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Wenn der Josh mit dem Bono eine Runde dreht

Viel weiter an den Anfang dessen, was man damals anfing, Trip Hop zu nennen, kann man eigentlich gar nicht gehen. Vielleicht noch eine 12″ weiter, zur ersten 12″ von DJ Shadow auf Mo’Wax, „In/Flux“. Zu der Zeit, so geht die Mär, habe Josh Davis alias DJ Shadow auf einer Nachricht auf dem Anrufbeantworter von Mo’Wax Labelchef Lavelle gesagt, dass seine neuen Tracks nicht wirklich Hip Hop seien, weil sie viel mehr wie ein Trip daher kämen, nicht wie eine Geschichte, also eher Trip Hop wären.

Ob das so stimmt, ist natürlich unklar, dass „In/Flux“ allgemein als Startpunkt des TripHop und Shadow als dessen Erfinder gilt, ist so gut wie unbestritten. Die Liste der Samples, die allein schon für dieses Stück verwendet wurden, geht kaum auf eine DIN-A-4 Seite und ist stilistisch so unendlich viel breiter und bunter als das, was sonst im Hip Hop gesampelt wurde, und so viel raffinierter zusammengestellt, dass man schon deswegen nicht von Hip Hop reden darf. Tatsächlich besteht ja die primäre Kunst von Josh Davis darin, dass seine Stücke rein aus Samples bestehen.

Bei „Lost And Found“ ist die Liste nicht wirklich kürzer, aber ein fundamentaler Unterschied besteht doch – nämlich in der Herkunft und Vewendung des Drum Samples. Statt hier auf feine und wenig bekannte Drum Loops aus dem endlosen Jazz Archiv zu setzen, griff sich DJ Shadow hier eines der markantesten und gleichzeitig ungeeignetsten Drum Tracks überhaupt – dem vom Anfang von „Sunday Bloody Sunday“ von U2.

Klar – so wie er auf dem Original gespielt wurde, war er so rein gar nicht für ein Trip Hop Stück geeignet – zu sehr Rock, zu wenig Groove, zu gerade, und natürlich voll auf den wenig erbaulichen Inhalt des Stücks ausgerichtet. Also zerpflückte Shadow den Beat in Einzelteile, und schob so lange die Stücke hin und her, bis daraus auf einmal eine rollende, lässige Drum Loop entstand. Darauf legte er einfach einen Orgel- und Bass-Sample von Fleetwood Mac, und schon war die Basis geschaffen.

Man kann die Genialität dieses Streiches wirklich nur verstehen, wenn man sich einmal die Mühe gemacht hat, die Drum Loops miteinander zu vergleichen. Ja, klar, das ist ein Sample, aber nein, echt nicht, das ist nicht das gleiche Stück, das hat nicht den gleichen Charakter. Und auch der Fleetwood Mac Sample kommt in diesem Kontext völlig anders rüber als im Original.

Es braucht auch keine weitere Analyse der Samples. Das Stück hat schon nach den ersten Takten gewonnen. Gitarren im Hintergrund, kurze Gesangsschnipsel, ein paar Trompetensounds, die irgendwo aufgegriffen wurden – und fast zehn Minuten Zeit, diese wirklich neue Art, Hip Hop zu produzieren, auszukosten. Was DJ Shadow aus Drum Samples alles schneidern konnte, war über viele Jahre unerreicht. Das zeige sich nicht nur auf dem folgenden Album „Endtroducing“, sondern auch auf der Kollaboration mit James Lavelle alias UNKLE, auf „Psyence Fiction“.

Tatsächlich ist wohl „In/Flux“ eher noch eine Bauanleitung für viele Trip Hop Projekte gewesen als es „Lost And Found“ gewesen ist – dafür zeigt dieses Stück aber auch schon, wohin die Reise im Bezug auf „Endtroducing“ gehen würde – ein Album, das sich vom Trip Hop zwangsläufig entfernter positionierte, weil Trip Hop durch Bands wie Portishead in eine andere, mehr Band-basierte Richtung geführt wurde.

Das spannende an dieser 12″ ist, dass auf der zweiten Seite ein weiteres Frühwerk des Trip Hop zu finden ist – „Kemuri“ von DJ Krush. Auch hier basierend auf einem ruhigen, trockenen Hip Hop Beat, mit super tiefer Bassline, stark verfremdeten DJ Edits und Bläsersounds – es ist eher die etwas düstere Stimmung, die hier die Assoziation Trip Hop aufkommen lässt, während die Strukturen noch tief im instrumentalen Hip Hop verankert sind.

Beide Stücke sind wie schon „In/Flux“ in ihrer neuen Art, Beats, Samples, Scratches und Spoken Word Elemente zu einem neuen Stil zu kombinieren, wegweisend gewesen – und sie zementierten den Ruf von Mo’Wax als Epizentrum für diesen neuen Stil. Ein Ruhm, der bis weit über die 90er hinaus aufrecht erhalten werden konnte. Oh, und auch das sollte nicht unerwähnt bleiben: Cover Art von Futura 2000, dem Urvater der Graffitti Kunst.

DJ SHADOW / DJ KRUSH – LOST AND FOUND (S.F.L.) / KEMURI 12″ – MO’WAX – MW024 – 9/10

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