mumdusklog

Immer diese Isländer

Es ist sowas von überfällig, dass ich mal nach Island reise. Also wenn da mal nicht grad wieder ein Vulkan das Hinfliegen verhindert. Aber im Moment wird ja nur Lava gespuckt. Flüssiges Erdinneres, wie Knickebein aus dem Schoko-Osterei, nur ein Stück wärmer. Das ist schon recht spektakulär, aber nur halb so ungewöhnlich wie die Leute da. Man schaue sich nur die Björk an. Oder Sigur Rós. Die haben auch so einen Akzent auf nem Vokal, und alle haben sie so ein wenig einen am Sträußchen.

Was durchaus ein Kompliment ist. Schließlich kommt da Musik bei raus, zu der wir Zentraleuropäer gar nicht fähig wären. Wir verlegen schon mal den Lauf einer Landstraße, weil irgend eine Unke sonst ausgerottet wird. Isländer legen da noch einen drauf, die bauen tatsächlich eine Umgehung um einen Felsen, von dem die Einheimischen überzeugt sind, dass es eine Elfenkirche ist.

Damit dürfte auch der Kontext dieser EP recht gut geschildert sein, die mit so ungewöhnlichen Songtiteln aufwartet wie „Will The Summer Make Good For All Of Our Sins?“. Man möchte für einen Parkplatz an genau dieser Umgehung plädieren, um in der Elfenkirche um Rat fragen zu können. Vermutlich werden die Elfen zu Bedenken geben, dass der Sommer von Sünden nichts wissen will, allenfalls der Winter beklagen könnte, dass das, was im Sommer mitunter geschieht, Sünde sei.

Das dazugehörige Stück Musik jedenfalls hört sich an wie ein Rückblick auf einen Sommer, der zu viel Wehmut führte, wie eine etwas düstere Version eines alten Kinderlieds, von gespenstisch wirkenden kindhaften Stimmen gesungen, bis zur dunklen Ahnug verlangsamt und verschleppt, begleitet von allerhand morbiden Geräuschen, die denken lassen könnten, dass die, die dort singen, auf einem schweren alten Ruderboot durch den nächtlichen Nebel entschwinden.

Múm und auch Sigur Rós haben so rein gar keine Berührungsängste mit dem tief Emotionalen, sie lieben es, knietief im Elegischen zu waten, drücken hemmungslos auf Tränendrüsen rum, schwelgen bis weit über den Horizont hinaus und steigern sich in verzückend entrückte musikalische Elfenwelten hinein, die mit einer Überzeugung vorgetragen werden, mit der mehr als nur Landstraßen verlegt werden können.

Für Múm richtiggehend prototypisch ist da „Kostrzyn“, am Anfang dieser 10″ EP, das auf zerbrechliche, zaghafte Melodien vehement emotionale Fanfaren, Trommeln und Violinen folgen lässt, die auch mal so unvermittelt einsetzen, dass man sich fast erschrickt. Vertieft wird die sehnende Vehemenz noch durch den Einsatz einer Melodica – die darf bei Múm eigentlich eh nie fehlen. Irgendwo in diesem akustischen Elfenzirkus finden wir auch hier und da die Stimme der Sängerin, aber sie taucht auch wieder ab, wie überhaupt die Instrumente mehr vorbeimarschieren als dass sie Teil eines lesbaren Arrangements wären.

„This Nothing Blowing In The Faraway“ ist auch so ein flüchtiges fragmentarisches Märchen im langsamen Tempo, wie ein seltsamer isländischer Blues, in dem eben nicht der alte Mann an der Gitarre singt, sondern das Mädchen im Nebel zwischen den heißen Quellen am Fuße des Vulkans. Und statt von der Schwernis des Lebens berichtet sie von Dingen, die sie in einem Traum gesehen hat, oder auch in echt, man weiß es nicht so recht, es macht so viel oder so wenig Sinn wie der Titel des Stücks.

Im abschließenden „Boots Of Fog“ geht es tatsächlich recht neblig zu – allerhand unerklärliche Geräusche, ein völlig verzerrter Bass, der tönt wie ein Nebelhorn, jede Menge Glocken, Knarren, Knarzen, Knistern, so etwas ähnliches wie Gesang, oder Flüstern, eine Annäherung an einen Rhythmus, der sich aus den Nebelschwaden hervorarbeitet, ein verstimmtes Banjo – man wähnt sich wie im Intro eines Hörspiels aus einem fernen Land, in dem es mehr Nebel als Sonne gibt, in dem man eher im Boot sitzt als im Auto, in dem das Unerklärliche alltäglich ist. Múm macht auch mal Stücke, die nur bedingt als Musik zu bezeichnen sind, aber trotzdem oder gerade deswegen Geschichten erzählen.

Man kann sich durchaus daran stören, dass die Sängerin von Múm, Kristin Anna, mit sehr viel kindlichem Liebreiz und lieblichem Samt in der Stimme intoniert, das ist sicher Geschmackssache. Es ist aber stimmig, im Bandkonzept, und „normaler“ Gesang ist bei dieser Musik tatsächlich nicht denkbar. Man kann sich auch daran stören, dass man keinen Schimmer hat, was die Isländer mit ihrer Musik nun genau ausdrücken oder gar mitteilen wollen. Das gilt es hier eher zu erspüren. Kann man sich drauf einlassen und es lieben – oder eben nicht, dann findet man sie vielleicht einfach nur spinnert.

Ich mag so Geschichten mit Elfenkirchen, ich mag auch Geschichten, die irgendwie spannend sind, obwohl man sie nicht versteht. Ich mag es, wenn Leute nicht so sind wie wir, und Musik machen, die sich nicht nach drei platten Songzeilen schon erschließt. Ich hab noch nie einen Reiseführer über Island gelesen, aber nach dem Hören dieser und ähnlicher Platten habe ich eine ungefähre Ahnung, was mich dort erwartet. Wie gesagt, ich muss da endlich mal hin.

MÚM – DUSK LOG EP – FAT CAT – 10 FAT 03 – 7/10

« »