kingmog

Zwei Drittel Glückseligkeit, ein Drittel Death Metal

So ganz genau weiß ich gar nicht, woher ich die CD habe. Ich vermute stark, dass ich sie auf Ebay ersteigert habe. Schon weil ich mich nicht daran erinnern kann, jemals so etwas wie eine CD Single gekauft zu haben. Ja, ich weiß, eine CD Single ist was ganz anderes. Aber hier ist nun mal nur das eine Stück drauf, keine Remixe (und wehe einer zetert, von wegen Remixe, sowas gibt es bei Mogwai nicht – allerdings gibt es die, Doppel-LP in meinem Regal hier).

Aber lassen wir das. Mogwai ist ohnehin so ziemlich der Gegenenentwurf einer klassischen kommerziell orientierten Band. Die ziehen ihr Ding durch. Die können auch eine CD Single für sieben Euro verkaufen, auf der nur ein Stück drauf ist, und das ist dann eben gut 20 Minuten lang. So rund viereinhalb davon sind eher nur Noise, aber das gehört ja auch irgendwie dazu.

„My Father My King“ war wohl ursprünglich eine Art Zugabe für das Album „Rock Action“ und erschien im Oktober 2001, inklusive eines Stickers, auf dem zu lesen war „Two parts serenity and one part death metal“. Mancher Sticker auf CDs ist ja recht peinlich, ich erinnere mich da nur auf einen von der Plattenfirma in Deutschland hinzugefügten Sticker auf dem „Evil Empire“ Album von Rage Against The Machine, da stand dick und fett „Voll evil!“ drauf. Das war mal voll embarrassing. Der Sticker mit den Zutatenangaben auf dieser CD hingegen könnte auch als kürzestmögliche Plattenkritik durchgehen.

Das Stück selbst basiert auf einem jüdischen Gebet namens „Avinu Malkeinu“, das an Festtagen rezitiert wird. Die Dramaturgie ist klassisch Mogwai. Es fängt still an, etabliert eine der beiden aus dem jüdischen Lied übernommenen Melodien, und über den Verlauf der ersten vier Minuten baut sich der größte Teil der für Mogwai so typischen Soundwände auf, in dem eine Gitarre nach der anderen einsteigt und das Schlagzeug an Intensität zunimmt, bis dann die letzte, in diesem Fall stark verzerrte Gitarre hinzugefügt wird und die ursprüngliche Melodie immer weiter in den Hintergrund drängt. Nach einer kurzen Phase der Dekonstruktion bis in die fast völlige Stille übernimmt die zweite Melodie, die dann ebenfalls aufgebaut wird, nur um dann schließlich in einem minutenlangen Gebräu aus Gitarrensounds, Verzerrungen und Feedbacks zu enden.

Wenn man weiß, dass Mogwai bei einem Stück wie diesem mit vier Gitarren und einem Bass arbeiten und auf den Höhepunkten ihrer Stücke aus diesen Instrumenten heraus holen, was nur geht, der kann sich eine ungefähre Vorstellung davon machen, was für eine massive Wand an Gitarrensound einem da entgegenrollt. Zumal Mogwai auch in den meisten Fällen – so eben auch hier – ein überaus langsames Tempo bevorzugen, und den Aufbau von der fast völligen Stille bis zum nicht mehr weiter zu füllenden akustischen Raum mit einer faszinierenden Präzision und einem großen Talent für Dramatik inszenieren.

Die Produktion – Arthur Baker war verantwortlich, mit Steve Albini als Mixer und Toningenieur – spart nicht mit Druck, spendiert reichlich Verzerrungen und Feedbacks, ist roh und doch präzise abgemischt. Wenn man vier Gitarren und einen Bass abmischt, vermute ich stark, dass man da schon sehr genau hinhören und sehr fein abmischen muss, um nicht einen riesigen amorphen Brei zu rühren.

Man kann sich, und das ist ein Kompliment an die Herren Baker und Albini, durchaus vorstellen, welch ungeheure Wucht dieses Stück live entwickelt, erst recht wenn man diese Band schon einmal live erlebt hat. Bisher hatte ich erst zwei mal die Möglichkeit, das zu tun – bei beiden Konzerten war das sonst häufig in der Zugabe gespielte „My Father My King“ nicht dabei. Aber irgendwann erlebe ich es noch. Das wird heftig.

MOGWAI – MY FATHER, MY KING – [PIAS] RECORDINGS – PIASV 007 CD – 946.0007.128 – 8/10

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