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Geht gut weiter

In der ersten Auflage hatten sich die Initiatoren dieser Serie viel vorgenommen. Große stilistische Bandbreite trotz des programmatisch wirkenden Titels – Jazz ist für sie nicht nur dann Jazz, wenn Jazz drauf steht oder es sich deutlich nach Jazz anhört, sondern eben eher eine Haltung. Verständlich. Auch wenn natürlich solch ein breit angelegtes Konzept schwer nur mit einer einzigen Runde definiert ist, da braucht es schon ein paar mehr.

Gut also, dass Nummer 2 das ganze nicht nur weiter führte, sondern die Bandbreite dessen, was man als zukuftsweisend erachtete, noch ein wenig erweiterte. Aus heutiger Sicht, etwa 18 Jahre später, kann man den Anspruch dieser Serie natürlich mit deutlich anderen Augen betrachten als damals – auch wenn der wirklich außerordentliche Erfolg der Reihe eine ebenso deutliche Sprache spricht wie die wiederholte Anerkennung der Fachpresse.

Generell fällt an dieser Compilation auf, dass einmal ganz abgesehen vom Anspruch, den sowohl das Wort „Future“ als auch das Wort „Jazz“ hier impliziert, die Qualität dessen, was dort zusammengetragen wurde, auch heute noch als außerordentlich hoch einzuschätzen ist. Das hat fast durch die Reihe auch heute noch Bestand, es gibt keine peinlichen Momente. Das ist schon mal ein großes Kompliment.

Fragt man sich nun, ob die ausgwählten Titel tatsächlich diese Wirkung hatten, nämlich neue Wege zu beschreiten, die auch in der Zukunft bestand haben, dann kann das selbstverständlich nicht für die gesamte Reihe von – in dieser Ausgabe – 13 Titeln gelten. So ist zum Beispiel der durchaus feine und geschmackvoll produzierte erste Track von Sven van Hees, „Tabla Rasa“, aus der anvisierten Zukunft betrachtet eher ein Statement zur damaligen Gegenwart – ein Beispiel für die aufkommende Downbeat-Welle, ein hervorragendes Stück Loungekultur.

Das darauf folgende Stück der Gentle People dürfte in eine ähnliche Kategorie fallen, denn selbst im Aphex Twin Care Mix ist „Journey“ primär elegante Barmusik in der Nähe der späteren De-Phazz Veröffentlichungen. Vielleicht ein wenig zukunftsweisend, aber doch für einen recht überschaubaren Zeitraum. Noch viel mehr trifft dies natürlich auf Nightmares On Wax mit ihrem Klassiker „Nights Interlude“ zu, der das trendige Trio komplettiert. Drei Titel also, die durchaus aufkommende, aber begrenzt haltbare Strömungen aufgriffen.

Einer der wenigen Tipps, die nicht aufgegangen sind, ist Max 404, dessen „Quiddity (Last Visit)“ so etwas wie eine dunkle industrial Variante von Trip Hop präsentiert. Interessantes Zeitdokument, immerhin. Bei Fauna Flash, die hier mit „Sexual Attraction“ vertreten sind, könnte man sich etwas streiten – einerseits ist ihr loungiger Ansatz, Drum & Bass zu produzieren, auch nur von recht kurzer Haltbarkeit gewesen, andererseits hat sich Christian Prommer, einer der beiden Faunas, immer weiterentwickelt und ist auch heute noch recht gut im Geschäft.

Beim Thema Drum & Bass dachte man damals durchaus, dass das zukunftweisend sein könnte, teilweise nahmen auch arrivierte Jazzer wie Erik Truffaz den Stil auf – aber auch hier war die Nachhaltigkeit eher begrenzt. Der Interpret des sechsten Stückes, 12-10 Series MK1, hat außer der EP, von der das hier ausgewählte „All That Jazz“ stammt, nur noch eine weitere Single veröffentlicht – zumindest unter diesem Namen. Aber das ist auch der einzige Künstler, bei dem man klar daneben liegt.

Chaser, deren „Sides Of Iron“ hier vertreten ist, waren zur Zeit der Veröffentlichung dieser Compilation gerade auf dem Weg nach oben. Sie produzierten recht feine Tanzmusik im Grenzbereich von House, Broken Beats, Lounge und Jazz, und gehören sicher schon deswegen in diese Sammlung. Die Formation selbst hat nicht sehr lange bestanden, aber wenn man weiß, dass hier Lars Sandberg alias Funk D’Void mitmischte, kann man dem verantwortlichen Michael Reinboth durchaus eine gute Nase attestieren.

Bei Sabres Of Paradise kann man erneut unterschiedlicher Meinung sein. Andrew Weatherall und seine Kollegen waren gerade so ziemlich auf dem Zenit ihrer Karriere, die dann aber für die Sabres nicht viel weiter führte. Nichtsdestotrotz gehören Sabres of Paradise mit ihrem sehr genreübergreifenden Stil zu denen, die neue Impulse für die so genannte Leftfield Szene lieferten, und Weatherall blieb ja auch lange einer ihrer bekanntesten Protagonisten. Das hier vertretene „Bubbles & Slide“ kommt im Nightmares on Wax Mix heute trotzdem etwas antiquiert rüber.

Dann erscheint wie schon bei der ersten Ausgabe von FSOJ Patrick Pulsinger, hier im Team mit seinem Dauerpartner Erdem Tunakan. Nicht immer leicht zu verdauen, was die beiden sich haben einfallen lassen, aber ja, eindeutig Innovatoren, höchst kreative Leute, die gern mal Grenzen ignorierten und über Jahre hinweg unter verschiedenen Namen veröffentlichten, wie zum Beispiel als Dean & Deluca, Sluts’n’Strings & 909. Das hier gewählte „P.M.2/SM2“ gehört aber nicht wirklich zu ihren großen Momenten.

Faszinierender ist da schon, so viele Jahre später Tortoise zu hören. „Ry Cooder“ war damals schon ein wirklich außergewöhnliches Stück. Wohl der Beitrag auf diesem Sampler, der dem, was der Titel prophezeit, am nachvollziehbarsten gerecht wird. Es ließe sich ganz legitim behaupten, dass dieser Titel schon Squarepusher war, bevor dieser so richtig Squarepusher war. Oder auch dass hier sogar ein ganz klein wenig Mogwai durchscheint. Und durchaus in einem Randbereich von Jazz zu Hause. Spannend.

Unter dem Namen B.Low feat. Richard Dorfmeister sind hier zum zweiten Mal die Herren Pulsinger und Tunakan vertreten – mit einem höchst ungewöhnlichen Stück namens „On Flute (1992 Live)“ – irgendwo zwischen Ambient, Downbeat und Experimental, teilweise an The Orb erinnernd, indem unterschiedlichste Soundquellen ineinander gemischt werden – Geräusche, Beats, Gesangssamples, und eben der Dorfmeister mit seiner Querflöte, die er dann später noch auf der „G-Stoned“ EP heraus holen konnte. Mutige Wahl, muss man sagen, aber auch so ein Track gehört irgendwie zum Konzept.

„Hector’s House“ von Mike Paradinas alias µ-Ziq ist in der damaligen Sicht eindeutig ein Blick in die Zukunft gewesen – in einer Zeit, in der Musiker wie Aphex Twin, Andrew Weatherall und eben Paradinas recht radikale Formen elektronischer Musik auszuloten anfingen, war die Zukunft einfach schwerst elektronisch und nicht eben leicht verdaulich. Paradinas übernahm später auch das eigentlich von Virgin gegründete Speziallabel Planet Mu, Aphex Twin wurde zu einem großen Namen, und Weatherall gründete die Two Lone Swordsmen – also durchaus alles Vorreiter.

Mit Turntable Terranova und „Tranquilizer“ wiederum hat Reinboth zum Abschluss durchaus noch einen kleinen Treffer gelandet – auch wenn der nur halb zählt, denn die Formation, die später dann nur noch Terranova hieß, war damals noch bei dessen Compost Label zu Hause – wie auch die oben erwähnten Fauna Flash. Auch wenn großer kommerzieller Erfolg eher nicht die Folge war, viel Kreativität kann man ihnen attestieren. Dafür sind allein schon die nachfolgenden Labels klare Indizien: Zunächst wechselten sie zu Studio !K7 nach Berlin, und 2012 dann zu Kompakt.

Wirklich aufschlussreich, sich wieder zu den Anfängen der FSOJ Reihe zu begeben – und festzustellen, dass Compost bzw. Reinboth einen guten Riecher hatte, gut genug um auch aus heutiger Sicht noch von einer qualitativ hochwertigen Zusammenstellung reden zu können, die dem Titel der Serie so weit gerecht wurde wie eben möglich. Das ist viel.

V.A. – THE FUTURE SOUND OF JAZZ VOL. 2 – COMPOST – COMPOST 017-1 – 6,5/10

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