Latest Entries »

Manic-Street-Preachers-If-You-Tolerate-T-122154

Good Cop schlägt Bad Cop

Diese 12″ ist so nie in den Handel gekommen. Reine Promo Maxi, die Single wurde ausschließlich auf CD veröffentlicht. Das kommt natürlich nicht in Frage. Selten war ein Format so dämlich wie die CD Single. Schon allein deswegen bin ich froh, dieses gute Stück im Second Hand Laden gefunden zu haben. Ein kleiner zweiter Grund: ein Mix, den es auf der CD Single nicht gibt – aber in diesem Fall dürfte das allenfalls für echte Manic Street Preachers Fans relevant sein.

Oder für Massive Attack Fans. Beim fraglichen Mix handelt es sich nämlich um eine instrumentale Variante des Massive Attack Remix. Ob mit oder ohne Gesang – das ist ein böser Remix, das kann man nicht anders sagen. Im gleichen Jahr veröffentlichte Massive Attack das großartige „Mezzanine“ Album, in dem sie oft auf sehr schwere Gitarrenriffs setzten, lauter waren als je zuvor. In diesem Remix legen sie noch eine Schippe drauf.

Robert del Naja und Neil Davidge waren die Gitarren der Preachers offensichtlich ein gutes Stück zu brav, und so holten sie John Harris ins Studio, der war eh grad dabei, seinen Beitrag zu „Mezzanine“ einzuspielen. Böse, fast gewalttätige Attacken sind das, die da verübt werden, laut und verzerrt. Und statt der Drum Tracks des Originals spendierten sie dem Remix eine abgespeckt elektronische Drum Loop, in der allenfalls die Snare noch halbwegs analog klingt.

Das ist durchaus verstörend und irritierend, denn im neuen instrumentalen Arrangement findet sich gar nichts mehr, das irgendwie mit dem Gesang oder auch nur dem Refrain etwas gemein hätte. Es lässt sich nicht abschließend beurteilen, ob der Remix der Botschaft einen radikalen Verbündeter an die Seite stellt oder ob er Sänger und Instrumentalisten voneinander trennt. Eine Frage, die sich im Instrumental Remix natürlich nicht stellt – in dem aber auch die Verwandtschaft mit dem Original nicht mehr erkennbar ist.

Auf der anderen Seite (und das ist das schöne am Vinyl, es gibt zwei Seiten) tritt David Holmes die Rolle des guten Bullen an, unterstützt von Tim Goldsworthy und Phil Mossman. Feiste zehn Minuten lang ist der „The Class Reunion Of The Sunset Marquis Mix“ – der Verdacht liegt nahe, dass Holmes dem kilometerlangen Songtitel mit Absicht einen fast ebenso langen Remix Titel gegeben haben könnte.

Auch dieser Remix verzichtet auf den Gesang von James Dean Bradfield – statt dessen lässt Holmes dessen Beiträge lieber von der Gitarre übernehmen. Nicht von der eines John Harris, sondern einer, die ganz ins Soundkonzept der Manic Street Preachers passt. Und auch ohne vorher die Massive Attack Mixes gehört zu haben, liegt Holmes mit seiner Bearbeitung recht nah am Original – und doch ist dessen Handschrift absolut unverkennbar. Genau genommen liegt dieser Remix nicht nur zeitlich, sondern auch stilistisch zwischen Holmes‘ zweitem Album, „Let’s Get Killed“, und dem dritten, „Bow Down To The Exit Sign“.

So klar wie das Original im britischen Gitarrenpop zu Hause ist, so deutlich ist der Holmes Remix in dessen Domäne angesiedelt, auf der intellektuellen Seite des Downbeat. Und doch sind die zehn Minuten so etwas wie eine elegische Hommage an die Harmonien und Melodien dieses Titels. Der Beat weniger steif, mit viel Becken- und Schellenkranzeinsatz noch weiter aufgelockert, der Bass souverän tragend – und darüber feiert Holmes alles, was „If You Tolerate This“ zu einem tollen Stück Popmusik macht. Spätestens wenn nach knapp fünf Minuten die synthetischen Streicher in die Huldigung einsteigen, hat Holmes auf ganzer Linie gewonnen.

Dass der Remix auch über die stattliche Länge hinweg nicht langweilig wird, liegt an einigen spannenden Breaks, die es jedes Mal geschickt verstehen, die melodischen Elemente des Titels neu und spannend aufzubauen. David Holmes ist eben nicht nur ein großartiger Produzent und Remixer, sondern auch ein begnadeter Arrangeur. Und dieser Remix einer der gelungensten, die ich je gehört habe. Da siegt der Good Cop mit deutlichem Abstand über den Bad Cop.

MANIC STREET PREACHERS – IF YOU TOLERATE THIS YOUR CHILDREN WILL BE NEXT – EPIC – MSP12 (PROMO ONLY) – 8/10

daftburnin

Transatlantischer Großbrand

Einer von mehreren Krachern aus dem großartigen Debüt Album von Daft Punk. Wie heftig dieses Album einschlug, sieht man schon allein an der Liste der Remixer auf dieser 12″ – der damals noch schwer angesagte House Meister Ian Pooley aus Mainz, die schottischen Labelchefs von Soma, Slam, und der unkaputtbarste unter den Chicagoer House Legenden, DJ Sneak. Anno 1997 konnte man sich kaum amtlichere Remixer wünschen, und Daft Punk bekamen alle drei für diese opulent bestückte Maxi, die mit gut 38 Minuten fast schon Album Länge hat.

Wenn man die French House Bretter kennt, die vor allem Thomas Bangalter vor der Gründung von Daft Punk so produzierte, klingt „Burnin'“ wie eine logische Weiterentwicklung. Konsequent House, elektronisch verbreitert, auf die wenigen Bestandteile reduziert, die Schub ausmachen, angereichert mit ein paar cleveren Loops und Synthesizer Sounds, die Groove und Kontur noch verstärken, manchmal bis kurz vor die Schmerzgrenze.

In der Hinsicht ist Burnin‘ ein Paradebeispiel – Jackin‘ hätte man das auch nennen können, so sehr ist die Grundlage Chicago, nur eben mit typischen Daft Punk Elementen garniert, vor allem diesem fies gnadenlosen synthetischen Sweep Stab, der kräftig an den Trommelfellen nagt. Genau den scheint unser Freund Pooley allerdings nicht wirklich zu mögen – sein „Cut Up Mix“ lässt den House Beat deutlich mehr rollen, konzentriert sich primär auf die formidable Bass Line – und macht aus dem französischen House Bastard ein slickes Dancefloor Tool. Nicht mehr und nicht weniger.

Slam gehen da radikaler ran – ihr neues Beatgerüst ist komplett abgespecktes 909er Skelett mit spärlich gesetzten Samples, runtergekürzter Bass Line und ein paar bearbeiteten Sounds aus dem Daft Punk Archiv. Aus den kurzen fiesen Sweeps werden ausgedehnte, in den Breaks gibt es auch mal eine Portion Filter für den Bass – das ist alles nicht verkehrt, haut aber auch nicht vom Hocker.

Der gute Herr Sneak bekommt gleich zwei Mixes auf die Scheibe, einen „Main Mix“ und einen „Mongowarrior Mix“ – fast 20 Minuten Chicago pur. Typisch Sneaksche straighte Beats mit leicht versetzter Snare und einem ganz kleinen Hauch Latin. So kennt man ihn. Der „Mongowarrior Mix“ kennt nur den Weg nach vorn, schnurgerade, unnachgiebig, und natürlich lässt Sneak die Beats erst mal richtig lange laufen, bevor sich die Bass Line aus dem Off rein schiebt.

Das hat er halt mit den Daft Punk Jungs gemeinsam – die Freude an der Loop, am Wiederholen und Variieren, an der Konzentration auf die Dynamik. Und im Gegensatz zu seinen Remix Kollegen auf dieser Maxi hat er auch keine Manschetten, sich den fiesen Sweep zu greifen – auch wenn er hier eher im Hintergrund agiert, sich dezent dem Groove unterordnet. Man kann sich zwischendurch fragen, ob das irgendwo hin führt, oder ob das einfach nur eine zehnminütige House Übung am Original ist, aber konsequent ist das allemal.

Nicht ganz so warriormäßig und etwas variabler zeigt sich der „Main Mix“, der sich mehr auf die Stilelemente und Samples der Daft Punk Kollegen konzentriert und diese auf einem Beat garniert, der deutlich mehr drauf haut. Da bleibt viel von der leicht anarchischen Charmanz des Originals auf der Strecke, hier wird nicht gelacht, das ist ne ernste Angelegenheit. So marschiert der Mix durch gut neun Minuten, in denen keine Gefangenen gemacht werden.

Viel Holz, dicke Namen, ein echter Klassiker. Darf man in der Sammlung haben, auch wenn sich Burner heute natürlich anders anhören.

DAFT PUNK – BURNIN‘ 12″ – VIRGIN – 724389455168 – 6,5/10

Layout 1

Vom Salon in den Dubraum

Alle Achtung. Da hatten sich die Herren von Boozoo Bajou schon ziemlich satt im Downtempo Segment etabliert, reihenweise exzellenter Alben produziert und auch ein paar wirklich hervorragende Compilations erstellt (siehe auch hier) – und dann lassen sie einfach so mal eben alles, was mit diesem beachtlichen Erfolg verbunden ist, komplett hinter sich. Statt edler Lounge Musik gibt es etwas, das eher als Ambient zu bezeichnen ist, und statt des heimischen Stereo Deluxe Labels ist man nun bei den Elektronik-Heroen von Apollo gelandet.

Es wäre nicht verkehrt, bei einem solchen Schritt davon zu sprechen, dass er mutig sei. Denn egal wie gut dieses Album ist – es lässt sich mit Ambient ganz sicher nicht so gut verkaufen wie mit Platten, die aufs Eleganteste in Bars jeglicher Couleur den Getränkekonsum erhöhen und die Gesprächsatmosphäre veredeln. Und doch ist der Schritt, den Boozoo Bajou mit diesem vierten Album gehen, vielleicht ein langer, aber auch ein höchst nachvollziehbarer.

Denn genau genommen hat sich der Stil, den sie mit ihren Alben so vorzüglich zu prägen und zu erweitern verstanden, mehr oder weniger totgelaufen. Nicht dass man zum Beispiel ihr erstes Album „Satta“ nicht mehr hören könnte – es ist immer noch richtig hochwertige und unterhaltsame Barmusik. Aber die folgenden Alben haben auch gezeigt, dass es nicht mehr wirklich viel Entwicklungsspielraum gab.

Schon für ihr zweites Studioalbum „Dust My Broom“ waren sie aus der stilistisch eng definierten Welt von Stereo Deluxe zum weit variableren !K7 Label gewandert – mit dem Resultat, dass dieses Album irgendwo zwischen Altbekanntem und neu versuchtem die Identität eher verwässerte als erweiterte. „Grains“ folgte 2009 – und brachte auch nicht viel mehr Klarheit, außer dass mehr oder weniger deutlich wurde, dass Boozoo Bajou am ehesten dann spannende Musik produzieren, wenn sie a) auf Gesangselemente verzichten, b) das Tempo so weit reduzieren wie es nur geht, und c) das Arrangement von allem befreien, das nicht das Konzept unterstützt.

So war „Grains“ in vielem der Beweis dafür, dass das Konzept weder durch die Erweiterung des stilistischen Repertoires noch durch weitere Modifikationen des ursprünglichen Stils voran zu bringen war, und nur wenige Stücke wie „Fuersattel“ oder „Tonschraube“ zeigten, wohin es eventuell gehen könnte. Fast fünf Jahre nach diesem Album ist „4“ der Beweis dafür, dass es durchaus einen Weg nach vorn gibt.

Der Wandel zu einem Projekt, das kaum noch im Downtempo-Bereich, sondern weit deutlicher im Ambient zu Hause ist, ist durchaus extrem. Aufregend daran ist, dass dieser große Wandel sich auf diesem Album wie eine Befreiung anfühlt, und dass die durchaus vorhandenen Zitate aus den „alten Zeiten“ so behutsam und sinnvoll in das neue Konzept eingewoben wurden, dass man zu hören glaubt, dass Boozoo Bajou zu einem höchst friedlichen Abschluss mit diesen alten Zeiten gefunden haben.

„4“ klingt an manchen Stellen wie eine maximale Reduktion und Abstraktion der bisherigen Arbeit, oft aber ist eine Verwandtschaft nur noch schwer erkennbar. In „Jan Mayen“ wird ganz auf rhythmische Elemente verzichtet, die Gitarre in den Hallraum geschickt und auf ein paar wenige Noten beschränkt, unterstützt von Harfenklängen, und nur ein einsames Flügelhorn bevölkert den weiten Raum dieses Stücks. Immer mal wieder tauchen Synthesizer, Klaviertöne, glockenähnliche Geräusche auf – wo Boozoo Bajou bisher klaren Strukturen folgte, wird hier zumindest der Habitus der Improvisation zelebriert.

Am spannendsten sind die Zitate aus den alten Zeiten im darauf folgenden „Phonetrik“ zu entdecken – der Beat ist eindeutig Boozoo Bajou, aber so sehr verschleppt, verfremdet, verhallt, reduziert, dass er mit den wenigen weiteren Elementen des Stücks eine völlig neue Wirkung entfaltet. Nach gut zwei Minuten setzt der Bass ein, auch hier ein schönes, tiefes und wohltuendes Zitat, ebenso wie das einfache Gitarrenthema – es ist ein bisschen wie „Satta“ auf Gras, weit weniger Pose und viel mehr Essenz.

Das ist dann aber auch schon der am ehesten konstruierte Moment, der im Vergleich zum Rest des Albums fast poppig wirkt. „Utsira“ zum Beispiel ist fast reines modernes Ambient, so wie man es durchaus auch in der Ambient Pop Serie auf dem Kompakt Label pflegt. Nur ganz spärlich wird der durchaus vorhandene Rhythmus angedeutet, zwei einfache, meilenweit tieferglegte und endlos verlangsamte Bass-Schläge hier und da, ein fernes Taktschlagen – und doch ergibt sich aus all dem eine rudimentäre Melodie, ein Thema, dem man folgen kann.

Bei aller Hinwendung zum elektronischen ist der Anteil „analoger“ Instrumente durchaus noch von Bedeutung – das Instrumentarium hat sich bei Boozoo Bajou nicht grundlegend verändert, es wird nur anders verwendet, anders verteilt, anders abgemischt. „Der Kran“ ist ein interessantes Beispiel, denn neben akustischen Spielereien, die das wiederum stark Ambient geprägten Stück fast zum Hörspiel machen, und den generös ausgebreiteten Synthesizerflächen sind es auch ein paar eingestreute Gitarrensounds, die dem abstrakten Raum ein wenig Edung geben.

Auf der zweiten Seite scheint man mit „Hirta“ den Versuch zu wagen, in die Anfänge des Minimal zu reisen, um Boozoo Bajou mit Basic Channel zu kreuzen und dem Resultat ein paar weltmusikalische Flötentöne zu verpassen. Das ist extrem relaxter Dub Tech Sound, fast möchte man seine alten Dub Taylor Platten wieder herausholen, oder den beiden Produzenten eine Session mit Henrik Schwarz ans Herz legen.

„Stufen-Spitzbergen“ öffnet den Raum dann wieder ganz weit, weckt Assoziationen irgendwo zwischen Enos Apollo Soundtracks und den spannenderen Biosphere Alben. Weit abseits erkennbarer rhythmischer Strukturen sind wir hier, und auch ganz weit entfernt von allem, was Boozoo Bajou bisher definierte. Nach vier Minuten setzt ein so dermaßen sattes, tiefes und breites Synth Bass Thema ein, dass es einem glatt eine Gänsehaut verpasst – eine großartige Überraschung, die aus einem spannenden ein richtiggehend dramatisches Stück Ambient macht. Kompliment.

Etwas Dub bekommen wir dann auch noch, ein wenig Rhythm & Sound wird hier zitiert, möchte man meinen – „Your Weak Fire“ zeigt noch eimal deutlich, wie sich aus den Wurzeln dessen, was Boozoo Bajou bisher definierte, etwas weitgehend Neues entwickeln lässt. Weit von den Ursprüngen entfernt, und doch mit ihnen verbunden. Und so als wollte man es dann ganz deutlich machen, führt „Tiefdruck – Hochdruck“ zum Abschluss der LP erneut in abstrakte Klangräume, in denen die Atmosphäre im Zentrum steht, und weniger die Struktur. Doch, Ambient kann auch 2014 sehr spannend sein.

Dreizehn Jahre nach „Satta“ ist das Projekt Boozoo Bajou auf einem Niveau angekommen, das ihnen viel Lob ein bringen wird, ein paar alte Fans aber sicher herausfordert. Wer seit diesem ersten Album nicht mehr dabei war und nun neu einsteigt, wird sich schwer die Augen reiben. Trotzdem muss man Peter Heider und Florian Seyberth gratulieren – für den Mut, diesen Schritt zu gehen, für die große Kreativität und Qualität, mit der sie ihn gegangen sind, und für die spannende Entwicklung, die wir dabei mitverfolgen können. So kann es sehr sehr gern weiter gehen.

BOOZOO BAJOU – 4 – APOLLO – MAB1404LP – 8,5/10

easystar-dub-side-of-the-moon

Die werden doch wohl nicht etwa…

So weit ich mich erinnern kann, habe ich noch nie gehört, dass mal eine Band gleich ein ganzes Album einer anderen Band gecovert hätte. Ist ja auch ein etwas seltsames Projekt, genau genommen. Erst recht, wenn die Band, die das Ganze einspielt, eigentlich nichts anderes tut. Die covern ganze Alben und machen daraus Reggae Alben. So ein wenig wie Dread Zeppelin dereinst, nur, sagen wir mal, noch konsequenter.

Dass das überhaupt über mehrere Alben hinweg funktioniert, liegt an zwei einfachen Faktoren – die Qualität der Produktion und das clevere und kreative Adaptieren der jeweiligen Alben. Und im Falle der All-Stars sind das nicht irgend welche Scheiben, sondern Meilensteine der Pop- und Rockmusik. Gleich zum Auftakt „Dark Side Of The Moon“, in der Folge unter anderem noch „Sergeant Pepper“ und „Thriller“.

Tatsächlich also das ganze verdammte Album. Time und Money und sogar der Great Gig In The Sky, alles ist dabei. Allerdings wurden die Tracks nicht von ein paar Jamaikanern in die Karibik geholt, um dann durch die Pfeife gezogen zu werden. Die Easy Star All-Stars wurden von vier Herren gegründet, die in New York ansässig sind und Smith, Goldwasser, Oppenheimer und Gerstein heißen. Klingt nicht wirklich karibisch.

Den Gaststars aber mangelt es keinesfalls an Authentizität – neben ein paar weniger bekannten Figuren sind auch Frankie Paul, die Meditations und Corey Harris vertreten. Dazu eine offensichtlich fähige Band und richtig gute Gastmusiker, und alle profitieren vom unzweifelhaft großen Talent der Band Chefs beim Umarrangieren. So bekloppt die Idee als solche sein mag, so schlimm wie man die Umsetzung hätte versemmeln können – so erstaunlich gut funktioniert das Resultat.

Die Easy Star All-Stars meinen es also voll ernst, haben den nötigen Respekt, und sie sind sehr konsequent in der Umsetzung. Sie covern das gesamte Album, und sie belassen es auch bei der originalen Abfolge der Stücke. Im Grunde ändern sie auch nicht die Stimmung der Stücke – abgesehen davon natürlich, dass Reggae an sich eine etwas andere Atmosphäre erzeugt. Trotzdem – das Album schafft das Kunststück, eben nicht nur die Musik als solche in ein Reggae Gewand schlüpfen zu lassen, sondern auch für die Seele der einzelnen Tracks eine Übersetzung zu finden.

Dabei hilft, dass Reggae durchaus unterschiedliche Spielformen zu bieten hat. So hören wir nach einem klassisch adaptierten „Breathe“, das die Sinnhaftigkeit dieses Projekts bereits richtig überzeugend unter Beweis stellt, einen ziemlich gewitzt und gekonnt arrangierten Jungle Mix von „On The Run“.

Glücklicherweise sind gerade die bekanntesten Stücke des Albums richtig gelungen. „Time“ ist ein gutes Beispiel – ein paar wenige Kunstriffe reichen, um den Klassiker so auf Dub zu trimmen, dass es richtiggehend Sinn macht. Das Thema des Stückes selbst eignet sich eh, und so haben Sänger Corey Harris und Rapper Ranking Joe relativ leichtes Spiel. Dass die Wright’schen Synthesizer Stimmen auf einfache Orgeln reduziert werden, ist nur konsequent, und der zeitlose Groove des Stückes bleibt auch im Reggae noch erhalten.

An einem Titel hätte man sich aber noch viel leichter verheben können – „The Great Gig In The Sky“. Es ist ein im Grunde aussichtsloses Unterfangen, sich zum einen der unfassbaren Ruhe und beseelten Kraft dieses Stückes zu nähern, und zum anderen der grandiosen Gesangsleistung von Clare Torry irgend etwas an die Seite zu stellen, das auch nur akzeptabel genannt werden könnte. Tatsächlich kann Kirsty Rock in dieser Version nicht ans Original heranreichen – aber schon dass sie sich nicht blamiert, ist eine beachtliche Leistung.

Eigentlich ist damit der schwierigste Punkt des Albums überwunden. Denn „Money“ macht es den All-Stars leicht. Der Rhythmus des Orignals muss kaum modifiziert werden, um im flotten Reggae Tempo zu landen. Und auch wenn die Gesangsleistungen hier nicht ganz überzeugen, ist das Ergebnis wirklich hörenswert, inklusive verdubtem Saxophon Solo und gelungenem Stimmungswechsel in der zweiten Hälfte des Stücks.

Das Highlight kommt danach – fast acht wirklich gelungene Minuten mit „Us And Them“ und „Any Colour You Like“. Nirgendwo wird auf diesem Album deutlicher, wie gut es die Produzenten verstehen, die Atmosphäre, die Identität des Stücks beizubehalten, die gleichen spannenden emotionalen Momente zu schaffen, wie es die Originale tun – und sie trotzdem konsequent in den neuen musikalischen Rahmen zu setzen. So ist „Us And Them“ denn auch fast so schön wie von Pink Floyd, und die Synthesizer-Ausflüge von „Any Colour You Like“ werden mit herrlich verdubten Bläsern angereichert – feine Idee.

Die schräge „Brain Damage“ Nummer ist auf diesem Album noch ein wenig schräger, wird fast schunkelig im Reggae-Sound, und die verfremdeten Vocals von Dr. Israel passen prima. Von den Meditations hätte man sich ein wenig mehr als nur die knappen zwei Minuten von „Eclipse“ gewünscht, aber es ist ja auch im Original nur ein kurzer Epilog. Man kann nicht alles haben.

Bestimmt gibt es einen Haufen Puristen, die es für ein Sakrileg halten, gleich das gesamte Album zu covern. Andere werden korrekterweise entgegnen, dass das ja schließlich eine Huldigung sei. Wir schauen uns einfach nur das Ergebnis an und sagen – so bescheuert die Idee auch gewesen sein mag, die Umsetzung ist verdammt gut. Das Album gibt es, auch das macht Sinn, in drei verschiedenen Vinyl Farben – grün, gelb, rot. Ich hab eine grüne, falls es jemanden interessiert.

EASY STAR ALL-STARS – DUB SIDE OF THE MOON – EASY STAR RECORDS – ES-1012V – 8/10

 

kingkoothrone

Ein Kessel Buntes im Thronsaal

Reichlich bevölkert war die Downbeat Schrägstrich Electronica Schrägstrich Lounge et cetera Landschaft um die Jahrtausendwende. Viele interessante Projekte mit spannenden Ansätzen. Den meisten mangelte es aber am Konzept oder an der Qualität, um ein klein wenig Rampenlicht zu ergattern. King Kooba zum Beispiel, auch wenn man durchaus der Meinung sein darf, dass es an Format und Qualität nicht gelegen haben dürfte, sondern vielleicht eher am Konzept. Oder daran, dass es schwer war, eins zu finden.

Auf diesem Doppelalbum beispielsweise gibt es viel Hörenswertes. Die stilistische Bandbreite ist beachtenswert, man hat sich mit der Produktion viel Mühe gegeben, und es gibt einige Stücke, die auch bei mehrmaligem Hören noch überzeugen. „Enter The Throne Room“ hat diverse Male den Weg in meine DJ Tasche gefunden, und sie wurde dann auch tatsächlich eingesetzt.

Beispielsweise die „California Suite“ – ein echter Killer für den eleganten Abend in der Bar oder Lounge. Schwer entspannter Beat, fein gesetzte Streicher, ein Acapella von Esther Phillips, das perfekt auf dem Track liegt – das kann man ernsthaft nicht viel besser machen. Oder „Koobesq“. Das ist nicht weit von der Thievery Corporation entfernt, und die Sängerin Melissa Heathcote macht ihren Job durchaus ordentlich. Man könnte allenfalls beklagen, dass man das ganze etwas straffer hätte arrangieren können.

Auch „Single Malt“ hat durchaus Stärken. Viel Raum für die Synth Streicher, effektvoller Einsatz der Snare, ein Stück, das sich ein wenig wie Drum’n’Bass anhört, aber in der Lounge bleibt. Vielleicht beschränkt man sich hier ein wenig zu sehr darauf, Coolness zu vertonen, aber wenn wir mal ehrlich sind, ist das ja größtenteils auch der Auftrag der Musik in diesem Genre.

Die stilistische Bandbreite wird in „Spectra In C Minor“ noch ein wenig erweitert. Hohes Tempo bei weiterhin entspannter Grundstimmung, eine einfache, aber effektvolle Bass Line, ein feiner Drum Beat, der das Tempo sowohl unterstützt als auch kaschiert – das hätte durchaus so auch von Red Snapper sein können, und das ist ganz sicher so etwas wie ein Kompliment.

Wäre „Enter The Throne Room“ keine Doppel-LP, es wäre eine wirklich runde Sache. Wäre. Denn auf Seite 3 fängt es an, kompliziert zu werden. Mit „Terminal X“, einer Mischung aus Jazz Elementen und verhaltenem Drum’n’Bass, in etwas düsterer Atmosphäre. Schlagzeug und Bass sind sicher gekonnt eingespielt, und man merkt, dass King Kooba viel als Band tourt und eben nicht als blankes Studioprojekt im virtuellen Raum entstand – live ist das sicher spannend, auf dieser LP wirkt es wie eine Übung, oder ein Tool, wie man heute sagen würde.

Die „Pugwash Beats“ führen uns in abstrakte Hip Hop Sphären, und so langsam wird deutlich, wo die Schwäche dieses Projekts liegt – es wird mit fast jedem Stück etwas neues aufgemacht, und statt dass man King Kooba am Ende für facettenreich hält, tendiert man schließlich eher zum Verdacht der Konzeptlosigkeit. Da hilft es auch nicht wirklich, dass hier Simon Richmond alias Palm Skin Productions produziert.

Seite 4 verstärkt den Eindruck dann noch mehr – „Fraternity“ ist ein hektisches Stück Drum’n’Bass, bei dem einfach keine Freude aufkommen will, und „Catscratch“ wiederholt diesen Fehler dann auch noch. Vertrackt dräunend rennt die Platte dem Ende entgegen und man fragt sich, wie aus der Band, die auf der ersten Seite so erfreulich stilvoll die Lounge beschallte, diese unfroh klöppelnde Drum’n’Bass Combo weden konnte.

Das ist wirklich sehr schade. So ist man am Ende ratlos und leicht genervt von den unnachgiebigen Beats – und weiß, dass man das zweite Stück Vinyl wohl nicht mehr aus der Hülle holen wird. Aber die erste Hälfte, die ist wirklich prima. Immerhin.

KING KOOBA – ENTER THE THRONE ROOM – SECOND SKIN – SKINLP005 – 6/10

stetsasonic-blood._sweat_no_tears

Besser als das Cover

Fangen wir mal mit dem Ende an, sozusagen. Auf der Innenhülle steht mutig: „Stetsasonic is the one and only Hip Hop Band and the future of soul music.“ 1991, als die Westküste schon richtig dick im Geschäft war und der Trend eher Richtung Knarre ging als in Richtung Soul, war das ein ziemlich gewagtes Statement. Sicher, es resultiert aus dem Selbstbewusstsein, das zwei sehr erfolgreiche Alben mit sich bringen, und im Gegensatz zu den Formationen, die sonst so das Geschäft dominierten, war Stetsa tatsächlich eine Band und nicht ein paar Rapper mit nem Produzenten.

Trotzdem – das mit der Zukunft klappte nicht. Nach diesem Album war Schluss mit Stetsasonic. Ob mit oder ohne Tränen sei mal dahingestellt – Fakt ist, dass Hip Hop sich längst von seinen Soul und Funk Wurzeln entfernte, wie der aufmüpfige Sohn, der keine Lust hat, von irgend etwas abzustammen und rigoros die Selbstbestimmung sucht. Vermutlich ist das auch für lange Zeit das letzte Album eines Hip Hop Acts gewesen, in dem man sich auf Otis Redding, Sam Cooke, George Clinton und andere bezog.

Böse Zungen würden sagen, dass eine Band, die ein so unfassbar grottiges Cover wählt, keine Berechtigung hat, über dieses Album hinaus zu überleben. Es ist wirklich schlimm. Eine recht stümperhafte Darstellung der Band beim Gleisbau, bei der die Darstellung der horrend überzeichneten Muskelpartien wohl die meiste Zeit beansprucht hat – und dabei auch noch grobe anatomische Ungenauigkeiten aufweist. Und warum man beim Gleisbau gleichzeitig Vinyl in Karren schaufelt, wird auch nicht klar. Vermutlich musste in letzter Minute noch ein Bezug zum Musikgeschäft eingebaut werden. Man kann sich gut vorstellen, wie mancher Homeboy die Platte möglichst unauffällig zur Kasse schleppte.

Hat man diese künstlerische Entgleisung erst einmal hinter sich gebracht (was nicht schwer fallen durfte, Hip Hop Alben waren selten für guten Geschmack bekannt), wird man beim Hören der Platte selbst zumindest nicht unangenehm überrascht. Denn tatsächlich ist Stetsasonic eine Band, und das macht sich positiv bemerkbar. Beipsielsweise dadurch, dass es einen richtigen Schlagzeuger gibt, wo andere nur Samples und Drum Machines kennen.

Der instrumentale Opener „Hip Hop Band“ stellt dann auch gleich den richtigen Kontext her. Der Beat ist so klassisch wie die Samples, und viel mehr als die Vorzeichen fürs Album zu setzen, wird hier eh nicht angestrebt. „No B.S. Allowed“ ist schon als Titel richtig nett, wenn man bedenkt, dass auf der anderen Seite des Kontinents bereits „Fuck The Police“ zum normalen Umgangston gehörte. Da läuft der Drum Beat schön flüssig durch, inhaltlich hat man aber nicht viel zu bieten.

Es folgt eine Widmung an UTFO, „Uda Man“ – immerhin ein paar eher ungewöhnlichere Samples und eine gute Portion Humor. Schweiß bricht noch keiner aus, aber hier und da wippen ein paar Füße. Für „Speaking Of A Girl Named Suzy“ wird das Tempo zwischenzeitlich angehoben, ein bisschen Spaß gemacht, das rückt schon nah an frühe Fresh Prince Harmlosigkeiten. Immerhin, eine Prise P-Funk ist dabei.

Dass dieses Album keinen sonderlich großen Erfolg hatte, könnte auch damit zu tun haben, dass es zwar ein ganz gutes Niveau hat, aber keinen richtigen Hit wie „Talkin‘ All That Jazz“ zum Beispiel. Das gilt auch für das Titelstück, in dem Stetsasonic allenfalls zu Normalform auflaufen, aber einfach nicht mitreißen. Am Ende der ersten Seite noch ein wenig Spässken – „Paul’s A Sucker“, mit verstellten Stimmen und ein bisschen Blödsinn – verlängert das Album nur, welchen Sinn das hat.

Es fragt sich ohnehin, ob es nötig gewesen wäre, das Album mit gleich elf Stücken auszustatten – auf CD waren es sogar unglaubliche 17, und man wundert sich nicht, wenn man hier und da hört oder liest, dass das Ding Längen hat. Und dann verhaut man sich noch bei den Tracks. Auf der LP steht am Anfang der zweiten Seite ganz deutlich „I Like To Party“ – tatsächlich heißt das Stück aber „So Let The Fun Begin“ – so steht es dann auch auf der Platte selbst. Dabei singen sie ständig „I Like To Party“. Egal. Funky Party Jam mit reichlich bekannten Samples aber ohne richtig dicken Drive.

„Go Brooklyn 3“ ist selbst für 1991 ein wenig Old School, längst fanden die Battles nicht mehr zwischen New Yorker Stadtteilen statt, sondern zwischen Ost- und Westküste. Credits gibt es für eine dicke Prise P-Funk und einen einfallsreichen Titel – „Don’t Let Your Mouth Write A Check That Your Ass Can’t Cash“ kommt aber trotzdem nicht vom Fleck, und die Texte sind altbacken.

So ein wenig Schwung kommt bei „Ghetto Is The World“ auf, da wird wieder etwas deutlicher, dass das eine Band ist – aber gerade die weiblichen Soul Chöre, die den Refrain einbringen, wirken wie reingeklebt. Zuletzt gibt es noch nach dem B.S. am Anfang was für die M.F.s – immerhin ausgesprochen. Ein bisschen mehr Flow als bei den meisten anderen Stücken, auch wenn das Stück über das, was lange vorher schon Eric B & Rakim perfektioniert hatten, nicht hinaus kommt.

Man kann sich vorstellen, woran Stetsasonic in der Nachfolge scheiterten. Ein klares Konzept ist nicht zu erkennen, Prince Paul produziert nicht so überzeugend wie für De La Soul, der Anspruch, eine Band zu sein, wird nicht konsequent durchgezogen, und man weiß nicht so wirklich, wofür diese Band steht. Dass hier fast jeder der sechs Stetsas mal produzieren darf, hat sicher auch nicht unbedingt geholfen.

Vermutlich war nach diesem Album einfach die Luft raus. Und das, obwohl es wirklich weit weniger gute Hip Hop Alben gab, vor allem im aufkommenden Gangsta Rap. Der war aber in seinen besten Momenten innovativ, und das kann man von diesem Album wirklich nicht sagen.

STETSASONIC – BLOOD, SWEAT & NO TEARS – TOMMYBOY / WARNER – 9031-74230-1  – 5/10

hackcolldiggi

Was für ein Getröte

Spätestens seit den Zeiten des Bucovina Clubs haben es Bläserensembles leichter, auf Partys ordentlich einzuheizen. Das ist auch in London nicht anders, wo seit 2008 die Hackney Colliery Band mit einem üppigen Set von sieben Bläsern, einem Schlagzeuger und einem Bassisten für fröhliche Abende sorgt.

Dabei geht es durchaus auch mal innovativ zu, was das Repertoire angeht. Hier wird poppendreist mal eben der Blackstreet-Hit „No Diggity“ durch die Tröten geschoben – und das auch noch richtig gekonnt. Da wird auch nicht noch groß im Studio Personal hinzugefügt, um das hinzukriegen, da reichen die üblichen neun. Die dicken Hörner übernehmen Bass und Thema, die höheren greifen sich die Gesangsspuren, schon läuft das Ding.

Dass das etwas staksiger auf die Bühne kommt, gehört einfach dazu, da wäre es glatt ein Fehler, irgendwie dem R&B Groove hinterherzupusten. Statt dessen lieber ein paar richtig schmissige Soli, auch mal quer übers ausgedehnte Drum Break, und rund ist die Sache. Macht richtig Spaß.

Und keiner soll sagen, B-Seiten hätten nichts zu bieten. „House Arrest“ ist nicht, wie der Titel erahnen lassen könnte, ein nachgespielter Hit aus der Frühzeit des House, das ist ein fast schon klassischer Balkan-Kracher aus der Feder der Hackneys. Das ist sicher nicht sonderlich revolutionär, aber es macht ordentlich Laune, ist fein eingespielt (Benedic Lamdin von Nostalgia 77 saß an den Reglern) und hübsch ausgedacht. Freu mich schon drauf, das mal auf ner Party laufen zu lassen. Prost!

HACKNEY COLLIERY BAND – NO DIGGITY / HOUSE ARREST – WAH WAH 45s – WAH7037 – 7,5/10

fourtet-pause

Hör mal wie der bastelt

Ab und zu gibt es mal so Typen, die sind wohl ganz einfach dafür geboren, Musik zu machen. Können gar nicht früh genug damit anfangen, machen von vornherein sinnvolles Zeug, entwickeln sich immer weiter, sammeln treue Fangemeinden ein, all so Sachen. Kieran Hebden ist ganz sicher so einer. Erster Plattenvertrag mit 15, erster Remix gleich auf der Jubiläums-Remix-LP von Warp, und seitdem ging es nur noch nach vorn und nach oben.

Als „Pause“ 2001 erschien, war das schon sein sechstes Album – vier hatte er mit seiner ersten Band Fridge aufgenommen, ein Album, „Dialogue“, hatte er bereits unter dem Namen Four Tet veröffentlicht. Und trotzdem ist „Pause“ der eigentliche Anfang seiner Karriere. „Dialogue“ war noch ein Versuch, auf der Basis von Hip Hop Beats und Jazz Samples einen eigenen Stil zu finden, wirkte aber noch spröde und kopflastig.

Das änderte sich deutlich mit diesem Album, das bei aller Kunstfertigkeit und introvertierter Spielerei deutlich zugänglicher ist, und in dem die Stilelemente viel harmonischer miteinander verbunden sind. Lange vor dem zaghaften Folk Revival begann Hebden auf diesem Album, mit akustischen Gitarren, Folk-ähnlichen Harmonien und einem wie naturbelassener wirkenden Sound eine Atmosphäre zu schaffen, die die Kritiker auch damals schon eine Nähe zum Folk attestieren ließen.

„Pause“ ist das Fundament der Entwicklung von Four Tet – hier sind die Rhythmen noch recht gradlinig, sind die Songstrukturen nicht sonderlich ungewohnt. In einer Zeit, in der an jeder Ecke ein neues Downtempo Projekt aus der Taufe gehoben wurde, fiel das Album auch schnell mal in ein Genre, aus dem es gleichzeitig auch schon wieder heraus ragte. Wie für die Zeit typisch geht Hebden mit sehr viel Ruhe ans Werk, „Glue Of The World“ zum Beispiel ist so frisch und entspannt wie ein Sonntagvormittag auf einer Wiese, in den ersten Tagen des Frühlings. Nur kann man die frische Luft bei Hebden fast riechen, er ist einfach sehr viel näher dran.

Er beherrscht auch spielend die Kunst, das gleiche Konzept in ein schnelleres Format zu transferieren – „Twenty Three“ arbeitet mit durchaus ähnlichen Elementen wie der Opener, geht aber ungleich flotter an den Start. Hier erkennt man auch schon Spielelemente, die Hebden in späteren Alben immer wieder verwendet – allerhand Glocken und Glöckchen, die auf den Rhythmus pfeifen, sondern atmosphärische Elemente sind, dem Empfinden dienen.

Manchmal übernehmen diese Sounds auch fast komplett die Regie, wie bei „Harmony One“, das größtenteils aus Tastatur- und Bürogeräuschen besteht, über dem eine kleine verträumte Orgelmelodie gespielt wird. Ein hübsch harmonisches Geklicker ist das, mit Hilfe dieser paar Akkorde. „Parks“ beginnt mit einer Atmosphäre spielender Kinder und einem fast bluesartigen Intro, in das dann ein sehr entspannter Hip Hop Beat einsetzt. Verzerrte und teils rückwärts eingespielte Gitarrensounds setzen sich zu einer sanft melancholischen Melodie zusammen, eine Zither ergänzt das Ganze – an diesem Stück lässt sich am besten darstellen, wie weit Four Tet schon 2001 vom üblichen Lounge Brei entfernt war.

„Leila Came Round And We Watched A Video“ – noch ein so kleines Intermezzo, und wir ahnen nur, dass es alles andere als ein Thriller war, den die beiden geschaut haben. Vielleicht haben sie auch gar nicht den ganzen Film gesehen. Schön. „Untangle“ wirkt dann fast wie ein Kontrast, sehr elektronisch, der Beat, im gemäßigten House Tempo, spärlich garniert mit ein paar Samples und einer einfachen Bass Line. Aus heutiger Sicht sehr interessant, denn in den letzten Jahren hat sich Hebden deutlich für neue Spielarten des House interessiert.

Anfangs der zweiten Seite heißt es dann „Everything Is Alright“, fast so als wollte man den Hörer beruhigen, angesichts der Paukentöne im Hintergrund – der temporeiche Beat und das sich stets wiederholende Gitarrenthema sorgen für ein Lächeln, und die Botschaft kommt an. Braucht es auch, denn für mich kommt danach eigentlich der schwächste Moment des Albums, in dem es den Mücken an den Kragen geht. „No More Mosquitoes“ lässt allerhand Bleeps die Plagen der fliegen Quälgeister simulieren, während ein Kind singend das Ende der selbigen fordert. Mochte ich damals nicht, mag ich auch heute nicht. Und der zentnerschwere Beat passt auch meiner Meinung nach nicht zu Four Tet. So.

Da kann ich schon eher mit „Tangle“, auch wenn die Soundkakophonie am Anfang sicher nicht jedermanns Geschmack ist. Aber daraus entwickelt sich ein feines Spiel mit Gitarren, Zithern und anderem Gezupfe, das durchaus seinen Liebreiz hat. Und zeigt, dass Leichtigkeit dem Herrn Hebden eben doch mehr liegt als die Schwere. Teilweise hört es sich so an als würde das Stück ab der Mitte rückwärts zum Anfang zurückkehren, aber dann nimmt es das Thema wieder auf und wir sind erleichtert.

„You Could Ruin My Day“ droht Hebden dann mit einem spinettartigen Keyboard Sound und einem trocken eingespielten Beat. Darauf legen sich verhalten Gitarrenmelodien, die eher angedeutet, verhuscht, vermischt, von einander durchzogen werden. Über die für dieses Album üppige Länge des Stücks werden die Elemente immer wieder variiert, neu zusammengestellt, durch lange ruhige Breaks geführt – teilweise werden die Strukturen komplett über Bord geworfen, einfach mal neue Samples eingewoben, das Stück zur akustischen Spazierfahrt verarbeitet, die auch mal über die Autobahn führt, aber immer bereichernd bleibt. Der Tag ist ganz sicher nicht ruiniert worden, trotz recht ruppiger Dekonstruktion am Ende.

Zum Abschluss gibt es einen „Hilarious Movie Of The 90’s“, ein bisschen Glockenspiel, elektronisch bearbeitet, eher hübsch als hilarious, richtiggehend fröhlich bisweilen. Zur minimalen Melodie wird wie am Anfang der Platte wieder eifrig die Computertastatur bearbeitet, und so schließt sich der Kreis dieses Albums, das bis auf den komisch halbgaren Hitversuch mit den Mücken nur erfreuliche Momente bietet. Der Anfang einer Karriere, die auch weit über ein Jahrzehnt später noch im Aufstieg begriffen ist.

FOUR TET – PAUSE – DOMINO – WIGLP94 – 8/10

 

Barry-Adamson-Movieology-EP-463440

Zitatespaß für Cineasten

Beim Stöbern im Regal – ich wollte heute mal etwas aus dem hinteren Bereich des Archivs auswählen – stieß ich auf diese EP von Barry Adamson, die ich vermutlich einst wie so viele andere gute Stücke im Number Two in Frankfurt-Sachsenhausen erstand. Dabei fiel mir wieder auf, dass mir der Barry immer so ein wenig am Rande des Radars entfleucht ist – wann immer mir was von ihm in die Hände fiel, fand ich es interessant, aber dann doch nicht so sehr, dass ich länger dran hängen blieb.

Dabei hat der Mann eine wirklich bemerkenswerte Geschichte. Früh schon in der Punk Ära aktiv gewesen, damals Mitgründer von Magazine, dann schwer am New Wave Projekt Visage beteiligt, später auf immerhin vier Alben Mitglied von Nick Caves Bad Seeds, schließlich solo unterwegs, auf Mute, sowie als Schreiber von Soundtracks. Auf seine Kappe gehen unter anderem die Soundtracks von Natural Born Killers, Lost Highway und The Beach.

Auf dieser EP sind fünf Stücke aus drei Adamson Alben zu finden, die – der Titel und die Historie des Künstlers lassen es erahnen – alle irgendwie mit Filmen zu tun haben. Allerdings auf unterschiedliche Weise, und das ist das reizvolle daran. Denn es ist keineswegs so, dass die Titel aus Adamson-Soundtracks entstammen.

So ist „The Man With The Golden Arm“ ein Stück von Adamsons „Moss Side Story“. Das Album ist ein fiktives Soundtrack – also als solches angelegt und komponiert, nur gibt es gar keinen Film dazu. Um den Salto rückwärts komplett zu machen: Dieser Titel gehört zu den drei Bonus Tracks, die damals der CD Ausgabe hinzugelegt wurden, und stammt nicht von Barry Adamson. Es ist das Cover einer Nummer von Elmer Bernstein aus dem gleichnamigen Film von 1955. Eine opulent orchestrierte Burlesque Nummer, wie zum Strip geschrieben, dezent mit elektronischen Elementen angereichert.

Woher „007 – A Fantasy Bond Theme (Dance Version)“ stammt, dürfte nicht weiter schwer zu entschlüsseln sein. Ich mochte die Adamson-Version schon sehr gern – sie ist auf seinem „Soul Murder“ Album zu finden. Das schöne daran ist, dass die Bond-Titelmusik als lupenreiner Reggae angelegt ist, und James Bond ein kleiner Junge aus Kingston ist. Wirklich liebevoll gemacht. Als ich diesen Titel auf dieser EP sah, muss meine Sorgfalt schwer ausgesetzt haben, vor lauter Freude. Ich übersah den Zusatz „Dance Version“. Tatsächlich wurde die auf dieser EP zu findende Version von Ivor Wimborne und Atticus Ross tanzbar gemacht. Letzteren findet man heute im Umfeld von Trent Reznor, damals war er noch Mitglied von Bomb The Bass. Der Remix? Für damalige Verhältnisse sicher nicht schlecht – aber in Anbetracht des Originals unsinnig.

Die übrigen drei Stücke stammen von „The Negro Inside Me“, seinem 1993er Soloalbum, auf dem er sich sogar erlaubte, „Je t’aime (moi non plus)“ zu covern. „The Snowball Effect“ ist eine aus heutiger Sicht wilde Mischung aus übereifrigem 90er Dancefloor, Hip Hop Elementen, einem Anrufbeantwortermitschnitt einer PR-Frau, und ein paar Soli auf Flöte und Schweineorgel.

„Busted (The Michaelangelo Version)“ ist so etwas wie eine salonfähig gemachte Collage diverser Hip Hop Standards, mit allerhand Soundfiles aufgemotzt, da rauscht schon mal die Polizei durch den Mix, während die Bläser so ein wenig Dragnet-Atmosphäre aufkommen lassen. Ordentlich Schlagzeug, dicke Synth Bässe, Orgeln, Spielhallensounds – produktionstechnisch war damals mehr eindeutig mehr, das Ding platzt fast aus den Nähten. Phasenweise recht funky für eine Zitatesammlung.

Zum Ende dann noch „Dead Heat“ – mit schwerem, schleppendem Beat, drohenden Synth Bläsern und Crime Thematik. Auch für dieses Stück bräuchte es ein recht intensives 90er Revival – die Synthesizer hören sich ziemlich nach Plastik an, und die generös mit Raum versehene Abmischung wirkt heute arg dick und künstlich. Um die Fähigkeiten von Barry Adamson als Arrangeur und Komponist richtig zur Geltung zu bringen, brauchte es noch ein wenig Zeit.

Nach fünf Stücken weiß ich, warum Barry Adamson mir nur bedingt in Erinnerung blieb (eben mit dem Original des Fantasy Bond Themes), und warum diese EP weiter hinten im Archiv stand. Vielleicht kann sich noch ein Adamson Fan die Sammlung erweitern, viel mehr geht da nicht. Vermutlich auch mit 90er Revival nicht.

BARRY ADAMSON – MOVIEOLOGY – MUTE – 12MUTE183 – 5/10

mumdusklog

Immer diese Isländer

Es ist sowas von überfällig, dass ich mal nach Island reise. Also wenn da mal nicht grad wieder ein Vulkan das Hinfliegen verhindert. Aber im Moment wird ja nur Lava gespuckt. Flüssiges Erdinneres, wie Knickebein aus dem Schoko-Osterei, nur ein Stück wärmer. Das ist schon recht spektakulär, aber nur halb so ungewöhnlich wie die Leute da. Man schaue sich nur die Björk an. Oder Sigur Rós. Die haben auch so einen Akzent auf nem Vokal, und alle haben sie so ein wenig einen am Sträußchen.

Was durchaus ein Kompliment ist. Schließlich kommt da Musik bei raus, zu der wir Zentraleuropäer gar nicht fähig wären. Wir verlegen schon mal den Lauf einer Landstraße, weil irgend eine Unke sonst ausgerottet wird. Isländer legen da noch einen drauf, die bauen tatsächlich eine Umgehung um einen Felsen, von dem die Einheimischen überzeugt sind, dass es eine Elfenkirche ist.

Damit dürfte auch der Kontext dieser EP recht gut geschildert sein, die mit so ungewöhnlichen Songtiteln aufwartet wie „Will The Summer Make Good For All Of Our Sins?“. Man möchte für einen Parkplatz an genau dieser Umgehung plädieren, um in der Elfenkirche um Rat fragen zu können. Vermutlich werden die Elfen zu Bedenken geben, dass der Sommer von Sünden nichts wissen will, allenfalls der Winter beklagen könnte, dass das, was im Sommer mitunter geschieht, Sünde sei.

Das dazugehörige Stück Musik jedenfalls hört sich an wie ein Rückblick auf einen Sommer, der zu viel Wehmut führte, wie eine etwas düstere Version eines alten Kinderlieds, von gespenstisch wirkenden kindhaften Stimmen gesungen, bis zur dunklen Ahnug verlangsamt und verschleppt, begleitet von allerhand morbiden Geräuschen, die denken lassen könnten, dass die, die dort singen, auf einem schweren alten Ruderboot durch den nächtlichen Nebel entschwinden.

Múm und auch Sigur Rós haben so rein gar keine Berührungsängste mit dem tief Emotionalen, sie lieben es, knietief im Elegischen zu waten, drücken hemmungslos auf Tränendrüsen rum, schwelgen bis weit über den Horizont hinaus und steigern sich in verzückend entrückte musikalische Elfenwelten hinein, die mit einer Überzeugung vorgetragen werden, mit der mehr als nur Landstraßen verlegt werden können.

Für Múm richtiggehend prototypisch ist da „Kostrzyn“, am Anfang dieser 10″ EP, das auf zerbrechliche, zaghafte Melodien vehement emotionale Fanfaren, Trommeln und Violinen folgen lässt, die auch mal so unvermittelt einsetzen, dass man sich fast erschrickt. Vertieft wird die sehnende Vehemenz noch durch den Einsatz einer Melodica – die darf bei Múm eigentlich eh nie fehlen. Irgendwo in diesem akustischen Elfenzirkus finden wir auch hier und da die Stimme der Sängerin, aber sie taucht auch wieder ab, wie überhaupt die Instrumente mehr vorbeimarschieren als dass sie Teil eines lesbaren Arrangements wären.

„This Nothing Blowing In The Faraway“ ist auch so ein flüchtiges fragmentarisches Märchen im langsamen Tempo, wie ein seltsamer isländischer Blues, in dem eben nicht der alte Mann an der Gitarre singt, sondern das Mädchen im Nebel zwischen den heißen Quellen am Fuße des Vulkans. Und statt von der Schwernis des Lebens berichtet sie von Dingen, die sie in einem Traum gesehen hat, oder auch in echt, man weiß es nicht so recht, es macht so viel oder so wenig Sinn wie der Titel des Stücks.

Im abschließenden „Boots Of Fog“ geht es tatsächlich recht neblig zu – allerhand unerklärliche Geräusche, ein völlig verzerrter Bass, der tönt wie ein Nebelhorn, jede Menge Glocken, Knarren, Knarzen, Knistern, so etwas ähnliches wie Gesang, oder Flüstern, eine Annäherung an einen Rhythmus, der sich aus den Nebelschwaden hervorarbeitet, ein verstimmtes Banjo – man wähnt sich wie im Intro eines Hörspiels aus einem fernen Land, in dem es mehr Nebel als Sonne gibt, in dem man eher im Boot sitzt als im Auto, in dem das Unerklärliche alltäglich ist. Múm macht auch mal Stücke, die nur bedingt als Musik zu bezeichnen sind, aber trotzdem oder gerade deswegen Geschichten erzählen.

Man kann sich durchaus daran stören, dass die Sängerin von Múm, Kristin Anna, mit sehr viel kindlichem Liebreiz und lieblichem Samt in der Stimme intoniert, das ist sicher Geschmackssache. Es ist aber stimmig, im Bandkonzept, und „normaler“ Gesang ist bei dieser Musik tatsächlich nicht denkbar. Man kann sich auch daran stören, dass man keinen Schimmer hat, was die Isländer mit ihrer Musik nun genau ausdrücken oder gar mitteilen wollen. Das gilt es hier eher zu erspüren. Kann man sich drauf einlassen und es lieben – oder eben nicht, dann findet man sie vielleicht einfach nur spinnert.

Ich mag so Geschichten mit Elfenkirchen, ich mag auch Geschichten, die irgendwie spannend sind, obwohl man sie nicht versteht. Ich mag es, wenn Leute nicht so sind wie wir, und Musik machen, die sich nicht nach drei platten Songzeilen schon erschließt. Ich hab noch nie einen Reiseführer über Island gelesen, aber nach dem Hören dieser und ähnlicher Platten habe ich eine ungefähre Ahnung, was mich dort erwartet. Wie gesagt, ich muss da endlich mal hin.

MÚM – DUSK LOG EP – FAT CAT – 10 FAT 03 – 7/10