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Besser als das Cover

Fangen wir mal mit dem Ende an, sozusagen. Auf der Innenhülle steht mutig: „Stetsasonic is the one and only Hip Hop Band and the future of soul music.“ 1991, als die Westküste schon richtig dick im Geschäft war und der Trend eher Richtung Knarre ging als in Richtung Soul, war das ein ziemlich gewagtes Statement. Sicher, es resultiert aus dem Selbstbewusstsein, das zwei sehr erfolgreiche Alben mit sich bringen, und im Gegensatz zu den Formationen, die sonst so das Geschäft dominierten, war Stetsa tatsächlich eine Band und nicht ein paar Rapper mit nem Produzenten.

Trotzdem – das mit der Zukunft klappte nicht. Nach diesem Album war Schluss mit Stetsasonic. Ob mit oder ohne Tränen sei mal dahingestellt – Fakt ist, dass Hip Hop sich längst von seinen Soul und Funk Wurzeln entfernte, wie der aufmüpfige Sohn, der keine Lust hat, von irgend etwas abzustammen und rigoros die Selbstbestimmung sucht. Vermutlich ist das auch für lange Zeit das letzte Album eines Hip Hop Acts gewesen, in dem man sich auf Otis Redding, Sam Cooke, George Clinton und andere bezog.

Böse Zungen würden sagen, dass eine Band, die ein so unfassbar grottiges Cover wählt, keine Berechtigung hat, über dieses Album hinaus zu überleben. Es ist wirklich schlimm. Eine recht stümperhafte Darstellung der Band beim Gleisbau, bei der die Darstellung der horrend überzeichneten Muskelpartien wohl die meiste Zeit beansprucht hat – und dabei auch noch grobe anatomische Ungenauigkeiten aufweist. Und warum man beim Gleisbau gleichzeitig Vinyl in Karren schaufelt, wird auch nicht klar. Vermutlich musste in letzter Minute noch ein Bezug zum Musikgeschäft eingebaut werden. Man kann sich gut vorstellen, wie mancher Homeboy die Platte möglichst unauffällig zur Kasse schleppte.

Hat man diese künstlerische Entgleisung erst einmal hinter sich gebracht (was nicht schwer fallen durfte, Hip Hop Alben waren selten für guten Geschmack bekannt), wird man beim Hören der Platte selbst zumindest nicht unangenehm überrascht. Denn tatsächlich ist Stetsasonic eine Band, und das macht sich positiv bemerkbar. Beipsielsweise dadurch, dass es einen richtigen Schlagzeuger gibt, wo andere nur Samples und Drum Machines kennen.

Der instrumentale Opener „Hip Hop Band“ stellt dann auch gleich den richtigen Kontext her. Der Beat ist so klassisch wie die Samples, und viel mehr als die Vorzeichen fürs Album zu setzen, wird hier eh nicht angestrebt. „No B.S. Allowed“ ist schon als Titel richtig nett, wenn man bedenkt, dass auf der anderen Seite des Kontinents bereits „Fuck The Police“ zum normalen Umgangston gehörte. Da läuft der Drum Beat schön flüssig durch, inhaltlich hat man aber nicht viel zu bieten.

Es folgt eine Widmung an UTFO, „Uda Man“ – immerhin ein paar eher ungewöhnlichere Samples und eine gute Portion Humor. Schweiß bricht noch keiner aus, aber hier und da wippen ein paar Füße. Für „Speaking Of A Girl Named Suzy“ wird das Tempo zwischenzeitlich angehoben, ein bisschen Spaß gemacht, das rückt schon nah an frühe Fresh Prince Harmlosigkeiten. Immerhin, eine Prise P-Funk ist dabei.

Dass dieses Album keinen sonderlich großen Erfolg hatte, könnte auch damit zu tun haben, dass es zwar ein ganz gutes Niveau hat, aber keinen richtigen Hit wie „Talkin‘ All That Jazz“ zum Beispiel. Das gilt auch für das Titelstück, in dem Stetsasonic allenfalls zu Normalform auflaufen, aber einfach nicht mitreißen. Am Ende der ersten Seite noch ein wenig Spässken – „Paul’s A Sucker“, mit verstellten Stimmen und ein bisschen Blödsinn – verlängert das Album nur, welchen Sinn das hat.

Es fragt sich ohnehin, ob es nötig gewesen wäre, das Album mit gleich elf Stücken auszustatten – auf CD waren es sogar unglaubliche 17, und man wundert sich nicht, wenn man hier und da hört oder liest, dass das Ding Längen hat. Und dann verhaut man sich noch bei den Tracks. Auf der LP steht am Anfang der zweiten Seite ganz deutlich „I Like To Party“ – tatsächlich heißt das Stück aber „So Let The Fun Begin“ – so steht es dann auch auf der Platte selbst. Dabei singen sie ständig „I Like To Party“. Egal. Funky Party Jam mit reichlich bekannten Samples aber ohne richtig dicken Drive.

„Go Brooklyn 3“ ist selbst für 1991 ein wenig Old School, längst fanden die Battles nicht mehr zwischen New Yorker Stadtteilen statt, sondern zwischen Ost- und Westküste. Credits gibt es für eine dicke Prise P-Funk und einen einfallsreichen Titel – „Don’t Let Your Mouth Write A Check That Your Ass Can’t Cash“ kommt aber trotzdem nicht vom Fleck, und die Texte sind altbacken.

So ein wenig Schwung kommt bei „Ghetto Is The World“ auf, da wird wieder etwas deutlicher, dass das eine Band ist – aber gerade die weiblichen Soul Chöre, die den Refrain einbringen, wirken wie reingeklebt. Zuletzt gibt es noch nach dem B.S. am Anfang was für die M.F.s – immerhin ausgesprochen. Ein bisschen mehr Flow als bei den meisten anderen Stücken, auch wenn das Stück über das, was lange vorher schon Eric B & Rakim perfektioniert hatten, nicht hinaus kommt.

Man kann sich vorstellen, woran Stetsasonic in der Nachfolge scheiterten. Ein klares Konzept ist nicht zu erkennen, Prince Paul produziert nicht so überzeugend wie für De La Soul, der Anspruch, eine Band zu sein, wird nicht konsequent durchgezogen, und man weiß nicht so wirklich, wofür diese Band steht. Dass hier fast jeder der sechs Stetsas mal produzieren darf, hat sicher auch nicht unbedingt geholfen.

Vermutlich war nach diesem Album einfach die Luft raus. Und das, obwohl es wirklich weit weniger gute Hip Hop Alben gab, vor allem im aufkommenden Gangsta Rap. Der war aber in seinen besten Momenten innovativ, und das kann man von diesem Album wirklich nicht sagen.

STETSASONIC – BLOOD, SWEAT & NO TEARS – TOMMYBOY / WARNER – 9031-74230-1  – 5/10

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