Category: Compilations


Headz1frontlarge

An der Quelle des Trip Hop

Es ist gut, dass ich mich nicht mehr daran erinnere, wie viel ich damals für dieses Album bezahlt habe, als ich es auf Ebay ersteigerte. Nicht weil es peinlich wäre, auch heute noch ist die erste „Headz“ ein Klassiker, für den ich mindestens das Geld bekäme, das ich damals ausgegeben habe, egal wie viel das war. Also nur falls ich tatsächlich so dämlich wäre, das Album zu verkaufen. Aber so genau will ich es trotzdem nicht mehr wissen, wie viel es war. Viel halt.

Aber dafür ist „Headz“ eben auch mehr als nur irgend ein Label Sampler. Dieses Album war so sehr die Definition eines neuen Musikstils, dass man auch heute noch das ganze Genre danach benennt. Headz ist eben all das lässige Zeug, das sich aus Trip- und Hip Hop entwickelt hat, gern auch mal Downbeat genannt, und bestimmt haben manche noch einmal andere Bezeichnungen.

Was Mo‘ Wax damals machte, war nun einmal ohne jeden Zweifel etwas komplett Neues. Konsequent auf langsam gedrehte Hip Hop Beats, die eben nicht mit wilden Stories prahlender Rapper garniert wurden, sondern einfach mit Samples, Scratches, rasend coolen Bass Lines, Spoken Word – alles, was eben irgendwie richtig gut auf die Beats passte. Was eben dann, und so entstand ja auch der Begriff, zum Trip wurde, zur abgefahrenen akustischen Reise – eben zum Trip Hop.

Und so vereint dieser Sample logischerweise so gut wie alles, was am Beginn dieser durchaus Musikgeschichte schreibenden Reise irgendwie Rang und Namen erspielte, das Genre definierte, sind hier alle Stücke, die damals die Hörgewohnheiten und sogar die Nightlifekultur veränderten. Amtlicher als „Headz“ geht es nicht. Nicht mal im Ansatz.

Schon allein, dass auf diesem Sampler die beiden legendären ersten Tracks von DJ Shadow „In/Flux“ (hier als „Alternative Interlude ’93 Version“) und „Lost And Found (S.F.L)“ zu finden sind, macht das dicke 3-LP-Set zu einem wertvollen Bestandteil jeder Sammlung. Aber auch die übrigen Stücke sind keinesfalls von schlechten Eltern. Nightmares On Wax sind dabei, die LA Funk Mob, U.N.K.L.E, Howie B und Autechre – das ist schon ein wirklich beachtliches Lineup.

„A Collage Of 16 Instrumental Excursions From The Hip-Hop Avant Garde“ steht innen im Gatefold zu lesen, und „Soundtracks Of Experimentation“ neben dem Mo‘ Wax Label – man merkt, dass es Label Chef James Lavelle nicht eben um Understatement ging, aber zu dieser Zeit und mit diesem Sampler war es gar nicht möglich, zu dick aufzutragen. Dass man sich dabei scheinbar verzählt hat – es sind tatsächlich 18 Stücke – nehmen wir einfach mal so zur Kenntnis.

Selbst dann, wenn wie zum Beispiel auf der ersten der sechs Vinyl Seiten die Liste der Interpreten nicht unbedingt großes Staunen hervorruft – hier sind es Patterson, Attica Blues und Awunsound -, ist die Qualität der Tracks keineswegs dürftig. Patterson braucht für „Freedom Now (Meditation) nicht viel mehr als eine Bassline und ein paar Orgelakkorde, um eine etwas düstere Trip Hop Atmosphäre aufzubauen, Attica Blues gehen bei „Contemplating Jazz“ mit klassischem trägem Hip Hop Beat ran und strafen das mit dem „Instrumental Excursions“ etwas Lügen, indem sie eine Sängerin in Aktion treten lassen – ihr Beitrag ist aber so wenig prägend, dass sie auch aus dem Sampler hätte kommen können. Und Awunsound nehmen sich viel Zeit und eine Tüte Jazz Samples, um das einzige Stück, das sie je veröffentlicht haben, zu einer soliden Sache zu machen.

Dass Nightmares On Wax auf diesem Album vertreten sind, muss dem guten James Lavelle besonders wichtig gewesen sein, denn in der Liste dessen, was als Inspiration auf dem Cover verewigt wurde, ist auch deren „Nights Interlude“ vertreten. Klar, ist ja auch wirklich die Definition eines Klassikers. Dass das hier vertretene „Stars“ mag jetzt nicht das gleiche Niveau haben, und wirkt im Vergleich zu vielen anderen Stücken dieses Albums regelrecht blankpoliert, ist aber immer noch von großer Coolness geprägt.

Abgesehen davon wird diese loungige Politur gleich darauf von der LA Funk Mob relativiert, deren „Ravers Suck Our Sound“ ein gutes Stück roher rüber kommt. Hinter dem folgenden M.F. Outa‘ National, die ebenfalls hier ihr einziges je veröffentlichtes Stück zum Besten geben, verbirgt sich ein gewisser Joseph Malik, den wir ein knappes Jahrzehnt später auf dem deutschen Compost Label wiederfinden. Das hier vertretene „Miles Out Of Time (Astrocentric Mix’n’Beats)“ bringt abstrakten Instrumental Hip Hop – und wenig wirklich spektakuläres. Gleiches gilt für R.P.M. und „The Inside“ – mag damals recht ungehört gewesen sein in seinem reduzierten Ansatz, nutzt sich aber auch schnell ab.

Interessanter ist da schon die Anwesenheit von Autechre, deren „Lowride“ hier klar den Akzent in Richtung Elektronik und Detroit verschiebt. Schwerer Hall auf den Claps, dicker Raum für die Synths – aber bevor es zu kühl wird, gibt es ein paar Elektroorgelakkorde wie frisch aus Kool & the Gangs Klassiker „Summer Madness“. Klar, bei Mo‘ Wax gilt auch der Output aus Detroit und von den Kollegen bei Warp als große Inspiration.

Hier und da muss man auch mal in die Credits schauen, um zu kapieren, was grad passiert – beispielsweise bei „Wildstyle – The Krush Handshake“ von einer Formation namens Olde Scottish (auch sie gab es nur auf zwei Mo‘ Wax Samplern). Hier wird produziert und abgemischt vom Howie B., an den Plattentellern wirkt der gute DJ Krush. Der Rest der Band jamt sich hier durch so etwas wie eine Hommage an den P-Funk. Nette Randnotiz, mehr nicht.

Noch ein Beispiel: Skull, der mit „Destroy All Monsters“ vertreten ist, wird untertitelt mit „Created by Underdog“, die Credits sind bei Trevor Jackson, und der wiederum ist der Mann hinter Playgroup, also auch kein Unbekannter. Dass er es mit seinem düsteren Hip Hop im Anschluss an DJ Shadow nicht eben leicht hat, ist verständlich. Wer Deflon Sallahr hingegen ist, dessen „… Don’t Fake It“ die vierte Seite abrundet, bleibt unklar. Noch einmal schleppender Instrumental Hip Hop. Okay.

Neben DJ Shadow dürfen R.P.M. zwei mal ran, und ihr „2000“ zeigt immerhin, dass man auch mal rhythmisch etwas komplexer ran gehen kann. Dazu ein paar Sprachsamples von Apollo-Missionen und ein paar spacige Xylophon Sounds, fertig ist der Beitrag. Palm Skin Productions liefern dann ihre „Slipper Suite“ ab, komplett in drei Akten – dubby, jazzy, weird. Steht ja dran: Soundtracks Of Experimentation. In diesem Fall ganz groß.

Natürlich muss auch James Lavelle selbst mal ran, sein U.N.K.L.E Projekt tritt hier gegen das Major Force Orchestra an und liefert mit „The Time Has Come“ sein erstes Stück ab – noch ohne DJ Shadow, aber noch mit Kudo und Tim Goldsworthy. Irgendwie ulkig, hat dieses Stück doch so rein gar nichts mit dem zu tun, was U.N.K.L.E einige Zeit Später auf „Psyence Fiction“ auszeichnet. Leicht angejazzter Hip Hop mit clever gewählten Beat- und Bass-Samples.

Auf der Zielgeraden geht es noch mal ran an die berühmten Namen, mit Howie B. Inc, Tranquility Bass und DJ Shadow. Howie ist irgendwo bei knapp 60 BPM endgültig in der Zeitlupe angekommen und macht selbst daraus noch ein dynamisches Experiment, Tranquility Bass schicken den Hip Hop zum Drogentrip in den Dschungel und beamen Neil Armstrong mit auf die Party, we came in peace for all mankind und so, und DJ Shadow macht eben das, was ihn zu einem großen gemacht hat – die besten Beats und die fettesten Samples zu einem Kunstwerk kombinieren, das weit über allem steht, was hier sonst noch auf dem Sampler zu hören ist.

Zu „Lost And Found (S.F.L)“ müssen wir nicht viel sagen – ein Geniestreich. Und auch im Bezug auf das Artwork dieses Albums gilt es Anerkennung zu zollen – es stammt von 3D alias Robert del Naja, Mastermind von Massive Attack, und eben auch ein Graffitti Künstler den kein geringerer als Banksy als Inspiration bezeichnet.

Wie groß der Einfluss war, den Mo‘ Wax und andere in den frühen 90ern auf die Weiterentwicklung des Hip Hop zu neuen musikalischen Spielarten hatte, lässt sich heute nur bedingt nachvollziehen. Es lässt sich aber durchaus berechtigterweise behaupten, dass die Tatsache, dass wir die Musik dieses Albums heute kaum als revolutionär empfinden, ein klares Indiz dafür ist, wie viel sich durch „Headz“ und ein zwei weitere Alben verändert hat. Dieses Album ist nicht mehr und nicht weniger als Musikgeschichte.

V.A. – HEADZ – A SOUNDTRACK OF EXPERIMENTAL BEATHEAD JAMS – MO‘ WAX – MW LP 026 – 8/10

101303808

Bumm Bumm Bumm, jetzt mach Musik

Ja ja. So war das damals. Techno Anfang/Mitte der 90er war ein recht rohes Produkt. Wenn man sich auf Youtube anschaut, wie manche sich damals anzogen und zurecht machten, als sie in die Techno Clubs gingen, ist man doch teilweise ein klein wenig peinlich berührt. Man dachte ja damals, man sei voll im Herzen der urbanen Kultur angekommen, ich mein, wie viel städtischer geht es noch als volle Kraft Vierviertel und immer geradeaus, und doch sieht es von heute aus betrachtet teilweise ganz schön provinziell aus.

Und natürlich hört sich das, was auf diesem Sampler zu hören ist, gut 20 Jahre später auch echt ein wenig simpel an. Denn streng genommen ist der Albumtitel hier tatsächlich das Grundprinzip der Produktionsweise, wobei man durchaus hinzufügen kann, dass damals alles, was es so an Geräten und Möglichkeiten gab, noch so neu war, dass Drumtracks tatsächlich oft nur aus ein zwei Elementen bestanden, die halt so bei 140 BPM straight durchliefen, ebenso wie die kruden Samples, immer in die Loop, bis in die Unendlichkeit, Variationen nicht vorgesehen.

So ballern sich hier fünf bis dahin (und im Grunde auch danach) nicht weiter bekannte (vermutlich auch vorher noch nicht existente) Formationen durch das kompromisslose Technoprogramm. Der Sampler erschien auf Sabrettes, einem Schwesterlabel der Sabres Of Paradise von Andrew Weatherall, und bringt Beiträge von Turbulent Force, Point Alpha, THD, Pod, Psyche und Lords Of Afford. Alle dürfen zwei mal, die Lords nur ein mal, dafür mischt da aber Herr Weatherall persönlich mit.

Klar, es fällt leicht, aus heutiger Sicht zu sagen, dass die Rechnung, die hier aufgemacht wird, nicht aufgegangen ist. Andererseits wäre es auch ein klein wenig naiv, wenn man glauben wollte, dass eben diese Rechnung zur Gründung einer Band tatsächlich ernst gemeint gewesen sei. Die Ambivalenz des Titels und der damit verbundenen Botschaft ist so ziemlich das spannendste an diesem Doppelalbum. Denn einerseits ist es tatsächlich so, dass in diesen frühen Zeiten des Techno viele sich einfach die genannten Geräte besorgten und dann fröhlich in Abwesenheit kompositorischer Fähigkeiten drauflosproduzierten, was natürlich zum kritischen Hinterfragen einlädt und die Möglichkeit beinhaltet, dass dieses Album so etwas wie ein sarkastischer Kommentar ist – andererseits, und das dürfte ein wenig näher an der Wahrheit liegen, setzt das Album die Gleichung sehr konsequent und im Bezug auf den musikalischen Inhalt recht humorlos um, was nahe legt, dass man das eigene Konzept durchaus nicht allzu ernst nimmt, ihm aber gleichwohl konsequent folgt.

So gesehen ist diese Zusammenstellung an sich schon programmatischer, reflektierter und intelligenter als vieles andere, das aus dieser Zeit stammt, und damit eigentlich dem Punk näher als dem primär hedonistischen Dienst an den Tanzflächen. Das macht das Album deswegen heute nicht hörbarer, aber es lässt sich definitiv leichter drüber diskutieren als über vieles von dem, was damals beispielsweise in und um Frankfurt entstand und eher durch den generösen Konsum von Drogen zu erklären sein dürfte als durch bewusst in Gang gesetzte kreative Prozesse.

Und doch steckt in der Gleichung viel Positives. Jeder, der in den frühen Neunzigern ein tieferes Interesse an elektronischer Musik entwickelte, liebäugelte zumindest mit der Anschaffung des einen oder anderen Gerätes aus dem Hause Roland. Noch heute stehen in meinem Musikzimmer 303, 626 und 909 – die Gleichung ist ein wenig anders, das Prinzip natürlich ähnlich. Selbst den Emax habe ich noch, an dem ich damals alles sampelte, was nicht bei drei auf dem Baum war.

Es war großartig, mit diesen Geräten herumzuexperimentieren, der eigenen Vorstellung von Musik Ausdruck zu verleihen, ohne dass es jahrelanger Erlernung musikalischer Fähigkeiten bedurft hätte, und mit einem guten Kumpel so etwas wie eine Band zu gründen und auf Parties ein wenig an den Knöpfen zu drehen und über ein paar Tasten eines billigen Synthis die Samples in die Loop zu schicken.

Nicht dass ich das, was wir damals im Gästezimmer zusammen „produziert“ hatten, mit dem Output von Herrn Weatheralls Labels vergleichen wollte. So herausfordernd das Hören beispielsweise dieses Albums auch heute noch sein mag, es war halt das, was man damals hören wollte. Man mochte das. Auch wenn das heute fast ein wenig schwer vorstellbar ist. Aber wer damals mal auf den krasseren Floors des Dorian Gray vorbei schaute, merkte schnell, dass das Zeug wirkte. Für viele auch ohne den Konsum der Drogen, die mancher sich genehmigt hatte, der eben diese Tracks produzierte.

Aber ja. Damals war jeder eine Band. Man musste es nur tun.

V.A. – 101 + 303 + 808 = NOW FORM A BAND – SABRETTES – SBR 004 LP – 5/10

asthma

Die gute alte Quetschkommode

Ab und zu erwischt man bei den Compilations Exemplare, da fällt einem auf, dass so eine Titelzusammenstellung auch richtig spannend, überraschend und konzeptionell stimmig sein kann. Passiert selten, stimmt, meist sind das irgendwelche Hit-Sampler, denen man auch noch anmerkt, dass da entweder Eigeninteressen der Labels dahinter stecken, oder dass sie dem Ego des Zusammenstellenden schmeicheln sollen.

Nichts davon trifft hier zu. Im Gegenteil. Die Idee ist charmant, die Zusammenstellung anspruchsvoll und bereichernd, und selbst der Titel ist hübsch. Wer sich ein wenig in der englischen Sprache auskennt, weiß: der asthmatische Wurm, das ist das Akkordeon. Die Ziehharmonika. Melodeon, Bandoneon – eben alles, was man so hin und her zieht, mit Knöpfen und Tastaturen, was eben so asthmatisch röchelt, wenn man beim hin und her ziehen keine dieser Knöpfe oder Tasten drückt.

Zwölf mal Quetschkommode also. Und nicht irgendwelche offensichtlichen Geschichten, alte französische Chansons oder so, sondern elektronische Musik, in der das Akkordeon eine mehr oder weniger zentrale Rolle spielt. So eng das vom konzeptionellen Ansatz her auch klingen mag – es funktioniert, und das auf richtig schön charmante Weise, in einer erfreulich großen stilistischen Bandbreite.

Freunde der etwas anspruchsvolleren Barbeschallung mit Faible fürs Elektronische werden bereits bei der Auflistung der Künstler hellhörig. Múm, Doctor Rockit, Burnt Friedman, Gonzales, Dntel, Gotan Project – das darf man durchaus eine erlesene Auswahl nennen, und auch die anderen sechs Interpreten bringen keineswegs nur Füllmaterial.

Múm zum Beispiel, eine von diesen entzückend verrückten isländischen Truppen, geben uns ein paar hübsche Keyboard Akkorde, ein bisschen Percussion, das von ihnen immer gern verwendete Glockenspiel, eine naive kleine Melodie – und eben das Akkordeon, das den Liebreiz der viereinhalb Minuten perfekt abrundet. „I’m 9 Today“ könnte tatsächlich für einen neunten Geburtstag komponiert worden sein und ist wirklich sehr sehr hübsch. Im besten Sinne.

März folgen mit „Bar 1, 2, 3, 4“ auf Pfaden, die eine Nähe zu deutscher Minimalelektronik spüren lassen, mit dementsprechend deutlich höherem Tempo. Interessanterweise ist die Instrmentierung gar nicht so weit entfernt von der, die man bei Múm wählte, und auch die Melodien sind hier lieblich-einfach gehalten. In der zweiten Hälfte des Stückes gibt es dann noch einiges an Sprachsamples, die Worte aus der Welt der Bars beinhalten, eine kleine Assoziationsreihe mit einer netten Portion Humor. Chef ist nicht da, heißt es am Ende. Sitzt sicher im Studio.

Oder ist schlafen gegangen, wie der Hase von Sensorama. „Where The Rabbit Sleeps“ setzt voll auf eine feine kleine Melodie aus dem Akkordeon, die von leicht nach Krautrock riechendem Gitarrenspiel begleitet wird, dann abwechselnd von Synth Akkorden und reichhaltigem Glockenspiel abgelöst tief ins Repetitive geführt wird – so ziemlich das Gegenteil vom darauffolgenden „Sans Toi“ von einer Formation namens Hey, die das wohl am ehesten traditionell zu nennende Stück beiträgt, recht nah am Chanson, sehr französisch.

Da passt das feine „Café de Flore“ von Doctor Rockit alias Matthew Herbert fast schon zu gut hinten dran – erst das Thema Frankreich ganz dick ins Spiel gebracht, und dann das prototypische Stück elektronischer Interpretation hinten dran. Heute kommt einem der Titel ein klein wenig zu lang vor, dafür, dass es ja im Grunde nur aus einer einzigen Melodie-Idee besteht – aber ich glaube kaum, dass jemand irritiert wäre, wenn es heute in einem netten kleinen Café liefe. Herbert hat mal richtig Freude gemacht.

Zum Gotan Project muss man nicht wirklich viel sagen – sie sind ja lange sowas wie das Synonym für die Verwendung des Akkordeons im Downbeat Bereich gewesen, und „El Capitalismo Foraneo“ ist quasi wie die Blaupause des Gotan Konzepts – klassische Trip Hop Beats, ein wenig Dub, ein Akkordeon, ein wenig Piazzolla-Feeling, schon sind die Barbesucher verzückt.

Da sind Burnt Friedman und Jaki Liebezeit schon ein wenig überraschender. Ihr „Rastafahndung“ vom formidablen ersten „Secret Rhythms“ Album ist vielleicht nicht das stärkste Stück der beiden, passt aber trotzdem gut in die Reihe – zumal der schon im Titel angedeutete Bezug zum Reggae eher als gefühlte Richtung zu sehen ist und nicht zu streng genommen wird.

Es ist sicher kein Zufall, dass Friedmans Flanger-Partner Uwe Schmidt alias Atom TM gleich im Anschluss zu finden ist. Sein „Pole vs. Pentatonic Surprise“ lässt mich ein wenig rätseln, was das mit Pole zu tun hat, denn das, was dieses Stück zu bieten hat, erinnert tatsächlich deutlich an das, was man von Stefan Betke so über die Jahre zu hören bekam. Feines dubbiges Zeug, bei dem das Akkordeon verfremdet, verhallt, editiert den Raum über dem tiefen Bass und dem extrem reduzierten Rhythmustrack bevölkert. Sehr fein.

„Would Grandpa Like It?“ fragt dann Markus Nikolai, und wir können die Frage angesichts der experimentellen Natur dieses Stücks mit relativer Sicherheit verneinen. Sehr viel Hallraum, ebenso viel Echo, Stereoeffekte – das ist schon sehr abstrakt, was der Opa da so angeboten bekommt. Da hilft auch etwas später der Beat nicht sonderlich, das wird nicht eingängiger. Wer diese CD zum Dinner laufen lässt, sollte hier nur durchlaufen lassen, wenn man musikalische Allesesser eingeladen hat.

Das Nikolai-Stück ist ebenso wie das folgende von Dntel, „Your Hill“, bis dahin unveröffentlichtes Material – und zumindest für den tiefer interessierten Musikfreund ist auch der Dntel Track interessant, selbst wenn es uns das Stück anfangs etwas schwer macht. Dann fühlen wir uns ein klein wenig an „The Dream Of Evan And Chan“ erinnert, und das kann natürlich nur ein Kompliment sein.

Wechsel Garland setzt dann wieder einen interessanten Kontrapunkt, mit akustischer Gitarre, extrem dezenter Rhythmusbegleitung, einer schönen Bassbegleitung und fein perlenden Keys – ein elegant-entspannter Walzer mit einem Herz aus Akkordeon, der richtig charmant verzückt. Noch eine erfreuliche stilistische Dimension mehr, dabei sind wir doch schon fast am Ende des Albums.

Zum Abschluss besucht uns noch Gonzales, der ja eh so gut wie nichts falsch machen kann. Er lässt die gute alte Quetschkommode schön wehmütig sein, wie es sich gehört, begleitet von fast kitschigen Keyboards – fast würde man sich wünschen, dass Jaques Tati noch da wäre und herrlich verschrobene Filme machen, da hätte Gonzales ein perfektes Soundtrack für, garantiert.

So kann man eine schöne Compilation machen – mit einer wirklich interessanten Idee, einer sorgfältigen Titelauswahl, einer sehr sinnvollen Titelabfolge auf dem Album, einem schönen Titel und einer gut gestalteten und liebevoll produzierten Album-Hülle. Da passt so gut wie alles. Merci.

V.A. – THE ASTHMATIC WORM – MOBILÉ – MOBCD1 – 8/10

tcorpabduct

Diebe auf Abwegen

1999 war die Thievery Corporation schon richtig fett im Geschäft. Ihr erstes Album war – auch Dank der Verwendung des großartigen „Shaolin Satellite“ auf der DJ Kicks von Kruder & Dorfmeister – richtig gut angekommen, und in der Folge zeigten die ersten 12″ Auskoppelungen des folgenden Albums, dass die beiden Chefs bei der Thievery Corporation das Niveau nicht nur halten, sondern auch noch deutlich steigern konnten.

Neben den bereits erwähnten Kruder & Dorfmeister war es zweifellos die Thievery Corporation, die den neuen Downbeat Sound definierten – und davon wollten auch diverse Künstler durch Remixaufträge etwas verabreicht bekommen. So ist die Liste der hier geremixten Künstler auch durchaus erlesen. David Byrne ist dabei, Gus Gus, Stereolab, Black Uhuru – stilistisch ist das obendrein auch eine beachtliche Bandbreite.

David Byrne lässt sich beispielsweise sein „Dance On Vaseline“ neu frisieren und bekommt prompt etwas geliefert, das dessen prägnante Gesangsarbeit geradezu elegant wirken lässt. Fast schon ein wenig zu glatt, könnte man meinen, aber primär weil der David doch irgendwie gar nicht so ein glatter ist. Baaba Maal liegt da schon ein klein wenig näher, denn schon 1999 war das Faible der Thievery Corporation für dubbige Weltmusik-Exkursionen stark ausgeprägt. Und so ist Baaba auf einem Beat, der klingt wie ein 90er-Jahre-Update des alten Paid-In-Full Drum Samples, primär über tief verhallte Vocal Samples zu hören, während man den Keyboards schon fast klassische Thievery Themen und Sounds entlockt. Das ist nicht weltbewegend, aber nett anzuhören.

Mit der Neubearbeitung von „Kc Doppler“ von der eher unbekannten Formation Slide Five weist das Album den ersten eher müden Titel auf – ein Beat, ein recht penetrant wiederholtes Orgelthema, ein paar spacige Effekte und Intermezzi, das ist etwas zu eintönig, um zu überzeugen. Wohliges Lounge Gepucker, das keine Richtung hat. Leider. Die Neubearbeitung von Rockers Hi-Fis „Transmission Central“ kommt da deutlich besser weg, natürlich auch weil die Rockers ein weit lohnenswerteres Original bereitgestellt haben. Flott flott das Ganze, aber Vorsicht, nicht dass noch Schweiß auf der Stirn den Auftritt versaut.

Und dann wird es diffizil. Denn „Tickertape Of The Unconscious“ von Stereolab ist im Original schon eine verdammt gute Nummer. Sich überhaupt dran zu setzen ist schon ziemlich gewagt. Wie bei der Corporation so üblich wird erst mal entschlackt, dann werden ein paar Elemente hervorgehoben – hier die Vocal Tracks – und das, was dann noch da ist, stilvoll angereichert. Das ist am Ende sehr Thievery, sehr lässig, von kühler Eleganz. Ist das gut? Offensichtlich wollte man es so, bei Stereolab.

Ähnlich geht es einem bei Pizzicato 5, deren „Porno 3003“ bereits als verdammt lässiger Trip daher kam – und nun als Thievery Corporation Remix fast so wirkt als wollte man alles raus nehmen, das beim Abspielen in einer Cocktail Lounge zu viel Aufmerksamkeit beansprucht. The artists have left the building. Oder dösen im Fauteuil, und werden anschließend von den johlenden Thievery Labelkollegen Thunderball geweckt, deren „Hijack“ vom schon damals nur wenig zeitgemäßen Drum And Bass Korsett befreit wird, aber dennoch nicht zwingender wird.

Edson Cordeiro, ein wohl recht begnadeter brasilianischer Sänger, bekommt sein „Ave Maria“ neu abgemischt und landet wie schon Baaba Maal im Hallraum und bekommt ein teilweise fast orientalisch anmutendes Ambiente, das durch kräftige Midtemporhythmen aufgepeppt wird – wie schon bei Slide Five eher ein wenig erinnerungswürdiger Moment der Sammlung. Auch von Waldecks „Defenceless“ bleibt nicht viel aufregendes hängen – das kann aber auch damit zusammenhängen, dass aus heutiger Sicht die Trip Hop Attitüde des Stücks nur bedingt verdaulich ist. So allein und schutzlos und so. Hm.

Dann „Polyesterday“ von Gus Gus. Siehe oben. Verdammt mutig, sich das vorzunehmen, wie schon im Fall von Stereolab, denn Gus Gus waren schon verdammt eigensinnig damals, passten in so gar kein Schema. Und Thievery war definitiv Schema. So sehr, dass vom Stück selbst mächtig wenig übrig bleibt. Puckert, blubbert, hallt, läuft durch. Bei Hooverphonic ist im Anschluss die gewöhnungsbedürftige Stimme der Chanteuse noch prägnanter – und findet nicht wirklich die Verbindung zum geremixten Instrumentalteil. Eher eine leicht verstörende Demontage.

Konsequenterweise tun sich die Herren Remixer bei den Avatars of Dub und deren „Sexelevatormuzik“ deutlich leichter, offensichtlich, weil deren Musik deutlich näher an der der Thievery Corporation liegt. Das groovt dann schon eher wie im Stile des ersten T-Corp-Albums und verströmt so ein klein wenig „Summer Madness“. Und danach dann Black Uhuru wie in einem modernen Dub Mix, das kann ja nur passen. „Boof ’n Biff ’n Baff“ wird sauber dekonstruiert und neu verklebt, das kann man so machen.

Es folgt noch eine moderat bearbeitete Version von Ursula 1000s „Savoir Faire“ und eine recht müde Neuabmischung von „Closer To God“ von Urbs ’n Chaoz – beides nichts, das das Gesamturteil des Albums noch groß beeinflussen kann. Ob es daran liegt, dass eineinhalb Jahrzehnte später die Anfänge der Downbeat Ära ein wenig beliebig wirken, ein wenig inhaltsleer und fassadenschwanger? Ich glaube nicht. Denn zum einen sind die spannendsten Stücke dieser Zusammenstellung im Original weit aufregender, und zum anderen ist das meiste dessen, was die Thievery Corporation vor und nach dieser Sammlung von Remixen gemacht hat, deutlich gehaltvoller und relevanter.

THIEVERY CORPORATION – ABDUCTIONS AND RECONSTRUCTIONS – EIGHTEENTH STREET LOUNGE MUSIC – ESL 017 – 5/10

fsoj2

Geht gut weiter

In der ersten Auflage hatten sich die Initiatoren dieser Serie viel vorgenommen. Große stilistische Bandbreite trotz des programmatisch wirkenden Titels – Jazz ist für sie nicht nur dann Jazz, wenn Jazz drauf steht oder es sich deutlich nach Jazz anhört, sondern eben eher eine Haltung. Verständlich. Auch wenn natürlich solch ein breit angelegtes Konzept schwer nur mit einer einzigen Runde definiert ist, da braucht es schon ein paar mehr.

Gut also, dass Nummer 2 das ganze nicht nur weiter führte, sondern die Bandbreite dessen, was man als zukuftsweisend erachtete, noch ein wenig erweiterte. Aus heutiger Sicht, etwa 18 Jahre später, kann man den Anspruch dieser Serie natürlich mit deutlich anderen Augen betrachten als damals – auch wenn der wirklich außerordentliche Erfolg der Reihe eine ebenso deutliche Sprache spricht wie die wiederholte Anerkennung der Fachpresse.

Generell fällt an dieser Compilation auf, dass einmal ganz abgesehen vom Anspruch, den sowohl das Wort „Future“ als auch das Wort „Jazz“ hier impliziert, die Qualität dessen, was dort zusammengetragen wurde, auch heute noch als außerordentlich hoch einzuschätzen ist. Das hat fast durch die Reihe auch heute noch Bestand, es gibt keine peinlichen Momente. Das ist schon mal ein großes Kompliment.

Fragt man sich nun, ob die ausgwählten Titel tatsächlich diese Wirkung hatten, nämlich neue Wege zu beschreiten, die auch in der Zukunft bestand haben, dann kann das selbstverständlich nicht für die gesamte Reihe von – in dieser Ausgabe – 13 Titeln gelten. So ist zum Beispiel der durchaus feine und geschmackvoll produzierte erste Track von Sven van Hees, „Tabla Rasa“, aus der anvisierten Zukunft betrachtet eher ein Statement zur damaligen Gegenwart – ein Beispiel für die aufkommende Downbeat-Welle, ein hervorragendes Stück Loungekultur.

Das darauf folgende Stück der Gentle People dürfte in eine ähnliche Kategorie fallen, denn selbst im Aphex Twin Care Mix ist „Journey“ primär elegante Barmusik in der Nähe der späteren De-Phazz Veröffentlichungen. Vielleicht ein wenig zukunftsweisend, aber doch für einen recht überschaubaren Zeitraum. Noch viel mehr trifft dies natürlich auf Nightmares On Wax mit ihrem Klassiker „Nights Interlude“ zu, der das trendige Trio komplettiert. Drei Titel also, die durchaus aufkommende, aber begrenzt haltbare Strömungen aufgriffen.

Einer der wenigen Tipps, die nicht aufgegangen sind, ist Max 404, dessen „Quiddity (Last Visit)“ so etwas wie eine dunkle industrial Variante von Trip Hop präsentiert. Interessantes Zeitdokument, immerhin. Bei Fauna Flash, die hier mit „Sexual Attraction“ vertreten sind, könnte man sich etwas streiten – einerseits ist ihr loungiger Ansatz, Drum & Bass zu produzieren, auch nur von recht kurzer Haltbarkeit gewesen, andererseits hat sich Christian Prommer, einer der beiden Faunas, immer weiterentwickelt und ist auch heute noch recht gut im Geschäft.

Beim Thema Drum & Bass dachte man damals durchaus, dass das zukunftweisend sein könnte, teilweise nahmen auch arrivierte Jazzer wie Erik Truffaz den Stil auf – aber auch hier war die Nachhaltigkeit eher begrenzt. Der Interpret des sechsten Stückes, 12-10 Series MK1, hat außer der EP, von der das hier ausgewählte „All That Jazz“ stammt, nur noch eine weitere Single veröffentlicht – zumindest unter diesem Namen. Aber das ist auch der einzige Künstler, bei dem man klar daneben liegt.

Chaser, deren „Sides Of Iron“ hier vertreten ist, waren zur Zeit der Veröffentlichung dieser Compilation gerade auf dem Weg nach oben. Sie produzierten recht feine Tanzmusik im Grenzbereich von House, Broken Beats, Lounge und Jazz, und gehören sicher schon deswegen in diese Sammlung. Die Formation selbst hat nicht sehr lange bestanden, aber wenn man weiß, dass hier Lars Sandberg alias Funk D’Void mitmischte, kann man dem verantwortlichen Michael Reinboth durchaus eine gute Nase attestieren.

Bei Sabres Of Paradise kann man erneut unterschiedlicher Meinung sein. Andrew Weatherall und seine Kollegen waren gerade so ziemlich auf dem Zenit ihrer Karriere, die dann aber für die Sabres nicht viel weiter führte. Nichtsdestotrotz gehören Sabres of Paradise mit ihrem sehr genreübergreifenden Stil zu denen, die neue Impulse für die so genannte Leftfield Szene lieferten, und Weatherall blieb ja auch lange einer ihrer bekanntesten Protagonisten. Das hier vertretene „Bubbles & Slide“ kommt im Nightmares on Wax Mix heute trotzdem etwas antiquiert rüber.

Dann erscheint wie schon bei der ersten Ausgabe von FSOJ Patrick Pulsinger, hier im Team mit seinem Dauerpartner Erdem Tunakan. Nicht immer leicht zu verdauen, was die beiden sich haben einfallen lassen, aber ja, eindeutig Innovatoren, höchst kreative Leute, die gern mal Grenzen ignorierten und über Jahre hinweg unter verschiedenen Namen veröffentlichten, wie zum Beispiel als Dean & Deluca, Sluts’n’Strings & 909. Das hier gewählte „P.M.2/SM2“ gehört aber nicht wirklich zu ihren großen Momenten.

Faszinierender ist da schon, so viele Jahre später Tortoise zu hören. „Ry Cooder“ war damals schon ein wirklich außergewöhnliches Stück. Wohl der Beitrag auf diesem Sampler, der dem, was der Titel prophezeit, am nachvollziehbarsten gerecht wird. Es ließe sich ganz legitim behaupten, dass dieser Titel schon Squarepusher war, bevor dieser so richtig Squarepusher war. Oder auch dass hier sogar ein ganz klein wenig Mogwai durchscheint. Und durchaus in einem Randbereich von Jazz zu Hause. Spannend.

Unter dem Namen B.Low feat. Richard Dorfmeister sind hier zum zweiten Mal die Herren Pulsinger und Tunakan vertreten – mit einem höchst ungewöhnlichen Stück namens „On Flute (1992 Live)“ – irgendwo zwischen Ambient, Downbeat und Experimental, teilweise an The Orb erinnernd, indem unterschiedlichste Soundquellen ineinander gemischt werden – Geräusche, Beats, Gesangssamples, und eben der Dorfmeister mit seiner Querflöte, die er dann später noch auf der „G-Stoned“ EP heraus holen konnte. Mutige Wahl, muss man sagen, aber auch so ein Track gehört irgendwie zum Konzept.

„Hector’s House“ von Mike Paradinas alias µ-Ziq ist in der damaligen Sicht eindeutig ein Blick in die Zukunft gewesen – in einer Zeit, in der Musiker wie Aphex Twin, Andrew Weatherall und eben Paradinas recht radikale Formen elektronischer Musik auszuloten anfingen, war die Zukunft einfach schwerst elektronisch und nicht eben leicht verdaulich. Paradinas übernahm später auch das eigentlich von Virgin gegründete Speziallabel Planet Mu, Aphex Twin wurde zu einem großen Namen, und Weatherall gründete die Two Lone Swordsmen – also durchaus alles Vorreiter.

Mit Turntable Terranova und „Tranquilizer“ wiederum hat Reinboth zum Abschluss durchaus noch einen kleinen Treffer gelandet – auch wenn der nur halb zählt, denn die Formation, die später dann nur noch Terranova hieß, war damals noch bei dessen Compost Label zu Hause – wie auch die oben erwähnten Fauna Flash. Auch wenn großer kommerzieller Erfolg eher nicht die Folge war, viel Kreativität kann man ihnen attestieren. Dafür sind allein schon die nachfolgenden Labels klare Indizien: Zunächst wechselten sie zu Studio !K7 nach Berlin, und 2012 dann zu Kompakt.

Wirklich aufschlussreich, sich wieder zu den Anfängen der FSOJ Reihe zu begeben – und festzustellen, dass Compost bzw. Reinboth einen guten Riecher hatte, gut genug um auch aus heutiger Sicht noch von einer qualitativ hochwertigen Zusammenstellung reden zu können, die dem Titel der Serie so weit gerecht wurde wie eben möglich. Das ist viel.

V.A. – THE FUTURE SOUND OF JAZZ VOL. 2 – COMPOST – COMPOST 017-1 – 6,5/10

uwor

Nichts für Fans. Oder eben doch.

Das Problem mit Underworld Fans ist, dass viele von ihnen wirklich reine Underworld Fans sind. Wenn es nicht hemmungslos klopft und kein Karl Hyde zu hören ist, dann ist das doof. Aber gut, das ist beim Fan-sein eh immer das Problem – man begrenzt sich bewusst auf ein Thema, eine Spielart, einen Verein, eine Person. Und generiert damit in der ungesunden Konsequenz automatisch Feindbilder. Man schaue sich nur viele von den Reaktionen der „leidenschaftlichen“ Underworld Fans auf diese CD an. Unverständnis, Enttäuschung, Entfremdung.

Da steht schließlich Underworld drauf! Hallo? Und dann drückt man auf Play und dann kommt da so Jazz Kram. Rockt so gar nicht. Ich hatte mal das unverschämte Glück, ein Interview mit den beiden Herren führen zu dürfen. Selten habe ich mit so höflichen, neugierigen, respektvollen, musikalisch breit interessierten und klar denkenden Musikern gesprochen. Man hatte mich unter anderem gebeten, sie nach ihren fünf Lieblingsplatten zu fragen. Eigentlich mag ich so etwas nicht, es ist so eine lahme und vorhersehbare Frage. Aber sie fanden es prima. Nur zu gern.

Nicht weiter überraschend: Das Ergebnis waren fünf Alben aus fünf verschiedenen Musikrichtungen, ein paar Klassiker, ein paar ganz nagelneue Sachen. Kraftwerk, King Tubby, Jazz, wirklich bunt. Bei King Tubby fiel ihnen partout nicht der Titel des Albums ein. Kurz mal bei Darren Price angerufen und gefragt. Der wiederum nannte gleich drei Album Titel, es war ein lustiges kleines Titelraten in der Hotellobby.

Natürlich gibt es auch Underworld Fans, die gerade das lieben. Die wissen, dass die Band lange auch eine großartige Design Agentur leitete, und dass die Texte von Karl Hyde nicht wirklich zum ravigen Mitgröhlen geschrieben wurden, sondern durchaus so etwas wie Lyrik darstellen, die verstehen, dass er so etwas wie ein Poet ist, nur eben einer, der seine Gedanken in assoziativen Schnipseln auf Techno legt, was dann, im extremen Fall, zu intensiven gesangstechnischen Vereinigungen mit der Heerschar der Fans im Publikum führen kann.

Für die also, die eben genau diese simple Festlegung von Underworld auf einen kleinen BPM Bereich für blödsinnig halten, eröffnet diese Zusammenstellung von Lieblingsstücken (und genau genommen ist diese CD nicht mehr und nicht weniger als das) durchaus interessante Aspekte. Die Bandbreite ist groß, von Alice Coltrane, der Frau von John Coltrane, bis Squarepusher, von Roxy Music bis Laurent Garnier – der kurze Blick auf die Liste der Interpreten kann schon mal die Frage aufwerfen, was das verbindende Element ist.

Es wäre jetzt einfach, zu sagen, dass die Verbindung darin läge, dass das eben alles Stücke sind, die man mag, die einen beeinflusst haben. Stimmt natürlich. Es macht aber auch Sinn, sich zu fragen, warum es denn nun ausgerechnet diese Stücke sind, und ein Teil der Antwort ist ganz sicher die Faszination am vorantreibenden Element in der Musik, am Schub, dem Vorwärtsgerichteten. Nein, irgendwie nicht der Groove, nicht so ganz. Zumindest im hiesigen Verständnis wird der Begriff ein wenig zu entspannt wahrgenommen – Schubkraft ist ein bisschen was anderes.

Der andere Aspekt liegt sicher in einer gewissen Entrücktheit, Erhabenheit, Losgelöstheit. Gleich am Anfang der CD perfekt dargestellt von Alice Coltrane mit „Journey In Satchidananda“, mit einem beseelten Cecil McBee am Bass und einem wie immer großartigen Pharoah Sanders. Frau Coltrane an der Harfe, im Hintergrund stets die Sitar – wer sich nur ein ganz klein wenig in Karl Hyde hineinversetzen kann, ahnt, warum ihn dieses Stück inspiriert. In der Folge ist das Mahavishnu Orchestra, natürlich mit John McLaughlin, ebenfalls extrem tiefenentspannt unterwegs – nichts kann hier die Ruhe und Versunkenheit der Musiker stören, sie lieben was sie tun, und das hört man. Sehr Underworld, in diesem Sinne.

Tom Jenkinson (Squarepusher) ist auch so einer, der es im höchsten Maße konsequent liebt und sich einen Teufel darum schert, in welchen Kategorien er sich gerade bewegt, und schon darum ist es spannend, ihn direkt hinter das Mahavishnu Orchestra zu legen. Selbst wenn man weiß, dass Jenkinson bei aller Freude am elektronischen, an Noise Experimenten und herausfordernden bis wirklich an die Nerven gehenden Exkursionen, eine große Liebe für den Jazz hat, ist es zumindest ein Lächeln wert, wenn man feststellt, wie gut sein „Theme From Sprite“ sich an das Spiel von John McLaughlin reiht.

Diese Zusammenstellung zwingt so gut wie jeden, sich im Laufe der Stunde, die man mit diesem Album verbringt, mit Musik auseinanderzusetzen, mit der man sonst eher gar nichts zu tun hat. Soft Machine ist so ein Fall für mich. Ein ganzes Zimmer voller Musik – und kein einziges Soft Machine Album. Sollte ich noch mal überdenken, jetzt wo ich mir ein paar mal „Penny Hitch“ angehört habe. Viel näher am Jazz als ich dachte, viel satter und spannender produziert als ich es erwartet hätte, und wiederum von sehr viel reiner Spielfreude gekennzeichnet.

Ausgerechnet Roxy Music hingegen, die ich teilweise wirklich sehr mag, passt für mich eher weniger in die Reihe der Stücke, die im Übrigen so gut wie gar nicht gemixt sind, durchaus aber sachte ineinander übergehen. „2HB“ fängt für mich eigentlich erst nach knapp zwei Minuten an, wirklich interessant zu werden, wenn das Stück in eine Passage übergeht, die wie eine Roxy Music Interpretation von Krautrock klingt. Doch wenn dann Bryan Ferry wieder einsteigt, verliere ich die Verbindung zum Thema – die musicalhafte Erzählweise des Stücks ist für mich einfach ein fremdes Element im Fluss der Inspirationen.

The Detroit Experiment kannte ich bis zu diesem Album genau gar nicht. Mag jetzt ein wenig peinlich sein – schließlich ist das ein von Carl Craig initiiertes Jazz Projekt mit Musikern, die alle entweder in Detroit geboren wurden oder dort den größten Teil ihres Lebens verbracht haben. Hätte man zumindest wissen können. Noch einmal reine Freude an der Musik, keine Posen, kein Theater, fast klassischer Jazz, den man so sicher nicht im 21. Jahrhundert vermutet hätte.

Spannend. Auch die Anwesenheit vom Moodymann, dessen „Rectify“ wiederum großartig in die Reihe passt, weil es wie kaum ein anderes Moodymann Stück dessen große Liebe zum Jazz demonstriert. Keine Ahnung, wie er diese Stücke konzipiert, immer hören sie sich an als wären sie sorglos und ohne große Konzentration auf strukturelle Regeln oder gar kompositorische Strategien zusammengeworfen, improvisiert mehr als komponiert, aus dem Moment heraus, assoziativ und spielerisch, ungeheuer leichtfüßig. Nachvollziehbar, dass man das im Hause Underworld zu schätzen weiß.

Den Übergang zu Osunlades „The Promise“ bekommt man fast nicht mit, so ideal passen diese beiden Stücke hintereinander. Irgendwie, denke ich da, kenne ich Osunlade anders – nicht so arpeggiohaft, nicht so psychedelisch, elektronisch, abstrakt, allenfalls so polyrhythmisch wie hier. Hier und da habe ich gehört, dass man die Auswahl der Stücke für diese Compilation ein wenig zu unspektakulär und etwas zu vorhersehbar findet. Geht mir nicht so. Ich bin wirklich alles andere als ein Musikbanause, aber ich entdecke hier einiges, das ich trotz aller Underworld-Sachkenntnis so nicht erwartet hätte.

Ein eigenes Stück darf natürlich auch nicht fehlen. „Oh“ stammt aus dem Soundtrack zu Danny Boyles Film „A Life Less Ordinary“ aus dem Jahr 1997. Ganz ehrlich? Ich weiß nicht, ob man den Fans hier noch mal eine Gelegenheit geben wollte, das Stück verfügbar zu machen, ohne den Rest des Soundtracks dieses Films mit in die Sammlung stellen zu müssen – es ist nicht wirklich ein Highlight der CD. Damit hat man sich nicht wirklich einen Gefallen getan. Aber vielleicht kommen hier die „harten“ Fans auf ihre Kosten, wer weiß.

„Gnanmankoudji (Broken-Afro Mix)“ vom Herrn Garnier folgt dann: broken beats, eine gute Portion Jazz – man könnte fast meinen, hier wären Zero dB am Werk gewesen. Was durchaus ein Kompliment ist. Wiederum eine sehr interessante Auswahl, auch diesen Mix kannte ich noch nicht und mag ich jetzt. Philippe Nadaud heißt der wirklich gute Saxophonist und Arrangeur hier. Credit where credit is due.

Dann ein wirklich harter Wechsel zu Miroslav Vitous und „New York City“ – so etwas wie ein Hybrid aus Jazz und 70er Jahre Disco mit ner Prise Jazzrock. Wirkt irgendwie ein wenig komisch, heutzutage, da kommt wieder etwas das theatralische Element hervor, das bei Roxy Music schon nicht ganz ins Konzept der Zusammenstellung passen wollte. Bleibt irgendwie außen vor, wie auch das letzte Stück, eine Kooperation von Brian Eno und Karl Hyde – Elektronik, Jazz Drums, und eben Karl, mit seinen Gedanken. Interessant, aber auch hier fällt der Vergleich mit den großen Momenten dieses Albums etwas flach aus. „Beebop Hurry“ ist nicht so rasend spannend, dass es als Synthese der Inspirationen überzeugen könnte.

Was bleibt ist eine Compilation, die großartig beginnt, ein wenig desorientiert endet, vieles verdeutlicht und einiges entdecken lässt. Viele wussten schon vorher, dass Underworld mehr bieten als eine intellektuelle Variante von Techno, die sind hier recht gut bedient, die anderen denken sich „what the fuck“ und sind von ihren Helden enttäuscht. Die hätten es wohl spannender gefunden, wenn ich ihnen gesagt hätte, was die Antwort auf ihr absolutes Lieblingsalbum gewesen ist. Ohne Zögern war die Antwort „Computerwelt“ von Kraftwerk.

V.A. – UNDERWORLD VS. THE MISTERONS: ATHENS – STUDIO !K7 – !K7243CD – 7,5/10

zerodb

Immer noch ne Schippe drauf

Dieses Doppelalbum hat mir mal so richtig amtlich den Arsch gerettet, um es mal ganz deutlich zu sagen. Ich hätte es eigentlich wissen müssen, dass da Gefahr droht. Typisches DJ-Desaster. Eine Bekannte heiratet. Sie will mit ein paar guten Freunden und der engsten Familie auf einem Weingut feiern. Braucht ein wenig gute Beschallung. Denkt sich, frag ich doch den Bekannten, der hat gute Musik, legt in guten Bars auf, dafür kann er auch lecker essen und trinken auf der Hochzeit. Wär ja sonst nicht mit von der Partie.

Sag da mal nein. Geht irgendwie nicht. Und so ein DJ ist ja auch gern mal ein wenig naiv. Denkt sich, komm, die hat gesagt, die will nur bissl Lounge Programm, da kann ja gar nichts anbrennen, die trinken noch ein paar Gläser Rheingau und parlieren, während du die lässigsten Nummern aus dem Hut zauberst, die sie je gehört haben. Wer sich auskennt, ahnt schon, was kommt. Die Gesellschaft ist schön in Schwung und ganz ausgelassen, will nicht parlieren sondern tanzen. Na prima. Die große Tasche voll mit Downbeat, und dann sollst du mal schön Dampf machen.

Klar, die Kiste hat auch hier und da was flottes dabei, Quantic, Mr Scruff, Troubleman, und auch sonst noch einiges, aber wer weiß wie lange die das Tanzbein schwingen wollen. Ich schwitze schon nach nicht mal zehn Nummern und blättere fieberhaft durch die Kiste. Bald ist Schluss mit flott, und dabei sind die grad so schön am hotten. Und da sehe ich sie, ganz am hinteren Ende der Tasche. Die neue Zero dB. Reconstruction. Zwei LPs, neun Titel, und gut die Hälfte davon eventuell einsetzbar. Hoffentlich verdauen sie es. Denn richtig stromlinienförmige Tanzware für die typische Hochzeit ist das nicht.

Eigentlich sogar ziemlich genau gar nicht. Die neun Remixes, die hier vorgelegt werden, sind teilweise von einer Intensität, die selbst das New Jazz gewohnte Tanzbein ganz schön ins Zittern bringt. So war auch klar, dass der Opener, der Zero dB & Hectic Remix von „Satellites Are Spinning“ von Sun Ra besser nicht auf den Plattenteller kommt. Schon hier wird klar, dass Neil Combstock und Chris Vogado alias Zero dB so ziemlich zu den besten Remixern gehören, die so zwischen 2000 und 2005 die Szene bereicherten. Da wird kräftig nach vorne gemischt, Gas gegeben, Feuer gemacht. Super fetter Kontrabass, richtig weit vorne, treibend ohne Ende, dicke Percussionanreicherungen, und nicht zuletzt sehr kompromisslose elektronische Unterstützung fast bis an die Schmerzgrenze.

Bei Sun Ra geht das spektakulär gut, vor allem wenn man das aus der Richtung der Jazz Freunde betrachtet. Ein atemloser Ritt, psychedelisch, elektronisch, voll aufgedreht – so gut und so fett, dass die Tanzfläche fast immer Probleme hat, mitzukommen. Aber eins ist sicher – WENN der Track jemals zur richtigen Zeit gespielt wird, dann explodiert die Bude. Beim Remix von „Henry“ aus dem Hause Peace Orchestra ist das Tempo deutlich verhaltener (und klar geeignet für meine Hochzeitsgäste, die tatsächlich Freude dran haben). Der Eleganz der Wiener angepasst, wird der Salon-Swing des Stücks fein angedickt, mit ein paar rhythmisch eingewobenen Synth Licks unterstützt, den Bläsern ordentlich Raum und Druck verschafft, hier und da ein wenig das Rhythmuswerk fein variiert – schon rollt der vollsatte Remix los, und ich habe mir knapp sieben Minuten Raum verschafft.

Auch beim Trüby Trio und „Galicia“ kann ich nicht viel falsch machen, normalerweise. Ja, auch hier ist der Zero dB Remix mit kräftig mehr Dampf versehen als das Original, aber es ist schon beeindruckend, wie aus einem netten New Jazz Klassiker eine konsequent treibende Tanznummer gestrickt wird. Viel mehr Elektronik, viel mehr Bass, aber von der mächtig nach vorn gemischten Kontrabass-Sorte, Vocal Loops, überbordendes Spiel mit den Toms und Becken, Minute für Minute wird es dicker und satter, dann ein hübsches Zwischenspiel mit allerhand Hüllkurvenknopfgedrehe, und schon geht es wieder weiter Richtung Volldampf. Gerade das Spiel mit der Dekonstruktion und dem geschickt effektiven Neuaufbau wird bei diesem Remix exzellent betrieben. Die Hochzeitsgäste gehen schon richtig hübsch ab und Schweißperlen garnieren das durchaus seelige Lächeln.

John Kong & Moonstar folgen mit dem Zero dB Remix von „Future Vision“ – deutlich entschlackter, jazzy und funky, mit fein vertracktem Schlagzeugspiel und hübschen Stereoeffekten, viel Stage Piano, und dem typisch markanten, leicht knarzigen Elektrobassteppich. Feines Teil, aber meine Gäste würden sich die Beine verknoten. Wie wohl auch bei Original Soulboy im Remix von „Touch The Sun“. Wieder knarzt der Bass ungeniert aus den Boxen, auf schön komplexem Rhythmus, dieses mal mit sattem flächigem Synth Teppich. Die Jungs lassen sich Zeit wie sonst nur Troubleman. Und bauen Schicht um Schicht auf, nehmen das Stück wieder auseinander, bauen es neu und noch voller und satter wieder auf – mit jeder Runde steigert sich das Spiel, und in jedem Intermezzo wartet eine neue feine Dekonstruktion.

Aber die nächste Nummer ist wieder was für meine Gäste. Die sind eh schon tief in Südamerika angekommen, bei dem Menü, das ich ihnen serviere, und da kommt Suba grad recht. Zero dB Remix von „Samba do Gringo“ – und ich gönne ihnen das komplette lateinamerikanische Intro mit allem was dazugehört. Schöne weit nach vorn gemischte Akustikgitarre, tolle Rhythmusarbeit, dazu die nötige Portion Electro, das passt. Und jetzt wird sogar noch gesungen, von Brasilien, da kommt auf der Tanzfläche gleich noch mehr Freude auf. Sie merken kaum, dass sie sich da grad zu ziemlich ambitionierten Klängen vergnügen. Der Saal bebt. Und ich bin verdammt froh.

„Xtradition“ von Interfearance ist eindeutig in diesem Remix treibender, spannender und irgendwie konsequenter als im Original, wenn auch nicht ganz so aufregend wie vieles von dem, was wir schon gehört haben. Bei Grupo Batuque mit „E Ruim“ sind wir dann aber schon wieder tief in Südamerika angekommen – und noch einmal beweisen Zero dB, dass man selbst den klassischsten brasilianischen Tanznummern noch eine richtig große Portion Arsch verpassen kann. Mancher mag meckern, dass das wie Spoiler am Sportwagen rüber kommt, aber man muss einfach sagen – was Zero dB aus dieser Nummer machen, hat auf der Tanzfläche einfach sehr viel geilere Bodenhaftung.

Zu guter Letzt serviert man uns dann noch einen Remix von Acmes „Hangovers“ – ein interessanter und krasser Kontrast zum vorhergehenden Stück. Sehr elektronisch, sehr technisch, kühl, und doch immer mit einem ungeheuren Vortrieb, der sämtliche Zero dB Remixes kennzeichnet. Immer nach vorn, immer Meister im Wechsel aus Aufbau und Dekonstruktion, mit feiner Dramaturgie, und mit einem Gefühl dafür, wie weit man gehen kann, ohne zu nerven.

„Reconstruction“ ist in erster Linie ein großartiges Lehrstück der Remix Kunst. Zero dB verstehen ihr Handwerk wie kaum ein anderes Remix Team, und man muss ihre Konsequenz bewundern, mit der sie ihren Job erledigen. Und so ist dieses Album eigentlich auch das beste, was sie bis dato auf den Tisch gelegt haben. Nicht jedermanns Sache, gewiss, aber konsequent durchgezogen und damit voll überzeugend.

ZERO DB – RECONSTRUCTION – UBIQUITY ‎– URCD 127 – FLUID OUNCE – FLOZLP02 – 7,5/10

boobacoho

Home is where the groove is

Mit Samplern kann ja nicht jeder so. Schnell ist die Nase gerümpft – das ist doch nur was für Leute, die zu faul sind, sich intensiv mit Musik zu beschäftigen, sondern nur so was trendiges im Regal haben wollen, wenn mal Besuch kommt. Zu einem großen Teil habe ich dafür auch ein gewisses Verständnis. Oft genug, wenn ich mal jemandem erzählt habe, dass ich am Wochenenden gern in Bars lässige Sachen auflege, kam dann so was wie „Ah, cool, ja, so Café del Mar und so.“ Manchmal fiel es mir wirklich außerordentlich schwer, darauf noch eine freundliche Antwort zu finden. „So ähnlich“ sagte ich meist, und sparte mir den Zusatz „nur nicht so Scheiße.“ Café del Mar geht mal gar nicht. Da kannst du auch gleich Chris de Burgh hervorholen.

Andererseits können Sampler, Compilations, Mix Alben auch wirklich wertvoll und sinnvoll sein. Viele von meinen Lieblings-Samplern sind tausende von Kilometer mit mir in der Plattentasche unterwegs gewesen, weil sie manchmal gleich ein halbes Dutzend Stücke beinhalteten, die prima in der Bar beim Vermeiden der Café del Mar Klischees halfen. Meist waren mindestens zwei Verve Remixed Compilations dabei, oder was aus der Hi Fidelity Lounge Reihe. Noch ein Vorteil: Man entdeckt dort auch durchaus mal Neues, das dann wieder zu weiteren schönen Entdeckungen führt. Xploding Plastix hätte ich ohne den Colors Sounds: Nordic Sampler wohl erst sehr viel später kennen gelernt.

Und da sind dann ja noch die Mix CDs. Die DJ Kicks von Kruder & Dorfmeister – genreprägend. Die Coldcut 70 Minutes of Madness – tatsächlich, blanker Wahnsinn. Oder auch die teilweise wirklich tolle Solid Steel Serie von Ninja Tune. Natürlich gibt es auch viel dürftiges Clubgemixe, das kein Mensch braucht. Aber gerade für einen, der selbst gern Platten mixt, ist es immer wieder faszinierend, was da so alles zusammengeworfen wird.

Zugegeben – die Coming Home Mix CD von Boozoo Bajou ist nicht notwendigerweise stilprägend, sie beinhaltet keine wirklich atemberaubenden mixtechnischen Fähigkeiten, und allzu große Überraschungen bietet sie auch nicht. Und trotzdem ist das „aber“, das ich hinterherschiebe, ein wirklich gewichtiges. Ich würde mal behaupten, dass dieser Mix zu den lässigsten Aufnahmen gehört, die in meiner nicht eben kleinen Sammlung zu finden sind. Ungeheuer entspannt, richtig erfreulich stilvoll, fein ausgewählt, stimmig zusammengeschoben.

Das will was heißen. Denn im Gegensatz zum sonstigen Tätigkeitsbereich der Herren von Boozoo Bajou – leicht dubschwangere und von Südstaatendüften durchzogene Edel-Downtempo-Produktionen – bewegen sie sich für diesen Mix im oft wirklich grässlich von Dünnbrettbohrern verseuchten Deep House Gelände. Ja, hier und da sind auch gern mal ein paar Südamerikanische Klänge dabei, und gegen Ende wird es für eine solche Klassifizierung auch mal fast schon zu druckvoll, aber unterm Strich ist das Deep House. Nur – es wird nicht ein einziges Mal peinlich. Das hätte echt in schlimmem Klischee enden können – ist aber meilenweit davon entfernt.

Das fängt schon gut an, denn das jazzige Intro von Linkwood Family’s „Miles Away“ lässt sich richtig schön Zeit, setzt gleich die richtigen Akzente, und bereitet unaufgeregt die Bühne für das Darauffolgende vor. Die Boozoos selbst haben auch keine Eile und schieben den shuffeligen Idjut Boys Dub vom eigenen „Fürsattel“ erst nach gut acht Minuten ran. Ist okay. Wir sind schon extrem entspannt, und der Shuffle Rhythmus passt wunderbar auf die diversen Dub Räume, die der Mix zu bieten hat.

Die Entspannung erreicht ähnlich große Tiefen wie der Hall, bis knapp vier Minuten später Ski in den Schallraum croont und sagt, er sei „On My Way“. Boozoo Bajou hatten schon immer ein Faible für tiefe, markant männliche Stimmen, und Ski begleitet Tontelas, so heißt der Interpret, hier auf recht manierierte Weise, wie eine Art leicht übereifriger weißer Barry White. Die Texte – okay, eventuell ist da dann doch ein wenig Klischee im Spiel. Aber lässig ist es schon. Lassen wir durchgehen.

Zumal im Anschluss ein feines kleines Intermezzo folgt. Soulphiction mit „Soulprint“, kurz dazwischengeschoben für knapp zwei Minuten, mit reichlich Stil, hallt dann fein aus und wird vom W-Burn Clan abgelöst, deren „Lights Out“ das Tempo leicht anziehen lässt, die Grundentspannung aber keinesfalls gefährdet. Es folgt eins meiner beiden absoluten Highlights – Nora Morales‘ „Saona“ im Gilles Peterson & Sinbad Remix. Großartige Piano Loop, feine spacig spinnerte Soundeffekte, schön schiebende Südamerikanische Beats und Chöre – vor vielen Jahren hat mal ein gewisser Sidestepper in Venezuela ein paar richtig lässige Beats gebastelt, an die musste ich da unweigerlich denken. Großes Kino.

Gut, dass das gleich sieben Minuten lang das Ohr erfreut – ich muss schauen, dass ich das gute Stück irgendwo separat auf Vinyl finde. Nach diesem feinen Moment lerne ich noch mal was über die Wirkung von Stücken in unterschiedlichen Zusammenhängen. Als ich nämlich das nächste Stück, „Killer“ von Boozoo Bajou ft. Topcat, das erste mal auf deren Album hörte, war ich schon nach nicht mal einer Minute schwer genervt. Ich steh halt nicht auf diesen Jungle Style MC Kram, da steckt wenig Variabilität drin. Aber komisch, hier in diesem Zusammenhang kommt es deutlich weniger nervig rüber. Allerdings wird hier auch nicht eine Albumtitelfolge feiner Downtempo Tunes durch nerviges Getoaste unterbrochen, hier gehört es eher rein.

Trotzdem habe ich nichts dagegen, wenn dann Henrik Schwarz übernimmt, der sich mit Amampondo zusammengesetzt hat und deren „I Exist Because Of You“ einen Live Mix verpasst hat. Sehr typischer Schwarz Stil, sehr fein und sehr warm produziert, sehr percussiv und sehr afrikanisch, mit entsprechenden Gesängen – manchmal geht mir der gute Henrik beim World Beat integrieren ein wenig arg weit, aber seine Produktionen sind halt einfach von so hoher Qualität, dass selbst das gut geht. Sicher auch weil der Mix achteinhalb Minuten Zeit hat und sehr viel Raum lässt, die Fähigkeiten von Henrik Schwarz zu feiern.

Nachdem so das Tempo noch mal kurz angezogen wurde, geht es im nächsten Moment etwas deutlicher auf die Straße, und wo die Beats eben noch flossen, springen sie bei „Givin It Up“ von Icasol ft. Capitol A deutlich mehr. Die hier verwendete Dub Version ist unterhaltsam, schiebt mit einem einfachen aber effektvollen Akkordthema nett an – nichts großartiges, aber auch hier – es funktioniert. Und da wir eh schon langsam wieder irgendwo zwischen Chicago und Detroit gelandet sind, macht es auf schöne Weise Sinn, dass sich hier das Stuttgarter Motor City Drum Ensemble anschließt. Muss man nicht viel zu sagen. „Raw Cut #5“ ist einfach verdammt gut.

Dann wird es wieder Zeit für ein bisschen Deepness. Wieder ein fein rollender Beat, ein Piano Sample, dezenter Hallraum, stilvolle Bassline – „Coming Home“ von Andre Lodemann ist arschcool und perfekt für den Mix geeignet. Das gilt dann auch für das darauffolgende „Children“ von Nick Solé. Sechs Minuten dubby deep bliss, hier vielleicht ein klein wenig zu verspielt, und sicher hätte man noch lässigere Dub Tech Tracks finden können, aber ist okay. Läuft eh, denn im Anschluss hören wir, was Brendon Moeller aus Intrusions „Tswana Dub“ gemacht hat, und das ist dann wirklich schon nah am Dub Techno dran. Fein, fein.

Ja und dann kommt mein zweites dickes Highlight auf dieser Mix CD. Move D. Und nicht irgendwas von Move D. Sondern meiner Meinung nach sein größter Moment, „Got Thing“. Knalltrockene Bassdrum, ungeheuer funky Bassline, herrlich viel Raum, tolles entspanntes und dennoch treibendes Grundtempo, erfreulich sperrige Effekt Loops, ein paar gut gewähle Samples… Das Teil war schon immer in meiner House Kiste, wenn ich unterwegs war, und da bleibt es auch. Das macht Freude.

Für mich hätte da auch Schluss sein können, genau genommen. Aber die Herrren Boozoo wollen es noch mit einem Remix eines ihrer eigenen Stücke ausklingen lassen – „Divers“ im Jay Haze House Remix. Ist jetzt kein Track, der das Ganze noch mal aufwertet, aber perfekt geeignet, um entspannt groovend in Richtung Ausgang zu wanken. Der Abend war gut, und das ist das Stück, bei dem man sich prima noch mal von allen verabschieden kann. Lässig wars. Und danke.

DIVERSE INTERPRETEN – BOOZOO BAJOU: COMING HOME – Stereo Deluxe – 4250330543029 – 8/10