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Vom Salon in den Dubraum

Alle Achtung. Da hatten sich die Herren von Boozoo Bajou schon ziemlich satt im Downtempo Segment etabliert, reihenweise exzellenter Alben produziert und auch ein paar wirklich hervorragende Compilations erstellt (siehe auch hier) – und dann lassen sie einfach so mal eben alles, was mit diesem beachtlichen Erfolg verbunden ist, komplett hinter sich. Statt edler Lounge Musik gibt es etwas, das eher als Ambient zu bezeichnen ist, und statt des heimischen Stereo Deluxe Labels ist man nun bei den Elektronik-Heroen von Apollo gelandet.

Es wäre nicht verkehrt, bei einem solchen Schritt davon zu sprechen, dass er mutig sei. Denn egal wie gut dieses Album ist – es lässt sich mit Ambient ganz sicher nicht so gut verkaufen wie mit Platten, die aufs Eleganteste in Bars jeglicher Couleur den Getränkekonsum erhöhen und die Gesprächsatmosphäre veredeln. Und doch ist der Schritt, den Boozoo Bajou mit diesem vierten Album gehen, vielleicht ein langer, aber auch ein höchst nachvollziehbarer.

Denn genau genommen hat sich der Stil, den sie mit ihren Alben so vorzüglich zu prägen und zu erweitern verstanden, mehr oder weniger totgelaufen. Nicht dass man zum Beispiel ihr erstes Album „Satta“ nicht mehr hören könnte – es ist immer noch richtig hochwertige und unterhaltsame Barmusik. Aber die folgenden Alben haben auch gezeigt, dass es nicht mehr wirklich viel Entwicklungsspielraum gab.

Schon für ihr zweites Studioalbum „Dust My Broom“ waren sie aus der stilistisch eng definierten Welt von Stereo Deluxe zum weit variableren !K7 Label gewandert – mit dem Resultat, dass dieses Album irgendwo zwischen Altbekanntem und neu versuchtem die Identität eher verwässerte als erweiterte. „Grains“ folgte 2009 – und brachte auch nicht viel mehr Klarheit, außer dass mehr oder weniger deutlich wurde, dass Boozoo Bajou am ehesten dann spannende Musik produzieren, wenn sie a) auf Gesangselemente verzichten, b) das Tempo so weit reduzieren wie es nur geht, und c) das Arrangement von allem befreien, das nicht das Konzept unterstützt.

So war „Grains“ in vielem der Beweis dafür, dass das Konzept weder durch die Erweiterung des stilistischen Repertoires noch durch weitere Modifikationen des ursprünglichen Stils voran zu bringen war, und nur wenige Stücke wie „Fuersattel“ oder „Tonschraube“ zeigten, wohin es eventuell gehen könnte. Fast fünf Jahre nach diesem Album ist „4“ der Beweis dafür, dass es durchaus einen Weg nach vorn gibt.

Der Wandel zu einem Projekt, das kaum noch im Downtempo-Bereich, sondern weit deutlicher im Ambient zu Hause ist, ist durchaus extrem. Aufregend daran ist, dass dieser große Wandel sich auf diesem Album wie eine Befreiung anfühlt, und dass die durchaus vorhandenen Zitate aus den „alten Zeiten“ so behutsam und sinnvoll in das neue Konzept eingewoben wurden, dass man zu hören glaubt, dass Boozoo Bajou zu einem höchst friedlichen Abschluss mit diesen alten Zeiten gefunden haben.

„4“ klingt an manchen Stellen wie eine maximale Reduktion und Abstraktion der bisherigen Arbeit, oft aber ist eine Verwandtschaft nur noch schwer erkennbar. In „Jan Mayen“ wird ganz auf rhythmische Elemente verzichtet, die Gitarre in den Hallraum geschickt und auf ein paar wenige Noten beschränkt, unterstützt von Harfenklängen, und nur ein einsames Flügelhorn bevölkert den weiten Raum dieses Stücks. Immer mal wieder tauchen Synthesizer, Klaviertöne, glockenähnliche Geräusche auf – wo Boozoo Bajou bisher klaren Strukturen folgte, wird hier zumindest der Habitus der Improvisation zelebriert.

Am spannendsten sind die Zitate aus den alten Zeiten im darauf folgenden „Phonetrik“ zu entdecken – der Beat ist eindeutig Boozoo Bajou, aber so sehr verschleppt, verfremdet, verhallt, reduziert, dass er mit den wenigen weiteren Elementen des Stücks eine völlig neue Wirkung entfaltet. Nach gut zwei Minuten setzt der Bass ein, auch hier ein schönes, tiefes und wohltuendes Zitat, ebenso wie das einfache Gitarrenthema – es ist ein bisschen wie „Satta“ auf Gras, weit weniger Pose und viel mehr Essenz.

Das ist dann aber auch schon der am ehesten konstruierte Moment, der im Vergleich zum Rest des Albums fast poppig wirkt. „Utsira“ zum Beispiel ist fast reines modernes Ambient, so wie man es durchaus auch in der Ambient Pop Serie auf dem Kompakt Label pflegt. Nur ganz spärlich wird der durchaus vorhandene Rhythmus angedeutet, zwei einfache, meilenweit tieferglegte und endlos verlangsamte Bass-Schläge hier und da, ein fernes Taktschlagen – und doch ergibt sich aus all dem eine rudimentäre Melodie, ein Thema, dem man folgen kann.

Bei aller Hinwendung zum elektronischen ist der Anteil „analoger“ Instrumente durchaus noch von Bedeutung – das Instrumentarium hat sich bei Boozoo Bajou nicht grundlegend verändert, es wird nur anders verwendet, anders verteilt, anders abgemischt. „Der Kran“ ist ein interessantes Beispiel, denn neben akustischen Spielereien, die das wiederum stark Ambient geprägten Stück fast zum Hörspiel machen, und den generös ausgebreiteten Synthesizerflächen sind es auch ein paar eingestreute Gitarrensounds, die dem abstrakten Raum ein wenig Edung geben.

Auf der zweiten Seite scheint man mit „Hirta“ den Versuch zu wagen, in die Anfänge des Minimal zu reisen, um Boozoo Bajou mit Basic Channel zu kreuzen und dem Resultat ein paar weltmusikalische Flötentöne zu verpassen. Das ist extrem relaxter Dub Tech Sound, fast möchte man seine alten Dub Taylor Platten wieder herausholen, oder den beiden Produzenten eine Session mit Henrik Schwarz ans Herz legen.

„Stufen-Spitzbergen“ öffnet den Raum dann wieder ganz weit, weckt Assoziationen irgendwo zwischen Enos Apollo Soundtracks und den spannenderen Biosphere Alben. Weit abseits erkennbarer rhythmischer Strukturen sind wir hier, und auch ganz weit entfernt von allem, was Boozoo Bajou bisher definierte. Nach vier Minuten setzt ein so dermaßen sattes, tiefes und breites Synth Bass Thema ein, dass es einem glatt eine Gänsehaut verpasst – eine großartige Überraschung, die aus einem spannenden ein richtiggehend dramatisches Stück Ambient macht. Kompliment.

Etwas Dub bekommen wir dann auch noch, ein wenig Rhythm & Sound wird hier zitiert, möchte man meinen – „Your Weak Fire“ zeigt noch eimal deutlich, wie sich aus den Wurzeln dessen, was Boozoo Bajou bisher definierte, etwas weitgehend Neues entwickeln lässt. Weit von den Ursprüngen entfernt, und doch mit ihnen verbunden. Und so als wollte man es dann ganz deutlich machen, führt „Tiefdruck – Hochdruck“ zum Abschluss der LP erneut in abstrakte Klangräume, in denen die Atmosphäre im Zentrum steht, und weniger die Struktur. Doch, Ambient kann auch 2014 sehr spannend sein.

Dreizehn Jahre nach „Satta“ ist das Projekt Boozoo Bajou auf einem Niveau angekommen, das ihnen viel Lob ein bringen wird, ein paar alte Fans aber sicher herausfordert. Wer seit diesem ersten Album nicht mehr dabei war und nun neu einsteigt, wird sich schwer die Augen reiben. Trotzdem muss man Peter Heider und Florian Seyberth gratulieren – für den Mut, diesen Schritt zu gehen, für die große Kreativität und Qualität, mit der sie ihn gegangen sind, und für die spannende Entwicklung, die wir dabei mitverfolgen können. So kann es sehr sehr gern weiter gehen.

BOOZOO BAJOU – 4 – APOLLO – MAB1404LP – 8,5/10

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