, es war ein lustiges kleines Titelraten in der Hotellobby.

Natürlich gibt es auch Underworld Fans, die gerade das lieben. Die wissen, dass die Band lange auch eine großartige Design Agentur leitete, und dass die Texte von Karl Hyde nicht wirklich zum ravigen Mitgröhlen geschrieben wurden, sondern durchaus so etwas wie Lyrik darstellen, die verstehen, dass er so etwas wie ein Poet ist, nur eben einer, der seine Gedanken in assoziativen Schnipseln auf Techno legt, was dann, im extremen Fall, zu intensiven gesangstechnischen Vereinigungen mit der Heerschar der Fans im Publikum führen kann.

Für die also, die eben genau diese simple Festlegung von Underworld auf einen kleinen BPM Bereich für blödsinnig halten, eröffnet diese Zusammenstellung von Lieblingsstücken (und genau genommen ist diese CD nicht mehr und nicht weniger als das) durchaus interessante Aspekte. Die Bandbreite ist groß, von Alice Coltrane, der Frau von John Coltrane, bis Squarepusher, von Roxy Music bis Laurent Garnier – der kurze Blick auf die Liste der Interpreten kann schon mal die Frage aufwerfen, was das verbindende Element ist.

Es wäre jetzt einfach, zu sagen, dass die Verbindung darin läge, dass das eben alles Stücke sind, die man mag, die einen beeinflusst haben. Stimmt natürlich. Es macht aber auch Sinn, sich zu fragen, warum es denn nun ausgerechnet diese Stücke sind, und ein Teil der Antwort ist ganz sicher die Faszination am vorantreibenden Element in der Musik, am Schub, dem Vorwärtsgerichteten. Nein, irgendwie nicht der Groove, nicht so ganz. Zumindest im hiesigen Verständnis wird der Begriff ein wenig zu entspannt wahrgenommen – Schubkraft ist ein bisschen was anderes.

Der andere Aspekt liegt sicher in einer gewissen Entrücktheit, Erhabenheit, Losgelöstheit. Gleich am Anfang der CD perfekt dargestellt von Alice Coltrane mit „Journey In Satchidananda“, mit einem beseelten Cecil McBee am Bass und einem wie immer großartigen Pharoah Sanders. Frau Coltrane an der Harfe, im Hintergrund stets die Sitar – wer sich nur ein ganz klein wenig in Karl Hyde hineinversetzen kann, ahnt, warum ihn dieses Stück inspiriert. In der Folge ist das Mahavishnu Orchestra, natürlich mit John McLaughlin, ebenfalls extrem tiefenentspannt unterwegs – nichts kann hier die Ruhe und Versunkenheit der Musiker stören, sie lieben was sie tun, und das hört man. Sehr Underworld, in diesem Sinne.

Tom Jenkinson (Squarepusher) ist auch so einer, der es im höchsten Maße konsequent liebt und sich einen Teufel darum schert, in welchen Kategorien er sich gerade bewegt, und schon darum ist es spannend, ihn direkt hinter das Mahavishnu Orchestra zu legen. Selbst wenn man weiß, dass Jenkinson bei aller Freude am elektronischen, an Noise Experimenten und herausfordernden bis wirklich an die Nerven gehenden Exkursionen, eine große Liebe für den Jazz hat, ist es zumindest ein Lächeln wert, wenn man feststellt, wie gut sein „Theme From Sprite“ sich an das Spiel von John McLaughlin reiht.

Diese Zusammenstellung zwingt so gut wie jeden, sich im Laufe der Stunde, die man mit diesem Album verbringt, mit Musik auseinanderzusetzen, mit der man sonst eher gar nichts zu tun hat. Soft Machine ist so ein Fall für mich. Ein ganzes Zimmer voller Musik – und kein einziges Soft Machine Album. Sollte ich noch mal überdenken, jetzt wo ich mir ein paar mal „Penny Hitch“ angehört habe. Viel näher am Jazz als ich dachte, viel satter und spannender produziert als ich es erwartet hätte, und wiederum von sehr viel reiner Spielfreude gekennzeichnet.

Ausgerechnet Roxy Music hingegen, die ich teilweise wirklich sehr mag, passt für mich eher weniger in die Reihe der Stücke, die im Übrigen so gut wie gar nicht gemixt sind, durchaus aber sachte ineinander übergehen. „2HB“ fängt für mich eigentlich erst nach knapp zwei Minuten an, wirklich interessant zu werden, wenn das Stück in eine Passage übergeht, die wie eine Roxy Music Interpretation von Krautrock klingt. Doch wenn dann Bryan Ferry wieder einsteigt, verliere ich die Verbindung zum Thema – die musicalhafte Erzählweise des Stücks ist für mich einfach ein fremdes Element im Fluss der Inspirationen.

The Detroit Experiment kannte ich bis zu diesem Album genau gar nicht. Mag jetzt ein wenig peinlich sein – schließlich ist das ein von Carl Craig initiiertes Jazz Projekt mit Musikern, die alle entweder in Detroit geboren wurden oder dort den größten Teil ihres Lebens verbracht haben. Hätte man zumindest wissen können. Noch einmal reine Freude an der Musik, keine Posen, kein Theater, fast klassischer Jazz, den man so sicher nicht im 21. Jahrhundert vermutet hätte.

Spannend. Auch die Anwesenheit vom Moodymann, dessen „Rectify“ wiederum großartig in die Reihe passt, weil es wie kaum ein anderes Moodymann Stück dessen große Liebe zum Jazz demonstriert. Keine Ahnung, wie er diese Stücke konzipiert, immer hören sie sich an als wären sie sorglos und ohne große Konzentration auf strukturelle Regeln oder gar kompositorische Strategien zusammengeworfen, improvisiert mehr als komponiert, aus dem Moment heraus, assoziativ und spielerisch, ungeheuer leichtfüßig. Nachvollziehbar, dass man das im Hause Underworld zu schätzen weiß.

Den Übergang zu Osunlades „The Promise“ bekommt man fast nicht mit, so ideal passen diese beiden Stücke hintereinander. Irgendwie, denke ich da, kenne ich Osunlade anders – nicht so arpeggiohaft, nicht so psychedelisch, elektronisch, abstrakt, allenfalls so polyrhythmisch wie hier. Hier und da habe ich gehört, dass man die Auswahl der Stücke für diese Compilation ein wenig zu unspektakulär und etwas zu vorhersehbar findet. Geht mir nicht so. Ich bin wirklich alles andere als ein Musikbanause, aber ich entdecke hier einiges, das ich trotz aller Underworld-Sachkenntnis so nicht erwartet hätte.

Ein eigenes Stück darf natürlich auch nicht fehlen. „Oh“ stammt aus dem Soundtrack zu Danny Boyles Film „A Life Less Ordinary“ aus dem Jahr 1997. Ganz ehrlich? Ich weiß nicht, ob man den Fans hier noch mal eine Gelegenheit geben wollte, das Stück verfügbar zu machen, ohne den Rest des Soundtracks dieses Films mit in die Sammlung stellen zu müssen – es ist nicht wirklich ein Highlight der CD. Damit hat man sich nicht wirklich einen Gefallen getan. Aber vielleicht kommen hier die „harten“ Fans auf ihre Kosten, wer weiß.

„Gnanmankoudji (Broken-Afro Mix)“ vom Herrn Garnier folgt dann: broken beats, eine gute Portion Jazz – man könnte fast meinen, hier wären Zero dB am Werk gewesen. Was durchaus ein Kompliment ist. Wiederum eine sehr interessante Auswahl, auch diesen Mix kannte ich noch nicht und mag ich jetzt. Philippe Nadaud heißt der wirklich gute Saxophonist und Arrangeur hier. Credit where credit is due.

Dann ein wirklich harter Wechsel zu Miroslav Vitous und „New York City“ – so etwas wie ein Hybrid aus Jazz und 70er Jahre Disco mit ner Prise Jazzrock. Wirkt irgendwie ein wenig komisch, heutzutage, da kommt wieder etwas das theatralische Element hervor, das bei Roxy Music schon nicht ganz ins Konzept der Zusammenstellung passen wollte. Bleibt irgendwie außen vor, wie auch das letzte Stück, eine Kooperation von Brian Eno und Karl Hyde – Elektronik, Jazz Drums, und eben Karl, mit seinen Gedanken. Interessant, aber auch hier fällt der Vergleich mit den großen Momenten dieses Albums etwas flach aus. „Beebop Hurry“ ist nicht so rasend spannend, dass es als Synthese der Inspirationen überzeugen könnte.

Was bleibt ist eine Compilation, die großartig beginnt, ein wenig desorientiert endet, vieles verdeutlicht und einiges entdecken lässt. Viele wussten schon vorher, dass Underworld mehr bieten als eine intellektuelle Variante von Techno, die sind hier recht gut bedient, die anderen denken sich „what the fuck“ und sind von ihren Helden enttäuscht. Die hätten es wohl spannender gefunden, wenn ich ihnen gesagt hätte, was die Antwort auf ihr absolutes Lieblingsalbum gewesen ist. Ohne Zögern war die Antwort „Computerwelt“ von Kraftwerk.

V.A. – UNDERWORLD VS. THE MISTERONS: ATHENS – STUDIO !K7 – !K7243CD – 7,5/10

zerodb

Immer noch ne Schippe drauf

Dieses Doppelalbum hat mir mal so richtig amtlich den Arsch gerettet, um es mal ganz deutlich zu sagen. Ich hätte es eigentlich wissen müssen, dass da Gefahr droht. Typisches DJ-Desaster. Eine Bekannte heiratet. Sie will mit ein paar guten Freunden und der engsten Familie auf einem Weingut feiern. Braucht ein wenig gute Beschallung. Denkt sich, frag ich doch den Bekannten, der hat gute Musik, legt in guten Bars auf, dafür kann er auch lecker essen und trinken auf der Hochzeit. Wär ja sonst nicht mit von der Partie.

Sag da mal nein. Geht irgendwie nicht. Und so ein DJ ist ja auch gern mal ein wenig naiv. Denkt sich, komm, die hat gesagt, die will nur bissl Lounge Programm, da kann ja gar nichts anbrennen, die trinken noch ein paar Gläser Rheingau und parlieren, während du die lässigsten Nummern aus dem Hut zauberst, die sie je gehört haben. Wer sich auskennt, ahnt schon, was kommt. Die Gesellschaft ist schön in Schwung und ganz ausgelassen, will nicht parlieren sondern tanzen. Na prima. Die große Tasche voll mit Downbeat, und dann sollst du mal schön Dampf machen.

Klar, die Kiste hat auch hier und da was flottes dabei, Quantic, Mr Scruff, Troubleman, und auch sonst noch einiges, aber wer weiß wie lange die das Tanzbein schwingen wollen. Ich schwitze schon nach nicht mal zehn Nummern und blättere fieberhaft durch die Kiste. Bald ist Schluss mit flott, und dabei sind die grad so schön am hotten. Und da sehe ich sie, ganz am hinteren Ende der Tasche. Die neue Zero dB. Reconstruction. Zwei LPs, neun Titel, und gut die Hälfte davon eventuell einsetzbar. Hoffentlich verdauen sie es. Denn richtig stromlinienförmige Tanzware für die typische Hochzeit ist das nicht.

Eigentlich sogar ziemlich genau gar nicht. Die neun Remixes, die hier vorgelegt werden, sind teilweise von einer Intensität, die selbst das New Jazz gewohnte Tanzbein ganz schön ins Zittern bringt. So war auch klar, dass der Opener, der Zero dB & Hectic Remix von „Satellites Are Spinning“ von Sun Ra besser nicht auf den Plattenteller kommt. Schon hier wird klar, dass Neil Combstock und Chris Vogado alias Zero dB so ziemlich zu den besten Remixern gehören, die so zwischen 2000 und 2005 die Szene bereicherten. Da wird kräftig nach vorne gemischt, Gas gegeben, Feuer gemacht. Super fetter Kontrabass, richtig weit vorne, treibend ohne Ende, dicke Percussionanreicherungen, und nicht zuletzt sehr kompromisslose elektronische Unterstützung fast bis an die Schmerzgrenze.

Bei Sun Ra geht das spektakulär gut, vor allem wenn man das aus der Richtung der Jazz Freunde betrachtet. Ein atemloser Ritt, psychedelisch, elektronisch, voll aufgedreht – so gut und so fett, dass die Tanzfläche fast immer Probleme hat, mitzukommen. Aber eins ist sicher – WENN der Track jemals zur richtigen Zeit gespielt wird, dann explodiert die Bude. Beim Remix von „Henry“ aus dem Hause Peace Orchestra ist das Tempo deutlich verhaltener (und klar geeignet für meine Hochzeitsgäste, die tatsächlich Freude dran haben). Der Eleganz der Wiener angepasst, wird der Salon-Swing des Stücks fein angedickt, mit ein paar rhythmisch eingewobenen Synth Licks unterstützt, den Bläsern ordentlich Raum und Druck verschafft, hier und da ein wenig das Rhythmuswerk fein variiert – schon rollt der vollsatte Remix los, und ich habe mir knapp sieben Minuten Raum verschafft.

Auch beim Trüby Trio und „Galicia“ kann ich nicht viel falsch machen, normalerweise. Ja, auch hier ist der Zero dB Remix mit kräftig mehr Dampf versehen als das Original, aber es ist schon beeindruckend, wie aus einem netten New Jazz Klassiker eine konsequent treibende Tanznummer gestrickt wird. Viel mehr Elektronik, viel mehr Bass, aber von der mächtig nach vorn gemischten Kontrabass-Sorte, Vocal Loops, überbordendes Spiel mit den Toms und Becken, Minute für Minute wird es dicker und satter, dann ein hübsches Zwischenspiel mit allerhand Hüllkurvenknopfgedrehe, und schon geht es wieder weiter Richtung Volldampf. Gerade das Spiel mit der Dekonstruktion und dem geschickt effektiven Neuaufbau wird bei diesem Remix exzellent betrieben. Die Hochzeitsgäste gehen schon richtig hübsch ab und Schweißperlen garnieren das durchaus seelige Lächeln.

John Kong & Moonstar folgen mit dem Zero dB Remix von „Future Vision“ – deutlich entschlackter, jazzy und funky, mit fein vertracktem Schlagzeugspiel und hübschen Stereoeffekten, viel Stage Piano, und dem typisch markanten, leicht knarzigen Elektrobassteppich. Feines Teil, aber meine Gäste würden sich die Beine verknoten. Wie wohl auch bei Original Soulboy im Remix von „Touch The Sun“. Wieder knarzt der Bass ungeniert aus den Boxen, auf schön komplexem Rhythmus, dieses mal mit sattem flächigem Synth Teppich. Die Jungs lassen sich Zeit wie sonst nur Troubleman. Und bauen Schicht um Schicht auf, nehmen das Stück wieder auseinander, bauen es neu und noch voller und satter wieder auf – mit jeder Runde steigert sich das Spiel, und in jedem Intermezzo wartet eine neue feine Dekonstruktion.

Aber die nächste Nummer ist wieder was für meine Gäste. Die sind eh schon tief in Südamerika angekommen, bei dem Menü, das ich ihnen serviere, und da kommt Suba grad recht. Zero dB Remix von „Samba do Gringo“ – und ich gönne ihnen das komplette lateinamerikanische Intro mit allem was dazugehört. Schöne weit nach vorn gemischte Akustikgitarre, tolle Rhythmusarbeit, dazu die nötige Portion Electro, das passt. Und jetzt wird sogar noch gesungen, von Brasilien, da kommt auf der Tanzfläche gleich noch mehr Freude auf. Sie merken kaum, dass sie sich da grad zu ziemlich ambitionierten Klängen vergnügen. Der Saal bebt. Und ich bin verdammt froh.

„Xtradition“ von Interfearance ist eindeutig in diesem Remix treibender, spannender und irgendwie konsequenter als im Original, wenn auch nicht ganz so aufregend wie vieles von dem, was wir schon gehört haben. Bei Grupo Batuque mit „E Ruim“ sind wir dann aber schon wieder tief in Südamerika angekommen – und noch einmal beweisen Zero dB, dass man selbst den klassischsten brasilianischen Tanznummern noch eine richtig große Portion Arsch verpassen kann. Mancher mag meckern, dass das wie Spoiler am Sportwagen rüber kommt, aber man muss einfach sagen – was Zero dB aus dieser Nummer machen, hat auf der Tanzfläche einfach sehr viel geilere Bodenhaftung.

Zu guter Letzt serviert man uns dann noch einen Remix von Acmes „Hangovers“ – ein interessanter und krasser Kontrast zum vorhergehenden Stück. Sehr elektronisch, sehr technisch, kühl, und doch immer mit einem ungeheuren Vortrieb, der sämtliche Zero dB Remixes kennzeichnet. Immer nach vorn, immer Meister im Wechsel aus Aufbau und Dekonstruktion, mit feiner Dramaturgie, und mit einem Gefühl dafür, wie weit man gehen kann, ohne zu nerven.

„Reconstruction“ ist in erster Linie ein großartiges Lehrstück der Remix Kunst. Zero dB verstehen ihr Handwerk wie kaum ein anderes Remix Team, und man muss ihre Konsequenz bewundern, mit der sie ihren Job erledigen. Und so ist dieses Album eigentlich auch das beste, was sie bis dato auf den Tisch gelegt haben. Nicht jedermanns Sache, gewiss, aber konsequent durchgezogen und damit voll überzeugend.

ZERO DB – RECONSTRUCTION – UBIQUITY ‎– URCD 127 – FLUID OUNCE – FLOZLP02 – 7,5/10