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Hör mal wie der bastelt

Ab und zu gibt es mal so Typen, die sind wohl ganz einfach dafür geboren, Musik zu machen. Können gar nicht früh genug damit anfangen, machen von vornherein sinnvolles Zeug, entwickeln sich immer weiter, sammeln treue Fangemeinden ein, all so Sachen. Kieran Hebden ist ganz sicher so einer. Erster Plattenvertrag mit 15, erster Remix gleich auf der Jubiläums-Remix-LP von Warp, und seitdem ging es nur noch nach vorn und nach oben.

Als „Pause“ 2001 erschien, war das schon sein sechstes Album – vier hatte er mit seiner ersten Band Fridge aufgenommen, ein Album, „Dialogue“, hatte er bereits unter dem Namen Four Tet veröffentlicht. Und trotzdem ist „Pause“ der eigentliche Anfang seiner Karriere. „Dialogue“ war noch ein Versuch, auf der Basis von Hip Hop Beats und Jazz Samples einen eigenen Stil zu finden, wirkte aber noch spröde und kopflastig.

Das änderte sich deutlich mit diesem Album, das bei aller Kunstfertigkeit und introvertierter Spielerei deutlich zugänglicher ist, und in dem die Stilelemente viel harmonischer miteinander verbunden sind. Lange vor dem zaghaften Folk Revival begann Hebden auf diesem Album, mit akustischen Gitarren, Folk-ähnlichen Harmonien und einem wie naturbelassener wirkenden Sound eine Atmosphäre zu schaffen, die die Kritiker auch damals schon eine Nähe zum Folk attestieren ließen.

„Pause“ ist das Fundament der Entwicklung von Four Tet – hier sind die Rhythmen noch recht gradlinig, sind die Songstrukturen nicht sonderlich ungewohnt. In einer Zeit, in der an jeder Ecke ein neues Downtempo Projekt aus der Taufe gehoben wurde, fiel das Album auch schnell mal in ein Genre, aus dem es gleichzeitig auch schon wieder heraus ragte. Wie für die Zeit typisch geht Hebden mit sehr viel Ruhe ans Werk, „Glue Of The World“ zum Beispiel ist so frisch und entspannt wie ein Sonntagvormittag auf einer Wiese, in den ersten Tagen des Frühlings. Nur kann man die frische Luft bei Hebden fast riechen, er ist einfach sehr viel näher dran.

Er beherrscht auch spielend die Kunst, das gleiche Konzept in ein schnelleres Format zu transferieren – „Twenty Three“ arbeitet mit durchaus ähnlichen Elementen wie der Opener, geht aber ungleich flotter an den Start. Hier erkennt man auch schon Spielelemente, die Hebden in späteren Alben immer wieder verwendet – allerhand Glocken und Glöckchen, die auf den Rhythmus pfeifen, sondern atmosphärische Elemente sind, dem Empfinden dienen.

Manchmal übernehmen diese Sounds auch fast komplett die Regie, wie bei „Harmony One“, das größtenteils aus Tastatur- und Bürogeräuschen besteht, über dem eine kleine verträumte Orgelmelodie gespielt wird. Ein hübsch harmonisches Geklicker ist das, mit Hilfe dieser paar Akkorde. „Parks“ beginnt mit einer Atmosphäre spielender Kinder und einem fast bluesartigen Intro, in das dann ein sehr entspannter Hip Hop Beat einsetzt. Verzerrte und teils rückwärts eingespielte Gitarrensounds setzen sich zu einer sanft melancholischen Melodie zusammen, eine Zither ergänzt das Ganze – an diesem Stück lässt sich am besten darstellen, wie weit Four Tet schon 2001 vom üblichen Lounge Brei entfernt war.

„Leila Came Round And We Watched A Video“ – noch ein so kleines Intermezzo, und wir ahnen nur, dass es alles andere als ein Thriller war, den die beiden geschaut haben. Vielleicht haben sie auch gar nicht den ganzen Film gesehen. Schön. „Untangle“ wirkt dann fast wie ein Kontrast, sehr elektronisch, der Beat, im gemäßigten House Tempo, spärlich garniert mit ein paar Samples und einer einfachen Bass Line. Aus heutiger Sicht sehr interessant, denn in den letzten Jahren hat sich Hebden deutlich für neue Spielarten des House interessiert.

Anfangs der zweiten Seite heißt es dann „Everything Is Alright“, fast so als wollte man den Hörer beruhigen, angesichts der Paukentöne im Hintergrund – der temporeiche Beat und das sich stets wiederholende Gitarrenthema sorgen für ein Lächeln, und die Botschaft kommt an. Braucht es auch, denn für mich kommt danach eigentlich der schwächste Moment des Albums, in dem es den Mücken an den Kragen geht. „No More Mosquitoes“ lässt allerhand Bleeps die Plagen der fliegen Quälgeister simulieren, während ein Kind singend das Ende der selbigen fordert. Mochte ich damals nicht, mag ich auch heute nicht. Und der zentnerschwere Beat passt auch meiner Meinung nach nicht zu Four Tet. So.

Da kann ich schon eher mit „Tangle“, auch wenn die Soundkakophonie am Anfang sicher nicht jedermanns Geschmack ist. Aber daraus entwickelt sich ein feines Spiel mit Gitarren, Zithern und anderem Gezupfe, das durchaus seinen Liebreiz hat. Und zeigt, dass Leichtigkeit dem Herrn Hebden eben doch mehr liegt als die Schwere. Teilweise hört es sich so an als würde das Stück ab der Mitte rückwärts zum Anfang zurückkehren, aber dann nimmt es das Thema wieder auf und wir sind erleichtert.

„You Could Ruin My Day“ droht Hebden dann mit einem spinettartigen Keyboard Sound und einem trocken eingespielten Beat. Darauf legen sich verhalten Gitarrenmelodien, die eher angedeutet, verhuscht, vermischt, von einander durchzogen werden. Über die für dieses Album üppige Länge des Stücks werden die Elemente immer wieder variiert, neu zusammengestellt, durch lange ruhige Breaks geführt – teilweise werden die Strukturen komplett über Bord geworfen, einfach mal neue Samples eingewoben, das Stück zur akustischen Spazierfahrt verarbeitet, die auch mal über die Autobahn führt, aber immer bereichernd bleibt. Der Tag ist ganz sicher nicht ruiniert worden, trotz recht ruppiger Dekonstruktion am Ende.

Zum Abschluss gibt es einen „Hilarious Movie Of The 90’s“, ein bisschen Glockenspiel, elektronisch bearbeitet, eher hübsch als hilarious, richtiggehend fröhlich bisweilen. Zur minimalen Melodie wird wie am Anfang der Platte wieder eifrig die Computertastatur bearbeitet, und so schließt sich der Kreis dieses Albums, das bis auf den komisch halbgaren Hitversuch mit den Mücken nur erfreuliche Momente bietet. Der Anfang einer Karriere, die auch weit über ein Jahrzehnt später noch im Aufstieg begriffen ist.

FOUR TET – PAUSE – DOMINO – WIGLP94 – 8/10

 

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