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Die werden doch wohl nicht etwa…

So weit ich mich erinnern kann, habe ich noch nie gehört, dass mal eine Band gleich ein ganzes Album einer anderen Band gecovert hätte. Ist ja auch ein etwas seltsames Projekt, genau genommen. Erst recht, wenn die Band, die das Ganze einspielt, eigentlich nichts anderes tut. Die covern ganze Alben und machen daraus Reggae Alben. So ein wenig wie Dread Zeppelin dereinst, nur, sagen wir mal, noch konsequenter.

Dass das überhaupt über mehrere Alben hinweg funktioniert, liegt an zwei einfachen Faktoren – die Qualität der Produktion und das clevere und kreative Adaptieren der jeweiligen Alben. Und im Falle der All-Stars sind das nicht irgend welche Scheiben, sondern Meilensteine der Pop- und Rockmusik. Gleich zum Auftakt „Dark Side Of The Moon“, in der Folge unter anderem noch „Sergeant Pepper“ und „Thriller“.

Tatsächlich also das ganze verdammte Album. Time und Money und sogar der Great Gig In The Sky, alles ist dabei. Allerdings wurden die Tracks nicht von ein paar Jamaikanern in die Karibik geholt, um dann durch die Pfeife gezogen zu werden. Die Easy Star All-Stars wurden von vier Herren gegründet, die in New York ansässig sind und Smith, Goldwasser, Oppenheimer und Gerstein heißen. Klingt nicht wirklich karibisch.

Den Gaststars aber mangelt es keinesfalls an Authentizität – neben ein paar weniger bekannten Figuren sind auch Frankie Paul, die Meditations und Corey Harris vertreten. Dazu eine offensichtlich fähige Band und richtig gute Gastmusiker, und alle profitieren vom unzweifelhaft großen Talent der Band Chefs beim Umarrangieren. So bekloppt die Idee als solche sein mag, so schlimm wie man die Umsetzung hätte versemmeln können – so erstaunlich gut funktioniert das Resultat.

Die Easy Star All-Stars meinen es also voll ernst, haben den nötigen Respekt, und sie sind sehr konsequent in der Umsetzung. Sie covern das gesamte Album, und sie belassen es auch bei der originalen Abfolge der Stücke. Im Grunde ändern sie auch nicht die Stimmung der Stücke – abgesehen davon natürlich, dass Reggae an sich eine etwas andere Atmosphäre erzeugt. Trotzdem – das Album schafft das Kunststück, eben nicht nur die Musik als solche in ein Reggae Gewand schlüpfen zu lassen, sondern auch für die Seele der einzelnen Tracks eine Übersetzung zu finden.

Dabei hilft, dass Reggae durchaus unterschiedliche Spielformen zu bieten hat. So hören wir nach einem klassisch adaptierten „Breathe“, das die Sinnhaftigkeit dieses Projekts bereits richtig überzeugend unter Beweis stellt, einen ziemlich gewitzt und gekonnt arrangierten Jungle Mix von „On The Run“.

Glücklicherweise sind gerade die bekanntesten Stücke des Albums richtig gelungen. „Time“ ist ein gutes Beispiel – ein paar wenige Kunstriffe reichen, um den Klassiker so auf Dub zu trimmen, dass es richtiggehend Sinn macht. Das Thema des Stückes selbst eignet sich eh, und so haben Sänger Corey Harris und Rapper Ranking Joe relativ leichtes Spiel. Dass die Wright’schen Synthesizer Stimmen auf einfache Orgeln reduziert werden, ist nur konsequent, und der zeitlose Groove des Stückes bleibt auch im Reggae noch erhalten.

An einem Titel hätte man sich aber noch viel leichter verheben können – „The Great Gig In The Sky“. Es ist ein im Grunde aussichtsloses Unterfangen, sich zum einen der unfassbaren Ruhe und beseelten Kraft dieses Stückes zu nähern, und zum anderen der grandiosen Gesangsleistung von Clare Torry irgend etwas an die Seite zu stellen, das auch nur akzeptabel genannt werden könnte. Tatsächlich kann Kirsty Rock in dieser Version nicht ans Original heranreichen – aber schon dass sie sich nicht blamiert, ist eine beachtliche Leistung.

Eigentlich ist damit der schwierigste Punkt des Albums überwunden. Denn „Money“ macht es den All-Stars leicht. Der Rhythmus des Orignals muss kaum modifiziert werden, um im flotten Reggae Tempo zu landen. Und auch wenn die Gesangsleistungen hier nicht ganz überzeugen, ist das Ergebnis wirklich hörenswert, inklusive verdubtem Saxophon Solo und gelungenem Stimmungswechsel in der zweiten Hälfte des Stücks.

Das Highlight kommt danach – fast acht wirklich gelungene Minuten mit „Us And Them“ und „Any Colour You Like“. Nirgendwo wird auf diesem Album deutlicher, wie gut es die Produzenten verstehen, die Atmosphäre, die Identität des Stücks beizubehalten, die gleichen spannenden emotionalen Momente zu schaffen, wie es die Originale tun – und sie trotzdem konsequent in den neuen musikalischen Rahmen zu setzen. So ist „Us And Them“ denn auch fast so schön wie von Pink Floyd, und die Synthesizer-Ausflüge von „Any Colour You Like“ werden mit herrlich verdubten Bläsern angereichert – feine Idee.

Die schräge „Brain Damage“ Nummer ist auf diesem Album noch ein wenig schräger, wird fast schunkelig im Reggae-Sound, und die verfremdeten Vocals von Dr. Israel passen prima. Von den Meditations hätte man sich ein wenig mehr als nur die knappen zwei Minuten von „Eclipse“ gewünscht, aber es ist ja auch im Original nur ein kurzer Epilog. Man kann nicht alles haben.

Bestimmt gibt es einen Haufen Puristen, die es für ein Sakrileg halten, gleich das gesamte Album zu covern. Andere werden korrekterweise entgegnen, dass das ja schließlich eine Huldigung sei. Wir schauen uns einfach nur das Ergebnis an und sagen – so bescheuert die Idee auch gewesen sein mag, die Umsetzung ist verdammt gut. Das Album gibt es, auch das macht Sinn, in drei verschiedenen Vinyl Farben – grün, gelb, rot. Ich hab eine grüne, falls es jemanden interessiert.

EASY STAR ALL-STARS – DUB SIDE OF THE MOON – EASY STAR RECORDS – ES-1012V – 8/10

 

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