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Ganz schön bescheuert.

Das ist doch mal, und das meine ich aus vollem Herzen als Kompliment, ein richtig beklopptes Album. Nein, sicher nicht wegen des echt bekloppten Band Namens, oder des offensichtlich bewussten Schreibfehlers in der Melancholie – auch wenn das duchaus schon reichen würde. Es gibt noch nen Haufen Gründe mehr.

Es fängt schon mal damit an, dass die Plattenfirma ernsthaft erzählt, dass dieses Album so völlig ohne jegliche Credits, ohne dicke Historie und ohne sonstiges lobhudelndes Gefasel bei ihnen agekommen sei, einfach so, als CD, rein und unschuldig. Schwer zu glauben, dass sowas dann tatsächlich wahrgenommen und angehört wird, aber beim Jazzman Label ist die Wahrscheinlichkeit zumindest deutlich höher als bei anderen Labels.

Inzwischen wissen wir zumindest, dass hinter dem bekloppten Band Namen primär ein Mensch namens Wayne Fullwood steckt, und dass dieser ein großes Faible für – unter anderem – polnischen Jazz und italienische Gangsterfilme habe. Damit ist er natürlich nicht allein, beides wird auch von anderen Protagonisten der vom Jazz beeinflussten Barmusikszene geschätzt.

Aber was diese bekloppte Band mit dem gar nicht so bekloppten Wayne hier auf die Hörer los lässt, macht viel mehr Spaß als das meiste dessen, was entsteht, wenn eben diese Quellen als Inspiration zitiert werden. Die Natural Yogurt Band wirft sich richtig ins Zeug und inszeniert mit so viel Humor und Spielfreude, dass es richtig ansteckend wirkt.

Das gute daran ist unter anderem, dass man bei aller Freude an der 60er-Jahre-Kultur auf zeitgemäße Beats setzt, oft sogar richtig fein abgehangene Hip Hop Beats, wie zum Beispiel gleich im Opener „Chapter One“. Das restliche Instrumentarium aber ist von geradezu hinreißender Authentizität – da quäken die Orgeln nur so um die Wette, da wird hemmungslos in die Querflöte gepustet, oder drüber hinweg, genau genommen, da geraten die Begleitchöre schon mal so schräg, dass man sich fragt, ob das Ganze nicht vielleicht doch eine clever gemachte Verarsche wäre. So geschehen im zweiten Stück, „Chit Chat“. Abenteuerlich.

Ist es aber nicht. Die haben einfach Spaß. Zwischendurch schieben sie auch mal ein fast Polka-artiges Intermezzo mit Xylophon-Virtuositäten ein, bei denen man sich unweigerlich vorstellt, dass ein fein gekleideter, ewig grinsender Mann mit mindestens vier Xylophon-Klöppeln an vermeintlich ebenso vielen Händen in einer Tanzbar, die aus einem Nachkriegsfilm stammen könnte, irrwitzige musikalische Kunststücke auf seinem Gerät vollführt, während Bogart den Agenten sucht. „Better Days To Come“ heißt das Stück, und wir sind geneigt, es zu glauben.

Aber man kann auch mal ernst, und lässig, und nachdenklich, und das auch noch alles auf einmal. „Thoughts“ ist von geradezu unverschämter Lässigkeit. Wie da mit der Schweineorgel und einem herrlich trocken groovenden Drumtrack einfach mal losgejamt wird – einziges Problem dabei ist allenfalls, dass das Ding nicht zehn Minuten lang ist oder so. To hell with songwriting, spielt einfach, ich drück auf Aufnahme. Große Klasse.

Im nächsten Moment überrascht man uns mit „Voodoo“, einem luftigen, versponnenen Intermezzo mit geisterhaft jaulenden Sounds wie aus dem Theremin, einer kleinen entrückten Melodie und einem hübschen Bassthema, nur um dann auf „Pipe Dreams“ gleich wieder den Hipster in die 60er zu schicken, ein bisschen Bossa und ein bisschen Jazz, das Leben kennt keine Sorgen, ein Martini ist nie weit entfernt, und schau mal, wie die Jungs im Percussion-Eck abgehen, wie die Brasilianer.

Eine „Latin Illusion“ lautet darauf der Kommentar, noch so ein fein vertrackter Drum Track, herrliches Orgelquaken, und kaum wird es mal etwas anstrengend, packt einer wieder die Querflöte aus, fast wie in einem von diesen alten Filmen, in denen ein paar Hippies in bunten Klamotten auf einer winzigen Bühne in einer Eckbar den Jazz mit bewusstseinserweiternden Drogen vermengen, während der Kommissar auf seine Informantin wartet.

„The Woods“ beginnt mit nachdenklichem, wehmütigem Klavierspiel, aufgenommen wie mit einem ollen Cassettenrecorder, und mit Einsetzen des ebenso dramatischen Schlagzeugspiels beginnt eine Piano-Improvisation der feineren Art – brächte das jemand genau so auf einem Konzert zum besten, der Saal wäre still, es sei denn man könnte Gänsehaut hören.

Aber was ist dann das danach? „A Broken Rose“ ist rhythmisch so anspruchsvoll, dass man einen Moment braucht, bis man in den Beat findet, ein verrückter Beat ist das, ein wunderbarer Bass, und von den Orgeln kriegen wir eh schon lange nicht mehr genug. Verdammt, sind die cool. Auf so Zeug musst du erst mal kommen, und dann auch noch die Frechheit besitzen, das auf Platte zu bringen.

Was für ein Glück, es bleiben immer noch drei Stücke auf dieser formidablen Doppel-10-inch (das gilt es auch lobend zu erwähnen, so Sonderformate lieben wir Vinylfreunde ja sehr). „Space Echo“ kehrt wieder zum trockenen Hip Hop Beat zurück, zu dem die Band mit allerhand Space Sounds und Gangsterfilm-Bass spleenige Runden dreht. Ganz schön bekloppt. „Soft Cheese“ lässt es schwer dubben, der Käse läuft so langsam übers Käsebrett, unter der Echoglocke, gewürzt von kleinen Melodien und ein paar Griffen in die E-Gitarre. Die Jungs haben eh schon gewonnen, die können sich jetzt alles erlauben. Und der abschließende „Lament For Piano“ ist berechtigt, schließlich ist gleich Schluss. Dass das Piano hier eher ein E-Piano ist, das eher schön perlt als dass es lamentierend weint, ist genehmigt.

Wayne und seine Jungs sind coole Säue, man kann es nicht anders sagen. Und „Away With Meloncholy“ ist ein beklopptes, cooles Album. Frech, spielfreudig, voller hübscher Ideen, großartig eingespielt, und somit tatsächlich ein ideales Mittel gegen Melancholie.

THE NATURAL YOGURT BAND – AWAY WITH MELONCHOLY – JAZZMAN – JMANLP 021 – 8/10

 

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