Archive for Juli, 2014


asthma

Die gute alte Quetschkommode

Ab und zu erwischt man bei den Compilations Exemplare, da fällt einem auf, dass so eine Titelzusammenstellung auch richtig spannend, überraschend und konzeptionell stimmig sein kann. Passiert selten, stimmt, meist sind das irgendwelche Hit-Sampler, denen man auch noch anmerkt, dass da entweder Eigeninteressen der Labels dahinter stecken, oder dass sie dem Ego des Zusammenstellenden schmeicheln sollen.

Nichts davon trifft hier zu. Im Gegenteil. Die Idee ist charmant, die Zusammenstellung anspruchsvoll und bereichernd, und selbst der Titel ist hübsch. Wer sich ein wenig in der englischen Sprache auskennt, weiß: der asthmatische Wurm, das ist das Akkordeon. Die Ziehharmonika. Melodeon, Bandoneon – eben alles, was man so hin und her zieht, mit Knöpfen und Tastaturen, was eben so asthmatisch röchelt, wenn man beim hin und her ziehen keine dieser Knöpfe oder Tasten drückt.

Zwölf mal Quetschkommode also. Und nicht irgendwelche offensichtlichen Geschichten, alte französische Chansons oder so, sondern elektronische Musik, in der das Akkordeon eine mehr oder weniger zentrale Rolle spielt. So eng das vom konzeptionellen Ansatz her auch klingen mag – es funktioniert, und das auf richtig schön charmante Weise, in einer erfreulich großen stilistischen Bandbreite.

Freunde der etwas anspruchsvolleren Barbeschallung mit Faible fürs Elektronische werden bereits bei der Auflistung der Künstler hellhörig. Múm, Doctor Rockit, Burnt Friedman, Gonzales, Dntel, Gotan Project – das darf man durchaus eine erlesene Auswahl nennen, und auch die anderen sechs Interpreten bringen keineswegs nur Füllmaterial.

Múm zum Beispiel, eine von diesen entzückend verrückten isländischen Truppen, geben uns ein paar hübsche Keyboard Akkorde, ein bisschen Percussion, das von ihnen immer gern verwendete Glockenspiel, eine naive kleine Melodie – und eben das Akkordeon, das den Liebreiz der viereinhalb Minuten perfekt abrundet. „I’m 9 Today“ könnte tatsächlich für einen neunten Geburtstag komponiert worden sein und ist wirklich sehr sehr hübsch. Im besten Sinne.

März folgen mit „Bar 1, 2, 3, 4“ auf Pfaden, die eine Nähe zu deutscher Minimalelektronik spüren lassen, mit dementsprechend deutlich höherem Tempo. Interessanterweise ist die Instrmentierung gar nicht so weit entfernt von der, die man bei Múm wählte, und auch die Melodien sind hier lieblich-einfach gehalten. In der zweiten Hälfte des Stückes gibt es dann noch einiges an Sprachsamples, die Worte aus der Welt der Bars beinhalten, eine kleine Assoziationsreihe mit einer netten Portion Humor. Chef ist nicht da, heißt es am Ende. Sitzt sicher im Studio.

Oder ist schlafen gegangen, wie der Hase von Sensorama. „Where The Rabbit Sleeps“ setzt voll auf eine feine kleine Melodie aus dem Akkordeon, die von leicht nach Krautrock riechendem Gitarrenspiel begleitet wird, dann abwechselnd von Synth Akkorden und reichhaltigem Glockenspiel abgelöst tief ins Repetitive geführt wird – so ziemlich das Gegenteil vom darauffolgenden „Sans Toi“ von einer Formation namens Hey, die das wohl am ehesten traditionell zu nennende Stück beiträgt, recht nah am Chanson, sehr französisch.

Da passt das feine „Café de Flore“ von Doctor Rockit alias Matthew Herbert fast schon zu gut hinten dran – erst das Thema Frankreich ganz dick ins Spiel gebracht, und dann das prototypische Stück elektronischer Interpretation hinten dran. Heute kommt einem der Titel ein klein wenig zu lang vor, dafür, dass es ja im Grunde nur aus einer einzigen Melodie-Idee besteht – aber ich glaube kaum, dass jemand irritiert wäre, wenn es heute in einem netten kleinen Café liefe. Herbert hat mal richtig Freude gemacht.

Zum Gotan Project muss man nicht wirklich viel sagen – sie sind ja lange sowas wie das Synonym für die Verwendung des Akkordeons im Downbeat Bereich gewesen, und „El Capitalismo Foraneo“ ist quasi wie die Blaupause des Gotan Konzepts – klassische Trip Hop Beats, ein wenig Dub, ein Akkordeon, ein wenig Piazzolla-Feeling, schon sind die Barbesucher verzückt.

Da sind Burnt Friedman und Jaki Liebezeit schon ein wenig überraschender. Ihr „Rastafahndung“ vom formidablen ersten „Secret Rhythms“ Album ist vielleicht nicht das stärkste Stück der beiden, passt aber trotzdem gut in die Reihe – zumal der schon im Titel angedeutete Bezug zum Reggae eher als gefühlte Richtung zu sehen ist und nicht zu streng genommen wird.

Es ist sicher kein Zufall, dass Friedmans Flanger-Partner Uwe Schmidt alias Atom TM gleich im Anschluss zu finden ist. Sein „Pole vs. Pentatonic Surprise“ lässt mich ein wenig rätseln, was das mit Pole zu tun hat, denn das, was dieses Stück zu bieten hat, erinnert tatsächlich deutlich an das, was man von Stefan Betke so über die Jahre zu hören bekam. Feines dubbiges Zeug, bei dem das Akkordeon verfremdet, verhallt, editiert den Raum über dem tiefen Bass und dem extrem reduzierten Rhythmustrack bevölkert. Sehr fein.

„Would Grandpa Like It?“ fragt dann Markus Nikolai, und wir können die Frage angesichts der experimentellen Natur dieses Stücks mit relativer Sicherheit verneinen. Sehr viel Hallraum, ebenso viel Echo, Stereoeffekte – das ist schon sehr abstrakt, was der Opa da so angeboten bekommt. Da hilft auch etwas später der Beat nicht sonderlich, das wird nicht eingängiger. Wer diese CD zum Dinner laufen lässt, sollte hier nur durchlaufen lassen, wenn man musikalische Allesesser eingeladen hat.

Das Nikolai-Stück ist ebenso wie das folgende von Dntel, „Your Hill“, bis dahin unveröffentlichtes Material – und zumindest für den tiefer interessierten Musikfreund ist auch der Dntel Track interessant, selbst wenn es uns das Stück anfangs etwas schwer macht. Dann fühlen wir uns ein klein wenig an „The Dream Of Evan And Chan“ erinnert, und das kann natürlich nur ein Kompliment sein.

Wechsel Garland setzt dann wieder einen interessanten Kontrapunkt, mit akustischer Gitarre, extrem dezenter Rhythmusbegleitung, einer schönen Bassbegleitung und fein perlenden Keys – ein elegant-entspannter Walzer mit einem Herz aus Akkordeon, der richtig charmant verzückt. Noch eine erfreuliche stilistische Dimension mehr, dabei sind wir doch schon fast am Ende des Albums.

Zum Abschluss besucht uns noch Gonzales, der ja eh so gut wie nichts falsch machen kann. Er lässt die gute alte Quetschkommode schön wehmütig sein, wie es sich gehört, begleitet von fast kitschigen Keyboards – fast würde man sich wünschen, dass Jaques Tati noch da wäre und herrlich verschrobene Filme machen, da hätte Gonzales ein perfektes Soundtrack für, garantiert.

So kann man eine schöne Compilation machen – mit einer wirklich interessanten Idee, einer sorgfältigen Titelauswahl, einer sehr sinnvollen Titelabfolge auf dem Album, einem schönen Titel und einer gut gestalteten und liebevoll produzierten Album-Hülle. Da passt so gut wie alles. Merci.

V.A. – THE ASTHMATIC WORM – MOBILÉ – MOBCD1 – 8/10

unklepsy

Der große Wurf, aus dem Ärmel geschüttelt

Im Grunde könnte ich mein Urteil über dieses Album in einen kleinen dürren Satz mit einer simplen Aufzählung kleiden. Dieses Album besitze ich als Download, als CD und nicht weniger als drei Mal in Form von Vinyl. Aber das wäre nicht in Ordnung. „Psyence Fiction“ verdient eine ordentliche Lobhudelei. Auch wenn sie heute vielleicht einen Hauch weniger jubelnd ausfällt als damals, als ich das Album zum ersten Mal erstand.

Die Vorgeschichte ist, kurz gefasst, schon ziemlich legendär. James Lavelle gründete mit Mo‘ Wax das Label, das den Trip Hop Trend lostrat und für eine Weile so ziemlich zum Epizentrum musikalischer Innovation wurde. Einer seiner ersten Stars war DJ Shadow, sozusagen die ausführende Kraft bei der Erfindung des Begriffs Trip Hop, auf der Basis zweier 12″es und einer Nachricht auf James Lavelles Anrufbeantworter.

Lavelle, der ein Faible für wuchtigen Stilmix und dicke Produktionen hatte, erkannte schnell, dass seine Vorlieben großartig mit DJ Shadows legendärem Riecher für großartige Drum Loops und effektvolle Sample Collagen zusammenpasste. Und so lud er den guten Josh ein, mit ihm zusammen das erste UNKLE Album zu produzieren. Dann ging er mal kurz durch sein kleines rotes Büchlein mit den Telefonnummern berühmter Musikanten, fand ein paar illustre Gäste – fertig waren die Grundlagen für „Psyence Fiction“.

Jedenfalls so ungefähr. Tatsächlich hat es mehrere Jahre gedauert, bis dieses Album endlich fertig war, teilweise an der Westküste und teilweise in London produziert, und auch die Liste der musikalischen Gäste aus der Planungsphase hatte letztendlich nichts mit den Beteiligten am fertigen Album zu tun. Aber egal. Was zählt, ist das Resultat – und das kann man eigentlich nur dann nicht sonderlich gut finden, wenn man James Lavelle nicht leiden kann. Und das soll öfter vorkommen.

Wir hingegen halten uns von derartigen Anwandlungen fern. Zumindest mal fürs erste. Bleiben wir bei den Fakten. Beim Album. Sieht man es als Ganzes, ist es so etwas wie eine Sammlung all dessen, was man in den Neunzigern irgendwie toll fand, musikalisch. Da ist ein bisschen Electro, einiges an britischem Rock, ordentlich Hip- und Trip Hop, da sind klagende Sänger, bellende Rapper, sägende Gitarren und endlos viele Samples.

Den Start macht „Guns Blazing (Drums Of Death Part 1)“, in dem gleich der erste Gast seine Visitenkarte abgibt – Kool G Rap. Keiner der ganz berühmten Rapper, aber dafür einer von den richtig guten. Und so ist dieser Opener auch das beste Beispiel dafür, was entstehen kann, wenn Lavelles und DJ Shadows Fähigkeiten mit denen des Gaststars verschmelzen, wenn die Beats und der Rap perfekt miteinander harmonieren und die Stimmungen der Samples und elektronischen Begleitungen zum Rhythmus, zur Betonung, zur gefühlten Botschaft des Rappers passen. Satt, konsequent, atmosphärisch dicht, allenfalls aus heutiger Sicht ein wenig überladen. Trotzdem. Fett.

Es wird schnell klar, dass Shadow, der mit „Endtroducing“ knapp zwei Jahre vor diesem Album sein absolutes Meisterwerk abgeliefert hatte, auch auf „Psyence Fiction“ für den Löwenanteil der Kreativität und produktionstechnischen Qualität hatte. Man muss nur einmal im Internet nach einer Liste der von ihm verwendeten Samples suchen und sich die dann mal genauer anschauen – da ist einfach nichts unmöglich, und das Resultat ist zumindest Mitte bis Ende der 90er faszinierend. Oder man schaut sich einfach nur auf dem Album die Music Credits an – da steht fast durchweg nur „DJ Shadow“.

Beim zweiten Titel, dem „Unkle Main Title Theme“, wird man so auch eher an „Endtroducing“ erinnert als an irgend etwas, das James Lavelle produziert hat – allenfalls die sehr präsente Gitarre erinnert daran, dass Lavell schon 1998 ein Faible für Rockmusik hatte. Das verstärkt sich noch bei „Bloodstain“, ein etwas düsteres Werk, in dem die damals eher halbbekannte Alice Temple als Gastsängerin auftritt. Shadow legt den idealen Drumbeat drunter, glänzt mit kreativen Breaks, ein verzerrtes Gitarrensolo erledigt den Rest. Auch hier stimmt einfach die Atmosphäre – man kann Frau Temple für nur relativ überzeugend halten, zum Songkonzept passt ihre Performance allemal.

Und dann legt der Shadow wieder so einen monströs geilen Drum Loop hin. „Unreal“ ist genau das, zumindest im Bezug auf die Drum Samples und deren Bearbeitung – einfach unreal. Dazu ein paar dräuende Synthesizer und ein runtergesampeltes Gitarrenriff, ein Arrangement, das Minute für Minute dichter und packender wird, zwischendurch immer mal die Stimmung wechselt, mit tiefen drohenden Streichern mahnt, ein paar exzellente Breaks noch on top – auch hier fühlt man sich auf erfreuliche Art und Weise an die packendsten Momente von „Endtroducing“ erinnert, in denen DJ Shadow es so unvergleichlich schafft, mit der Spannung in seinen Stücken wie in einer Choreographie zu spielen.

Auftritt Richard Ashcroft. Der war damals schwer angesagt. Ganz große Nummer, The Verve waren so für zwei Jahre ganz hoch im Kurs. Und es war auch so ein wenig die große Zeit der britischen Rocksänger, die so schön wehklagend intonieren konnten. Ideal für „Lonely Soul“, in dem er schön oft „God knows you’re lonely souls“ singen kann, auch hier von großartigen Drum Loops unterstützt, von schwer emotionalisierenden Streichern, dramatischen Orgelthemen und allerhand Effekten. Und dann dieses endlos lange Break, das bei etwa fünf Minuten einsetzt, teilweise nur das Steicherthema variiert, fast bis ins konzertante, filmmusikalische. Was immer DJ Shadow da geritten hat, es war eine feine Idee, und das Wiedereinsetzen der Drums mit Streichern und Ashcroft ist durchaus eine Gänsehaut wert. Pathetisch? Ja. Aber eben auch echt gut gemacht.

Das ist überhaupt eine der Stärken dieses Albums – es wird teilweise echt dick aufgetragen, und es werden durchaus ein paar ebenso dicke Klischees verbraten, es wird sich hemmungslos bei allem bedient, von dem man weiß, dass es wirkt. Aber eben weil es in der Ausführung exzellent ist, kommt keine negative Stimmung auf.

Zumal dann eh die Gitarren einem die Birne vollschrammeln, bei „Nursery Rhyme“ – kompromisslos nach vorne gemischt, fast bis zur Verzerrung. Das geht ins Ohr, sozusagen. Der damals auf dem aufsteigenden Ast emporsingende Badly Drawn Boy singt zur krassen Begleitung, und komplett mit Refrain und feinem Drum Loop ist selbst dieses brachiale Werk so etwas wie ein Stück Popmusik. Und am Ende darf James Lavelle auch mal was machen. Keuchen.

Krasser als zum nächsten Stück kann der Wechsel kaum sein – wieder mächtig breite Streicher, dieses Mal auf einem Beat, der fast vom ollen Bambaataa stammen könnte. Eine interessante Kombination allemal. Synth Horns übernehmen, und irgendwie wirkt das wie so eine Mischung aus Kampfstern Galaktica und Früh-80er Electro Jams. Prompt kommt ein dicker fetter Newcleus Sample rein geschwappt, ein dicker Synth Bass, der erstaunlich gut zu den Streichern passt – „Celestial Annihilation“ hätte horrender Kitsch werden können, und ich würde mich nicht wundern , wenn manche dieses Stück auch so einstufen. Ich neige eher dazu, dem Experiment ein erstaunliches Gelingen zu attestieren.

Noch ein krasser Schnitt, zurück in den Hip Hop von Shadow und Lavelle – mit Gastrapper Mike D von den Beastie Boys. „The Knock (Drums Of Death Part 2)“ ist definitiv anarchischer, radikaler, beastiger als der erste Teil. Hier werden fröhlich die Beats und die Vocal Tracks zerhackt, hier knarzt Metallica Bassist Jason Newsted mit nem offensichtlich hoffnungslos übersteuerten Bass im Hintergrund rum – das haut rein.

Das bunte wilde Treiben führt uns dann zu „Chaos“, von und mit einer sonst nicht weiter bekannten Sängerin namens Atlantique – sie singt so naiv und pseudo-unbeholfen wie einst das Mädel in „The Party“ an der Seite von Peter Sellers – begleitet von ein wenig Gitarre und ein bisschen Beckengeschubber. Und einer Hupe, irgendwo zwischendrin. Mir ist nicht klar, was dieses Stück soll – so wenig, wie sie hier rein passt, die gute Atlantique, könnte man meinen, dass James Lavelle sie irgendwie putzig fand. Oder so. No more lullabies singt sie gegen Ende. Hätte man sich zu Herzen nehmen können, bevor sie ins Studio ging.

Aber egal, wir werden danach aufs allergrößte entschädigt. „Rabbit In Your Headlights“. Mit Thom Yorke in einer seiner wohl beeindruckendsten gesanglichen Darbietungen. Und wieder hat man das Gefühl, dass die Stimmung, die Intonation, das Thema – alles, was Yorke mitbringt, auf perfekte Weise von DJ Shadow aufgenommen wurde, der dann das ideale Arrangement, die genau richtigen Samples, eben einfach die perfekte Musik und Inszenierung dafür gefunden hat. Da greift alles ineinander, verschmelzen alle Elemente zu einem Erlebnis. Und spätestens, wenn man das unfassbar intensive Video zu diesem Stück gesehen hat, weiß man, dass man diese Perfektion noch eine Stufe weiter treiben kann.

Allein, wie in der Mitte des Stückes plötzlich die Drums förmlich explodieren und Thom Yorke seiner Stimme in vollem Umfang Ausdruck verleiht, kann einen fassungslos machen. Ebenso wie der Moment, an dem all dies abrupt angehalten wird und dem Piano Thema weicht – das Arrangement, man kann es nicht anders sagen, ist großartig.

Ja, es gibt gute Gründe, James Lavell nicht zu mögen. Vieles von dem, was er macht, leidet darunter, dass er sich irrsinnig wichtig nimmt, und noch mehr darunter, dass er irgendwie immer so den Eindruck zu machen scheint, als hätte er was irrsinnig wichtiges zu sagen, und doch ist in vielem von dem, was er nach diesem Album gemacht hat, nur richtig viel Betonung und wahnsinnig wenig Inhalt. Es ist bezeichnend, dass DJ Shadow nach einer Runde mit Lavelle bei UNKLE den Hut nahm und lieber allein weiter machte.

Aber für dieses eine Album hat es einfach gepasst. Fulminant sagt man gern, bei so einer Scheibe. Tatsächlich steht sie ziemlich allein da in der Welt der populären Musik, es gibt nicht wirklich viel vergleichbares, außer dem, was die beiden einzelnen Hauptdarsteller sonst so gemacht haben, und das auch nur bedingt. „Psyence Fiction“ ist tatsächlich ziemlich einzigartig, und das kann man nur von sehr wenigen Alben sagen.

UNKLE – PSYENCE FICTION – MO WAX – MW 085S – 9/10

 

tcorpabduct

Diebe auf Abwegen

1999 war die Thievery Corporation schon richtig fett im Geschäft. Ihr erstes Album war – auch Dank der Verwendung des großartigen „Shaolin Satellite“ auf der DJ Kicks von Kruder & Dorfmeister – richtig gut angekommen, und in der Folge zeigten die ersten 12″ Auskoppelungen des folgenden Albums, dass die beiden Chefs bei der Thievery Corporation das Niveau nicht nur halten, sondern auch noch deutlich steigern konnten.

Neben den bereits erwähnten Kruder & Dorfmeister war es zweifellos die Thievery Corporation, die den neuen Downbeat Sound definierten – und davon wollten auch diverse Künstler durch Remixaufträge etwas verabreicht bekommen. So ist die Liste der hier geremixten Künstler auch durchaus erlesen. David Byrne ist dabei, Gus Gus, Stereolab, Black Uhuru – stilistisch ist das obendrein auch eine beachtliche Bandbreite.

David Byrne lässt sich beispielsweise sein „Dance On Vaseline“ neu frisieren und bekommt prompt etwas geliefert, das dessen prägnante Gesangsarbeit geradezu elegant wirken lässt. Fast schon ein wenig zu glatt, könnte man meinen, aber primär weil der David doch irgendwie gar nicht so ein glatter ist. Baaba Maal liegt da schon ein klein wenig näher, denn schon 1999 war das Faible der Thievery Corporation für dubbige Weltmusik-Exkursionen stark ausgeprägt. Und so ist Baaba auf einem Beat, der klingt wie ein 90er-Jahre-Update des alten Paid-In-Full Drum Samples, primär über tief verhallte Vocal Samples zu hören, während man den Keyboards schon fast klassische Thievery Themen und Sounds entlockt. Das ist nicht weltbewegend, aber nett anzuhören.

Mit der Neubearbeitung von „Kc Doppler“ von der eher unbekannten Formation Slide Five weist das Album den ersten eher müden Titel auf – ein Beat, ein recht penetrant wiederholtes Orgelthema, ein paar spacige Effekte und Intermezzi, das ist etwas zu eintönig, um zu überzeugen. Wohliges Lounge Gepucker, das keine Richtung hat. Leider. Die Neubearbeitung von Rockers Hi-Fis „Transmission Central“ kommt da deutlich besser weg, natürlich auch weil die Rockers ein weit lohnenswerteres Original bereitgestellt haben. Flott flott das Ganze, aber Vorsicht, nicht dass noch Schweiß auf der Stirn den Auftritt versaut.

Und dann wird es diffizil. Denn „Tickertape Of The Unconscious“ von Stereolab ist im Original schon eine verdammt gute Nummer. Sich überhaupt dran zu setzen ist schon ziemlich gewagt. Wie bei der Corporation so üblich wird erst mal entschlackt, dann werden ein paar Elemente hervorgehoben – hier die Vocal Tracks – und das, was dann noch da ist, stilvoll angereichert. Das ist am Ende sehr Thievery, sehr lässig, von kühler Eleganz. Ist das gut? Offensichtlich wollte man es so, bei Stereolab.

Ähnlich geht es einem bei Pizzicato 5, deren „Porno 3003“ bereits als verdammt lässiger Trip daher kam – und nun als Thievery Corporation Remix fast so wirkt als wollte man alles raus nehmen, das beim Abspielen in einer Cocktail Lounge zu viel Aufmerksamkeit beansprucht. The artists have left the building. Oder dösen im Fauteuil, und werden anschließend von den johlenden Thievery Labelkollegen Thunderball geweckt, deren „Hijack“ vom schon damals nur wenig zeitgemäßen Drum And Bass Korsett befreit wird, aber dennoch nicht zwingender wird.

Edson Cordeiro, ein wohl recht begnadeter brasilianischer Sänger, bekommt sein „Ave Maria“ neu abgemischt und landet wie schon Baaba Maal im Hallraum und bekommt ein teilweise fast orientalisch anmutendes Ambiente, das durch kräftige Midtemporhythmen aufgepeppt wird – wie schon bei Slide Five eher ein wenig erinnerungswürdiger Moment der Sammlung. Auch von Waldecks „Defenceless“ bleibt nicht viel aufregendes hängen – das kann aber auch damit zusammenhängen, dass aus heutiger Sicht die Trip Hop Attitüde des Stücks nur bedingt verdaulich ist. So allein und schutzlos und so. Hm.

Dann „Polyesterday“ von Gus Gus. Siehe oben. Verdammt mutig, sich das vorzunehmen, wie schon im Fall von Stereolab, denn Gus Gus waren schon verdammt eigensinnig damals, passten in so gar kein Schema. Und Thievery war definitiv Schema. So sehr, dass vom Stück selbst mächtig wenig übrig bleibt. Puckert, blubbert, hallt, läuft durch. Bei Hooverphonic ist im Anschluss die gewöhnungsbedürftige Stimme der Chanteuse noch prägnanter – und findet nicht wirklich die Verbindung zum geremixten Instrumentalteil. Eher eine leicht verstörende Demontage.

Konsequenterweise tun sich die Herren Remixer bei den Avatars of Dub und deren „Sexelevatormuzik“ deutlich leichter, offensichtlich, weil deren Musik deutlich näher an der der Thievery Corporation liegt. Das groovt dann schon eher wie im Stile des ersten T-Corp-Albums und verströmt so ein klein wenig „Summer Madness“. Und danach dann Black Uhuru wie in einem modernen Dub Mix, das kann ja nur passen. „Boof ’n Biff ’n Baff“ wird sauber dekonstruiert und neu verklebt, das kann man so machen.

Es folgt noch eine moderat bearbeitete Version von Ursula 1000s „Savoir Faire“ und eine recht müde Neuabmischung von „Closer To God“ von Urbs ’n Chaoz – beides nichts, das das Gesamturteil des Albums noch groß beeinflussen kann. Ob es daran liegt, dass eineinhalb Jahrzehnte später die Anfänge der Downbeat Ära ein wenig beliebig wirken, ein wenig inhaltsleer und fassadenschwanger? Ich glaube nicht. Denn zum einen sind die spannendsten Stücke dieser Zusammenstellung im Original weit aufregender, und zum anderen ist das meiste dessen, was die Thievery Corporation vor und nach dieser Sammlung von Remixen gemacht hat, deutlich gehaltvoller und relevanter.

THIEVERY CORPORATION – ABDUCTIONS AND RECONSTRUCTIONS – EIGHTEENTH STREET LOUNGE MUSIC – ESL 017 – 5/10

burgerewor

Ians Extrarunde im Hause Krause

Seitdem ich bei der Auswahl von Tonträgern für diesen Blog immer mal wieder auf erstaunliches stieß, wenn ich mir Werke ausgesucht habe, die ich irgendwie noch nicht so richtig wahrgenommen hatte, obwohl sie schon länger in meinem Besitz waren, habe ich so etwas wie ein Faible für das Aufspüren derartiger Fundstücke entwickelt. Und tatsächlich ist es immer wieder so, dass ich dabei höchst Erfreuliches entdecke.

Zumindest partiell ist das auch hier der Fall. Ian Simmonds, ein Künstler der frühen Stunde bei !K7, war für mich überraschend ins Zentrum der leicht frickelig freidenkenden Minimalelektroniker emigriert, zu Musik Krause, w0 er dann aber wie befreit frische kreative Adern entdeckte und dann doch zum nachvollziehbaren Mitglied der krausen Familie wurde.

Spätestens die Remixes seiner Burgenland Dubs sorgten dann dafür, dass aus dem Simmonds Uns Ian wurde, komplett mit Krause Duo Remix und so. Man könnte argumentieren, dass die Burgenland Dubs schon ein so dermaßen erfreuliches Ereignis waren, dass die vier kleinen Nachklapper hier nicht wirklich von großer Bedeutung sein könnten, aber das wäre wirklich etwas arg zickig.

Das Hübsche an dieser EP ist, und da fangen wir heute einfach mal hinten an, dass es das Krause Duo ist, das dem Ian, der den Krauses eine Tüte Jazz mitbrachte, als er zum Label kam, beim Remix von „Kon 1“ eine Art Retourkutsche verpasst, indem sie für ihre Neuabmischung Mat Grote einladen, der eine feine Jazz Gitarre spielt, und dann noch Krishan Zeigner perkussive Additive beisteuern lassen. Fast so als wollten sie Simmonds sagen, ist okay, haben uns über die Tüte gefreut, Nachschub wär auch okay.

Dave Aju hat „The Esel“ ein wenig geschoren und gebürstet, der ist gar nicht mehr so störrisch wie im Original, mutiert glatt zum The Dancefloor Esel. Die Vocals hat er auch gleich noch weiter nach vorne geholt, als wollte der Dave gleich einen Hit-Esel frisieren. Tut aber gut, das funktioniert.

Eindeutiger Höhepunkt der EP ist aber ohne jeden Zweifel der Even Tuell Remix von „Speak“, der geradezu elegisch und schwärmerisch daher kommt. Fast wäre man genötigt, sich zu fragen, ob das nicht vielleicht doch der Superpitcher gewesen sein könnte. Da nimmt man sich einfach die tief im Komplexen vergrabene Seele des Grooves vom Original, legt sie konsequent frei, fügt ein paar wunderbar einfache und effektvoll verfremdete Streichersamples hinzu, reduziert das vokale Geschehen auf ein einziges Wort, „Speak“ natürlich, und lässt uns fast siebeneinhalb Minuten schwelgen. Richtig schön ist das.

Der Opener „Lutherstreet Blues“ mit Martin Rudloff an der Trompete ist dann noch einmal ein Willkommensgruß der Krause Gang an den Simmonds’schen Jazz, atmosphärisch dicht und auf verregnete Weise cool. Fast schon etwas für ein Soundtrack, aber bei den Krauses ist eben immer schon mehr möglich gewesen als anderswo.

Das einzig vorsichtig kritische, was man sich so denkt, wenn man die vier Tracks gehört hat: Mensch, wäre bei so einem feinen Album nicht vielleicht noch ein wenig mehr drin gewesen als vier Remixes? Aber meckern ist echt nicht so angebracht. Ich für meinen Teil freue mich, dass ich an Abenden, wo es mal so richtig schön emotional werden darf, der „Speak“ Remix in der Tasche darauf wartet, seine Wirkung zu entfalten. Ich freu mich drauf.

IAN SIMMONDS – THE BURGENLAND REWORKED EP – MUSIK KRAUSE – MK 32 – 8/10