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An der Quelle des Trip Hop

Es ist gut, dass ich mich nicht mehr daran erinnere, wie viel ich damals für dieses Album bezahlt habe, als ich es auf Ebay ersteigerte. Nicht weil es peinlich wäre, auch heute noch ist die erste „Headz“ ein Klassiker, für den ich mindestens das Geld bekäme, das ich damals ausgegeben habe, egal wie viel das war. Also nur falls ich tatsächlich so dämlich wäre, das Album zu verkaufen. Aber so genau will ich es trotzdem nicht mehr wissen, wie viel es war. Viel halt.

Aber dafür ist „Headz“ eben auch mehr als nur irgend ein Label Sampler. Dieses Album war so sehr die Definition eines neuen Musikstils, dass man auch heute noch das ganze Genre danach benennt. Headz ist eben all das lässige Zeug, das sich aus Trip- und Hip Hop entwickelt hat, gern auch mal Downbeat genannt, und bestimmt haben manche noch einmal andere Bezeichnungen.

Was Mo‘ Wax damals machte, war nun einmal ohne jeden Zweifel etwas komplett Neues. Konsequent auf langsam gedrehte Hip Hop Beats, die eben nicht mit wilden Stories prahlender Rapper garniert wurden, sondern einfach mit Samples, Scratches, rasend coolen Bass Lines, Spoken Word – alles, was eben irgendwie richtig gut auf die Beats passte. Was eben dann, und so entstand ja auch der Begriff, zum Trip wurde, zur abgefahrenen akustischen Reise – eben zum Trip Hop.

Und so vereint dieser Sample logischerweise so gut wie alles, was am Beginn dieser durchaus Musikgeschichte schreibenden Reise irgendwie Rang und Namen erspielte, das Genre definierte, sind hier alle Stücke, die damals die Hörgewohnheiten und sogar die Nightlifekultur veränderten. Amtlicher als „Headz“ geht es nicht. Nicht mal im Ansatz.

Schon allein, dass auf diesem Sampler die beiden legendären ersten Tracks von DJ Shadow „In/Flux“ (hier als „Alternative Interlude ’93 Version“) und „Lost And Found (S.F.L)“ zu finden sind, macht das dicke 3-LP-Set zu einem wertvollen Bestandteil jeder Sammlung. Aber auch die übrigen Stücke sind keinesfalls von schlechten Eltern. Nightmares On Wax sind dabei, die LA Funk Mob, U.N.K.L.E, Howie B und Autechre – das ist schon ein wirklich beachtliches Lineup.

„A Collage Of 16 Instrumental Excursions From The Hip-Hop Avant Garde“ steht innen im Gatefold zu lesen, und „Soundtracks Of Experimentation“ neben dem Mo‘ Wax Label – man merkt, dass es Label Chef James Lavelle nicht eben um Understatement ging, aber zu dieser Zeit und mit diesem Sampler war es gar nicht möglich, zu dick aufzutragen. Dass man sich dabei scheinbar verzählt hat – es sind tatsächlich 18 Stücke – nehmen wir einfach mal so zur Kenntnis.

Selbst dann, wenn wie zum Beispiel auf der ersten der sechs Vinyl Seiten die Liste der Interpreten nicht unbedingt großes Staunen hervorruft – hier sind es Patterson, Attica Blues und Awunsound -, ist die Qualität der Tracks keineswegs dürftig. Patterson braucht für „Freedom Now (Meditation) nicht viel mehr als eine Bassline und ein paar Orgelakkorde, um eine etwas düstere Trip Hop Atmosphäre aufzubauen, Attica Blues gehen bei „Contemplating Jazz“ mit klassischem trägem Hip Hop Beat ran und strafen das mit dem „Instrumental Excursions“ etwas Lügen, indem sie eine Sängerin in Aktion treten lassen – ihr Beitrag ist aber so wenig prägend, dass sie auch aus dem Sampler hätte kommen können. Und Awunsound nehmen sich viel Zeit und eine Tüte Jazz Samples, um das einzige Stück, das sie je veröffentlicht haben, zu einer soliden Sache zu machen.

Dass Nightmares On Wax auf diesem Album vertreten sind, muss dem guten James Lavelle besonders wichtig gewesen sein, denn in der Liste dessen, was als Inspiration auf dem Cover verewigt wurde, ist auch deren „Nights Interlude“ vertreten. Klar, ist ja auch wirklich die Definition eines Klassikers. Dass das hier vertretene „Stars“ mag jetzt nicht das gleiche Niveau haben, und wirkt im Vergleich zu vielen anderen Stücken dieses Albums regelrecht blankpoliert, ist aber immer noch von großer Coolness geprägt.

Abgesehen davon wird diese loungige Politur gleich darauf von der LA Funk Mob relativiert, deren „Ravers Suck Our Sound“ ein gutes Stück roher rüber kommt. Hinter dem folgenden M.F. Outa‘ National, die ebenfalls hier ihr einziges je veröffentlichtes Stück zum Besten geben, verbirgt sich ein gewisser Joseph Malik, den wir ein knappes Jahrzehnt später auf dem deutschen Compost Label wiederfinden. Das hier vertretene „Miles Out Of Time (Astrocentric Mix’n’Beats)“ bringt abstrakten Instrumental Hip Hop – und wenig wirklich spektakuläres. Gleiches gilt für R.P.M. und „The Inside“ – mag damals recht ungehört gewesen sein in seinem reduzierten Ansatz, nutzt sich aber auch schnell ab.

Interessanter ist da schon die Anwesenheit von Autechre, deren „Lowride“ hier klar den Akzent in Richtung Elektronik und Detroit verschiebt. Schwerer Hall auf den Claps, dicker Raum für die Synths – aber bevor es zu kühl wird, gibt es ein paar Elektroorgelakkorde wie frisch aus Kool & the Gangs Klassiker „Summer Madness“. Klar, bei Mo‘ Wax gilt auch der Output aus Detroit und von den Kollegen bei Warp als große Inspiration.

Hier und da muss man auch mal in die Credits schauen, um zu kapieren, was grad passiert – beispielsweise bei „Wildstyle – The Krush Handshake“ von einer Formation namens Olde Scottish (auch sie gab es nur auf zwei Mo‘ Wax Samplern). Hier wird produziert und abgemischt vom Howie B., an den Plattentellern wirkt der gute DJ Krush. Der Rest der Band jamt sich hier durch so etwas wie eine Hommage an den P-Funk. Nette Randnotiz, mehr nicht.

Noch ein Beispiel: Skull, der mit „Destroy All Monsters“ vertreten ist, wird untertitelt mit „Created by Underdog“, die Credits sind bei Trevor Jackson, und der wiederum ist der Mann hinter Playgroup, also auch kein Unbekannter. Dass er es mit seinem düsteren Hip Hop im Anschluss an DJ Shadow nicht eben leicht hat, ist verständlich. Wer Deflon Sallahr hingegen ist, dessen „… Don’t Fake It“ die vierte Seite abrundet, bleibt unklar. Noch einmal schleppender Instrumental Hip Hop. Okay.

Neben DJ Shadow dürfen R.P.M. zwei mal ran, und ihr „2000“ zeigt immerhin, dass man auch mal rhythmisch etwas komplexer ran gehen kann. Dazu ein paar Sprachsamples von Apollo-Missionen und ein paar spacige Xylophon Sounds, fertig ist der Beitrag. Palm Skin Productions liefern dann ihre „Slipper Suite“ ab, komplett in drei Akten – dubby, jazzy, weird. Steht ja dran: Soundtracks Of Experimentation. In diesem Fall ganz groß.

Natürlich muss auch James Lavelle selbst mal ran, sein U.N.K.L.E Projekt tritt hier gegen das Major Force Orchestra an und liefert mit „The Time Has Come“ sein erstes Stück ab – noch ohne DJ Shadow, aber noch mit Kudo und Tim Goldsworthy. Irgendwie ulkig, hat dieses Stück doch so rein gar nichts mit dem zu tun, was U.N.K.L.E einige Zeit Später auf „Psyence Fiction“ auszeichnet. Leicht angejazzter Hip Hop mit clever gewählten Beat- und Bass-Samples.

Auf der Zielgeraden geht es noch mal ran an die berühmten Namen, mit Howie B. Inc, Tranquility Bass und DJ Shadow. Howie ist irgendwo bei knapp 60 BPM endgültig in der Zeitlupe angekommen und macht selbst daraus noch ein dynamisches Experiment, Tranquility Bass schicken den Hip Hop zum Drogentrip in den Dschungel und beamen Neil Armstrong mit auf die Party, we came in peace for all mankind und so, und DJ Shadow macht eben das, was ihn zu einem großen gemacht hat – die besten Beats und die fettesten Samples zu einem Kunstwerk kombinieren, das weit über allem steht, was hier sonst noch auf dem Sampler zu hören ist.

Zu „Lost And Found (S.F.L)“ müssen wir nicht viel sagen – ein Geniestreich. Und auch im Bezug auf das Artwork dieses Albums gilt es Anerkennung zu zollen – es stammt von 3D alias Robert del Naja, Mastermind von Massive Attack, und eben auch ein Graffitti Künstler den kein geringerer als Banksy als Inspiration bezeichnet.

Wie groß der Einfluss war, den Mo‘ Wax und andere in den frühen 90ern auf die Weiterentwicklung des Hip Hop zu neuen musikalischen Spielarten hatte, lässt sich heute nur bedingt nachvollziehen. Es lässt sich aber durchaus berechtigterweise behaupten, dass die Tatsache, dass wir die Musik dieses Albums heute kaum als revolutionär empfinden, ein klares Indiz dafür ist, wie viel sich durch „Headz“ und ein zwei weitere Alben verändert hat. Dieses Album ist nicht mehr und nicht weniger als Musikgeschichte.

V.A. – HEADZ – A SOUNDTRACK OF EXPERIMENTAL BEATHEAD JAMS – MO‘ WAX – MW LP 026 – 8/10

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