Archive for März, 2014


archipelago

Ja nicht verstecken

Als Ninja Tune vor Jahren das erste Album des Cinematic Orchestra veröffentlichte, war das ein ziemlich ungewöhnlicher und interessanter Schritt, denn bis dahin war das Wort Jazz bei Ninja Tune eher so etwas, das man auf der Liste der Einflüsse hätte aufzählen können, aber weniger im Repertoire des Labels fand. Es war auch ein erfolgreicher Schritt, wie man weiß, und es folgten noch ein paar weitere interessante Acts wie zum Beispiel Jaga Jazzist und Skalpel.

Im Ursprung ist Tru Thoughts ein sehr mit den Ninjas verwandtes Label. Die Sicht auf das, was gute Musik ist, war schon immer recht ähnlich, die Musiker der Labels schätzen sich von jeher gegenseitig. Bonobo ist so etwas wie die deutlichste gemeinsame Schnittmenge – er fing seine Karriere bei Tru Thoughts an und wechselte dann zu Ninja Tune, veröffentlichte aber noch mal bei Tru Thoughts unter dem Namen Barakas.

Eine weitere Gemeinsamkeit: Bei aller Freude am Bedienen der etwas intelligenteren Tanzflächen pflegt man auch bei Tru Thoughts gern die modernen Formen des Jazz. So wie bei Ninja Tune dafür primär das Cinematic Orchestra zuständig war, stand bei Tru Thoughts Nostalgia 77 im Focus. Es dauerte lange, bis sich eine zweite Kraft neben Benedic Lamdin, dem Chef bei Nostalgia 77, etablierte. Die fand sich dann mit dem Hidden Orchestra, das aus dem Joe Acheson Quartet hervorging. 2010 erschien das erste, überaus gelungene Album des Hidden Orchestra, und 2012 das Album, um das es hier geht, „Archipelago“.

Um aber gleich mal die Dinge in die richtige Perspektive zu rücken: Selbst wenn insbesondere die Schlagzeugarbeit beim Hidden Orchestra die Wurzeln eindeutig im Jazz hat und die Arrangements oft geradezu orchestral sind, gibt es noch eine Fülle anderer Einflüsse, die eine „pure“ Einordnung beim Jazz irreführend werden ließen. Die Verwendung elektronischer Elemente rückt das Ganze auch ein wenig in tanzbare Kategorien oder in die Nähe des Trip Hop, und der Chef der Band, Joe Acheson, hat ein großes Faible für das Verarbeiten von diversen Found Sounds, Ambient Elementen, alten Interviews, eben diversen anderen Soundquellen. Abgesehen davon freut man sich natürlich immer über den Besuch talentierter Gastmusiker – insbesondere Streicher und Bläser.

Dass sich daraus ein Stilmix ergibt, der tatsächlich nicht in wirklich großer Ferne des Cinematic Orchestra liegt, lässt sich an den Fingern einer Hand ausrechnen. Glücklicherweise kommt das Resultat aber auch nie in den Verdacht, als bloße Kopie angelegt zu sein. Zum einen hörbar anders, zum anderen einfach zu gut, zu durchdacht, zu speziell, um nicht originär sein zu können.

Schon die „Ouverture“ – mit über sechs Minuten für eine Ouvertüre recht opulent – beweist das deutlich. Groß angelegt, mit vielen Streichern und Bläsern, einem leicht dramatischen Thema, führt uns das Orchester in die Stimmung des Albums ein, die gegenüber der des Erstlingswerks trotz der Getragenheit weniger düster wirkt. Die etwas positivere Grundstimmung wird dann von „Spoken“ weitergeführt – mit einem Beat, der ohne Probleme so auch bei Amon Tobin hätte verwendet werden können. Trompete wiederum ein wenig früher Nils Petter Molvaer, würde man sagen. Aber auch hier: Das, was das Orchester da komponiert, musiziert, produziert, ist so gut, dass eine mögliche Ähnlichkeit mit noch lebenden oder auch nicht mehr unter uns weilenden Musikern schlicht nebensächlich ist.

Das dann folgende „Flight“ beginnt mit Natursounds und einem Bassthema, einem Harfenspiel, das leicht an Dead Can Dance erinnert – viele perkussive Elemente (man merkt, dass zwei von den Mitgliedern des Hidden Orchestra am Schlagwerk sitzen), Cello, Kaval… Die Instrumentierung ist so reich wie die Bilder, die sich beim Hören des Titels aufbauen – fast möchte man meinen, man sei in einer Aufführung des Cirque du Soleil gelandet, bei der ausnahmsweise mal die Musik nicht den typischen Touch zu kitschig geraten ist.

Auch „Vorka“ weiß mit spannender Komposition und tollem Arrangement für Spannung zu sorgen, und findet mit dem Spiel auf einer Säge ein passendes Element, um der cineastischen Seite des Stückes noch etwas morbides hinzuzufügen. „Hushed“ ist ein verhaltenes, feines, von elegantem Klarinettenspiel durchzogenes Stück orchestraler Erzählung, „Reminder“ ein etwas rhythmischerer Exkurs mit erneut leicht morbiden Zwischenspielen, die wiederum gut zu Amon Tobin oder einer dunklen Version des Herbalizer gepasst hätten, und „Seven Hunters“ lässt fast übervolle Orchestrierung glänzen, die sich fast nur in ihrer Opulenz von der schönen Überzeugungskraft großer Momente des Cinematic Orchestra unterscheidet – und das gleich fast zehn Minuten lang.

Etwas kürzer kommt „Fourth Wall“ daher – fast ein Kurzfilm. Atmosphärisch dicht, wie alles auf diesem Album. „Disquiet“ lässt vom Titel her doch wieder an das etwas schaurig beklemmende Erstlingsalbum denken – und in der Tat sorgen die Streicher gleich für das Gefühl von drohender Gefahr, doch gleich sorgt die Harfe zumindest für Teilentwarnung. „Disquiet“ zeigt schön, wie das Hidden Orchestra arrangiert um zu erzählen, immer wieder Szenen aufbaut, das Bühnenbild wechselt, die imaginäre Handlung weiter führt, den Hörer verlockt, immer weiter zu lauschen und zu erleben.

Das abschließende „Vainamoinen“ ist dann fast mehr ein Epilog als „Ouverture“ eine Ouvertüre war, ein schönes, von vielen Natursounds unterlegtes Schätzchen, das nach den spannenden Geschichten und großen Stürmen am Strand liegen bleibt und einen dafür belohnt, diese schöne und ereignisreiche Vorstellung des Hidden Orchestra besucht zu haben. Noch einmal wird ein feines Thema aufgebaut, angereichert, verziert, mit Kraft und Volumen versehen, auf den Weg geschickt, um uns nach dem Hören des Albums mit einem guten und bereicherten Gefühl wohlbehalten auf dem Sofa abzusetzen.

HIDDEN ORCHESTRA – ARCHIPELAGO – TRU THOUGHTS – TRULP261 – 8/10

 

bonessnapper

Lecker Schnappfisch

Was musikalische Vielfalt und Erfindungsreichtum angeht, waren die späten 90er eine wirklich großartige Zeit. Überall entstanden neue Kombinationen diverser Stile, stellte man Bands und Studioprojekte zusammen, um neue Ausdrucksformen zu entwickeln, kreativen Kräften freien Lauf zu lassen. Mitten in dieser Welle der Innovation schwamm mit Red Snapper eine der spannendsten Bands, die mit viel Intelligenz und musikalischem Können Jazz und ein wenig Funk und Progressive Rock (später auch gern Alternative genannt) mal mit Hip Hop, mal mit Trip Hop, mal mit psychedelischen Elementen verband – drei Mann mit Kontrabass, bedient von Ali Friend, dem Kopf der Truppe.

Insbesondere live war die zentrale Rolle von Friend deutlich spürbar – und hörbar, denn seine Einsatzfreudigkeit und Dynamik am Bass war so etwas wie das Erkennungszeichen der Band. Dabei wurde der Kontrabass auch gern mal elektronisch vestärkt und verfremdet. Komplettiert wurde die Band vom Gitarristen David Ayers und vom Schlagzeuger Richard Thair. Hin und wieder ergänzten Sänger das Lineup, aber nie als feste Mitglieder der Band.

Nach einigen EPs auf einem kleinen Label war es das große Elektroniklabel Warp, das die drei unter Vertrag nahm. 1996 erschien das erste Album „Prince Blimey“, 1998 schließlich dieses Album. Die Band erspielte sich schnell eine nicht eben riesige, aber dafür um so treuer ergebene Gefolgschaft, die Jahre später auch die Aufslösung nicht so recht hinnehmen wollte – tatsächlich sind Red Snapper nach fünf Jahren Pause 2007 wieder auferstanden. Ihr nächstes Album ist für Herbst 2014 angekündigt.

„Making Bones“ bietet so ziemlich alles, was Red Snapper zu einer so spannenden und ungewöhnlichen Band gemacht hat. Schon im Opener „The Sleepless“ ist alles drin – das präzise und schnörkellose Schlagzeugspiel, der verzerrt wabernde Bass, die oft eher als atmosphärisches Element eingesetzte Gitarre, und hier der Gastrapper MC Det – dessen Stil weit vom damals gängigen Gangsta-Klischee entfernt ist. Dazu ein paar Trompeten-Licks und etwas elektronische Garnitur, so passt die Mischung.

Für „Crease“ wird – ebenso wie ein paar Stücke später bei „The Tunnel“ – das Tempo kräftig angezogen – die Mischung bleibt aber die gleiche. Kräftig treibende Drums, der dynamische Bass mit einer für Red Snapper so typisch eigenwilligen Line, dramatisierende Streicher und ein wenig Elektronik – so ein wenig merkt man, dass man damals Drum & Bass noch für eine interessante Musikrichtung hielt. Beide Stücke zeigen, dass Drummer und Bassist verdammt sind, die Kompositionen sind dagegen etwas mager. Noch ein Stück später wird für „Like A Moving Truck“ dieser Mischung noch ein klein wenig Jazz und MC Det hinzugefügt – es hilft, aber nur bedingt.

Im Gegensatz dazu bringt „Image Of You“ ein wenig Drama und Dringlichkeit, vornehmlich durch einen generösen Satz Streicher und die Gastsängerin Alison David. Die etwas manierierte Art der Sängerin, die dabei etwas nah an Neneh Cherry in „7 Seconds“ liegt, hilft nicht wirklich – es wirkt so ein bisschen als wollte man einen Hit produzieren und wäre dabei ein wenig zu sehr in den Mittneunzigern kleben geblieben.

Gut, dass man sich dann wieder auf die eigentlichen Stärken besinnt. „Bogeyman“ swingt dank schaffeligem Drumbeat, klug gesetzter Bassline, einfacher Rhythmusgitarre und elektronischer Samples. Dazu ein paar Bläser, die ein wenig überdrehten Blues beisteuern. Das ist launig und wieder einmal originell – man kann sich gut vorstellen, wie so etwas vor allem live gut funktioniert.

Interessanterweise hat dieses Album seinen größten Moment bei einem Stück, das weniger auf Druck durch Drums und Kreativität am Bass setzt, sondern ganz auf Atmosphäre und Emotionalität aufbaut – „Spitalfields“. Ein einfaches Thema auf der Akustikgitarre, ein paar klug gesetzte Bläser, schön betontes und nah abgemischte Drums, ein paar Celli – im Nu sieht man generös und begeistert darüber hinweg, dass manche der bisher gehörten Stücke nicht wirklich zu überzeugen wussten. Clever arrangiert, spannend aufgebaut, mit viel Wirkung eingespielt – das ist so ein Stück, für das es sich ein ganzes Album zu kaufen lohnt.

Ja, auch dann, wenn Alison David für „Seeing Red“ in etwas dräuender Soundatmosphäre wieder etwas betont dringlich singen kommt – ich zumindest komme mit diesem Gesangsstil nicht so wirklich zurecht, und ich wette, dass dieses Stück instrumental weit spannender wäre als so. Sie hat einfach nicht die gleiche Klasse wie die Band – auch dann nicht, wenn man allerhand Effekte auf ihre Vokalbeiträge legt. Das fällt erst recht auf, wenn gleich darauf  bei „Suckerpunch“ wieder MC Det zu Gast ist, der schon allein deswegen die Band besser ergänzt, weil sein Stil der Rhythmik der Musiker angeglichen ist – wo Frau David primär kieksend klagt, kann Herr Det der Mischung sogar noch etwas zusätzliche Dynamik hinzufügen.

Der Abschluss des Albums, die „4 Dead Monks“, verändert das Gesamturteil nicht mehr wirklich – es mischt die etablierten Elemente neu ab und zeigt die Vorzüge der Band deutlich, ohne große Aha-Erlebnisse zu erzielen. Ich weiß durchaus noch, dass ich damals, als ich das Album erstand, genau wie heute dachte – okay, da gibt es ein paar richtig gute Momente, und ein wirklich großartiges Stück – aber eben auch einiges, das ich nicht oft hören muss. Trotzdem. Schon wegen der theoretischen Möglichkeit, dass ich einmal einen Abend erwische, an dem „Spitalfields“ gespielt werden kann, hab ich es oft mit in der Kiste. Man weiß ja nie.

RED SNAPPER – MAKING BONES – WARP – WARP LP 56 – 7/10

 

fila brazillia maim

Immer diese komischen Titel

Fila Brazillia. Was für ein Name. Abgewandelt nach dem Namen einer Hunderasse, immer wieder Grund für Verwirrungen und Verschreibereien, und damit auch irgendwie typisch. Was haben die Herren sich für bizarre Song- und Albumtitel einfallen lassen… Der hier geht ja noch, auch wenn es etwas seltsam anmutet, wenn zwei amtliche Großmeister der Downbeat Musik ein Album „Verstümmele das Stück“ nennen – aller Wahrscheinlichkeit ein skurriler Sound-Alike für „Name That Tune“, der Titel einer berühmten Musikrateshow.

Ist eine etwas skurrile und nicht immer leicht nachzuvollziehende Form von Humor. Ich zumindest habe keinen Schimmer, was der erste Titel dieses Albums mir sagen soll: „Dave Yang & Steve Yin De-Swish T‘ Swish“. Mehr als das Yin und Yang Ding hab ich da nicht kapiert. Aber ist auch egal. Bei instrumentalen Stücken im Downbeat Bereich ist die Wahl des Titels sicher meist eine Frage der momentanen Laune und das Opfer diverser interner Jokes und Wortspielereien. Fakt ist jedenfalls, dass dieses Stück schon ganz gut zeigt, woran die Herren Steve Cobby und David McSherry ihre Freude haben: tiefenentspannte, stilistisch variable elektronische Musik, immer auf exzellentem Produktionslevel, bisweilen auch ein wenig verkopft.

Das ist vermutlich das interessante an Fila Brazillia – sie sind oft auf eine erstaunlich uncoole Art cool. Produzieren reihenweise richtig edle und einfallsreiche Downbeat Hits und sind dabei immer so ein wenig streberhaft und intellektuell unterwegs. „Maim That Tune“ ist dabei vermutlich ihr zugänglichstes und lässigstes Album. Hier finden wir auch einen ihrer bekanntesten Titel, „A Zed And Two L’s“, der einen etwas lechter zu decodierenden Spaß beinhaltet – es ist ein Hinweis zur Schreibweise ihres Bandnamens. Im Kern elektronisch, bietet dieses Stück eine schön warme und vibrierende Synth Bass Line, einen maximal entspannten Beat, der mehrmals im Tempo verdoppelt wird, und – das gibt es nicht oft bei Fila Brazillia – Gesangssamples, in diesem Fall afrikanische. Für 1995 ist das schon ziemlich amtlich – die DJ Kicks von Kruder & Dorfmeister beispielsweise kam erst ein Jahr später auf den Markt und trat den Downbeat Trend eigentlich erst richtig los. Da waren Fila Brazillia schon am dritten Album.

Bei „Leggy“ wird es dann aber schon wieder ein klein bisschen staksig – da arbeiten auch Fila Brazillia mal mit dem allzu simplem breiten Synth Akkordwechsel als Basis – rauf runter rauf, immer wieder. Hier merkt man, dass der Stil noch ein wenig in den Kinderschuhen steckt. Aus heutiger Sicht wirkt es ein wenig wie eine Art Fingerübung. Im Gegensatz zu „At Home In Space“, das ein paar sehr schöne Synth Strings zu bieten hat, die ein bisschen an Nightmares On Wax erinnern, deren „Nights Interlude“ im gleichen Jahr erschien. Ein schöner schwarzer 60er Jahre Beat, ein bisschen Wah-Wah, eine satte Portion Synths und Querflöten – hier zeigt sich, dass die Herren eine ziemlich spannende stilistische Bandbreite aufzuweisen hatten. Zehneinhalb Minuten mit allerhand Intermezzi, Breaks und Schwelgereien – Kino fürs Ohr.

Dann kommt die 1 Meter 80 große Wespe – „6 ft Wasp“. Wohl klar auf den voluminös brummenden Bass Synth bezogen, der schwer verzerrt und in Begleitung eines Rock Beats und Gitarrenlicks daher kommt. Wieder eins von den Stücken, die ein wenig wie eine Übung wirken – das Thema variieren und mit verschiedenen Sounds und ein paar Sprachsamples garnieren – nett, aber nicht wirklich mehr.

„Slacker“ ist dann fast schon im Techno Tempo unterwegs, rein elektronisch, die Sounds teilweise an Kraftwerk erinnernd, ein fast durchweg laufender Drone im Hintergrund, die Bassline wieder richtig weit im tiefen Bereich – und dann ein indischer Percussion Sample, der eigentlich noch mal Tempo machen soll, aber ein wenig fremd wirkt in diesem Arrangement, zumindest am Anfang. Hat man sich ein wenig an ihn gewöhnt und die Aufmerksamkeit mehr auf die diversen Synth Einsätze und Effektspielereien konzentriert, tut er dann aber doch genau das – Dampf machen. Elfeinhalb Minuten treiben sie das Spiel hier – recht generös bemessen. Aber wir wollen fair bleiben – ein Jahr später spült „Trainspotting“ Underworld mit „Born Slippy“ ganz nach oben – ganz so weit sind Fila Brazillia mit diesem Stück gar nicht von Underworld aus der „Dirty Epic“ Zeit gar nicht entfernt.

Aber dann kommt das Downbeat Highlight schlechthin – „Harmonicas Are Shite“. Wieder einmal stellt man fest, dass Fila Brazillia stilistisch ihrer Zeit ein kleines Stück voraus waren, denn die Rhodes Akkorde, die Dubräume, der Beat, die Mundharmonika, der Bass, sogar die Breaks und die verhallten Gitarrenlicks – sämtliche Elemente dieses Stücks finden wir in den Jahren darauf bei den Remixes von Kruder & Dorfmeister wieder. Dieser Titel ist wie ein Bauplan für den „Transfattyacid“ Remix, um mal ein Beispiel zu nennen. Und auch wenn hier Fila mehrfach etwas kopflastig und staksig beschrieben wird – dieser Track ist so arschcool, dass man das mehr als getrost hinnehmen kann.

Sogar den nächsten Titel, den Zirbeldrüsenextrakt, „Extract Of Pineal Gland“. Noch so ein komischer Titel, und wieder ein etwas unlockerer Anfang. Aber wir werden entschädigt. Die Bassline ist fein, der Beat wieder einmal extremst entspannt – selbst wenn man erneut sagen muss, dass es bei einem interessanten Ansatz bleibt, ist das auch nicht weniger spannend als das durchschnittliche Füllmaterial eines Thievery Corporation Albums (deren erster Longplayer übrigens auch erst zwei Jahre nach dieser Scheibe erschien).

Der Abschluss des Albums aber ist in meinen Augen die Krönung, auf eine ganz und gar unerwartete Art. „Subtle Body“ ist, ich kann es nicht anders sagen, gute neun Minuten echte Schönheit. Ein Ambient Track, der mit nichts weiter arbeitet als ein paar leicht variierten Synth Akkorden, unendlich viel Hallraum, einigen meditativen Glockenklängen und ein paar dezenten elektronischen Spielereien. Ich weiß nicht, was Steve Cobby und David McSherry da geritten hat, was sie für Pilze gegessen haben, aber bei mir wirkt es Wunder. Seit Jahren hole ich dieses Stück immer mal wieder hervor und betreibe damit neun Minuten musikalische Meditation. Egal, was der Tag dir an Unbill gebracht hat, „Subtle Body“ lässt es in der Tiefe des Hallraums sich selbst auflösen. Auch das bietet dieses Album – ein großes Stück Ambient.

In vielerlei Hinsicht ist „Maim That Tune“ ein wegweisendes Album, dessen Weitsicht nicht jedem offenbar wurde. Aber für einen richtig lässigen Abend in der Bar ist zum Beispiel „Harmonicas Are Shite“ immer noch gut zu gebrauchen. Und nicht vergessen – ein Z und zwei Ls.

FILA BRAZILLIA – MAIM THAT TUNE – PORK – PORK 027 – 7,5/10

Time Out of Mind

Besserbossa

Ich würde es ihm ja gönnen, dem Troubleman. Eine von seinen fettesten Nummern wird auf irgend ner Radiostation rauf und runter gedudelt, die Menschen hören hin, kriegen dann nicht genug, kaufen wie blöd das Album, merken, dass da noch richtig viel mehr von drauf ist, eine Welle der Begeisterung schwappt von Kontinent zu Kontinent, Waffen werden zu Schallplatten, Troubleman for president, blanker Wahnsinn! Aber nein. Mark Pritchard – ausnahmsweise kennt man den Namen des Protagonisten sogar eher als den dieses Projekts – bastelt eine formidable Tanznummer nach der anderen, und nur eine wissende Teilhörerschaft weiß es zu schätzen.

Wobei – man muss sich jetzt nicht um den guten Mark irgend welche Sorgen machen. So rasend klein ist der Kreis der Kenner jetzt auch nicht, und er hat mit anderen Projekten auch schon ganz respektable Erfolge gefeiert. Mit Tom Middleton als Partner zum Beispiel – und das ist ja auch nicht eben ein Unbekannter – hatte er gleich zwei recht erfolgreiche Projekte laufen, die Jedi Knights und Global Communication. Darüber hinaus hat er sich als erstklassiger Remixer einen Namen gemacht, der zwar nur selten in Erscheinung tritt, dann aber bei Kennern wie Bonobo oder Azymuth.

Sein Studioalbum „Time Out Of Mind“ erschien auf Far Out, und das sagt auch gleich alles darüber aus, wie das Troubleman Projekt musikalisch ausgerichtet war, nämlich ganz klar brasilianisch. Schon einige seiner davor veröffentlichten 12″es (vor allem das exzellente „Change Is What We Need“) hatten gezeigt, wie genau Pritchard es dabei nahm, denn bei aller Hilfe der Elektronik und bei aller Freude daran, die südamerikanischen Beats auch mal zu Broken Beats zu machen, war er in der Zubereitung für die Tanzflächen noch deutlich authentischer unterwegs als beispielsweise einige Jahre später Zero dB.

Interessant ist, dass dieses Album in dieser Hinsicht eine Weiterentwicklung zeigt, denn in den Uptempo Nummern geht es hier deutlich elektronischer zu als zuvor, und im Bezug auf die Broken Beats zum Teil auch noch deutlich vertrackter. Das überraschende ist aber vielmehr, dass einige der gelungensten Titel auf „Time Out Of Mind“ gar nicht die gewohnten Uptempo-Nummern sind, sondern die eigentlich so nicht zu erwartenden Lounge Exkursionen. Vier richtig elegante Tracks, bei denen auch mal ein klein wenig R&B durchschimmert (auch das ist neu), sämtlichst mit hervorragenden Gastsängern am Mikrofon – das hätte man nicht gedacht.

Aber erst mal zur Abteilung Tanzfläche. „Have A Good Time“ sagt uns Pritchard gleich zu Beginn des Albums – baut einen seiner typischen broken brazilian beats auf (anders lässt sich das kaum beschreiben), lässt das Rhodes ein paar Akkorde einstreuen, einen Bass im Hintergrund hüpfen und garniert mit einiger Elektronik und dezenten Vokal-Samples. Das ist noch im nett groovenden Bereich, variiert gekonnt die Elemente und spiel ein wenig mit Effekten, bis dann gegen Mitte ein klein wenig Holz nachgelegt wird. Geschmackvoller Auftakt.

Beim Titelstück hingegen wird richtig Vollgas gegeben. Richtig sattes Tempo, kompromisslos, fast rücksichtslos vertrackte Beats, die nur noch bedingt ihre lateinamerikanischen Wurzeln zeigen – da wird geschoben, was das Zeug hält. Ich habe da ja große Sympathien für, muss ich sagen, gebe aber auch zu, dass es mir nur selten gelungen ist, diese Nummer auf einer Tanzfläche zum Einsatz zu bringen – so feist ist die Nummer, dass es nur klappen kann, wenn die Hütte eh schon lichterloh brennt. Aber dann… Hach, das wärs mal.

Etwas weniger radikal, dafür auch wieder etwas traditioneller, geht es bei „Toda Hora“ zu, freilich wieder mit verschachtelten Beats, die einerseits erfreuen, andererseits aber ein etwas simpleres Tanzpublikum auch zur Verzweiflung bringen können, vor allem im Instrumentalteil, in dem dann Synth Bläser den vertrackten Beat dann noch mal kontrastieren. Der Pritchard ist ein verdammt guter Produzent, auch wenn er manchmal ein klein wenig viel verlangt. Hier wird, das wollen wir nicht vergessen, auch fröhlich gesungen, von Nina Miranda, der Sängerin von Smoke City, ihr wisst schon, „Underwater Love“ und so.

Nun aber zu den gemächlicheren Geschwindigkeiten, und zum „Righteous Path“. Bass und Schlagzeug könnten glatt von einer Tru Thoughts Prouktion stammen, Nostalgia 77 in ihrer Anfangsphase. Dazu legt Pritchard ein feines Xylophon Thema, ein paar synthetische Querflöten und einen Männerchor. In seinen Grundelementen ist das kein allzu komplexes oder variantenreiches Stück Musik, aber es ist schon verdammt cool.

Erwähnenswert noch, dass es zu diesem Stück ein „Prelude To The Righteous Path“ gibt, in der Eska ein knapp halbminütiges Gastspiel gibt – zu kurz natürlich, darum erhält sie bei „Roll On“ die Gelegenheit, ihre Qualitäten als Sängerin noch einmal voll zur Geltung zu bringen. Auf voluminöser Synth Unterlage und durchaus R&B naher Rhythmik lässt Pritchard wieder viele seiner wirklich edlen Xylophon-nahen Synths und E-Pianos wirken, vor allem kurz vor Ende des Stücks.

Noch ein weiterer illustrer Gast ist vertreten: Steve Spacek. Nicht eben eine logische Wahl, vor dem Hintergrund der stark südamerikanisch geprägten Vorliebe Pritchards, aber es passt richtig gut. Er croont sich fast schon durch das von verzerrten Streichern untermalte „Without You“ und fügt dem überraschend vielseitigen Album noch eine weitere Facette hinzu.

Eine weitere gute Wahl für die Barbeschallung ist zweifellos „Lonely Girl“ – das hätte so auch von der Thievery Corporation abgeliefert werden können. Das feinste Stück Musik ist aber der zweite Auftritt von Nina Miranda in „Paz“, auch wenn man argumentieren könnte, dass der Titel nicht eben sonderlich innovativ oder überraschend ist – ein hübsches, fast liebliches und fein eingespieltes Stück Samba. Aber egal. So fein und verführerisch, wie es daher kommt, mit Samt und Seide, da kann man sich nicht wehren. Ist immer in meiner Tasche, wenn es in die Bar geht zum Auflegen.

Der Trouble mit dem Troubleman ist, dass dieses Album neben der durchaus großen Würdigung der Fachpresse einen noch größeren kommerziellen Erfolg verdient hätte. Aber wie gesagt, Pritchard ist auch so gut im Geschäft. Ein guter. Und eine gute Platte, durchweg.

(Anmerkung: Auf der CD Version dieses Albums sind noch ein paar mehr Titel zu finden, unter anderem auch das oben erwähnte „Change Is What We Need“. Ich habe mich natürlich auf die Vinyl Version gestürzt. Die Rezension ist insofern nicht lückenhaft 😉 )

TROUBLEMAN – TIME OUT OF MIND – FAR OUT – FARO 085DLP – 7,5/10

 

Cat-Power-You-Are-Free

Ich spar mir jetzt die Headline mit der Frauenpower

Gleich mal vorweg: Dieses Album ist nicht eben typisch für das, was in meinen Regalen steht. Es ist die einzige CD dieser Künstlerin, und auch sonst ist die Zahl der Alben von so genannten Songwritern recht gering. Man kann ja nicht alles toll finden. Nicht falsch verstehen – ich hab vieles in der Sammlung, das ich weniger schätze als „You Are Free“, und die wenigen Werke von Menschen, die gern Lieder singen, habe ich natürlich nicht versehentlich erstanden. Alben aus Genres, die man sonst eher umgeht, kauft man sicher bewusster als Alben aus der Ecke, in der man eh so gut wie alles ins Regal stellt.

Oder mit anderen Worten: Fehlkaufwahrscheinlichkeit im bekannten Territorium tatsächlich höher als dort, wo man mit Skepsis hin schaut. Charlyn Marie Marshall, auch Chan genannt, ist insofern eine durchaus bewusste Ausnahme von der Regel gewesen. Das kann ich ganz beruhigt sagen, denn in den Jahren vor dem Erscheinen dieses Albums 2003 waren schon so einige weibliche Stars durchgereicht worden, deren CDs sicher heute etwas weniger würdevoll im Regal stünden.

Cat Power hieß ursprünglich die Band, in der Frau Marshall sang – da die Band aber irgendwie ständig eine andere war, wurde der Name immer mehr zu einem Eigennamen der Sängerin selbst. Ursprünglich aus Atlanta stammend, hatte sie bis zu Ihrem Umzug nach New York – da war sie gerade 20 – schon so einiges erlebt. Drogen, Alkohol, ein an Aids gestorbener Freund, und noch so einiges mehr. Man könnte sagen – ideale Voraussetzungen für eine Karriere im Musikgeschäft.

Mag sich zynisch anhören, aber im Grunde steckt insbesondere bei Cat Power ein gewisses Maß an Wahrheit drin. Wer viel erlebt hat, hat viel zu erzählen. Das merkt man auch auf diesem Album. Gleich 14 Songs hat sie hier anzubieten, und man hat den Eindruck, dass sie quasi alles, was sie an Material hatte, auf diese CD geworfen hat, ohne groß zu sortieren. Sicher wären 1o auch okay gewesen, und vielleicht wäre das Album dann noch besser geworden – manchmal ist weniger tatsächlich mehr.

Gern wird bei Sängerinnen wie ihr das alte hört-sich-an-wie-Spiel gespielt. Oder auch mal das anders-als-Spiel. So wie in völlig anders als Liz Phair, für die sie im Vorprogramm auftrat, und gegen die Cat Power deutlich mädchenhafter wirkt. Wie in ähnlich wie Joni Mitchell, vor allem im ersten Stück. Und so weiter. Da habe ich einen Vorteil und einen Nachteil zugleich, nämlich dass ich zu wenig über all die zum Vergleich herangezogenen Damen weiß, um mitzuspielen. Ich hör die Musik und bilde mir meine Meinung. Es geht durchaus auch ohne Vergleich.

Ja und was hör ich da? Was hat mich denken lassen, dass es eine gute Idee wäre, diese CD zu besitzen? Ein Punkt ist sicher, dass das, was ich da zu hören bekam, in meinen Ohren konsequenter und ehrlicher ankam, weit weniger aufgesetzt als zum Beispiel – man möge mir diesen Vergleich verzeihen – das, was man ein paar Jahre vor diesem Album von Frau Morissette zu hören bekam. Cat Power hat mehr zu bieten, da ist mehr, mit dem man sich beschäftigen kann. Etwas weniger Pop, etwas weniger Pose, etwas weniger Hauruck.

Dazu kommt, dass die Produktion auf diesem Album zwar sehr auf spärliche Instrumentierung setzt, dabei aber erfreulich variantenreich daher kommt. Mal sind die Gitarren akustisch, mal elektrisch, mal mädchenhaft, mal Neil Young. Es gibt viele schöne Hooks und Riffs, viele feine Melodien, und das häufig genutzte Stilmittel, Cat Power mit sich selbst im Chor singen zu lassen, hat Charme. Mal sitzen wir am Lagerfeuer, mal kommt ein wenig Punk Minimalismus durch, auf „Good Woman“ sogar ein wenig Country, und das funktioniert richtig gut.

Ein weiterer Vorteil: Frau Marshall hat einfach eine richtig gute Stimme, und das ohne dass man das Gefühl hätte, dass sie sich groß anstrengen müsste. Nicht jede Stimme ist gut genug, um sie über mehr als ein Dutzend Stücke tragen zu lassen, in denen oft nur ein Piano oder eine Gitarre begleitet. Sie hat viel natürliche Präsenz, so viel sogar, dass man ihr Eddie Vedder an die Seite stellen kann und er so rein gar nicht die Show stiehlt. Nicht nur Vedder erlag gern ihrem Charme, auch Dave Grohl ließ es sich nicht nehmen, auf zwei Stücken dieses Albums das Schlagzeug zu bedienen. Ganz dezent natürlich.

Wenn man weiß, was sie in ihren ersten zwei Lebensjahrzehnten erlebt hat, wundert man sich auch nicht, dass hier und da die Themen recht drastisch werden – auf diesem Album vor allem bei „Names“, in dem in fünf Strophen die brutalen Schicksale von fünf Kindern erzählt werden. So wie die Namen und Geschichten teilweise nur mit Mühe in die Verse passen, muss man vermuten, dass in diesen Worten durchaus auch Dinge aus ihrer Kindheit und Jugend verarbeitet werden.

Auch für Chan Marshall ist es nicht wirklich rasend gut ausgegangen. Alkohol, Drogen, psychische Probleme – in der Folge Auftritte, bei denen sie bald mehr redete als sang, bis Kritiker anmerkten, dass man einen Auftritt von Cat Power kaum als Konzert bezeichnen könne. Abgesagte Touren aus teilweise etwas seltsamen Gründen kamen hinzu. Immerhin: 2012 stieg ihr bisher letztes Album so hoch in den Charts ein wie keines der Vorgängeraleben, inklusive diesem. Es sei ihr wirklich von Herzen gegönnt.

CAT POWER – YOU ARE FREE – MATADOR – OLE 427-2 – 6,5/10

fsoj2

Geht gut weiter

In der ersten Auflage hatten sich die Initiatoren dieser Serie viel vorgenommen. Große stilistische Bandbreite trotz des programmatisch wirkenden Titels – Jazz ist für sie nicht nur dann Jazz, wenn Jazz drauf steht oder es sich deutlich nach Jazz anhört, sondern eben eher eine Haltung. Verständlich. Auch wenn natürlich solch ein breit angelegtes Konzept schwer nur mit einer einzigen Runde definiert ist, da braucht es schon ein paar mehr.

Gut also, dass Nummer 2 das ganze nicht nur weiter führte, sondern die Bandbreite dessen, was man als zukuftsweisend erachtete, noch ein wenig erweiterte. Aus heutiger Sicht, etwa 18 Jahre später, kann man den Anspruch dieser Serie natürlich mit deutlich anderen Augen betrachten als damals – auch wenn der wirklich außerordentliche Erfolg der Reihe eine ebenso deutliche Sprache spricht wie die wiederholte Anerkennung der Fachpresse.

Generell fällt an dieser Compilation auf, dass einmal ganz abgesehen vom Anspruch, den sowohl das Wort „Future“ als auch das Wort „Jazz“ hier impliziert, die Qualität dessen, was dort zusammengetragen wurde, auch heute noch als außerordentlich hoch einzuschätzen ist. Das hat fast durch die Reihe auch heute noch Bestand, es gibt keine peinlichen Momente. Das ist schon mal ein großes Kompliment.

Fragt man sich nun, ob die ausgwählten Titel tatsächlich diese Wirkung hatten, nämlich neue Wege zu beschreiten, die auch in der Zukunft bestand haben, dann kann das selbstverständlich nicht für die gesamte Reihe von – in dieser Ausgabe – 13 Titeln gelten. So ist zum Beispiel der durchaus feine und geschmackvoll produzierte erste Track von Sven van Hees, „Tabla Rasa“, aus der anvisierten Zukunft betrachtet eher ein Statement zur damaligen Gegenwart – ein Beispiel für die aufkommende Downbeat-Welle, ein hervorragendes Stück Loungekultur.

Das darauf folgende Stück der Gentle People dürfte in eine ähnliche Kategorie fallen, denn selbst im Aphex Twin Care Mix ist „Journey“ primär elegante Barmusik in der Nähe der späteren De-Phazz Veröffentlichungen. Vielleicht ein wenig zukunftsweisend, aber doch für einen recht überschaubaren Zeitraum. Noch viel mehr trifft dies natürlich auf Nightmares On Wax mit ihrem Klassiker „Nights Interlude“ zu, der das trendige Trio komplettiert. Drei Titel also, die durchaus aufkommende, aber begrenzt haltbare Strömungen aufgriffen.

Einer der wenigen Tipps, die nicht aufgegangen sind, ist Max 404, dessen „Quiddity (Last Visit)“ so etwas wie eine dunkle industrial Variante von Trip Hop präsentiert. Interessantes Zeitdokument, immerhin. Bei Fauna Flash, die hier mit „Sexual Attraction“ vertreten sind, könnte man sich etwas streiten – einerseits ist ihr loungiger Ansatz, Drum & Bass zu produzieren, auch nur von recht kurzer Haltbarkeit gewesen, andererseits hat sich Christian Prommer, einer der beiden Faunas, immer weiterentwickelt und ist auch heute noch recht gut im Geschäft.

Beim Thema Drum & Bass dachte man damals durchaus, dass das zukunftweisend sein könnte, teilweise nahmen auch arrivierte Jazzer wie Erik Truffaz den Stil auf – aber auch hier war die Nachhaltigkeit eher begrenzt. Der Interpret des sechsten Stückes, 12-10 Series MK1, hat außer der EP, von der das hier ausgewählte „All That Jazz“ stammt, nur noch eine weitere Single veröffentlicht – zumindest unter diesem Namen. Aber das ist auch der einzige Künstler, bei dem man klar daneben liegt.

Chaser, deren „Sides Of Iron“ hier vertreten ist, waren zur Zeit der Veröffentlichung dieser Compilation gerade auf dem Weg nach oben. Sie produzierten recht feine Tanzmusik im Grenzbereich von House, Broken Beats, Lounge und Jazz, und gehören sicher schon deswegen in diese Sammlung. Die Formation selbst hat nicht sehr lange bestanden, aber wenn man weiß, dass hier Lars Sandberg alias Funk D’Void mitmischte, kann man dem verantwortlichen Michael Reinboth durchaus eine gute Nase attestieren.

Bei Sabres Of Paradise kann man erneut unterschiedlicher Meinung sein. Andrew Weatherall und seine Kollegen waren gerade so ziemlich auf dem Zenit ihrer Karriere, die dann aber für die Sabres nicht viel weiter führte. Nichtsdestotrotz gehören Sabres of Paradise mit ihrem sehr genreübergreifenden Stil zu denen, die neue Impulse für die so genannte Leftfield Szene lieferten, und Weatherall blieb ja auch lange einer ihrer bekanntesten Protagonisten. Das hier vertretene „Bubbles & Slide“ kommt im Nightmares on Wax Mix heute trotzdem etwas antiquiert rüber.

Dann erscheint wie schon bei der ersten Ausgabe von FSOJ Patrick Pulsinger, hier im Team mit seinem Dauerpartner Erdem Tunakan. Nicht immer leicht zu verdauen, was die beiden sich haben einfallen lassen, aber ja, eindeutig Innovatoren, höchst kreative Leute, die gern mal Grenzen ignorierten und über Jahre hinweg unter verschiedenen Namen veröffentlichten, wie zum Beispiel als Dean & Deluca, Sluts’n’Strings & 909. Das hier gewählte „P.M.2/SM2“ gehört aber nicht wirklich zu ihren großen Momenten.

Faszinierender ist da schon, so viele Jahre später Tortoise zu hören. „Ry Cooder“ war damals schon ein wirklich außergewöhnliches Stück. Wohl der Beitrag auf diesem Sampler, der dem, was der Titel prophezeit, am nachvollziehbarsten gerecht wird. Es ließe sich ganz legitim behaupten, dass dieser Titel schon Squarepusher war, bevor dieser so richtig Squarepusher war. Oder auch dass hier sogar ein ganz klein wenig Mogwai durchscheint. Und durchaus in einem Randbereich von Jazz zu Hause. Spannend.

Unter dem Namen B.Low feat. Richard Dorfmeister sind hier zum zweiten Mal die Herren Pulsinger und Tunakan vertreten – mit einem höchst ungewöhnlichen Stück namens „On Flute (1992 Live)“ – irgendwo zwischen Ambient, Downbeat und Experimental, teilweise an The Orb erinnernd, indem unterschiedlichste Soundquellen ineinander gemischt werden – Geräusche, Beats, Gesangssamples, und eben der Dorfmeister mit seiner Querflöte, die er dann später noch auf der „G-Stoned“ EP heraus holen konnte. Mutige Wahl, muss man sagen, aber auch so ein Track gehört irgendwie zum Konzept.

„Hector’s House“ von Mike Paradinas alias µ-Ziq ist in der damaligen Sicht eindeutig ein Blick in die Zukunft gewesen – in einer Zeit, in der Musiker wie Aphex Twin, Andrew Weatherall und eben Paradinas recht radikale Formen elektronischer Musik auszuloten anfingen, war die Zukunft einfach schwerst elektronisch und nicht eben leicht verdaulich. Paradinas übernahm später auch das eigentlich von Virgin gegründete Speziallabel Planet Mu, Aphex Twin wurde zu einem großen Namen, und Weatherall gründete die Two Lone Swordsmen – also durchaus alles Vorreiter.

Mit Turntable Terranova und „Tranquilizer“ wiederum hat Reinboth zum Abschluss durchaus noch einen kleinen Treffer gelandet – auch wenn der nur halb zählt, denn die Formation, die später dann nur noch Terranova hieß, war damals noch bei dessen Compost Label zu Hause – wie auch die oben erwähnten Fauna Flash. Auch wenn großer kommerzieller Erfolg eher nicht die Folge war, viel Kreativität kann man ihnen attestieren. Dafür sind allein schon die nachfolgenden Labels klare Indizien: Zunächst wechselten sie zu Studio !K7 nach Berlin, und 2012 dann zu Kompakt.

Wirklich aufschlussreich, sich wieder zu den Anfängen der FSOJ Reihe zu begeben – und festzustellen, dass Compost bzw. Reinboth einen guten Riecher hatte, gut genug um auch aus heutiger Sicht noch von einer qualitativ hochwertigen Zusammenstellung reden zu können, die dem Titel der Serie so weit gerecht wurde wie eben möglich. Das ist viel.

V.A. – THE FUTURE SOUND OF JAZZ VOL. 2 – COMPOST – COMPOST 017-1 – 6,5/10

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Die etwas andere Tanzfläche

Zugegeben – bei Four Tet bin ich durchaus schon mal ein wenig voreingenommen. Nicht dass ich grundsätzlich alles von ihm großartig fände – manchmal geht er mir auch ein wenig auf den Zeiger. Aber wenn mir bei ihm etwas gefällt, dann nicht nur ein bisschen. Und so viel schon mal vorweg: das hier gefällt mir.

Ursprünglich war mir Four Tet aufgefallen, als er gerade „Pause“ veröffentlicht hatte. 2001, verdammt lang her. Zu der Zeit sah man Kieran Hebden, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, noch als einen der Intellektuellen in der Downtempo Kategorie, der zwar gern mal experimentierte, vornehmlich aber Material für die Beschallung anspruchsvollerer Bars und Lounges lieferte.

Daran änderte auch „Rounds“ nicht wirklich etwas, das zwei Jahre später erschien, ebenso wie das allenfalls experimenteller werdende „Everything Ecstatic“ 2005. In den Jahren danach begann er sich dann aber immer mehr auch für die Tanzflächen zu interessieren und machte sich auf den Weg, auch diese mit Musik zu versorgen, die ein klein wenig abseits ausgetretener Pfade angesiedelt ist, etwas mehr das Experiment wagt und neue Einflüsse aufnimmt. So wurde aus dem Downbeat Erneuerer auch ein Dancefloor Eklektizist mit Anspruch.

Diese 12″ ist einer der Beweise dafür, dass ihm das auf durchaus spektakuläre Weise gelingen kann. Schon als er noch im gemächlicheren Tempo unterwegs war, hatte Hebden seine Freude daran, unterschiedlichste Sounds zusammenzubringen und daraus Rhythmen zu bauen, Welten zu erschaffen, Geschichten zu erzählen. Jetzt ist das Tempo im oberen Midtempo Dancefloorbereich angekommen, und während er hier das Sammeln, Verbasteln, Kombinieren und Aufeinanderschichten unterschiedlichster Sounds fast bis zur Perfektion treibt, dient dies weniger dem Storytelling, sondern primär dem Anspruch, der Dynamik des Stücks einen Körper zu geben, eine Substanz.

Dabei übernimmt die Arbeit am Schlagzeug eigentlich eher noch einen kleinen Teil der Arbeit. Ein wenig Hihat, eine trockene und warme Bassdrum, das war es eigentlich auch schon. Der Rest sind Synth Loops, diverse Bleeps und Sounds, allerhand Klopfen, Klöppeln, Drones und Glocken, und dieses fast an Akufen erinnernde bewusst abgehackt eingespielte zentrale Thema des Stücks. Vieles der Dynamik und des Zaubers dieses Stückes liegt im Repetitiven, und in der perfekten Ineinanderfrickelei all dieser Elemente.

Darüber lässt er dem Titel gehorchend singen – keine Texte, eher nur Vokale, eine helle, mit sanftem Druck gesungene Frauenstimme, die weniger als Stimme fungiert, sondern eher ein Synth Thema ersetzt, dabei aber sehr viel mehr Emotionalität transportiert, dem Ganzen diesen für Four Tet so schön spielerischen Charme gibt, eine überzeugte Form von Naivität, die einen lächeln lässt. Das ganze richtig schön opulent ausgedehnt auf durchaus sinnvolle 10:46 Minuten.

Beim noch längeren Remix – stolze 14 Minuten – lässt Kieran Hebden einen weiterern Erneuerer der modernen Tanzmusik ran, Floating Points alias Sam Shepherd. Der macht seinem Namen erst einmal alle Ehre und lässt es minutenlang floaten, gönnt uns ein weiträumiges Ambient Intro, in dem sich nur ganz allmählich ein Beat bemerkbar macht, sehr viel grader und ein gutes Stück schneller als im Original, treibender und näher an Houseformaten orientiert, während Glockentöne alles fein umspielen. Hihat dazu, und Schritt für Schritt mehr Bass, mehr Raum, mehr Fülle, allerhand Soundspielereien – hier wird die Tanzfläche mal grad komplett in die Wolken gehoben.

Dann ein knackiger Break, resolute Synth Stabs, und einen Moment später sind wir ganz tief im Broken Beat Eck angekommen – mutig, das fein fließende Houseformat zu verlassen und die Beats ein wenig zu durchbrechen, aber gleichzeitig gibt es einem auch die Möglichkeit, sich ein wenig von ihnen zu lösen, sich nicht allzu sehr an ihnen festzuklammern. Zumal es für den Rest des Stücks wieder mehr fließt, wieder mehr Ruhe einkehrt, wir uns eher im Deep House wiederfinden. Zum Abschluss dann noch einmal zwei Minuten flächig atmosphärischer Wohlklang. Die Verwandtschaft mit dem Original ist hier primär am Titel abzulesen – aber das hat uns ja noch nie wirklich gestört, wenn man so formidabel unterhalten wird wie hier.

FOUR TET – SING (12″) – DOMINO – RUG358T – 7,5/10

GStoned KRUDER  DORFMEISTER

Vier für die Welt

Wollte man ein Lehrstück darüber schreiben, wie sehr die Remix Kultur in der Lage ist, musikalische Strömungen zu verändern, sie entstehen zu lassen, sie in den so genannten Mainstream zu führen, dann könnte man kein besseres Beispiel wählen als Kruder & Dorfmeister. Und wenn wir schon mal dabei sind – die Geschichte dieses Produzentenduos ist auch eine interessante Studie über die teilweise erstaunlich verzerrte Wahrnehmung von Künstlern und deren Arbeit.

Denn eins sei gleich einmal vorweg festgehalten: Als selbst komponierende, produzierende, veröffentlichende Künstler mit dem Namen Kruder & Dorfmeister ist diese EP mit vier Stücken tatsächlich das einzige Werk der beiden, das einigermaßen in die Nähe eines Albums kommt. Sicher, es gibt noch mehr, aber das sind durch die Bank einzelne Stücke, die für diverse Compilations produziert worden – aber einen echten Longplayer mit eigenem Material gibt es nicht. Näher als bei „G-Stoned“ sind sie diesem (vermutlich nie verfolgten) Ziel nicht gekommen.

In den Augen vieler, die diesen Musikstil lieben, sieht die Welt natürlich ganz anders aus. Schon die erste Generation K&D Fans hatte keinerlei Probleme damit, die „DJ Kicks: Kruder & Dorfmeister“ als ein Album zu betrachten, auf dem Musik von Kruder & Dorfmeister drauf ist. Durchaus der Fall – genau ein Stück. Der Rest ist eben genau das, was drauf steht – ein DJ Mix mit Material anderer Künstler.

Jahre später, als jede Menge neue Fans die Arbeit der beiden Wiener zu schätzen lernten, wiederholte sich dieses Phänomen – zu Tausenden liefen die Leute in die Läden und kauften sich die „K&D Sessions“, in der festen Überzeugung, neue Werke der beiden zu erstehen. Klar, auch in diesem Fall ein Trugschluss – dabei steht auf dem Album ja nun deutlich drauf, dass es sich durchweg um Remixes der Werke anderer Künstler handelt.

Auch die Wahrnehmung der Partnerschaft der beiden ist zumindest teilweise verklärt. Ja, sie haben zusammen ein Studio gegründet, ja, sie haben zusammen einen Haufen erstklassiger Remixes gemacht, und ja, auch ein gutes Dutzend eigener Stücke produziert. Aber es ist schon bezeichnend, dass der eigene Output im Duett sehr mager ausgefallen ist, rein quantitativ. Nie ein Album produziert (und es gab nun wirklich eine mehr als satte Nachfrage), und auch eigentlich gar nicht lange zusammen gearbeitet.

Schon 1994, ein Jahr nach Erscheinen dieser EP, machte sich Richard Dorfmeister auf, um mit Rupert Huber das Projekt Tosca zu starten, das auch mit „Opera“ gleich einen großartigen Einstand feierte. Peter Kruder machte sich auch an die Arbeit, brauchte ein klein wenig länger, kam dann aber 1999 mit dem Peace Orchestra zu ähnlich beachtlichen Ergebnissen. Und genau genommen gab es zu diesem Zeitpunkt das Duo Kruder & Dorfmeister nur noch auf dem Papier – oder allenfalls noch als Studiopartnerschaft.

Aber blenden wir wieder zurück ins Jahr 1993. In eine Zeit, in der das, was die beiden Herren taten, meist gemeinsam angepackt wurde, als in Wien der Trip Hop aus der Tristesse gezogen und salonfähig gemacht wurde und an jeder Ecke neue Formationen lässiges produzierten. Die „G-Stoned“ EP war da ganz klar so etwas wie ein Vorreiter, der Startschuss dieser Bewegung, ebenso natürlich wie die Arbeit der beiden als DJs, die schnell über die Grenzen Österreichs bekannt wurden.

Dass Kruder & Dorfmeister weit über alles heraus ragten, was aus Wien in diesen Jahren entstand, hat auch etwas mit Stil zu tun, mit einem Talent für Vermarktung – das zeigt allein schon das Cover, auf dem sie einfach und stilvoll das Cover von Simon & Garfunkels „Bookends“ nachstellen. Aber natürlich lag es vor allem daran, dass ihre Produktionen und ihre Remixes eleganter, intelligenter und raffinierter daher kamen als das meiste dessen, was in Europa sonst so in diesem Bereich entstand. Sie waren so innovativ und kreativ wie Mo‘ Wax, aber hatten nicht diese Tendenz zum Tristen und Verkifften. Sie machten Musik, die so erfreulich unabhängig vom Mainstream war wie die von Ninja Tune, aber nicht mit diesem Hang zur Hip Hop Pose und ohne den Drang, eine wichtige Botschaft vermitteln zu wollen.

Natürlich führt das manchmal zu etwas mehr Flüchtigkeit und zu einem etwas dekadenten Bad in wohliger Freude am entspannt unreflektierten Moment, aber niemand war in der Lage, die eigentliche Abwesenheit jeglichen Inhalts stilvoller und effektvoller zu präsentieren als Kruder & Dorfmeister. Und „G-Stoned“ ist so etwas wie der Grundstein dieser hedonistischen Welle, die uns in den 90ern dazu brachte, nicht mehr wild rumzuraven, sondern extrem lässig in Bars zu veweilen, natürlich mit DJ, und überall waren K&D an den Decks. Eh klar.

Die Bestandteile dessen, was diese EP zu bieten hat, sind durchweg fein – eine hübsche Prise Jazz im fein verhaltenen Tempo, ein bisschen Dub, und viele hübsche Elemente, die diese Stücke davor bewahren, bei den Hip Hoppern in der Seitenstraße zu landen, sondern direkt in die edelsten Bars der Stadt. In „Definition“ zum Beispiel – der Beat ist zu tief im Jazz, um in der Vorstadt zu wohnen, das Piano zu loungig für Street Credibility, wozu auch, und dann diese Querflöte, die man in anderen Teilen der Stadt wohl mit Gras zu füllen versuchen würde. „Definition“ definiert definitiv, wohin die Reise geht.

„Deep Shit, Pt. 1 & 2“ ist das bekannteste Stück auf diesem Mini-Album, und schon das tatsächlich verdammt deepe E-Piano-Thema am Anfang reicht, um das zu begründen. Alles, was danach hinzugefügt wird, passt perfekt – der extrem lässige Drumbeat, die afrikanischen Gesänge, die wiederum fein eingesetzte Querflöte, den Groove unterstützende Bass Synth Lines und die immer gern verwendeten hohen Synth Akkordfolgen – es ist ein komplett stimmiges Arrangement, das allenfalls in der Mitte ein paar kleine Längen hat. Aber da meckern wir schon auf wirklich sehr hohem Niveau.

Wie sehr gerade „Deep Shit, Pt. 1 & 2“ andere Downbeat Produktionen dieser Zeit hinter sich lässt, kann man leicht an den diversen Compilations sehen, die in dieser Zeit veröffentlicht wurden, und auf denen fast durchweg dieses Stück zu finden war. Jedes Mal stellte es mit seiner Lockerheit, Eleganz und Produktionsqualität die anderen Beiträge zu diesen Compilations in den Schatten.

Das gilt, wenn auch in weniger häufiger Zahl, für „High Noon“, das dritte Stück auf „G-Stoned“. Auf gewohnt erstklassigen Drum Loops wird hier ein feines Gitarrenthema zelebriert, das sich die Arbeit mit einem Gesangssample teilt, unterbrochen von einem Mundharmonikasolo. Ja, Mundharmonika. Auch das war bei Kruder & Dorfmeister möglich – und nie hätte es auch nur die leiseste Gefahr gegeben, dass das irgendwie peinlich rüber kommt, oder dass man Stevie-Wonder-Klischees bedient hätte, bei dem zumindest mir immer die Nackenhaare hoch kommen, wenn er seine Mundharmonika raus holt. Hier ist das einfach cool.

Und dann „Original Bedroom Rockers“ – für mich der feinste Beitrag unter den vieren. Wieder ein amtlich lässiger Groove, dezente Pianobeiträge, und zwei Vocal Samples, die ein laszives Spiel miteinander treiben, Honey, Yeah Baby, gern auch mal bis weit in den Hallraum verschwindend. Ein bisschen Wah-Wah, glockenklare Rhodes Sounds, wie wir sie später auch im Remix für Lambs „Transfattyacid“ lieben werden, dazu einige wirklich gekonnt eingeflochtene Synth Spielereien machen „Original Bedroom Rockers“ zum eklektizistischen Höhepunkt der EP.

Vier Stücke, jedes davon ein wirklich wegweisender Beitrag zur Entwicklung des Downbeat Genres, zur Etablierunge des Lounge Stils in den Neunzigern. Vermutlich kann man Kruder & Dorfmeister dafür danken, dass von da an eine DJ Station die wirklich guten Bars von den durchschnittlichen unterschied, dass wir statt in Bistros auf dürren Hockern zu kauern uns bald in lässigen Lounges in unverschämt komfortablen Sofas räkelten, und dass ganz generell das Nachtleben in den Städten um eine stilvolle Variante bereichert wurde. Das ist mehr als so manche mit rasend wichtigen Botschaften erreicht hätten.

KRUDER & DORFMEISTER – G-STONED – G-STONE – 001 12″ – 8,5/10

 

kingmog

Zwei Drittel Glückseligkeit, ein Drittel Death Metal

So ganz genau weiß ich gar nicht, woher ich die CD habe. Ich vermute stark, dass ich sie auf Ebay ersteigert habe. Schon weil ich mich nicht daran erinnern kann, jemals so etwas wie eine CD Single gekauft zu haben. Ja, ich weiß, eine CD Single ist was ganz anderes. Aber hier ist nun mal nur das eine Stück drauf, keine Remixe (und wehe einer zetert, von wegen Remixe, sowas gibt es bei Mogwai nicht – allerdings gibt es die, Doppel-LP in meinem Regal hier).

Aber lassen wir das. Mogwai ist ohnehin so ziemlich der Gegenenentwurf einer klassischen kommerziell orientierten Band. Die ziehen ihr Ding durch. Die können auch eine CD Single für sieben Euro verkaufen, auf der nur ein Stück drauf ist, und das ist dann eben gut 20 Minuten lang. So rund viereinhalb davon sind eher nur Noise, aber das gehört ja auch irgendwie dazu.

„My Father My King“ war wohl ursprünglich eine Art Zugabe für das Album „Rock Action“ und erschien im Oktober 2001, inklusive eines Stickers, auf dem zu lesen war „Two parts serenity and one part death metal“. Mancher Sticker auf CDs ist ja recht peinlich, ich erinnere mich da nur auf einen von der Plattenfirma in Deutschland hinzugefügten Sticker auf dem „Evil Empire“ Album von Rage Against The Machine, da stand dick und fett „Voll evil!“ drauf. Das war mal voll embarrassing. Der Sticker mit den Zutatenangaben auf dieser CD hingegen könnte auch als kürzestmögliche Plattenkritik durchgehen.

Das Stück selbst basiert auf einem jüdischen Gebet namens „Avinu Malkeinu“, das an Festtagen rezitiert wird. Die Dramaturgie ist klassisch Mogwai. Es fängt still an, etabliert eine der beiden aus dem jüdischen Lied übernommenen Melodien, und über den Verlauf der ersten vier Minuten baut sich der größte Teil der für Mogwai so typischen Soundwände auf, in dem eine Gitarre nach der anderen einsteigt und das Schlagzeug an Intensität zunimmt, bis dann die letzte, in diesem Fall stark verzerrte Gitarre hinzugefügt wird und die ursprüngliche Melodie immer weiter in den Hintergrund drängt. Nach einer kurzen Phase der Dekonstruktion bis in die fast völlige Stille übernimmt die zweite Melodie, die dann ebenfalls aufgebaut wird, nur um dann schließlich in einem minutenlangen Gebräu aus Gitarrensounds, Verzerrungen und Feedbacks zu enden.

Wenn man weiß, dass Mogwai bei einem Stück wie diesem mit vier Gitarren und einem Bass arbeiten und auf den Höhepunkten ihrer Stücke aus diesen Instrumenten heraus holen, was nur geht, der kann sich eine ungefähre Vorstellung davon machen, was für eine massive Wand an Gitarrensound einem da entgegenrollt. Zumal Mogwai auch in den meisten Fällen – so eben auch hier – ein überaus langsames Tempo bevorzugen, und den Aufbau von der fast völligen Stille bis zum nicht mehr weiter zu füllenden akustischen Raum mit einer faszinierenden Präzision und einem großen Talent für Dramatik inszenieren.

Die Produktion – Arthur Baker war verantwortlich, mit Steve Albini als Mixer und Toningenieur – spart nicht mit Druck, spendiert reichlich Verzerrungen und Feedbacks, ist roh und doch präzise abgemischt. Wenn man vier Gitarren und einen Bass abmischt, vermute ich stark, dass man da schon sehr genau hinhören und sehr fein abmischen muss, um nicht einen riesigen amorphen Brei zu rühren.

Man kann sich, und das ist ein Kompliment an die Herren Baker und Albini, durchaus vorstellen, welch ungeheure Wucht dieses Stück live entwickelt, erst recht wenn man diese Band schon einmal live erlebt hat. Bisher hatte ich erst zwei mal die Möglichkeit, das zu tun – bei beiden Konzerten war das sonst häufig in der Zugabe gespielte „My Father My King“ nicht dabei. Aber irgendwann erlebe ich es noch. Das wird heftig.

MOGWAI – MY FATHER, MY KING – [PIAS] RECORDINGS – PIASV 007 CD – 946.0007.128 – 8/10

ambient1

Der Erfinder. Jedenfalls so ziemlich.

Brian Eno hat da eine klare Meinung. Er hat Ambient erfunden. Keine Sorge, wir fangen hier keine Grundsatzdiskussion an. Zum einen ist hinreichend dokumentiert, dass auch vor Eno schon ein paar Musiker mit Vorläufern dessen, was Eno dann Ambient nennt, experimentier thaben, zum anderen hat keiner dieser Musiker das Konzept als solches definiert und dokumentiert – und schon gar nicht mit einer Reihe von vier Alben manifestiert. Das hat Eno. Und „Ambient 1“ ist einfach der Anfang von Ambient, egal wie man es dreht und wendet.

Vier Stücke, einfach nur „1/1“, „2/1“, „1/2“ und „2/2“ genannt (zwei LP-Seiten, je zwei Stücke eben, CDs gabs erst sehr viel später). In der Art der Produktion identisch – Eno nahm etwas auf, schickte es durch ein Tape Delay, und ließ so theoretisch endlose Loops laufen. Vielleicht etwas arg simplifiziert formuliert – ein Signal wird in das Delay Instrument geschickt, wird dort gespeichert, und nach einer vom Produzenten eingestellten Zeit erneut wiedergegeben.

Eno hatte anfangs tatsächlich die Idee, dass diese Musik in endlosen Schleifen an Orten gespielt wird, an denen Menschen durch die Wiedergabe dieser Musik die Hektik und der Stress genommen wird. In den 80ern wurde dieses Album sogar für eine Weile im Marine Air Terminal am New Yorker LaGuardia Flughafen gespielt.

Es gibt verschiedene Geschichten, wie Eno darauf gekommen sein soll. Die eine besagt, dass er kurz vor dem Erscheinen eines anderen Albums („Discreet Music“) wegen eines Autounfalls längere Zeit im Krankenhaus gelegen hat und dort auf die Idee kam, als die Beschallung mit klassischer Harfenmusik ihm nicht ganz genehm war.

Die andere Geschichte besagt, dass er einige Stunden unfreiwillig am Flughafen Köln/Bonn festgesessen haben soll und sich dort sehr über die Geräuschkulisse geärgert habe. Beides stimmt wohl – denn eines der Stücke von „Discreet Music“ soll auf Entbindungsstationen ein echter Hit (gewesen) sein, und der Titel dieses Albums bestätigt die tatsächliche Intention Enos, Musik für Flughäfen zu komponieren.

Es ist interessant, wenn man sich im Internet anschaut, wie manche dieses Album kommentieren. Für manchen wird es schnell zu „langatmig“. Interessante Einschätzung, vor allem im historischen Kontext, mit endlosen Loops an öffentlichen Orten und so. Natürlich – man könnte sich durchaus fragen, warum nun beispielsweise „1/1“ exakt 17:25 Minuten lang ist und nicht beispielsweise 13:46. Aber das ginge dann schon recht nahe an eine Diskussion, in der man sich vor einen Jackson Pollock stellt und wirklich darüber reden will, ob man das nicht auch könnte. Oder das Nachbarskind.

Gerade „1/1“ ist in seiner himmlischen Ruhe aus einfachen, in der Tat unglaublich beruhigenden Piano Themen, Glockentönen und Synthesizerräumen kaum kürzer denkbar. Eno wird ganz sicher am besten gewusst haben, wann das Stück seine Wirkung entfaltet hat, wann es seinen Zweck erfüllt hat. Noch viel plausibler ist aber die technische Erklärung, denn die Elemente, aus denen die Stücke bestehen, werden einzeln in Loops geschickt und jedes einzelne hat ihr eigenes Timing, so dass die Wiederholung der Elemente in unterschiedlichen zeitlichen Intervallen stattfindet. Eno sagte selbst, dass diese Titel Momentaufnahmen seien, und dass eben manchmal mehrere Elemente gleichzeitig erklingen, manchmal separat, je nach dem, wie die Intervalle eben kommen. Heißt: Eno wird sich den Zeitraum ausgesucht haben, der dem, was er sich vorstellte, am ehesten entsprach.

„2/1“ besteht ausschließlich aus einzelnen Chorstimmen, die auf eben diese Weise in die Loop geschickt wurden, teilweise mit einem Delay von fast einer halben Minute. Der Effekt, der sich durch die unterschiedlichen Stimmen und die unterschiedlichen Delay Zeiten ergibt, ist der von sich ständig verändernden Stimmkombinationen, eines im Prinzip zufälligen Chores. Das Erlebnis hingegen klingt keineswegs nach Zufälligkeit, sondern nach einem himmlischen, gänzlich zeitlosen und nicht an Regeln gebundenen Chor, dessen Stimmen in immer neuen Kombinationen und Abfolgen ein musikalisches Erlebnis schaffen, das mit herkömmlichen Arten, Musik zu erleben, wunderbar wenig zu tun hat.

Für „1/2“ setzt sich Eno wieder an das Piano, dieses mal kombiniert mit den Chorstimmen, die wir bereits in „2/1“ gehört haben. So weit es sich beurteilen lässt, sind aber hier keinesweg die beiden Aufnahmen der ersten Seite einfach kombiniert worden, sondern auch hier alle Elemente auf eine erneute Reise durch das Delay geschickt worden, um ein neues, einzigartiges Zusammenspiel zu erschaffen.

Das letzte Stück, „2/2“, variiert die Aufnahmetechnik noch einmal, indem hier ausschließlich Sounds vom ARP 2600 Synthesizer verwendet werden. Auch hier ergibt sich durch die unterschiedlichen Delay Zeiten eine absolut einzigartige Sequenz praktisch zufälliger Notenfolgen, und wie bei „2/1“ ein Klangerlebnis, das die eigentliche Zielsetzung von Ambient, nämlich Menschen den Stress, die Last zu nehmen, ihnen eine akustische Umwelt zu geben, die sie entspannt sein lässt, perfekt umsetzt.

„Ambient 1“ markiert die Geburt des Ambient. Alles, was danach kam, wurde an diesem Album gemessen, und kaum etwas kam auch nur annähernd an die Größe dieses Werks heran, nicht einmal Eno schaffte es – mit der Ausnahme der Apollo Soundtracks, wenn man sie als Ambient bezeichnen möchte. Erst sehr viel später gab Wolfgang Voigt mit seinem Projekt Gas und dem Album „Pop“ Ambient eine neue Dimension. 22 Jahre nach „Music For Airports“, im Jahr 2000. Es gibt nicht viele Alben, die wirkliche Meilensteine in der Geschichte der modernen Musik sind – das hier ist ein ganz großer.

BRIAN ENO – AMBIENT 1: MUSIC FOR AIRPORTS – VIRGIN – 7243 8 66495 2 2 – 10/10