GStoned KRUDER  DORFMEISTER

Vier für die Welt

Wollte man ein Lehrstück darüber schreiben, wie sehr die Remix Kultur in der Lage ist, musikalische Strömungen zu verändern, sie entstehen zu lassen, sie in den so genannten Mainstream zu führen, dann könnte man kein besseres Beispiel wählen als Kruder & Dorfmeister. Und wenn wir schon mal dabei sind – die Geschichte dieses Produzentenduos ist auch eine interessante Studie über die teilweise erstaunlich verzerrte Wahrnehmung von Künstlern und deren Arbeit.

Denn eins sei gleich einmal vorweg festgehalten: Als selbst komponierende, produzierende, veröffentlichende Künstler mit dem Namen Kruder & Dorfmeister ist diese EP mit vier Stücken tatsächlich das einzige Werk der beiden, das einigermaßen in die Nähe eines Albums kommt. Sicher, es gibt noch mehr, aber das sind durch die Bank einzelne Stücke, die für diverse Compilations produziert worden – aber einen echten Longplayer mit eigenem Material gibt es nicht. Näher als bei „G-Stoned“ sind sie diesem (vermutlich nie verfolgten) Ziel nicht gekommen.

In den Augen vieler, die diesen Musikstil lieben, sieht die Welt natürlich ganz anders aus. Schon die erste Generation K&D Fans hatte keinerlei Probleme damit, die „DJ Kicks: Kruder & Dorfmeister“ als ein Album zu betrachten, auf dem Musik von Kruder & Dorfmeister drauf ist. Durchaus der Fall – genau ein Stück. Der Rest ist eben genau das, was drauf steht – ein DJ Mix mit Material anderer Künstler.

Jahre später, als jede Menge neue Fans die Arbeit der beiden Wiener zu schätzen lernten, wiederholte sich dieses Phänomen – zu Tausenden liefen die Leute in die Läden und kauften sich die „K&D Sessions“, in der festen Überzeugung, neue Werke der beiden zu erstehen. Klar, auch in diesem Fall ein Trugschluss – dabei steht auf dem Album ja nun deutlich drauf, dass es sich durchweg um Remixes der Werke anderer Künstler handelt.

Auch die Wahrnehmung der Partnerschaft der beiden ist zumindest teilweise verklärt. Ja, sie haben zusammen ein Studio gegründet, ja, sie haben zusammen einen Haufen erstklassiger Remixes gemacht, und ja, auch ein gutes Dutzend eigener Stücke produziert. Aber es ist schon bezeichnend, dass der eigene Output im Duett sehr mager ausgefallen ist, rein quantitativ. Nie ein Album produziert (und es gab nun wirklich eine mehr als satte Nachfrage), und auch eigentlich gar nicht lange zusammen gearbeitet.

Schon 1994, ein Jahr nach Erscheinen dieser EP, machte sich Richard Dorfmeister auf, um mit Rupert Huber das Projekt Tosca zu starten, das auch mit „Opera“ gleich einen großartigen Einstand feierte. Peter Kruder machte sich auch an die Arbeit, brauchte ein klein wenig länger, kam dann aber 1999 mit dem Peace Orchestra zu ähnlich beachtlichen Ergebnissen. Und genau genommen gab es zu diesem Zeitpunkt das Duo Kruder & Dorfmeister nur noch auf dem Papier – oder allenfalls noch als Studiopartnerschaft.

Aber blenden wir wieder zurück ins Jahr 1993. In eine Zeit, in der das, was die beiden Herren taten, meist gemeinsam angepackt wurde, als in Wien der Trip Hop aus der Tristesse gezogen und salonfähig gemacht wurde und an jeder Ecke neue Formationen lässiges produzierten. Die „G-Stoned“ EP war da ganz klar so etwas wie ein Vorreiter, der Startschuss dieser Bewegung, ebenso natürlich wie die Arbeit der beiden als DJs, die schnell über die Grenzen Österreichs bekannt wurden.

Dass Kruder & Dorfmeister weit über alles heraus ragten, was aus Wien in diesen Jahren entstand, hat auch etwas mit Stil zu tun, mit einem Talent für Vermarktung – das zeigt allein schon das Cover, auf dem sie einfach und stilvoll das Cover von Simon & Garfunkels „Bookends“ nachstellen. Aber natürlich lag es vor allem daran, dass ihre Produktionen und ihre Remixes eleganter, intelligenter und raffinierter daher kamen als das meiste dessen, was in Europa sonst so in diesem Bereich entstand. Sie waren so innovativ und kreativ wie Mo‘ Wax, aber hatten nicht diese Tendenz zum Tristen und Verkifften. Sie machten Musik, die so erfreulich unabhängig vom Mainstream war wie die von Ninja Tune, aber nicht mit diesem Hang zur Hip Hop Pose und ohne den Drang, eine wichtige Botschaft vermitteln zu wollen.

Natürlich führt das manchmal zu etwas mehr Flüchtigkeit und zu einem etwas dekadenten Bad in wohliger Freude am entspannt unreflektierten Moment, aber niemand war in der Lage, die eigentliche Abwesenheit jeglichen Inhalts stilvoller und effektvoller zu präsentieren als Kruder & Dorfmeister. Und „G-Stoned“ ist so etwas wie der Grundstein dieser hedonistischen Welle, die uns in den 90ern dazu brachte, nicht mehr wild rumzuraven, sondern extrem lässig in Bars zu veweilen, natürlich mit DJ, und überall waren K&D an den Decks. Eh klar.

Die Bestandteile dessen, was diese EP zu bieten hat, sind durchweg fein – eine hübsche Prise Jazz im fein verhaltenen Tempo, ein bisschen Dub, und viele hübsche Elemente, die diese Stücke davor bewahren, bei den Hip Hoppern in der Seitenstraße zu landen, sondern direkt in die edelsten Bars der Stadt. In „Definition“ zum Beispiel – der Beat ist zu tief im Jazz, um in der Vorstadt zu wohnen, das Piano zu loungig für Street Credibility, wozu auch, und dann diese Querflöte, die man in anderen Teilen der Stadt wohl mit Gras zu füllen versuchen würde. „Definition“ definiert definitiv, wohin die Reise geht.

„Deep Shit, Pt. 1 & 2“ ist das bekannteste Stück auf diesem Mini-Album, und schon das tatsächlich verdammt deepe E-Piano-Thema am Anfang reicht, um das zu begründen. Alles, was danach hinzugefügt wird, passt perfekt – der extrem lässige Drumbeat, die afrikanischen Gesänge, die wiederum fein eingesetzte Querflöte, den Groove unterstützende Bass Synth Lines und die immer gern verwendeten hohen Synth Akkordfolgen – es ist ein komplett stimmiges Arrangement, das allenfalls in der Mitte ein paar kleine Längen hat. Aber da meckern wir schon auf wirklich sehr hohem Niveau.

Wie sehr gerade „Deep Shit, Pt. 1 & 2“ andere Downbeat Produktionen dieser Zeit hinter sich lässt, kann man leicht an den diversen Compilations sehen, die in dieser Zeit veröffentlicht wurden, und auf denen fast durchweg dieses Stück zu finden war. Jedes Mal stellte es mit seiner Lockerheit, Eleganz und Produktionsqualität die anderen Beiträge zu diesen Compilations in den Schatten.

Das gilt, wenn auch in weniger häufiger Zahl, für „High Noon“, das dritte Stück auf „G-Stoned“. Auf gewohnt erstklassigen Drum Loops wird hier ein feines Gitarrenthema zelebriert, das sich die Arbeit mit einem Gesangssample teilt, unterbrochen von einem Mundharmonikasolo. Ja, Mundharmonika. Auch das war bei Kruder & Dorfmeister möglich – und nie hätte es auch nur die leiseste Gefahr gegeben, dass das irgendwie peinlich rüber kommt, oder dass man Stevie-Wonder-Klischees bedient hätte, bei dem zumindest mir immer die Nackenhaare hoch kommen, wenn er seine Mundharmonika raus holt. Hier ist das einfach cool.

Und dann „Original Bedroom Rockers“ – für mich der feinste Beitrag unter den vieren. Wieder ein amtlich lässiger Groove, dezente Pianobeiträge, und zwei Vocal Samples, die ein laszives Spiel miteinander treiben, Honey, Yeah Baby, gern auch mal bis weit in den Hallraum verschwindend. Ein bisschen Wah-Wah, glockenklare Rhodes Sounds, wie wir sie später auch im Remix für Lambs „Transfattyacid“ lieben werden, dazu einige wirklich gekonnt eingeflochtene Synth Spielereien machen „Original Bedroom Rockers“ zum eklektizistischen Höhepunkt der EP.

Vier Stücke, jedes davon ein wirklich wegweisender Beitrag zur Entwicklung des Downbeat Genres, zur Etablierunge des Lounge Stils in den Neunzigern. Vermutlich kann man Kruder & Dorfmeister dafür danken, dass von da an eine DJ Station die wirklich guten Bars von den durchschnittlichen unterschied, dass wir statt in Bistros auf dürren Hockern zu kauern uns bald in lässigen Lounges in unverschämt komfortablen Sofas räkelten, und dass ganz generell das Nachtleben in den Städten um eine stilvolle Variante bereichert wurde. Das ist mehr als so manche mit rasend wichtigen Botschaften erreicht hätten.

KRUDER & DORFMEISTER – G-STONED – G-STONE – 001 12″ – 8,5/10

 

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