Archive for Juli, 2013


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Röyksflop

Manchmal kommt da eine Platte an, die mag ich einfach nicht. Ich hol sie aus der Pappe raus, leg sie auf den Plattenteller, und hör mal durch. Wie im Laden fast, nur ohne Kopfhörer. Überall mal ne halbe Minute lang die Nadel reinhalten und gucken, wie der erste Eindruck so ausfällt. Ganz selten mal kommt dann die Ernüchterung. Weils nichtssagend ist, oder weils bemüht ist, einfallslos, oder sonstwie nicht mit mir kompatibel.

Das finde ich dann ziemlich irritierend. Entweder weil ich mich dann wohl beim Vorhören ziemlich geirrt haben muss, oder weil ich vorher gar nix gehört habe und dann das, was ich bekomme, so rein gar nicht dem entspricht, was ich erhofft hatte.

In beiden Fällen doof. Aber ich hab ja auch gelernt, vorsichtig zu sein, nicht zu schnell zu urteilen, das Urteil zu hinterfragen. Nur zu gut erinnere ich mich an den Tag, als Anja da war und ich ihr ein paar Platten vorstellte und dann, als ich sagte, und die hier ist richtig blöd, über die hab ich mich geärgert, und als ich sie dann auflegte, da musste ich feststellen, dass sie gar nicht so blöd ist, sondern eigentlich zugegebenermaßen ziemlich gut.

Werd ich nie vergessen. MC 900 ft Jesus wars, das letzte Album, und ich werd nie kapieren, warum ich das nicht gleich bemerkt hab, wie toll das Ding ist.

Und ich erinnere mich auch noch gut daran, dass ich dereinst die DJ Kicks vom Trüby ziemlich verrissen habe, ich vermute mal wegen der peinlichen Haartracht und der klischeetriefenden Coverfotografie. Heute liegt sie immer noch ab und zu in meiner Plattenkiste, wenn ich freitags auflegen gehe. Da hab ich ein richtig schlechtes Gewissen (auch wenn ich weiß, dass meine Plattenkritik nichts angerichtet haben dürfte).

Andererseits hab ich ja auch das eine oder andere Album im Affekt bejubelt, von dem ich dann Wochen später feststellen musste, dass der Jubel unberechtigt war. Das letzte James Hardway Album zum Beispiel. Hoffentlich hat das keiner auf mein Anraten hin gekauft und denkt sich nun, dass ich ja nun rein gar keinen Geschmack habe oder so.

Also gleicht sich das alles irgendwie aus, wie bei den Fehlentscheidungen beim Fußball zum Beispiel. Da fliegt ja auch schon mal der Falsche vom Platz.

Also Vorsicht beim Verriss. So hab ich auch die neue Röyksopp (nervig: ich muss mich immer wieder vergewissern, dass ich das ö an die richtige Stelle setze) nach der ersten großen Enttäuschung erst einmal zur Seite gelegt. Könnte ja sein, dass ich nur nen schlechten Tag hatte. Oder eben dass mich das mit dem Ö ärgert. Scheiß Name, nun wirklich. Aber das tut ja nichts zur Sache.

Heute hab ich mir vorgenommen, das Album wieder aus der Ecke zu kramen und mit ein wenig Abstand neu zu betrachten. Schön alle vier Seiten, ein Stück nach dem anderen. Ich hab auch extra für ein positives Ambiente gesorgt, mit lecker dampfendem Milchkaffee, ein paar Häppchen, sogar die Heizung läuft, draußen ist es schon ganz schön röyksopp.

Also los. Am Anfang steht der Hit. „Only This Moment“. Wenn ich jetzt sage, dass das Popmusik ist, dann schrecke ich schon fast wieder zurück, weil man das ja auch als eine Art Beleidigung auffassen könnte. Ich erinnere mich an die vielen Show-Auftritte der beiden Röyksköppe, die immer als so energetisch bezeichnet werden, weil sie da so wild an ihren Tasteninstrumenten herumhüpfen. Das ist wieder so ein Ding, bei dem sie munter hüpfen können, poppig, radiotauglich, nicht wirklich peinlich, schnell konsumiert, fast wie beim ersten Album.

Also eigentlich noch kein Grund zur Beunruhigung. Auch beim zweiten Stück, „49 Percent“, kommt noch keine allzu große Sorge auf. Ganz wenig Schlagzeug, dafür um so mehr Gesang und Streicher und ne hüpfende Bass Line. Nicht unoriginell eigentlich. Und doch denkt man die ganze Zeit, gleich gehts los, gleich hauen sie so richtig rein. Doch dann ist nach gut fünf Minuten Intro das Stück vorbei. Da haben sie ne echte Chance vergeben.

Dann die drei. „Beautiful Day Without You“. Entspanntes Tempo, einfache Synthimelodien, weichgespülte Gesänge, und zum ersten Mal ärgere ich mich ein wenig, dieses schleimige Gefühl von jetzt sollen wir alle mal ne Runde träumen kommt hoch, oder noch schlimmer, die Erkenntnis, dass derartig banale Melodien und Rhythmusstrukturen eigentlich nur ein paar Harmoniewechsel von Modern Talking entfernt liegen. Da kann ich wohlwollend sein wie ich will, das ist einfach peinlich.

So. Nächste Seite. „What Else Is There?“ heißt das nächste Stück. Besser hätte ich meine momentane Stimmung auch nicht betiteln können. Es singt: Karin Dreijer. Man sagt, sie sei in Röyksopps Heimat Norwegen durchaus bekannt, wir können allenfalls feststellen, dass sie eine ungewöhnliche Stimme hat, die ganz gut ins träumelnde Songkonzept passt. Wieder viele Streicher, viel Raum, und die getragene Stimmung eines Liedes, von dem wir dann sagen sollen, es sei inspirierend oder uplifting oder so.

Luft holen, am Kaffee nippen, beruhigen, das wird sonst unfair.

Lassen wir uns auf das fünfte Stück ein: „Follow My Ruin“. Rockiger Schlagzeugsound, flottes Tempo, Discoeffekte. Man kann sich fragen, warum man dazu so einen Eunuchengesang braucht. Oder warum man so dünne Synthesizer Lines so weit nach vorne mischt.

Das ist wohl der deutlichste Unterschied zum ersten Album – es wirft ständig Fragen auf, was soll das, was soll mir das sagen, es ist als ob einer was ganz wichtiges sagen will und einfach nicht auf den Punkt kommt.

Seite 3. „Circuit Breaker“. Mal wieder was flottes. Schließlich braucht man ja auch was für die Bühne zum Anheizen, einen Nachfolger für „Poor Leno“. Das ist so ein Stück, bei dem man zwischendurch mal wieder sagen kann, ja, nett. Ein ordentliches Albumstück, das eigentlich nicht zu den Highlights zählen sollte, was es in diesem schon jetzt nicht wirklich begeisternden Album aber zweifellos tut.

„Sombre Detune“ folgt. Leicht sperrige Elektromelodie mit passenden Elektrodrums und schrägem Synthiteppich. Damit es nicht zu unharmonisch wird, angereichert durch ein paar hübsche Flächensounds. Mehr kann man zu diesem Titel eigentlich nicht sagen. Füllmaterial.

Weiter. „Someone Like Me“ folgt, und ich habe Probleme, mein Frühstück bei mir zu behalten. Jetzt rächt es sich spätestens, dass man dieses Mal auf die gesangliche Unterstützung von Erlend Oye verzichtet hat. Der kann auch nicht so toll singen, tut das aber mit Herz. Und das auf diesem Titel wirklich kaum erträgliche Gesäusel an billigem Mitklatschrhythmus ist so weit vom Charme eines Herrn Oye entfernt wie die Pet Shop Boys von New Order. Ich möchte nicht wissen, was ich geschrieben hätte, wenn ich die Platte sofort nach Erhalten besprochen hätte.

Aber jetzt in den Endspurt, vierte Seite, es muss doch was zu loben sein. „Triumphant“, der nächste Titel, ist es wohl nicht. Am Anfang eine Klavieretüde, dann eine Art Wienerwalzerbeat mit Elektroanreicherung und Glockenspiel. Wieder die Frage, was das soll – haben wir uns hier von klassischer Musik inspirieren lassen? Dann noch ein dickerer Beat, man haut mächtig auf die Becken, lässt ordentlich die digitalen Chöre johlen und die Synthis quäken. Immerhin, das ist durchaus konsequent und findet auch ein passendes Ende. Respektabel.

Danach geht es mit „Alpha Male“ wieder knackiger zu, wenn auch nicht ohne synthetische Traumsequenz im Intro, das fast ein Drittel der Spielzeit einnimmt. Danach wird wieder ein sehr gerader Beat geklopft, auf dem sich prächtig der gern praktizierte Harmoniewechsel üben lässt. Dynamisch, doch doch. Reicht das für die Tanzfläche? Man darf es bezweifeln. Vielleicht eher in Ausschnitten für Vertonungen im Fernsehen. Das ist ja auch schon mal was, und mit gut acht Minuten gibt es auch mehr als genug Futter.

Vorletztes Stück. „Dead To The World“. An das erinnere ich mich noch. Das war schon beim ersten Hören mein Favorit. Ein luftiges Stück ambientöser Unterhaltung, das zwar ein wenig sehr an Brian Enos Apollo Soundtrack erinnert („Deep Blue Day“ war hier sicher das Vorbild), aber zumindest in seiner Entrücktheit so etwas wie Schönheit in sich trägt und sich selbst durch die kurzen Gesangssequenzen nicht stören lässt.

Wie leicht ich doch zu versöhnen bin. Wenn auch nur für ein paar Minuten, denn leider ist es nicht das letzte Stück auf diesem Album. Als hätten sie gedacht, sie müssten noch einen drauflegen (und das ist ja nur selten eine gute Idee), schieben die Herren noch ein kurzes Stück elektronisch adaptierter Klassik hinterher. Nicht wirklich ärgerlich, aber wenn dieses Album etwas nicht brauchte, dann sind das eineinhalb Minuten Möchtegernbeethoven. Das hätte nur dann Sinn gehabt, wenn es noch mehr davon gegeben hätte, wenn da ein Konzept erkennbar gewesen wäre. So ist es ein einsamer Epilog ohne Bezug zu den übrigen Stücken des Albums.

So. Das wars. Ich vermute, dass ich dieses Album nicht noch einmal in Gänze hören werde. Vielleicht mache ich mir mal den Spaß und probiere, wie sich „Dead To The World“ und „Deep Blue Day“ in einem Ambient Set nebeneinander anhören. Aber für mehr wird es wohl nicht reichen.

Urteil bestätigt, laues Album. Lauter unverständliche Botschaften, lauter unklare Appelle, ein Album, das so bedeutungslos ist wie das pseudoneosurreale Cover. Ab ins Regal. Ungenügend.

RÖYKSOPP – THE UNDERSTANDING – Virgin/Labels/Wall of Sound – WALL LP 035 – 2/10

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Schönes aus dem garden

Es gehört schon zu den wirklich feinen Momenten eines Tages, wenn ich eine neue Schallplatte aus ihrer Hülle gleiten lassen kann. Mancher mag sich am Geruch des Interieurs seines neuen Autos ergötzen – ich finde den Duft einer frisch eingetroffenen Schallplatte um einiges aufregender.

Und dann knistert es so schön, ein wenig Statik ist da immer drin, als ob die Spannung des Moments durch die elektrische Spannung unterstützt wird. Manche Platte hält sich richtig doll statisch fest an ihrer papiernen Innenhülle, und je mehr man dran zieht um so schwerer ist sie zu befreien. In der Ruhe liegt die Kraft. Leicht anwinkeln, den Molekülen ein klein wenig Zeit zum Sortieren und Akklimatisieren geben, und schon gleitet das schöne Schwarze aus dem knappen Weißen.

Viele meiner Platten kaufe ich, ohne sie vorher zu hören. Meistens weiß ich ja eh, worauf ich mich einlasse, zumindest grob, man weiß ja, wer was macht und wie sich das ungefähr anhört. So wird der Moment, in dem die Platte ausgepackt wird, zu einem noch viel spannenderen Moment.

Eine CD zum Beispiel ist da anders. Auch sie ist nie gespielt worden, aber sie wird für ihren allerersten Auftritt auf ein kleines schmuckloses Stück Plastik gelegt und verschwindet für die rasende Junfgernfahrt im Dunkel des digitalen Kastens.

Der Kasten ist es, der dem Tonträger die ersten Noten entlockt – wenn ich hingegen die Platte auf den Plattenteller lege, wohl gebettet auf einem eigens hierfür erstandenen Stück weichem Filz, wenn ich dann den Knopf drücke, der den Motor des Plattenspielers auf genaue, aber gemütliche dreiunddreißigeindrittel Umdrehungen pro Minute bringt, und wenn ich dann den Tonarm anhebe, um ihn gleich danach wieder langsam abzusenken und in der Einlaufrille zu platzieren, dann bin ich es, der den Vorgang physisch und ganz direkt in Gang gesetzt hat, dann bin ich es, der die Platte zum Singen bringt, nicht der Kasten.

Bevor die CD einsetzt, hört man das mechanische Surren des Suchers im Inneren des Players. Bevor die Platte die ersten Schwingungen der ihr anvertrauten Musik preisgibt, hören wir ein paar Sekunden lang ein schönes, spannendes, leise knisterndes Nichts. Das Laufen der Nadel, das Suchen nach dem ersten Ton, die reine akustische Vorfreude.

Und dann erfahre ich, was ich gekauft habe. Viele schöne neue Stücke spannender Musik. Lauter ahas und ohos, ein paar najas und guckmalans. Und manchmal, wenn ich ganz viel Glück habe, auch ein großes verdutztes glückliches Schweigen, das einem sogar, mit noch ein wenig mehr Glück, ein bisschen die Augen unter Wasser setzt.

Das sind seltene Momente, das passiert vielleicht ein zwei Mal pro Jahr, aber es ist immer wieder wunderbar. Für so einen Moment kauf ich gern ein paar hundert ahas, najas und sosos.

Ganz besonders doll ist es dann, wenn es ganz unerwartet kommt. Da packe ich zum Beispiel eine Platte aus, die ist von einem Label namens Tru Thoughts. Feines Label, ohne Frage. Quantic ist da zu Hause, und das ist richtig richtig gute Musik. Bonobo war da zu Hause, bevor er zu Ninja Tune ging, und der macht auch wirklich feine Sachen.

Und so ein Mensch namens Ben Lamdin, der, aus welchen Gründen auch immer, unter dem Namen Nostalgia 77 veröffentlicht. Funky Sachen macht der bisher, nichts sensationelles, aber es lohnt sich, da hinzuhören, selbst wenn es nicht so fein gesponnen daher kommt wie das, was die Labelkollegen so veröffentlichen.

Die Spannung war also nicht so übermäßig groß. Und stieg auch nicht, als das erste Stück lief. Ich war froh, hatte der gute Ben doch offensichtlich gleich für den Opener „Cheney Lane“ die Hilfe von Quantic beansprucht. Ein schön schleppendes, herrlich rohes Stück langsamer Funk, komplett mit Schweineorgel und Bläsern. Ideal für die Bar, freitags, klasse, dachte ich mir, das gibt Futter für den Quantic-Mr.Scruff-AliceRussell-Hint-Bonobo-Block.

Und dann kam alles ganz anders. „Changes“, das zweite Stück, ließ mich ehrlich und wirklich auf den Stuhl sinken, der sich glücklicherweise hinter mir befand, und ich bin sicher, ich hab so richtig klassisch mit offenem Mund dagesessen und ungläubig auf die unbeirrt weiterrotierende Platte geguckt.

Denn das, was da zu hören war, war so ziemlich das schönste Stück Jazz, das ich seit einer Ewigkeit gehört hatte. Lockeres, klassisches Jazz Schlagzeug, unaufgeregt gespielt, unverfälscht aufgenommen. Ein tiefer, warmer Bass, so sanft gespielt, dass man ihn eher spürt als hört. Ein E-Piano, ganz unprätentiös elegant, vervollständigt die Bühne für einen Bläsersatz, der schöner kaum sein kann.

Alles andere als gefällig gesetzt, das ist schon nicht mehr die Art von Harmonie, die es einem leicht macht. Auch die Themen, die sie spielen, sind nicht wirklich einfach zu verdauen. Und doch, es ist so einfach und so schön, dass man einfach nur den Kopf schüttelt.

Da sitz ich nun, konfrontiert mit einem Stück, das ich so auch erwartet hätte, und einem, das irgendwo in den coolsten Momenten der Jazz Geschichte zu Hause sein könnte. Eine perfekte Eröffnung sozusagen, denn jetzt bin ich wirklich mächtig gespannt.

„Green Blade Of Grass“ folgt. Und damit ein weiterer Zeitsprung, irgendwo in die etwas experimentelleren Zeiten des Jazz-Rock, wie man es damals ungeschickt nannte.

„You And Me“ – dicker fetter Kontrabass, Rhodes, leichtes Drumset – der Jazz bestimmt den weiteren Teil des Albums, wunderbar dicht und echt aufgenommen, und ich frage mich immer, wie macht der das, der Junge ist doch einer, der am Computer rumfrickelt und nicht mit ner dicken Band rumreist.

Erst später lese ich, dass letzteres neuerdings auch stimmt – nicht weniger als neun Leute sind unterwegs, wenn Ben Lamdin auf Tournee ist, eine richtig große Jazz Band.

Unweigerlich erinnere ich mich an einen meiner schönsten Konzertmomente, als ich das Cinematic Orchestra auf ihrer ersten Tournee erlebte, nicht minder überrascht, eine wahrhaftige Jazz Combo auf der Bühne zu sehen, eine exzellente obendrein.

Ben beschließt die erste Seite von „The Garden“ mit einem weiteren fast klassischen Stück langsamem, leicht schleppendem Jazz, fast meditativ und doch sperrig gesetzt, einfach nur Schlagzeug, Bass, Piano, Bläser. Wieder diese eigenartige Harmonie aus Schrägem und Schönem, wieder wird es mir nicht leicht gemacht, und wieder mag ich es um so mehr.

Wow, denke ich, das ist grad mal das halbe Album. Ich drehe um, schau noch mal auf die Stücke, die jetzt folgen sollen, und – nee. Das kann nicht wirklich sein. Erstes Stück auf der zweiten Seite: „Seven Nation Army“. Das kann kein Zufall sein.

Nadel runter, wieder dieses gespannte Warten. Und tatsächlich: ein krächzendes kratzendes, schräges, ultralangsames Gitarrenintro, das keinen Zweifel lässt. Das ist das Ding von den White Stripes.

Und wie gehts weiter? Groß. Alice Russell in absoluter Höchstform macht das Rockstück zu einem dicken, fetten, klagenden, gospel-soul-getränkten Funk-Spektakel. Dazu die typischen dicken schleppenden Quantic Drums, ne glasklare Gitarre, die ein paar wenige, aber effektive Akzente setzt, wieder mal ein großartiger Kontrabass – und das klassische Gitarrenthema aus dem Original, das wird von einem wirklich mutigen Bläserensemble gespielt, das so schräg zusammengesetzt ist, dass man wirklich lachen muss.

Man kann sich fragen, was das Stück zur Hölle auf diesem Album zu suchen hat – aber wir lassen das, wir danken, wir staunen, wir freuen uns über eine weitere schöne Überraschung aus dem Garden.

Womit wir beim Titelstück wären. „The Garden“ führt uns wieder in den Jazz, diesmal aber in den ganz ganz langsamen, reflektiven, mit Jazzbesen, kontemplativem E-Piano – ein echtes Stück Kopfhörermusik.

„After Ararat“ hingegen geht in Richtung Latin/African Jazz, mit dichtem Percussiongewebe und zyklischem Bläserspiel, und „Freedom“ wiederum könnte man wohl am ehesten als New Jazz bezeichnen, mit leichten afrikanischen Anleihen.

Und dann sind wir am anderen Ende des Gartens angekommen. Ein Blick zurück, und du stellst fest, alles ist anders. Das ist vielleicht auch das Schönste, was eine Platte dir geben kann – das Gefühl, dass jetzt, da du sie gehört hast, deine Welt ein kleines Stück anders geworden ist. Du hast was gelernt, du hast was gemerkt, du hast etwas gesehen, gefühlt, erlebt. Das ist fein – und das schönste ist, dass du das Gefühl immer wieder ein Stückchen reproduzieren kannst, wenn du die Platte wieder aus dem Regal holst, sie auf den Filz auf deinem Plattenteller legst, die Nadel senkst, und andächtig wartest, während die Nadel durch das leise Knistern der Einführungsrille dem ersten Ton entgegenkreist.

NOSTALGIA 77 – THE GARDEN – TruThoughts – TRULP068 – 8,5/10

900ftspider

Neunhundertundacht Füße

Bei dieser Platte muss ich mich entschuldigen. Ich würde es ja beim Interpreten selbst tun, wenn es ginge, aber das ist so eine Sache. Der Mann ist quasi untergetaucht, seit zehn Jahren einfach weg vom Fenster. MC 900 Ft Jesus, schon der Name ist etwas anders. Irgendwann hat Mark Griffin, so heißt er eigentlich, im Fernsehen einen dieser gruseligen TV-Prediger gesehen, Oral Roberts hieß der Mann, und ich frage mich ernsthaft, warum so ein Prediger sich nicht vielleicht doch einen etwas anderen Vornamen zulegt, dieser Oral Roberts lief jedenfalls da auf seiner Fernsehpredigerbühne herum und erzählte seiner glotzenden Gemeinde, er habe eine Vision gehabt, Jesus sei ihm erschienen, Gottes Sohn himself, und er sei 900 Fuß groß gewesen, also 300 Meter. Anscheinend plagte sich Griffin gerade mit der quälenden Frage, wie er sich denn als Musiker nennen solle, und da kam ihm Oral Roberts wohl grad recht.

Griffin machte am Anfang seiner Karriere so was ähnliches wie Rap, und darauf deutet ja auch das MC am Anfang des Namens hin, und doch stimmt das nicht wirklich, weil da immer so ein Stück Industrial drin war, eine gute Portion Sinn, Irrsinn und Unsinn, eine Neigung zum Skurrilen, zu einer intellektuell-ironischen Haltung, respektlos, eigenwillig, und später dann auch ein bisschen morbide. In einem der wenigen Interviews, die er in seiner eher kurzen Karriere als Musiker geführt hat, sagte er einmal, dass die Leute immer ein wenig überrascht seien, wenn sie ihn kennenlernten und feststellen müssten, dass er nicht verrückt sei. Gerade diese Haltung war es, durchaus nicht überraschenderweise, die ihm eine kleine, aber eingeschworene, nicht minder beknackt-intellektuelle Fangemeinde einbrachte. Die würden sich natürlich nie als Fans bezeichnen, klar, ich ja auch nicht, und doch hab ich so gut wie alles im Regal, was der Mann je veröffentlicht hat.

Und da kommen wir auch wieder zurück zur angesprochenen Entschuldigung. Einen Teil dieser Platten habe ich erst in den letzten Jahren gekauft, und das obwohl das letzte Album elf Jahre alt ist. Genau dieses Album hatte ich nämlich einst erstanden, kurz angehört, und mit einem Achselzucken wieder ins Regal gestellt. Ich würde mich nicht wundern, wenn ein Teil meiner Ernüchterung beim ersten Hören auch daher gerührt haben könnte, dass „One Step Ahead Of The Spider“ in der Zeit des schwachsinnigen CD-Booms 1994 erschien, und Alben wie diese, die man heute definitiv auf Vinyl pressen würde, ausschließlich als CD zu erwerben waren. Warum auch immer, die CD blieb lange im Regal. Sehr lange. Erst vor zwei Jahren kam sie wieder ins Spiel, als ich einmal ein paar Juwelen der Sammlung auspackte und vorführte, und zu „Welcome To My Dream“ griff, dem zweiten Album von MC 900 Ft Jesus. Großartig. The City Sleeps, Falling Elevators, Killer Inside Me… ein tolles Album mit einer ungeheuer dichten Stimmung, sehr atmosphärisch, unvergleichlich.

Dann kam natürlich die Frage – hat der denn noch mehr gemacht? Ja, sagte ich, danach kam noch ein Album, aber das ist nicht so dolle, ich habs nur ein mal gehört und dann weggepackt. Aber was solls, holen wir die CD doch noch mal raus, sagte ich dann, hören wir mal rein.

Ja, und dann kam die Wahrheit an den Tag. Wir sind gleich am ersten Stück hängengeblieben. Die ersten Takte waren es wohl schon, wenn ich es recht überlege. Tamboura, Tablas, Congas, und ein Bass. Eine Kombination wie aus einem Miles Davis Album aus der Zeit von Bitches Brew oder In A Silent Way. Dann das Schlagzeug, ein E-Piano, ein wenig Gitarre, der Eindruck wird noch verstärkt. Und das ist gut, erstaunlich gut, insbesondere in den Ohren von zwei Leuten, die gerade diese Platten sehr gern hören.

Dann fängt Mark Griffin an zu erzählen. Es sind nicht die Geschichten, die man aus dem zweiten Album kennt, nicht diese dunklen Berichte aus den verdrehten Köpfen von Brandstiftern oder ähnlichen seltsamen Figuren. Es ist noch mehr Spoken Word, noch mehr surreale Erzählung, ein Film, der so detailgetreu beschrieben wird, mit so vielen Worten, Adjektiven und Formulierungen, die so treffend, so präzise, so eiskalt gefühlvoll richtig gewählt sind, dass man mitten drin sitzt in der Geschichte, immer weiter angetrieben und begleitet von der Musik, gut elf Minuten lang, bis zum bitteren Ende.

Es ist eine verstörende Geschichte, nur wenige werden sie zu würdigen wissen, schon wegen der sprachlichen Barriere, man muss sehr gut Englisch können, um zu merken, wie toll sie erzählt wird, und dann weil es um eine Frau geht, die in ihrem Auto in einer Kurve einer Landstraße einfach Vollgas gibt und geradeaus fährt, in die Leitplanken, man weiß nicht warum, hat irgendwie das Gefühl, sie weiß es auch nicht, ein wirklich eindringliches, intensives Hörerlebnis, so viel ist sicher.

Mutig, so eine schwer zu schluckende Pille gleich an den Anfang zu legen, aber hat man die erst mal verdaut und begriffen, worum es geht, kann man sich mit Genuss auf die übrigen Seltsamkeiten aus der Fantasie des MC 900 Ft Jesus einlassen. Er selbst sorgt gleich danach für Entspannung, mit einem Gruß aus seiner musikalischen Vergangenheit, denn die nächsten beiden Stücke erinnern in Thematik und Skurrilität ein wenig an das erste Album „Hell With The Lid Off“ – beißende Kommentare zur Entfremdung und zur allgemeinen Dämlichkeit des Menschen, der mit nichts klar kommt und bei drohenden Trennungen mit Knarren wedelt, ein Bericht aus der Welt der Underachiever, die nicht wissen, was sie mit ihrer Birne anfangen sollen, ulkige Texte, die man am besten versteht, wenn man weiß, wie blöd sich ein Intellektueller in den USA vorkommen kann und wie doppelt dumm ihn das Leben da machen kann, wenn er die Orientierung verliert.

Man kann über die Musik streiten, klar – ein wenig frühelektronisch, und Mark Griffin kommt mit offenen Formaten deutlich besser zurecht als mit strengen Popsongformaten. Trotzdem, 1994 klang Musik sonst deutlich peinlicher, so viel ist sicher, und Griffin dürfte auch eher von Collegestudenten als Rapper bezeichnet worden sein, als von irgendwelchen Jungs aus der Bronx. Die hingegen haben sicher Respekt gezeigt, wenn sie gesehen haben, was Griffin im nächsten Stück gemacht hat – eine wirklich mutige Neubearbeitung von Curtis Mayfields „Stare And Stare“ mit dem damals schwer angesagten Living Color Gitarristen und Mitbegründer der Black Rock Coalition, Vernon Reid. Sehr schlank, sehr Spoken Word, der Text, begleitet von Bass und Gitarre, sonst nichts. Nach fünf Minuten dann eine Art instrumentaler Nachhall mit der ganzen Band, zwei Minuten nur, leider, denn der hat eine innere Ruhe, eine Versöhnlichkeit, die selten zu finden ist.

Spätestens jetzt wird klar, dass der selbstdeklarierte MC alles andere als ein alternativer Rapper ist, sondern ein richtig guter Musiker. „Buried At Sea“ folgt. Langsamer, polierter Hip Hop Beat, schöner Gitarren Hook, ein Bläsersample, und wieder diese Texte voller Verwirrung und Desorientierung, nicht wirklich zu verstehen, sondern eher zu erfühlen, und wer nicht genau hinhört, denkt, schön anzuhören, und merkt gar nicht, wie knapp unter der wohlklingenden Oberfläche die Welt auseinanderfällt.

Schon hüpfen wir im nächsten Stück wieder in die skurrile Erzählwelt des Mark Griffin, denn in „Tiptoe Through The Inferno“ schlüpft er offensichtlich in die Rolle eines fröhlichen Geisteskranken. Zitat: „If you do not accept this to be true, then you are insane and will be locked up. I personally have never been locked up, but that is because I personally have never been insane, nor have I ever personally, that is to say, as a person, been a criminal. You, on the other hand, are obviously crazy. This is a scientific fact … Please do not change colors while I am talking to you.“ Zum Glück kann man dem wirklich unterhaltsamen Text, der von einem lockeren soulfunkjazzigen Soundtrack begleitet wird, gut verstehen, der ist mindestens so beknackt wie der Text von „Truth Is Out Of Style“ vom ersten Album, in dem Shirley MacLaine von Außerirdischen entführt wird.

„Gracias Pepe“ heißt das darauffolgende Stück, das wieder nur kleine Textschnipsel enthält, auf Spanisch dieses Mal, während die Musik sich anhört, als käme sie von Ryuichi Sakamoto, perkussiv, leicht, etwas träumerisch, und wenn ich es richtig verstanden habe, bedankt man sich eben bei Pepe, sagt ihm, er sei nicht umsonst gestorben, und ob denn die Engel schön singen.

Aber dann. Dann wirds richtig krass. „New Year’s Eve“. Bongos, Tablas, Schlagzeug, sonst nicht viel, ein vertrackter Rhythmus, der eher Bühne als Musikstück ist, denn Griffin erzählt wieder, und es ist unglaublich, eine beißend satirische Geschichte von einem monströs fetten Mann, der am Silvesterabend fern sieht und ätzende Kommentare zum Programm von sich gibt, während er eine nicht minder monströse Portion Popcorn vertilgt, die er mit einer Gallone Diet Coke herunterspült, bevor er mit einem riesigen Furz schnarchend einschläft. <br><br>Unglaublich das ganze. Definitiv einer der Höhepunkte des Albums. Ich weiß noch, wie wir da saßen und verblüfft den Kopf schüttelten, und dass ich glaub ich ein dutzend Mal stammelte, dass das ja wohl nicht sein könne, dass ich solch ein Album jahrelang verschmäht habe.

Ja, und dann kam der absolute Knaller. „Bill’s Dream“. Man muss wissen, dass der dicke Mann im letzten Stück Bill heißt, und dass der ja am Ende einschläft. Da sitzt man dann und überlegt sich, wie Bills Traum wohl aussehen mag. Was garantiert niemand vermutet, ist dass die rein instrumentale Vertonung des Traums eine gut achtminütige Hommage an Miles Davis sein könnte – und genau das ist es, im Prinzip so etwas wie der zweite Teil von In A Silent Way. Die Verwandtschaft ist klar und deutlich, unmissverständlich, aber dieses Stück ist so schön geworden, dass einem das Wort „Plagiat“ gar nicht erst in den Kopf kommt.

Spätestens jetzt merkt man, was Griffin als Trompeter drauf hat. Heute wissend, dass der Mann nach diesem Album einfach aufgehört hat, Musik zu machen, ist „Bill’s Dream“ wie eine Art Nachlass, ein Großes Finale, das eigentlich unverständlich ist, schließlich ist der Mann nicht gestorben.

Später habe ich dann auch die Maxi von „If I Only Had A Brain“, der einzigen Single dieses Albums, gekauft, und da war dann noch ein weiterer Teil dieser wunderbaren Jazz Session drauf, als zehnminütige „Regression Session“ aufbereitet, mit einem Text wie direkt aus dem Zimmer eines Hypnotiseurs, der den Hörer auffordert, in der Zeit zurück zu gehen, in die Jugend, die Kindheit, und dann weiter, über die eigene Geburt hinaus.

Schön ist an diesem Album auch, dass dann noch ein kleines Juwel kommt, zum Abschluss, ein dreiminütiges Ambientstück, das von einem wie am Frühstückstisch aufgenommenen Dialog begleitet wird, der hauptsächlich davon handelt, dass in Massenszenen bei Hollywood Filmen die Statisten immer aufgefodert worden sind, Rhubarb, Rhubarb zu rufen, wohl um die wie zum Rufen und Wehklagen geöffneten Münder zu filmen. Ein seltsames, schönes kleines Stück, das mich an frühe Pink Floyd Alben erinnert, in denen auch mal einfach nur das Frühstück aufgenommen wurde und zum Intro umfunktioniert wurde, ohne dem Ganzen große Bedeutung geben zu wollen, im Gegenteil, man gab dem Werk dann auch noch einen Nonsenstitel wie zum Beispiel „Several Species of Small Furry Animals Gathered Together in a Cave and Grooving With a Pict“.

Griffin hat sich kürzer gefasst und nannte seinen Abschluss einfach nur „Rhubarb“. Er lässt uns mit etwas Rhabarber am Tisch sitzen, und wir fühlen uns wie nach einem wirklich seltsamen Trip ein wenig allein, eben wie runtergekommen, aber gut runtergekommen, auf undefinierbare Weise bereichert.

Angeblich hat Mark Griffin nach diesem Album keine große Lust mehr auf das Musikgeschäft gehabt, es muss ihn schon schwer angenervt haben. Statt dessen, so sagt man, habe er sich darauf konzentiert, seinen Flugschein zu machen, er wolle Pilot werden.

Manchmal taucht er wohl noch in Communities auf, in denen seiner Musik gedacht wird, und hinterlässt Nachrichten, dass er möglicherweise schon noch mal wieder Musik machen werde, und dass er sich freue, dass sich noch Leute an ihn erinnern. Es wäre jetzt sicher etwas pathetisch, wenn ich sagen würde, dass ich da gern drauf hoffe, ich bin ja kein Fan, nein nein. Aber begrüßen würd ich das schon. Ohne Frage. Das wäre eine Bereicherung.

MC 900 FT JESUS – ONE STEP AHEAD OF THE SPIDER – AMERICAN RECORDINGS – 1994 – 8/10