Category: A – E


daftburnin

Transatlantischer Großbrand

Einer von mehreren Krachern aus dem großartigen Debüt Album von Daft Punk. Wie heftig dieses Album einschlug, sieht man schon allein an der Liste der Remixer auf dieser 12″ – der damals noch schwer angesagte House Meister Ian Pooley aus Mainz, die schottischen Labelchefs von Soma, Slam, und der unkaputtbarste unter den Chicagoer House Legenden, DJ Sneak. Anno 1997 konnte man sich kaum amtlichere Remixer wünschen, und Daft Punk bekamen alle drei für diese opulent bestückte Maxi, die mit gut 38 Minuten fast schon Album Länge hat.

Wenn man die French House Bretter kennt, die vor allem Thomas Bangalter vor der Gründung von Daft Punk so produzierte, klingt „Burnin'“ wie eine logische Weiterentwicklung. Konsequent House, elektronisch verbreitert, auf die wenigen Bestandteile reduziert, die Schub ausmachen, angereichert mit ein paar cleveren Loops und Synthesizer Sounds, die Groove und Kontur noch verstärken, manchmal bis kurz vor die Schmerzgrenze.

In der Hinsicht ist Burnin‘ ein Paradebeispiel – Jackin‘ hätte man das auch nennen können, so sehr ist die Grundlage Chicago, nur eben mit typischen Daft Punk Elementen garniert, vor allem diesem fies gnadenlosen synthetischen Sweep Stab, der kräftig an den Trommelfellen nagt. Genau den scheint unser Freund Pooley allerdings nicht wirklich zu mögen – sein „Cut Up Mix“ lässt den House Beat deutlich mehr rollen, konzentriert sich primär auf die formidable Bass Line – und macht aus dem französischen House Bastard ein slickes Dancefloor Tool. Nicht mehr und nicht weniger.

Slam gehen da radikaler ran – ihr neues Beatgerüst ist komplett abgespecktes 909er Skelett mit spärlich gesetzten Samples, runtergekürzter Bass Line und ein paar bearbeiteten Sounds aus dem Daft Punk Archiv. Aus den kurzen fiesen Sweeps werden ausgedehnte, in den Breaks gibt es auch mal eine Portion Filter für den Bass – das ist alles nicht verkehrt, haut aber auch nicht vom Hocker.

Der gute Herr Sneak bekommt gleich zwei Mixes auf die Scheibe, einen „Main Mix“ und einen „Mongowarrior Mix“ – fast 20 Minuten Chicago pur. Typisch Sneaksche straighte Beats mit leicht versetzter Snare und einem ganz kleinen Hauch Latin. So kennt man ihn. Der „Mongowarrior Mix“ kennt nur den Weg nach vorn, schnurgerade, unnachgiebig, und natürlich lässt Sneak die Beats erst mal richtig lange laufen, bevor sich die Bass Line aus dem Off rein schiebt.

Das hat er halt mit den Daft Punk Jungs gemeinsam – die Freude an der Loop, am Wiederholen und Variieren, an der Konzentration auf die Dynamik. Und im Gegensatz zu seinen Remix Kollegen auf dieser Maxi hat er auch keine Manschetten, sich den fiesen Sweep zu greifen – auch wenn er hier eher im Hintergrund agiert, sich dezent dem Groove unterordnet. Man kann sich zwischendurch fragen, ob das irgendwo hin führt, oder ob das einfach nur eine zehnminütige House Übung am Original ist, aber konsequent ist das allemal.

Nicht ganz so warriormäßig und etwas variabler zeigt sich der „Main Mix“, der sich mehr auf die Stilelemente und Samples der Daft Punk Kollegen konzentriert und diese auf einem Beat garniert, der deutlich mehr drauf haut. Da bleibt viel von der leicht anarchischen Charmanz des Originals auf der Strecke, hier wird nicht gelacht, das ist ne ernste Angelegenheit. So marschiert der Mix durch gut neun Minuten, in denen keine Gefangenen gemacht werden.

Viel Holz, dicke Namen, ein echter Klassiker. Darf man in der Sammlung haben, auch wenn sich Burner heute natürlich anders anhören.

DAFT PUNK – BURNIN‘ 12″ – VIRGIN – 724389455168 – 6,5/10

Layout 1

Vom Salon in den Dubraum

Alle Achtung. Da hatten sich die Herren von Boozoo Bajou schon ziemlich satt im Downtempo Segment etabliert, reihenweise exzellenter Alben produziert und auch ein paar wirklich hervorragende Compilations erstellt (siehe auch hier) – und dann lassen sie einfach so mal eben alles, was mit diesem beachtlichen Erfolg verbunden ist, komplett hinter sich. Statt edler Lounge Musik gibt es etwas, das eher als Ambient zu bezeichnen ist, und statt des heimischen Stereo Deluxe Labels ist man nun bei den Elektronik-Heroen von Apollo gelandet.

Es wäre nicht verkehrt, bei einem solchen Schritt davon zu sprechen, dass er mutig sei. Denn egal wie gut dieses Album ist – es lässt sich mit Ambient ganz sicher nicht so gut verkaufen wie mit Platten, die aufs Eleganteste in Bars jeglicher Couleur den Getränkekonsum erhöhen und die Gesprächsatmosphäre veredeln. Und doch ist der Schritt, den Boozoo Bajou mit diesem vierten Album gehen, vielleicht ein langer, aber auch ein höchst nachvollziehbarer.

Denn genau genommen hat sich der Stil, den sie mit ihren Alben so vorzüglich zu prägen und zu erweitern verstanden, mehr oder weniger totgelaufen. Nicht dass man zum Beispiel ihr erstes Album „Satta“ nicht mehr hören könnte – es ist immer noch richtig hochwertige und unterhaltsame Barmusik. Aber die folgenden Alben haben auch gezeigt, dass es nicht mehr wirklich viel Entwicklungsspielraum gab.

Schon für ihr zweites Studioalbum „Dust My Broom“ waren sie aus der stilistisch eng definierten Welt von Stereo Deluxe zum weit variableren !K7 Label gewandert – mit dem Resultat, dass dieses Album irgendwo zwischen Altbekanntem und neu versuchtem die Identität eher verwässerte als erweiterte. „Grains“ folgte 2009 – und brachte auch nicht viel mehr Klarheit, außer dass mehr oder weniger deutlich wurde, dass Boozoo Bajou am ehesten dann spannende Musik produzieren, wenn sie a) auf Gesangselemente verzichten, b) das Tempo so weit reduzieren wie es nur geht, und c) das Arrangement von allem befreien, das nicht das Konzept unterstützt.

So war „Grains“ in vielem der Beweis dafür, dass das Konzept weder durch die Erweiterung des stilistischen Repertoires noch durch weitere Modifikationen des ursprünglichen Stils voran zu bringen war, und nur wenige Stücke wie „Fuersattel“ oder „Tonschraube“ zeigten, wohin es eventuell gehen könnte. Fast fünf Jahre nach diesem Album ist „4“ der Beweis dafür, dass es durchaus einen Weg nach vorn gibt.

Der Wandel zu einem Projekt, das kaum noch im Downtempo-Bereich, sondern weit deutlicher im Ambient zu Hause ist, ist durchaus extrem. Aufregend daran ist, dass dieser große Wandel sich auf diesem Album wie eine Befreiung anfühlt, und dass die durchaus vorhandenen Zitate aus den „alten Zeiten“ so behutsam und sinnvoll in das neue Konzept eingewoben wurden, dass man zu hören glaubt, dass Boozoo Bajou zu einem höchst friedlichen Abschluss mit diesen alten Zeiten gefunden haben.

„4“ klingt an manchen Stellen wie eine maximale Reduktion und Abstraktion der bisherigen Arbeit, oft aber ist eine Verwandtschaft nur noch schwer erkennbar. In „Jan Mayen“ wird ganz auf rhythmische Elemente verzichtet, die Gitarre in den Hallraum geschickt und auf ein paar wenige Noten beschränkt, unterstützt von Harfenklängen, und nur ein einsames Flügelhorn bevölkert den weiten Raum dieses Stücks. Immer mal wieder tauchen Synthesizer, Klaviertöne, glockenähnliche Geräusche auf – wo Boozoo Bajou bisher klaren Strukturen folgte, wird hier zumindest der Habitus der Improvisation zelebriert.

Am spannendsten sind die Zitate aus den alten Zeiten im darauf folgenden „Phonetrik“ zu entdecken – der Beat ist eindeutig Boozoo Bajou, aber so sehr verschleppt, verfremdet, verhallt, reduziert, dass er mit den wenigen weiteren Elementen des Stücks eine völlig neue Wirkung entfaltet. Nach gut zwei Minuten setzt der Bass ein, auch hier ein schönes, tiefes und wohltuendes Zitat, ebenso wie das einfache Gitarrenthema – es ist ein bisschen wie „Satta“ auf Gras, weit weniger Pose und viel mehr Essenz.

Das ist dann aber auch schon der am ehesten konstruierte Moment, der im Vergleich zum Rest des Albums fast poppig wirkt. „Utsira“ zum Beispiel ist fast reines modernes Ambient, so wie man es durchaus auch in der Ambient Pop Serie auf dem Kompakt Label pflegt. Nur ganz spärlich wird der durchaus vorhandene Rhythmus angedeutet, zwei einfache, meilenweit tieferglegte und endlos verlangsamte Bass-Schläge hier und da, ein fernes Taktschlagen – und doch ergibt sich aus all dem eine rudimentäre Melodie, ein Thema, dem man folgen kann.

Bei aller Hinwendung zum elektronischen ist der Anteil „analoger“ Instrumente durchaus noch von Bedeutung – das Instrumentarium hat sich bei Boozoo Bajou nicht grundlegend verändert, es wird nur anders verwendet, anders verteilt, anders abgemischt. „Der Kran“ ist ein interessantes Beispiel, denn neben akustischen Spielereien, die das wiederum stark Ambient geprägten Stück fast zum Hörspiel machen, und den generös ausgebreiteten Synthesizerflächen sind es auch ein paar eingestreute Gitarrensounds, die dem abstrakten Raum ein wenig Edung geben.

Auf der zweiten Seite scheint man mit „Hirta“ den Versuch zu wagen, in die Anfänge des Minimal zu reisen, um Boozoo Bajou mit Basic Channel zu kreuzen und dem Resultat ein paar weltmusikalische Flötentöne zu verpassen. Das ist extrem relaxter Dub Tech Sound, fast möchte man seine alten Dub Taylor Platten wieder herausholen, oder den beiden Produzenten eine Session mit Henrik Schwarz ans Herz legen.

„Stufen-Spitzbergen“ öffnet den Raum dann wieder ganz weit, weckt Assoziationen irgendwo zwischen Enos Apollo Soundtracks und den spannenderen Biosphere Alben. Weit abseits erkennbarer rhythmischer Strukturen sind wir hier, und auch ganz weit entfernt von allem, was Boozoo Bajou bisher definierte. Nach vier Minuten setzt ein so dermaßen sattes, tiefes und breites Synth Bass Thema ein, dass es einem glatt eine Gänsehaut verpasst – eine großartige Überraschung, die aus einem spannenden ein richtiggehend dramatisches Stück Ambient macht. Kompliment.

Etwas Dub bekommen wir dann auch noch, ein wenig Rhythm & Sound wird hier zitiert, möchte man meinen – „Your Weak Fire“ zeigt noch eimal deutlich, wie sich aus den Wurzeln dessen, was Boozoo Bajou bisher definierte, etwas weitgehend Neues entwickeln lässt. Weit von den Ursprüngen entfernt, und doch mit ihnen verbunden. Und so als wollte man es dann ganz deutlich machen, führt „Tiefdruck – Hochdruck“ zum Abschluss der LP erneut in abstrakte Klangräume, in denen die Atmosphäre im Zentrum steht, und weniger die Struktur. Doch, Ambient kann auch 2014 sehr spannend sein.

Dreizehn Jahre nach „Satta“ ist das Projekt Boozoo Bajou auf einem Niveau angekommen, das ihnen viel Lob ein bringen wird, ein paar alte Fans aber sicher herausfordert. Wer seit diesem ersten Album nicht mehr dabei war und nun neu einsteigt, wird sich schwer die Augen reiben. Trotzdem muss man Peter Heider und Florian Seyberth gratulieren – für den Mut, diesen Schritt zu gehen, für die große Kreativität und Qualität, mit der sie ihn gegangen sind, und für die spannende Entwicklung, die wir dabei mitverfolgen können. So kann es sehr sehr gern weiter gehen.

BOOZOO BAJOU – 4 – APOLLO – MAB1404LP – 8,5/10

easystar-dub-side-of-the-moon

Die werden doch wohl nicht etwa…

So weit ich mich erinnern kann, habe ich noch nie gehört, dass mal eine Band gleich ein ganzes Album einer anderen Band gecovert hätte. Ist ja auch ein etwas seltsames Projekt, genau genommen. Erst recht, wenn die Band, die das Ganze einspielt, eigentlich nichts anderes tut. Die covern ganze Alben und machen daraus Reggae Alben. So ein wenig wie Dread Zeppelin dereinst, nur, sagen wir mal, noch konsequenter.

Dass das überhaupt über mehrere Alben hinweg funktioniert, liegt an zwei einfachen Faktoren – die Qualität der Produktion und das clevere und kreative Adaptieren der jeweiligen Alben. Und im Falle der All-Stars sind das nicht irgend welche Scheiben, sondern Meilensteine der Pop- und Rockmusik. Gleich zum Auftakt „Dark Side Of The Moon“, in der Folge unter anderem noch „Sergeant Pepper“ und „Thriller“.

Tatsächlich also das ganze verdammte Album. Time und Money und sogar der Great Gig In The Sky, alles ist dabei. Allerdings wurden die Tracks nicht von ein paar Jamaikanern in die Karibik geholt, um dann durch die Pfeife gezogen zu werden. Die Easy Star All-Stars wurden von vier Herren gegründet, die in New York ansässig sind und Smith, Goldwasser, Oppenheimer und Gerstein heißen. Klingt nicht wirklich karibisch.

Den Gaststars aber mangelt es keinesfalls an Authentizität – neben ein paar weniger bekannten Figuren sind auch Frankie Paul, die Meditations und Corey Harris vertreten. Dazu eine offensichtlich fähige Band und richtig gute Gastmusiker, und alle profitieren vom unzweifelhaft großen Talent der Band Chefs beim Umarrangieren. So bekloppt die Idee als solche sein mag, so schlimm wie man die Umsetzung hätte versemmeln können – so erstaunlich gut funktioniert das Resultat.

Die Easy Star All-Stars meinen es also voll ernst, haben den nötigen Respekt, und sie sind sehr konsequent in der Umsetzung. Sie covern das gesamte Album, und sie belassen es auch bei der originalen Abfolge der Stücke. Im Grunde ändern sie auch nicht die Stimmung der Stücke – abgesehen davon natürlich, dass Reggae an sich eine etwas andere Atmosphäre erzeugt. Trotzdem – das Album schafft das Kunststück, eben nicht nur die Musik als solche in ein Reggae Gewand schlüpfen zu lassen, sondern auch für die Seele der einzelnen Tracks eine Übersetzung zu finden.

Dabei hilft, dass Reggae durchaus unterschiedliche Spielformen zu bieten hat. So hören wir nach einem klassisch adaptierten „Breathe“, das die Sinnhaftigkeit dieses Projekts bereits richtig überzeugend unter Beweis stellt, einen ziemlich gewitzt und gekonnt arrangierten Jungle Mix von „On The Run“.

Glücklicherweise sind gerade die bekanntesten Stücke des Albums richtig gelungen. „Time“ ist ein gutes Beispiel – ein paar wenige Kunstriffe reichen, um den Klassiker so auf Dub zu trimmen, dass es richtiggehend Sinn macht. Das Thema des Stückes selbst eignet sich eh, und so haben Sänger Corey Harris und Rapper Ranking Joe relativ leichtes Spiel. Dass die Wright’schen Synthesizer Stimmen auf einfache Orgeln reduziert werden, ist nur konsequent, und der zeitlose Groove des Stückes bleibt auch im Reggae noch erhalten.

An einem Titel hätte man sich aber noch viel leichter verheben können – „The Great Gig In The Sky“. Es ist ein im Grunde aussichtsloses Unterfangen, sich zum einen der unfassbaren Ruhe und beseelten Kraft dieses Stückes zu nähern, und zum anderen der grandiosen Gesangsleistung von Clare Torry irgend etwas an die Seite zu stellen, das auch nur akzeptabel genannt werden könnte. Tatsächlich kann Kirsty Rock in dieser Version nicht ans Original heranreichen – aber schon dass sie sich nicht blamiert, ist eine beachtliche Leistung.

Eigentlich ist damit der schwierigste Punkt des Albums überwunden. Denn „Money“ macht es den All-Stars leicht. Der Rhythmus des Orignals muss kaum modifiziert werden, um im flotten Reggae Tempo zu landen. Und auch wenn die Gesangsleistungen hier nicht ganz überzeugen, ist das Ergebnis wirklich hörenswert, inklusive verdubtem Saxophon Solo und gelungenem Stimmungswechsel in der zweiten Hälfte des Stücks.

Das Highlight kommt danach – fast acht wirklich gelungene Minuten mit „Us And Them“ und „Any Colour You Like“. Nirgendwo wird auf diesem Album deutlicher, wie gut es die Produzenten verstehen, die Atmosphäre, die Identität des Stücks beizubehalten, die gleichen spannenden emotionalen Momente zu schaffen, wie es die Originale tun – und sie trotzdem konsequent in den neuen musikalischen Rahmen zu setzen. So ist „Us And Them“ denn auch fast so schön wie von Pink Floyd, und die Synthesizer-Ausflüge von „Any Colour You Like“ werden mit herrlich verdubten Bläsern angereichert – feine Idee.

Die schräge „Brain Damage“ Nummer ist auf diesem Album noch ein wenig schräger, wird fast schunkelig im Reggae-Sound, und die verfremdeten Vocals von Dr. Israel passen prima. Von den Meditations hätte man sich ein wenig mehr als nur die knappen zwei Minuten von „Eclipse“ gewünscht, aber es ist ja auch im Original nur ein kurzer Epilog. Man kann nicht alles haben.

Bestimmt gibt es einen Haufen Puristen, die es für ein Sakrileg halten, gleich das gesamte Album zu covern. Andere werden korrekterweise entgegnen, dass das ja schließlich eine Huldigung sei. Wir schauen uns einfach nur das Ergebnis an und sagen – so bescheuert die Idee auch gewesen sein mag, die Umsetzung ist verdammt gut. Das Album gibt es, auch das macht Sinn, in drei verschiedenen Vinyl Farben – grün, gelb, rot. Ich hab eine grüne, falls es jemanden interessiert.

EASY STAR ALL-STARS – DUB SIDE OF THE MOON – EASY STAR RECORDS – ES-1012V – 8/10

 

bonoboanimal

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

Es ist inzwischen leicht, und auch ein wenig hip geworden, Bonobo prima zu finden. Mehr als andere hat er das Kunststück vollbracht, aus einer Nische herauszuarabeiten, in der eher die Namen von Compilation Serien bekannt sind als dass es die Namen der Interpreten wären. Gut ein halbes Dutzend Alben hat er inzwischen veröffentlicht, jedes von ihnen gelobt, gemocht, und sicher auch vergleichweise gut verkauft.

2001 war es, als dieses Debütalbum veröffentlicht wurde, und ich hatte damals die Gelegenheit, Simon Green – so heißt der Mann hinter dem Namen Bonobo – zu interviewen. Ein wirklich ungewöhnliches Erlebnis, denn ich habe selten so einen höflichen, bescheidenen und freundlichen Musiker erlebt. Ein im erfreulichsten Sinne zivilisierter Mann, und so gesehen passt auch sein Künstlername, denn Bonobos sind die klugen Brüder der Schimpansen, höchst friedliche Menschenaffen, bei denen männliche und weibliche Tiere gleichberechtigt sind, und die, so sagt man, so ziemlich die einzigen Tiere sind, die einfach nur zum Spaß Sex haben.

Wir wissen nicht, ob diese Tatsache Simon Green in die möglicherweise für ihn spannende Situation versetzt, dass ihm biologisch bewanderte Groupies nachstellen, was wir aber definitiv bemerken können, ist dass sein Pseudonym auch zu seiner Musik passt. Da gibt es keine schrillen, übermäßig lauten Töne, da wird nicht gestritten und gebrüllt, es herrscht höchst zivilisierter und kultivierter kreativer Wohlklang.

Wenn es überhaupt etwas an diesem Album zu bemängeln gibt, dann die Tatsache, dass es durch eins von diesen „And now Ladies and Gentlemen…“-Intros eröffnet wird. Jede Wette, dass Simon Grenn heute, wenn er darauf angesprochen würde, selbst mit den Augen rollen würde – sowas war schon Anfang des Jahrtausends nicht mehr wirklich rasend hip, um es mal gnädig zu formulieren. Aber wegen knappen 50 Sekunden Intro muss man nicht ernsthaft Punktabzüge in Betracht ziehen.

Schon in „Sleepy Seven“ wird dann klar, dass man bei Bonobo immer damit rechnen kann, dass man in dem Moment, in dem man den Kopfhörer aufsetzt und auf Play drückt, in einen richtig schönen Zustand versetzt wird, in dem Entspannung lebendig ist, Ruhe belebend, und das Gleichgewicht alles andere als statisch ist. So relaxt seine Drum Tracks auch sein mögen, sie kennen keinen Stillstand, so harmonisch sein Umgang mit Bässen, Piano, Synthesizern auch sein mag – schnöde vordergründige Lieblichkeit ist nicht zu befürchten.

Die verwendeten Vocal Samples rücken nie so weit in den Vordergrund, dass sie zu mehr als einem integriert wirkenden Element des Stücks werden – wie überhaupt die Verwendung von Samples bei Simon Green zu keinem Zeitpunkt die Vermutung nahelegt, dass er ihrem Reiz erliegen könnte und sie zu mehr zu machen als etwas, das das musikalische Konzept trägt. Anders formuliert – er hat einfach das Format, das es braucht, um einen Sampler tatsächlich als Musikinstrument zu verwenden.

„Dinosaurs“ ist im Vergleich zum Opener etwas schwergewichtiger, passenderweise. Die Drums massiver, der Bass voluminöser, die Samples dramatischer. Gute Hör-Musik mit feinen Harmonien und spannendem Arrangement. „Kota“ basiert auf einem Loop einer akustischen Gitarre, passend unterstützt von Streichern und einem für Bonobos Verhältnisse geradezu im Uptempo Bereich angelegten Drum Track. Und schon jetzt gilt es, der überaus feinen Auswahl an Sounds und Samples Anerkennung zu zollen – was immer Simon Green zusammenstellt, es passt einfach, ohne in Gefälligkeit zu enden.

Das gilt in besonderem Maße für „Terrapin“, dem wohl bekanntesten Stück dieser Debüt LP – es landete auf dem einen oder anderen Sampler und mauserte sich zu einem richtigen kleinen Hit. Tatsächlich ist dieses Stück von so unwiderstehlichem Liebreiz, dass man sich fühlt, als wäre man gerade von einem besonders schönen Tag umarmt worden. Wohlig, friedlich, mit hübschem Sitar Thema, herrlich zurückhaltender Percussion, dezenten Synths – das ist so hinreißend, dass man selbst dann auch den Tag umarmt.

Und es geht richtig gut weiter. „The Plug“ glänzt mit feinem Bass Thema, schönem E-Piano, lässigem Elektro-Beat und einer cleveren Melodie, die später dann elegant von Streichersätzen untersützt wird. Höchste Entspannung auf ebenso hohem Niveau. Den Track gibt es auch noch als Quantic Remix, auch sehr zu empfehlen. „Shadowtricks“ folgt dann in etwas mysteriöserem Gewand und im Dreivierteltakt, und zeigt, welch breites stilistisches Spektrum Simon Grenn schon auf diesem ersten Album zur Verfügung hat.

Dieser Teil des Albums hört sich denn auch an, als wäre Simon Green irgendwie mit DJ Food oder anderen Protagonisten des Ninja Tune Labels verwandt. Tatsächlich wurde „Animal Magic“ ursprünglich auf TruThoughts veröffentlicht, ein Jahr später dann im größeren Stil auf Ninja Tune. Auch „Gypsy“ und „Sugar Rhyme“ liegen etwas näher am abstrakten Hip Hop von 9 Lazy 9 oder DJ Vadim.

Mein persönliches Highlight aber ist der Abschluss dieses Albums, „Silver“. Eröffnet von einem fast schon als funky zu bezeichnenden E-Piano-Thema und ein paar Streichern, legt uns Simon Green auf einmal einen Beat hin, der an dynamischer Eleganz und klug gesetzter Treibkraft kaum zu überbieten ist. Großartig gesetzte, fein elektronisch veredelte Bläser Licks ergänzen das Spiel, das mehrmals in wehmütigen Breaks spannend gehalten wird.

Das ist vermutlich einer der interessantesten Aspekte der Musik von Simon Green – bei aller Entspanntheit und Zivilisiertheit fehlt es nie an Dynamik, an Bewegung, an der richtigen Dosis Vortrieb. Vor allem aber schafft dieses Album das, was man im Idealfall von einem Downtempo Heroen erhoffen darf – dass man sich exzellent unterhalten fühlt und es einem beim Hören richtig gut geht. Magic.

BONOBO – ANIMAL MAGIC – TRU THOUGHTS / NINJA TUNE – ZEN 63 – 9/10

ceivercool

Auf ycoolen Abwegen

Eigentlich ist eigentlich ja ein echt ätzendes Wort. So etwas die die kürzeste Variante des sich mal so rein gar nicht festlegen wollens. Ausflucht, Ausrede, Ausweichmanöver. Aber manchmal braucht man so ein eigentlich wirklich. So ein ganz dickes fettes sogar. Wie bei dem Ding hier. Denn EIGENTLICH hat Jiri.Ceiver – sein bürgerlicher Name ist Arno Paul Jiri Kraehahn – Mitte der 90er ziemlich derbe Techno Sachen gemacht. Harthouse Style eben. Ich persönlich fand das Label ja bei aller Würdigung der Pionierarbeit teilweise echt schwer zugänglich, um es mal nett zu formulieren. Aber man muss anerkennen, dass sie stilistisch durchaus viel Offenheit gezeigt haben und dabei manchmal echte Perlen hervorbrachten.

„Ycool“ zum Beispiel. Ich weiß nicht, wie viel Airtime Harthouse so auf Viva hatte in dieser Zeit – aber dieses Stück war da zu sehen, wie man leicht auf Youtube herausfinden kann. Und wenn man nicht genau wüsste, dass das genau dieser Jiri.Ceiver ist, und das tatsächlich auf Harthouse raus gekommen war, dann würde man sich die Augen reiben und denken, dass irgend ein Vollidiot die Tapes verwechselt hat, oder zumindest kräftig bei der Geschwindigkeit daneben gelangt hat.

Denn die Originalversion „Ycool – Jiri. vs. Jinks“ ist so gar nicht schnell, so gar nicht Techno, so rein gar nicht elektronisch, sondern eigentlich ein schwer schleppender dreckiger Blues. Zumindest ist das eine Beschreibung, die dem, was man da hört, am nächsten kommt. Ein bis in die langsamste Zeitlupe runtergedrehter und zementschwer schleppender Drum Beat, eine arschcoole Bassline und ein paar clever rein editierte Bluesgitarren, angereichert mit Sprachsamples, die den bekifften Gesamteindruck noch mal verstärken – man muss sich ernsthaft fragen, was man alles anstellen muss, um mit so einem dreckigen Bastard Blues daher zu kommen.

Vermutlich wäre mir dieses Stück nie aufgefallen, wenn nicht die großen Downbeattrüffelschweine von Boozoo Bajou das Ding auf ihren „Juke Joint“ Sampler geholt hätten. In einer ohnehin schon großartigen Auswahl war das die mit Abstand feinste Empfehlung. Und mit ein bisschen Glück fand ich die 10″ dann auch noch auf Ebay. Die Freude war groß.

Eigentlich (ja klar, jetzt wo ich nen Grund hab, hol ich gleich die Zehnerpackung eigentlich raus) hat so eine 10″ zwei Seiten. Aber eigentlich hätte hier auch eine gereicht. Seite zwei bietet zum gleichen Stück noch Russ Gabriel’s 12 Bar Desert Mix. Nur – nach so einer ultrafetten Portion Coolness auf Seite 1 hat der gute Russ nicht wirklich eine Chance. Sein Versuch, das Ganze ins Gegenteil zu verkehren und den Beat als Drum&Bass Version zu verdoppeln, ist sicher nicht dumm, und die edlen Rhodes Akkorde sind auch nicht verkehrt, aber klar, viel mehr als registrieren wird man die zweite Seite nicht.

Ist auch egal. Way fucking cool, die Nummer. Also das Original. Seite 1. Und nicht den Fehler machen und dem Aufdruck auf dem Label Glauben schenken. Bei Harthouse hat man wohl gedacht, das ist ne langsame Nummer, die läuft auf 33. Aber so langsam ist sie nun auch wieder nicht. Das Ding läuft auf 45. Und wie.

JIR.CEIVER – YCOOL 10″ – HARTHOUSE – 28186.0015.0 – 7/10

Ada – Blondie

adablond

Frau Dippel und die Abteilung Melodie

Es gibt viele Gründe, warum man so rund um 2005 das Areal Label gern hatte. Irgendwie fügten sie dem Kölner Labelleben eine weitere intellektuell-spielerische Komponente hinzu, ließen sie mehr Spielerei zu, mehr Schwelgen, mehr Emotion und Melodie. So ein wenig war das auch nötig. Vieles in der Minimal Szene war ein wenig zu ernst, ein bisschen zu sektiererisch. Sicher auch ein wenig zu männlich, so gesehen, auch wenn es sicher ein paar Vorzeigefrauen im Techno gab, aber kaum eine, die dem Ganzen eine wirklich dezidiert weibliche Note gab.

Aber auch da gab es bei Areal die ideale Antwort – Michaela Dippel alias Ada. Von Anfang an war das, was sie für Areal produzierte, ein wenig verträumter, freundlicher und charmanter als alles andere. Gut, vielleicht ist es auch ein klein wenig so, dass sie einfach nur ein wenig mehr den männlichen Vorstellungen dessen entspricht, was wir als weiblich empfinden. Trotzdem – schon ihre erste 12″ „Blindhouse“ war einfach viel zu gut, als dass man da von einem machismogetriebenen Mädelvorsprung hätte reden können.

Und auch das erste Album hat eine Fülle richtig schöner Vorzüge, von denen viele auch mit dem Label der Weiblichkeit gar nichts zu tun haben. Vieles hat einfach nur damit zu tun, dass Ada eine recht eigene Art hat, ihre Stücke aufzubauen, und dass sie nicht direkt auf Charme und Betörung setzt, sondern häufig das, was ihre Stücke so besonders macht, erst nach vier oder fünf Minuten präsentiert. Ada ist nicht so eine, die gleich die Kerle umkippen lässt, wenn sie in den Raum kommt, sondern erst im Laufe des Abends die intelligenteren unter den Jungs zu späten, aber um so überzeugteren Anhängern macht. Mühelos sogar.

„Eve“ ist ein prima Beispiel dafür. Netter knarzender Synth, schöne warme Bassdrum,  ein nettes kleines Keyboardspiel und die effektverschleierte Ada, die uns sagt, wir mögen unsere Augen schließen und die Lippen anfeuchten. Wer will da bitte widersprechen? Vor allem wenn es so insistierend wiederholt wird. So wippen wir erwartungsfroh mit, freuen uns über feine Rhythmusarbeit und schöne Keyboard Akkorde, und denken, was für eine nette die Frau Dippel ist. Und dann kommt die völlig unerwartete Erlösung, in Form eines richtig knalligen Synthgitarrenriffs, das aus dem netten Groover noch eine richtig dicke Tanznummer macht. Nix küssen. Dancefloor.

Und wenn wir schon mal auf der Tanzfläche sind, dann bleiben wir auch gleich da, bei „Cool My Fire (I’m Burning)“. Ein Stück, das anfangs ein bisschen Deep House in sich trägt, nur mit deutlich mehr Hihat Schub, das dann Stück für Stück angereichert wird, bis man nicht mehr weiß, ob das House, Electro, Minimal oder Techhouse ist, oder eben alles zusammen. Auch das kann Ada prima. Einfach alles zusammenwerfen und richtig gute elektronische Musik machen, die keiner stilistischen Einordnung bedarf.

Auf Seite zwei werden wir gleich wieder verzaubert. „The Red Shoes“ fängt mit einem recht unspektakulären Beat an, schiebt einen verfremdeten Tiersound auf den Takt und legt eine fast schon nervend verzerrte Synth Minimalmelodie dazu – und kurz bevor es zu nervig wird, kommt diese unglaublich feine und herrlich breit angelegte Keyboard Melodie, die dich einfach sofort für sich gewinnt. Das ist unverschämt einfach, irrsinnig charmant, Lächeln unumgänglich. Zwischendurch wird mit ein paar Gesangssamples gespielt – aber letzten Endes will man immer wieder diese hübsche kleine Melodie hören und sich freuen. Das ist eigentlich feinste Popmusik, nur ohne peinliche Texte.

Im Anschluss ist „Livedriver“ schon ein wenig bissiger. Knarzend und bullernd der Bass, treibende Synth Loop, 909er Style Claps, man merkt, dass Frau Dippel auch anders kann, wenn ihr danach ist. Vor allem – sie kann singen, und sie weiß wie sie das idealerweise zu solchen Beats zu machen hat. Die vollen Synth Bells passen auch prima dazu – das ist vielleicht nicht gerade der Höhepunkt des Albums, aber hübsch effektiv.

Es ist schon interessant, wie Ada manchmal wirklich alles versucht, um nicht gleich geliebt zu werden. „Our Love Never Dies“ beginnt beispielsweise gar nicht so richtig liebevoll, sondern echt knarzig und fast abweisend. Das blubbert und rotiert tiefelektronisch, bis man denkt, da bewegt sich gleich gar nichts mehr, dann ein wirklich ohrfeigenmäßig klatschender und batschender Beat und ein paar deutlich neben den Rhythmus gelegte elektronische Warnmeldungen und Acid tropfende Zwischenbemerkungen. Minutenlang kämpft man sich hier durch die Beziehung zur Frau Dippel und fragt sich, ob das gut enden kann.

Immer wieder wird der Beat neu aufgenommen, wieder ausgedünnt, neu angeschoben. Dann öffnet sich das Stück ein wenig, mit ein bisschen Keyboard im Hallraum – eine von Adas Minimal-Melodien lässt hoffen, während es weiter fiept und farzt. Tatsächlich ist diese kleine Vier-Ton-Melodie mit ein paar unschuldigen Akkorden das, was die Liebe leben lässt – man kann sich tatsächlich vorstellen, dass Ada immer so weiter machen könnte, und es irgendwann richtig lieblich werden würde. Sie macht es der Liebe nicht leicht, die Ada. Aber darum verfliegt sie auch nicht so schnell.

Sie kann es sich eh leisten. Denn „Each And Everyone (Blindhouse)“ – eine überarbeitete Version ihres feinen Hits – lässt in Sachen Charme so rein gar nichts aus. Schöne Akkorde, ein sanfter House-Beat und ein paar fast kindliche Keyboard-Töne bieten einen perfekten Hintergrund für die schwärmerische Ada-Variante des Everything But The Girl Stücks. Wie anstrengend auch immer „Our Love Never Dies“ die Schwierigkeiten, die selbst die unendlichste Liebe mit sich bringt, hat klingen lassen mögen – „Blindhouse“ entschädigt mit ebenso endloser Harmonie.

Für „Les Danseuses“ holt Ada wieder ihren bassschweren eins-zwei-Rhythmus hervor, um ihn mit richtig dicken Synth Waves und leicht angedubten Akkorden zu garnieren – fast schon ein bisschen Retro. Eine Option für die frühen Morgenstunden, die aber angesichts der Perlen, die dieses Album sonst zu bieten hat, fast ein wenig untergeht.

Da bleibt uns das abschließende „Maps“ schon eher in Erinnerung. Auch dies ist ein Cover – das Original stammt von den Yeah Yeah Yeahs. Anfangs völlig ohne Drums, nur mit der warmherzigen Stimme Adas über breiten Synthakkorden und einem ebenso vollen Bassthema gibt sie dem Stück eine ganz ganz große Umarmung, die dann mit einem weiteren ihrer feinen Drumbeats an uns alle weitergereicht wird. Viel schwärmerischer und optimistischer kann man dieses ohnehin sehr von unbeeinflussbarer Positivität durchzogene Album gar nicht beenden.

Innerhalb der recht eng gesetzten Regeln des deutschen Minimal- und Techhouse Betriebs ist es nicht leicht, eine ganz eigene Sprache zu entwickeln, einen Sound zu kreieren, der eine klare Erkennbarkeit, eigentlich sogar so etwas wie eine Marke zu erschaffen. Mit ihrem Ada Projekt hat Michaela Dippel das geschafft wie kaum jemand sonst, und „Blondie“ ist der unwiderstehliche Beweis.

ADA – BLONDIE – AREAL – AREAL026 – 8/10

 

alifarkacooder

Lange vor Kuba

Man hat es ihm ja gegönnt, dem Ry Cooder, als er mit dem Buena Vista Social Club Projekt so richtig großen Erfolg hatte. Im Grunde genommen hat er quasi im Alleingang Kuba auf die Weltkarte der Musik gesetzt und einen über Jahre andauernden Trend ausgelöst. Noch heute touren viele der Musiker des Clubs durch die Welt, und es darf gezweifelt werden, ob sie es täten, wenn Cooder nicht irgendwann in den Flieger nach Havanna gestiegen wäre.

Dabei war das kubanische Projekt längst nicht sein erster Ausflug in fremde Kulturen. Schon 1993 reiste er nach Indien und spielte mit Vishwa Mohan Bhatt das wunderbare Album „A Meeting By The River“ ein, das immerhin im Jahr darauf einen Grammy gewann. The Orb zählen es zu ihren 10 Lieblings-Ambient-Platten (auch wenn man definitiv in Frage stellen kann, ob man die Musik dieses Albums Ambient nennen kann).

Ein Jahr später – und drei Jahre vor Buena Vista – machte sich Cooder auf den Weg nach Mali, um dort die ursprünglichen Wurzeln des Blues zu erkunden, und um dort Ali Farka Touré zu treffen, den bei weitem bekanntesten Musiker des afrikanischen Ur-Blues. Im Gegensatz zum indischen Album war Cooder bei diesem Projekt nicht allein am Start. Neben ihm als Produzent und Gitarrist war auch John Patitucci am Bass dabei, sowie der immer gern mitmischende Jim Keltner am Schlagzeug. Und natürlich brachte auch Touré ein paar große Landsleute mit – insbesondere Hamma Sankare und Oumar Touré.

Dass Cooder auch für dieses Projekt mit einem Grammy ausgezeichnet wurde, spricht bereits deutlich für das Album. Gründe gibt es mehr als genug. Da ist zum einen das grandiose Zusammenspiel von Cooder und Touré an ihren diversen Saiteninstrumenten – so harmonisch als wären sie bei der Geburt getrennt worden, selbst wenn keiner von beiden seine individuelle Spielweise groß modifiziert. Da ist die wirklich tolle Produktion, deren Wert kaum zu überschätzen ist. Dieses Album ist so gefühlvoll und auch so anspruchsvoll produziert, dass man die wahre Größe der Musik dieses Teils der Welt erst richtig zu schätzen lernt – selbst wenn man die Arbeit von Ali Farka Touré bereits gekannt hat.

Und da sind natürlich die großartigen Kompositionen, jede einzelne ein hinreißend emotionales Erlebnis, eine zauberhafte musikalische Entdeckung. Touré singt – da muss man mal der Dokumentation glauben, wissen werden wir es nicht können – in vier von den elf Sprachen, die er spricht, und er erweist sich als wahrer Bluesmusiker, wenn auch eben nicht auf die John-Lee-Hooker-Art, die wir damit oft verbinden.

Die Themen haben sogar durchaus echtes Blues Potenzial. „Bonde“ zum Beispiel erzählt, warum es besser ist, manche Frauen nicht zu heiraten. Passender Stoff, ohne Frage. Ein guter Auftakt zum Album –  in eher flotterem Tempo wird das Zusammenspiel der Saiteninstrumente etabliert, ebenso wie die meist sehr dezente perkussive Begleitung. Interessant wird schon hier, dass so rein gar keine weltmusikalische Anbiederung zu spüren ist, dass man nicht einmal ansatzweise dieses Gefühl hat, das einem oft bei derartigen Kooperationen beschleicht, das gleiche komische Gefühl, das man hat, wenn im Touristenhotel die einheimische Tanzgruppe eine Aufführung zum Abendessen darbietet. Auch wenn man Cooder deutlich raushört, man spürt deutlich das Echte, Authentische.

Schon beim zweiten Stück, „Soukora“, kommt großes Entzücken auf – schöne, liebevolle Melodien, leichte und warmherzige Darbietung, einfach umwerfend charmante Einlagen an den Gitarren – man spürt förmlich, dass Ry Cooder diese Zusammenarbeit große Freude bereitet haben muss. „Gomni“ führt uns dann schon ein kleines Stück näher an die langsameren, bluesigeren Spielarten der Musik Malis – und zum ersten Mal holt Cooder auch seine E-Gitarre heraus, natürlich mit Slide, herrlich dezent, und doch ungeheuer präsent. Dass so viel elegante elektrisch verstärkte Gitarre so gut zu diesem Sound passt, ist eine schöne Erkenntnis.

Kleine Zwischenspiele gibt es auch auf diesem Album, traditionelle Hochzeitsmusik, die nur mit Conga, Calabash und Njarka, einer afrikanischen Geige, gespielt wird. Bei diesen Stücken halten sich auch die amerikanische Gäste komplett zurück. „Sega“ ist so ein Stück, das für ein paar Minuten einen kleinen Blick in die Musik des Alltags in Mali erlaubt, später dann noch einmal bei „Banga“.

Einer der absoluten Juwelen dieses Albums findet sich gleich nach dem ersten Hochzeitstanz und heißt „Amandrai“. Endlich sind wir ganz ganz tief im Blues angekommen. Cooder eröffnet, mit ungeheuer sanft angespielten Akkorden, Patitucci und Keltner unterstützen sehr sehr zurückhaltend, und Ali Farka Touré zeigt mit Inbrunst, was Blues auf afrikanisch heißt. Cooder spielt ein herrlich gezogenes, minimalistisches Solo, und man hört Touré, wie er ihn auffordert, noch eine weitere Runde zu drehen. Herrlich. Gut neun Minuten dauert dieses begeisternde und rührende Stück, und es könnte doppelt so lang sein, ohne dass sich irgend jemand beschweren würde. Zauberhaft, in jeder einzelnen Sekunde. Auch ohne dass man sich groß mit Blues beschäftigt hätte, wüsste man – das hier ist das Original.

Danach wird das Tempo wieder etwas angezogen, und man hat wieder etwas mehr das Gefühl, in der Nähe dessen gelandet zu sein, was wir heutzutage als afrikanische Musik verstehen. „Lasidan“ lässt drei Gitarren und einen Bass frei durch den Kontinent jammen, dass es eine wahre Freude ist. Wiederum ist die Leichtigkeit und Spielfreude entwaffnend und regelrecht beglückend. „Keito“ zeigt uns im Anschluss eine weitere Rhythmusvariante und auch eine andere Art des Singens, während im Hintergrund fast indisch anmutende Saiten angeschlagen werden.

Und dann „Ai Du“. Wieder so ein unglaublich langsamer, ungeheuer bewegender Ur-Blues. Clarence „Gatemouth“ Brown ergänzt das Ensemble mit seiner Viola, ein großartiger Geniestreich, zumal man fast glaubt, dass es ein Einheimischer sein muss, der das Instrument bedient. Ry Cooder holt seine Mandoline heraus und legt noch eine Art Solo dazu – es sind noch einmal über sieben Minuten, die einen froh sein lassen, dass all diese großartigen Musiker zusammengekommen sind. Man kann es sich kaum vorstellen, dass dieses Album nicht in Afrika entstanden ist, sondern in Los Angeles. Aber klar – in Mali hätte man einen solch perfekten Sound nicht möglich machen können.

Zum schönen Abschluss gibt es mit „Diabary“ noch einmal herrlich verhalten und behutsam eingespielte afrikanische Wehmut, gewürzt mit ein ganz klein wenig Paris, Texas, und sogar einem Hauch Paris, Frankreich. Ein tolles Finale, weil es auch noch einmal die Schönheit der Moldien in den Gesängen zeigt. Was wäre das für ein zauberhafter Kontinent, wenn ganz Afrika wäre wie dieses Album.

RY COODER & ALI FARKA TOURÉ – TALKING TIMBUKTU – WORLD CIRCUIT – WCD 040 – 9,5/10

 

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Ohne Worte

Es ist mal wieder Zeit für ein Outing. Ich gebe es offen zu. Bevor ich dieses Album hörte, wusste ich nicht, wer oder was Alva Noto ist. Jetzt könnte man schimpfen. Mann, du hörst gern Ambient, du findest Arvo Pärt großartig, hast Minimal gern wirklich minimal – das kann doch nicht dein Ernst sein. Aber ja, das war bis dahin ein weißer Fleck auf meiner musikalischen Landkarte.

Aber zum Glück gibt es ja Ryuichi Sakamoto. Was der so gemacht hat, das verfolge ich schon seit er vor Jahrzehnten mal mit Thomas Dolby zusammen so etwas wie einen Hit hatte. „Field Work“, vom 1986er Album „Illustrated Musical Encyclopedia“. Sakamoto liebt Kooperationen mit anderen Musikern, und sie scheinen alle große Freude an der Zusammenarbeit mit ihm zu haben.

Tatsächlich sind die Ergebnisse auch niemals langweilig. Manchmal sehr fordernd, manchmal aber auch von erstaunlicher Schönheit. Alva Noto passt da durchaus gut dazu, wie ich inzwischen weiß. Carsten Nicolai, eine Hälfte des Raster Noton Labels, veröffentlicht vorzugsweise unter diesem Namen. Und wie es für dieses Label Programm ist, sozusagen vollelektronisch, sehr puristisch, minimal, experimentell – dabei aber durchaus noch nah am Rhythmus. Einer der Labelkollegen von Nicolai ist zum Beispiel Atom TM alias Uwe Schmidt, der mit Burnt Friedman als Flanger unterwegs war und als Atom TM seine eher experimentell-elektronische Seite auslebt (im Gegensatz zur eher unterhaltsamen Seite als Senor Coconut).

Die Freude am Experimentieren und am Ausprobieren neuer Formate und Arbeitsweisen in der Musik ist in jedem Fall eine der Gemeinsamkeiten von Nicolai und Sakamoto, die Einbindung von Design in die Arbeit eine zweite. Raster Noton ist nicht nur für seine sehr ausgewählte Labelarbeit bekannt, sondern auch für exzellentes Design der Produkte – so wie eben auch Sakamoto großen Wert auf deren hochwertige Gestaltung legt.

„Insen“ ist nicht die erste gemeinsame Arbeit der beiden – drei Jahre vor dieser 2005 veröffentlichten CD erschien „Vrioon“. Beide Alben unterscheiden sich primär durch die Art der Zusammenarbeit. Während beim ersten Album die beiden Musiker sich die Versionen mehrfach hin und her sandten, um das jeweilige Stück aus dem gegenwärtigen Zustand in einen neuen zu bringen und so quasi Schicht über Schicht anhäuften, war die Methode bei „Insen“ sehr viel einfacher. Sakamoto spielte auf dem Piano einzelne Stücke ein, die dann von Nikolai elektronisch bearbeitet und ergänzt wurden. Zwei Musiker, zwei Arbeitsschritte, ein Album.

Während in der Konsequenz das erste Album noch recht nah am Ambient lag, ist „Insen“ ein gutes Stück minimalistischer. Nicolai lässt sich im ersten Stück „Aurora“ etwas Zeit, bevor er wirklich deutlich spürbar eingreift. Kleine elektronische Effekte, kleinste Hinzufügungen und Veränderungen. Doch dann kommen seine sehr warmen, tiefen Bässe, die im Gegensatz dazu fast kühl wirkenden, und doch nicht kühl eingearbeiteten, extrem klaren Sounds, dann nah und doch verteilt im Stereoraum schwingende volle Bassdrums – es ist interessant, wie einerseits das generös mit Hall belegte Piano Sakamotos viel Raum einnimmt, die Hinzufügungen von Nicolai mindestens ebensoviel Raum erschaffen, und obwohl diese Räumlichkeiten sich nicht zu überschneiden scheinen, entsteht eben doch eine musikalische Einheit.

In „Morning“ wird das Spiel ein wenig umgekehrt – erst ist es Nicolai, der mit fein gesponnener Elektronik den Morgen begrüßt, dann Sakamoto, der mit einzelnen Noten die friedlich stille Ereignislosigkeit des kaum begonnenen Tages beschreibt. Man fühlt fast den Nebel über dem See hinter dem Haus in dem Hauch von Licht, das der aufgehenden Sonne vorweggeschickt wird.

„Logic Moon“ zelebriert einen von Nicolai auf diesem Album gern eingesetzten Effekt – indem er einzelne Töne in schnellen Folgen wiederholt und durch ein elektronisches Einsetzen verfremdet, hört sich ein Teil des Pianospiels von Sakamoto immer mal wieder an, als würde der CD Spieler hängen, aber irgendwie eben auch nicht, weil andere Elemente „fehlerfrei“ darunter und darüber liegen, und weil der Effekt rhythmische Qualitäten hat, und weil er aushallt und wie ein Echo funktioniert. Eine Verfremdungsebene auf einem weiteren Beispiel für Sakamotos entrückend schönes Spiel.

Es gibt erstaunlich viele interessante Variationen des Zusammenspiels. „Moon“ hat sich schnell wiederholende elektronische Sequenzen, die an Kölner Minimal Anfänge erinnern, die von kontemplativen, reflektierenden Piano Akkorden begleitet werden. In „Berlin“ holt Nicolai die tiefsten, wärmsten und voluminösesten Bassdrums (sind das noch Drums?) heraus, deuten einen Rhythmus eher an als dass sie ihn spielen würden. „Iano“ wiederum lässt viel Raum für spannende rhythmische Variationen, begleitet von einem fast an „Music For Airports“ erinnernden Sakamoto.

Am Ende des Albums gibt es dann mit „Avaol“ noch eine knapp dreiminütige Zugabe, die sehr leise Akkorde eines imaginären Instruments zu spielen scheint, federleicht, luftig, feenhaft, flüchtig, wie eine Melodie, die aus unendlicher Ferne zu uns durchdringt.

„Insen“ ist ein wirklich beeindruckendes Resultat einer Kooperation zweier echter Innovatoren, die gleichzeitig große Künstler sind, und sehr deutlich in der Lage sind, die Arbeit des jeweils anderen zu verstehen und etwas hinzuzufügen, das dem Wesen dessen, was der andere erschaffen hat, entspricht. Das Resultat ist Schönheit, die elektronisch zerteilt und neu zusammengefügt wird, wodurch aber der Schönheit kein Schaden zufügt wird, sondern sie in einen anderen Zustand der Schönheit überführt wird. Bei aller Verfremdung, die Nicolai dem, was Sakamoto ihm gibt, hinzufügt, bleibt das Resultat immer eine authentische Variante des Originals.

Das mag sich kompliziert und theoretisch anhören. Aber nur, wenn man es liest. Wenn man es hört, wird es deutlich. Ohne Worte.

ALVA NOTO & RYUICHI SAKAMOTO – INSEN – RASTER-NOTON – R-N 65 – 9/10

Cat-Power-You-Are-Free

Ich spar mir jetzt die Headline mit der Frauenpower

Gleich mal vorweg: Dieses Album ist nicht eben typisch für das, was in meinen Regalen steht. Es ist die einzige CD dieser Künstlerin, und auch sonst ist die Zahl der Alben von so genannten Songwritern recht gering. Man kann ja nicht alles toll finden. Nicht falsch verstehen – ich hab vieles in der Sammlung, das ich weniger schätze als „You Are Free“, und die wenigen Werke von Menschen, die gern Lieder singen, habe ich natürlich nicht versehentlich erstanden. Alben aus Genres, die man sonst eher umgeht, kauft man sicher bewusster als Alben aus der Ecke, in der man eh so gut wie alles ins Regal stellt.

Oder mit anderen Worten: Fehlkaufwahrscheinlichkeit im bekannten Territorium tatsächlich höher als dort, wo man mit Skepsis hin schaut. Charlyn Marie Marshall, auch Chan genannt, ist insofern eine durchaus bewusste Ausnahme von der Regel gewesen. Das kann ich ganz beruhigt sagen, denn in den Jahren vor dem Erscheinen dieses Albums 2003 waren schon so einige weibliche Stars durchgereicht worden, deren CDs sicher heute etwas weniger würdevoll im Regal stünden.

Cat Power hieß ursprünglich die Band, in der Frau Marshall sang – da die Band aber irgendwie ständig eine andere war, wurde der Name immer mehr zu einem Eigennamen der Sängerin selbst. Ursprünglich aus Atlanta stammend, hatte sie bis zu Ihrem Umzug nach New York – da war sie gerade 20 – schon so einiges erlebt. Drogen, Alkohol, ein an Aids gestorbener Freund, und noch so einiges mehr. Man könnte sagen – ideale Voraussetzungen für eine Karriere im Musikgeschäft.

Mag sich zynisch anhören, aber im Grunde steckt insbesondere bei Cat Power ein gewisses Maß an Wahrheit drin. Wer viel erlebt hat, hat viel zu erzählen. Das merkt man auch auf diesem Album. Gleich 14 Songs hat sie hier anzubieten, und man hat den Eindruck, dass sie quasi alles, was sie an Material hatte, auf diese CD geworfen hat, ohne groß zu sortieren. Sicher wären 1o auch okay gewesen, und vielleicht wäre das Album dann noch besser geworden – manchmal ist weniger tatsächlich mehr.

Gern wird bei Sängerinnen wie ihr das alte hört-sich-an-wie-Spiel gespielt. Oder auch mal das anders-als-Spiel. So wie in völlig anders als Liz Phair, für die sie im Vorprogramm auftrat, und gegen die Cat Power deutlich mädchenhafter wirkt. Wie in ähnlich wie Joni Mitchell, vor allem im ersten Stück. Und so weiter. Da habe ich einen Vorteil und einen Nachteil zugleich, nämlich dass ich zu wenig über all die zum Vergleich herangezogenen Damen weiß, um mitzuspielen. Ich hör die Musik und bilde mir meine Meinung. Es geht durchaus auch ohne Vergleich.

Ja und was hör ich da? Was hat mich denken lassen, dass es eine gute Idee wäre, diese CD zu besitzen? Ein Punkt ist sicher, dass das, was ich da zu hören bekam, in meinen Ohren konsequenter und ehrlicher ankam, weit weniger aufgesetzt als zum Beispiel – man möge mir diesen Vergleich verzeihen – das, was man ein paar Jahre vor diesem Album von Frau Morissette zu hören bekam. Cat Power hat mehr zu bieten, da ist mehr, mit dem man sich beschäftigen kann. Etwas weniger Pop, etwas weniger Pose, etwas weniger Hauruck.

Dazu kommt, dass die Produktion auf diesem Album zwar sehr auf spärliche Instrumentierung setzt, dabei aber erfreulich variantenreich daher kommt. Mal sind die Gitarren akustisch, mal elektrisch, mal mädchenhaft, mal Neil Young. Es gibt viele schöne Hooks und Riffs, viele feine Melodien, und das häufig genutzte Stilmittel, Cat Power mit sich selbst im Chor singen zu lassen, hat Charme. Mal sitzen wir am Lagerfeuer, mal kommt ein wenig Punk Minimalismus durch, auf „Good Woman“ sogar ein wenig Country, und das funktioniert richtig gut.

Ein weiterer Vorteil: Frau Marshall hat einfach eine richtig gute Stimme, und das ohne dass man das Gefühl hätte, dass sie sich groß anstrengen müsste. Nicht jede Stimme ist gut genug, um sie über mehr als ein Dutzend Stücke tragen zu lassen, in denen oft nur ein Piano oder eine Gitarre begleitet. Sie hat viel natürliche Präsenz, so viel sogar, dass man ihr Eddie Vedder an die Seite stellen kann und er so rein gar nicht die Show stiehlt. Nicht nur Vedder erlag gern ihrem Charme, auch Dave Grohl ließ es sich nicht nehmen, auf zwei Stücken dieses Albums das Schlagzeug zu bedienen. Ganz dezent natürlich.

Wenn man weiß, was sie in ihren ersten zwei Lebensjahrzehnten erlebt hat, wundert man sich auch nicht, dass hier und da die Themen recht drastisch werden – auf diesem Album vor allem bei „Names“, in dem in fünf Strophen die brutalen Schicksale von fünf Kindern erzählt werden. So wie die Namen und Geschichten teilweise nur mit Mühe in die Verse passen, muss man vermuten, dass in diesen Worten durchaus auch Dinge aus ihrer Kindheit und Jugend verarbeitet werden.

Auch für Chan Marshall ist es nicht wirklich rasend gut ausgegangen. Alkohol, Drogen, psychische Probleme – in der Folge Auftritte, bei denen sie bald mehr redete als sang, bis Kritiker anmerkten, dass man einen Auftritt von Cat Power kaum als Konzert bezeichnen könne. Abgesagte Touren aus teilweise etwas seltsamen Gründen kamen hinzu. Immerhin: 2012 stieg ihr bisher letztes Album so hoch in den Charts ein wie keines der Vorgängeraleben, inklusive diesem. Es sei ihr wirklich von Herzen gegönnt.

CAT POWER – YOU ARE FREE – MATADOR – OLE 427-2 – 6,5/10

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Der Erfinder. Jedenfalls so ziemlich.

Brian Eno hat da eine klare Meinung. Er hat Ambient erfunden. Keine Sorge, wir fangen hier keine Grundsatzdiskussion an. Zum einen ist hinreichend dokumentiert, dass auch vor Eno schon ein paar Musiker mit Vorläufern dessen, was Eno dann Ambient nennt, experimentier thaben, zum anderen hat keiner dieser Musiker das Konzept als solches definiert und dokumentiert – und schon gar nicht mit einer Reihe von vier Alben manifestiert. Das hat Eno. Und „Ambient 1“ ist einfach der Anfang von Ambient, egal wie man es dreht und wendet.

Vier Stücke, einfach nur „1/1“, „2/1“, „1/2“ und „2/2“ genannt (zwei LP-Seiten, je zwei Stücke eben, CDs gabs erst sehr viel später). In der Art der Produktion identisch – Eno nahm etwas auf, schickte es durch ein Tape Delay, und ließ so theoretisch endlose Loops laufen. Vielleicht etwas arg simplifiziert formuliert – ein Signal wird in das Delay Instrument geschickt, wird dort gespeichert, und nach einer vom Produzenten eingestellten Zeit erneut wiedergegeben.

Eno hatte anfangs tatsächlich die Idee, dass diese Musik in endlosen Schleifen an Orten gespielt wird, an denen Menschen durch die Wiedergabe dieser Musik die Hektik und der Stress genommen wird. In den 80ern wurde dieses Album sogar für eine Weile im Marine Air Terminal am New Yorker LaGuardia Flughafen gespielt.

Es gibt verschiedene Geschichten, wie Eno darauf gekommen sein soll. Die eine besagt, dass er kurz vor dem Erscheinen eines anderen Albums („Discreet Music“) wegen eines Autounfalls längere Zeit im Krankenhaus gelegen hat und dort auf die Idee kam, als die Beschallung mit klassischer Harfenmusik ihm nicht ganz genehm war.

Die andere Geschichte besagt, dass er einige Stunden unfreiwillig am Flughafen Köln/Bonn festgesessen haben soll und sich dort sehr über die Geräuschkulisse geärgert habe. Beides stimmt wohl – denn eines der Stücke von „Discreet Music“ soll auf Entbindungsstationen ein echter Hit (gewesen) sein, und der Titel dieses Albums bestätigt die tatsächliche Intention Enos, Musik für Flughäfen zu komponieren.

Es ist interessant, wenn man sich im Internet anschaut, wie manche dieses Album kommentieren. Für manchen wird es schnell zu „langatmig“. Interessante Einschätzung, vor allem im historischen Kontext, mit endlosen Loops an öffentlichen Orten und so. Natürlich – man könnte sich durchaus fragen, warum nun beispielsweise „1/1“ exakt 17:25 Minuten lang ist und nicht beispielsweise 13:46. Aber das ginge dann schon recht nahe an eine Diskussion, in der man sich vor einen Jackson Pollock stellt und wirklich darüber reden will, ob man das nicht auch könnte. Oder das Nachbarskind.

Gerade „1/1“ ist in seiner himmlischen Ruhe aus einfachen, in der Tat unglaublich beruhigenden Piano Themen, Glockentönen und Synthesizerräumen kaum kürzer denkbar. Eno wird ganz sicher am besten gewusst haben, wann das Stück seine Wirkung entfaltet hat, wann es seinen Zweck erfüllt hat. Noch viel plausibler ist aber die technische Erklärung, denn die Elemente, aus denen die Stücke bestehen, werden einzeln in Loops geschickt und jedes einzelne hat ihr eigenes Timing, so dass die Wiederholung der Elemente in unterschiedlichen zeitlichen Intervallen stattfindet. Eno sagte selbst, dass diese Titel Momentaufnahmen seien, und dass eben manchmal mehrere Elemente gleichzeitig erklingen, manchmal separat, je nach dem, wie die Intervalle eben kommen. Heißt: Eno wird sich den Zeitraum ausgesucht haben, der dem, was er sich vorstellte, am ehesten entsprach.

„2/1“ besteht ausschließlich aus einzelnen Chorstimmen, die auf eben diese Weise in die Loop geschickt wurden, teilweise mit einem Delay von fast einer halben Minute. Der Effekt, der sich durch die unterschiedlichen Stimmen und die unterschiedlichen Delay Zeiten ergibt, ist der von sich ständig verändernden Stimmkombinationen, eines im Prinzip zufälligen Chores. Das Erlebnis hingegen klingt keineswegs nach Zufälligkeit, sondern nach einem himmlischen, gänzlich zeitlosen und nicht an Regeln gebundenen Chor, dessen Stimmen in immer neuen Kombinationen und Abfolgen ein musikalisches Erlebnis schaffen, das mit herkömmlichen Arten, Musik zu erleben, wunderbar wenig zu tun hat.

Für „1/2“ setzt sich Eno wieder an das Piano, dieses mal kombiniert mit den Chorstimmen, die wir bereits in „2/1“ gehört haben. So weit es sich beurteilen lässt, sind aber hier keinesweg die beiden Aufnahmen der ersten Seite einfach kombiniert worden, sondern auch hier alle Elemente auf eine erneute Reise durch das Delay geschickt worden, um ein neues, einzigartiges Zusammenspiel zu erschaffen.

Das letzte Stück, „2/2“, variiert die Aufnahmetechnik noch einmal, indem hier ausschließlich Sounds vom ARP 2600 Synthesizer verwendet werden. Auch hier ergibt sich durch die unterschiedlichen Delay Zeiten eine absolut einzigartige Sequenz praktisch zufälliger Notenfolgen, und wie bei „2/1“ ein Klangerlebnis, das die eigentliche Zielsetzung von Ambient, nämlich Menschen den Stress, die Last zu nehmen, ihnen eine akustische Umwelt zu geben, die sie entspannt sein lässt, perfekt umsetzt.

„Ambient 1“ markiert die Geburt des Ambient. Alles, was danach kam, wurde an diesem Album gemessen, und kaum etwas kam auch nur annähernd an die Größe dieses Werks heran, nicht einmal Eno schaffte es – mit der Ausnahme der Apollo Soundtracks, wenn man sie als Ambient bezeichnen möchte. Erst sehr viel später gab Wolfgang Voigt mit seinem Projekt Gas und dem Album „Pop“ Ambient eine neue Dimension. 22 Jahre nach „Music For Airports“, im Jahr 2000. Es gibt nicht viele Alben, die wirkliche Meilensteine in der Geschichte der modernen Musik sind – das hier ist ein ganz großer.

BRIAN ENO – AMBIENT 1: MUSIC FOR AIRPORTS – VIRGIN – 7243 8 66495 2 2 – 10/10