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Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

Es ist inzwischen leicht, und auch ein wenig hip geworden, Bonobo prima zu finden. Mehr als andere hat er das Kunststück vollbracht, aus einer Nische herauszuarabeiten, in der eher die Namen von Compilation Serien bekannt sind als dass es die Namen der Interpreten wären. Gut ein halbes Dutzend Alben hat er inzwischen veröffentlicht, jedes von ihnen gelobt, gemocht, und sicher auch vergleichweise gut verkauft.

2001 war es, als dieses Debütalbum veröffentlicht wurde, und ich hatte damals die Gelegenheit, Simon Green – so heißt der Mann hinter dem Namen Bonobo – zu interviewen. Ein wirklich ungewöhnliches Erlebnis, denn ich habe selten so einen höflichen, bescheidenen und freundlichen Musiker erlebt. Ein im erfreulichsten Sinne zivilisierter Mann, und so gesehen passt auch sein Künstlername, denn Bonobos sind die klugen Brüder der Schimpansen, höchst friedliche Menschenaffen, bei denen männliche und weibliche Tiere gleichberechtigt sind, und die, so sagt man, so ziemlich die einzigen Tiere sind, die einfach nur zum Spaß Sex haben.

Wir wissen nicht, ob diese Tatsache Simon Green in die möglicherweise für ihn spannende Situation versetzt, dass ihm biologisch bewanderte Groupies nachstellen, was wir aber definitiv bemerken können, ist dass sein Pseudonym auch zu seiner Musik passt. Da gibt es keine schrillen, übermäßig lauten Töne, da wird nicht gestritten und gebrüllt, es herrscht höchst zivilisierter und kultivierter kreativer Wohlklang.

Wenn es überhaupt etwas an diesem Album zu bemängeln gibt, dann die Tatsache, dass es durch eins von diesen „And now Ladies and Gentlemen…“-Intros eröffnet wird. Jede Wette, dass Simon Grenn heute, wenn er darauf angesprochen würde, selbst mit den Augen rollen würde – sowas war schon Anfang des Jahrtausends nicht mehr wirklich rasend hip, um es mal gnädig zu formulieren. Aber wegen knappen 50 Sekunden Intro muss man nicht ernsthaft Punktabzüge in Betracht ziehen.

Schon in „Sleepy Seven“ wird dann klar, dass man bei Bonobo immer damit rechnen kann, dass man in dem Moment, in dem man den Kopfhörer aufsetzt und auf Play drückt, in einen richtig schönen Zustand versetzt wird, in dem Entspannung lebendig ist, Ruhe belebend, und das Gleichgewicht alles andere als statisch ist. So relaxt seine Drum Tracks auch sein mögen, sie kennen keinen Stillstand, so harmonisch sein Umgang mit Bässen, Piano, Synthesizern auch sein mag – schnöde vordergründige Lieblichkeit ist nicht zu befürchten.

Die verwendeten Vocal Samples rücken nie so weit in den Vordergrund, dass sie zu mehr als einem integriert wirkenden Element des Stücks werden – wie überhaupt die Verwendung von Samples bei Simon Green zu keinem Zeitpunkt die Vermutung nahelegt, dass er ihrem Reiz erliegen könnte und sie zu mehr zu machen als etwas, das das musikalische Konzept trägt. Anders formuliert – er hat einfach das Format, das es braucht, um einen Sampler tatsächlich als Musikinstrument zu verwenden.

„Dinosaurs“ ist im Vergleich zum Opener etwas schwergewichtiger, passenderweise. Die Drums massiver, der Bass voluminöser, die Samples dramatischer. Gute Hör-Musik mit feinen Harmonien und spannendem Arrangement. „Kota“ basiert auf einem Loop einer akustischen Gitarre, passend unterstützt von Streichern und einem für Bonobos Verhältnisse geradezu im Uptempo Bereich angelegten Drum Track. Und schon jetzt gilt es, der überaus feinen Auswahl an Sounds und Samples Anerkennung zu zollen – was immer Simon Green zusammenstellt, es passt einfach, ohne in Gefälligkeit zu enden.

Das gilt in besonderem Maße für „Terrapin“, dem wohl bekanntesten Stück dieser Debüt LP – es landete auf dem einen oder anderen Sampler und mauserte sich zu einem richtigen kleinen Hit. Tatsächlich ist dieses Stück von so unwiderstehlichem Liebreiz, dass man sich fühlt, als wäre man gerade von einem besonders schönen Tag umarmt worden. Wohlig, friedlich, mit hübschem Sitar Thema, herrlich zurückhaltender Percussion, dezenten Synths – das ist so hinreißend, dass man selbst dann auch den Tag umarmt.

Und es geht richtig gut weiter. „The Plug“ glänzt mit feinem Bass Thema, schönem E-Piano, lässigem Elektro-Beat und einer cleveren Melodie, die später dann elegant von Streichersätzen untersützt wird. Höchste Entspannung auf ebenso hohem Niveau. Den Track gibt es auch noch als Quantic Remix, auch sehr zu empfehlen. „Shadowtricks“ folgt dann in etwas mysteriöserem Gewand und im Dreivierteltakt, und zeigt, welch breites stilistisches Spektrum Simon Grenn schon auf diesem ersten Album zur Verfügung hat.

Dieser Teil des Albums hört sich denn auch an, als wäre Simon Green irgendwie mit DJ Food oder anderen Protagonisten des Ninja Tune Labels verwandt. Tatsächlich wurde „Animal Magic“ ursprünglich auf TruThoughts veröffentlicht, ein Jahr später dann im größeren Stil auf Ninja Tune. Auch „Gypsy“ und „Sugar Rhyme“ liegen etwas näher am abstrakten Hip Hop von 9 Lazy 9 oder DJ Vadim.

Mein persönliches Highlight aber ist der Abschluss dieses Albums, „Silver“. Eröffnet von einem fast schon als funky zu bezeichnenden E-Piano-Thema und ein paar Streichern, legt uns Simon Green auf einmal einen Beat hin, der an dynamischer Eleganz und klug gesetzter Treibkraft kaum zu überbieten ist. Großartig gesetzte, fein elektronisch veredelte Bläser Licks ergänzen das Spiel, das mehrmals in wehmütigen Breaks spannend gehalten wird.

Das ist vermutlich einer der interessantesten Aspekte der Musik von Simon Green – bei aller Entspanntheit und Zivilisiertheit fehlt es nie an Dynamik, an Bewegung, an der richtigen Dosis Vortrieb. Vor allem aber schafft dieses Album das, was man im Idealfall von einem Downtempo Heroen erhoffen darf – dass man sich exzellent unterhalten fühlt und es einem beim Hören richtig gut geht. Magic.

BONOBO – ANIMAL MAGIC – TRU THOUGHTS / NINJA TUNE – ZEN 63 – 9/10

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