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blackgold

Gold gefunden

Das passiert mir selten. Ein Freund drückt mir einen Haufen weniger bekannter Alben in die Hand und sagt, hör mal durch, könnte dir gefallen, und dann vergesse ich doch tatsächlich die Teile, mülle sie unter einen Haufen anderer Daten, sie geraten in Vergessenheit. Ich räume auf, sortiere um, miste aus, und da sehe ich auf einmal – unter anderem – dieses Album. Weder der Name der Band noch der Titel sagen mir etwas. Ich denke noch – okay, lass mal drauf, hörste dir mal an, vielleicht ist es ja was spannendes.

Drei Wochen später. Ich fange an, endlich mal einen Haufen Rezensionen zu schreiben (endlich Schnee, endlich Winter, endlich Zeit zum Schreiben, dabei ist doch grad erst der Frühling gekommen). Also hingesetzt, bereit gemacht, angeklickt. Und dann: gestaunt, geärgert, geschämt. Das kann ja wohl nicht wahr sein. Wir kann dir so ein Ding durchrutschen? Nur weil du ein bisschen mehr Musik zu Hause hast als andere? Das ist keine Entschuldigung. Mann. Echt.

Also jetzt. Black Gold 360. Ein britischer Produzent namens Simon Sixsmith, der in Utrecht lebt und dort mit fünf Holländern etwas erfunden hat (und man kann es durchaus so formulieren), was sie eine Dirty Electronic Jazz Band nennen. Eine wirklich recht eigenwillige und spannend kreative Mischung aus Jazz, elektronischer Musik, ein wenig Trip Hop und viel experimentellem Mut.

Mit jedem Stück ärgere ich mich mehr, dass mir dieser Lapsus unterlaufen ist. Der Opener „I’m Spartacus“ hat ein spannendes, tief atmosphärisches Intro, das bereits ahnen lässt, dass hier Stimmungen, Szenen erzeugt werden, Momente, Bilder. Minutenlang elektronische Effekte, spärliche perkussive Effekte, ein Saxophon, Noise… Trommeleinlagen, heulende Synthis, schwingende Orgeln, Stereoeffekte – es ist kaum zu beschreiben, was in diesem ersten Stück passiert, bis nach fast fünf Minuten der Synthesizer Teppich weicht, Raum macht für frech lässiges Schlagzeugspiel, rhythmisch gespielten Bass, und ein Trompeten“solo“ – eine Geschichte irgendwo zwischen Lalo Schifrin, Primal Scream und Red Snapper. Nur echt mit Banjo Loop am Ende.

Wenn es so weiter geht, dachte ich mir noch, dann landet das ganz weit oben auf meiner Mag-ich-sehr-Liste. „Superbia In Proelia“ heißt das zweite Stück, fängt mit Kirchenglocken und allerhand anderem Gebimmel an, dazu verzerrte Stimmsamples, brummende Bassunterlage. Und dann – herrlicher Kontrabass, Xylophon, feines Jazz Schlagzeug, Trompete – ja, es geht so weiter, ein wenig wie Cinematic Orchestra mit einem Schuss Anarchie und einer kräftigeren Dosis Elektronik. Zumindest bei diesem Stück passt der Vergleich – das ist Film pur, nur eben etwas mehr French Connection als bei TCO. Faszinierend.

Zwei von elf Stücken, und ich bin schon ein Fan, das passiert mir auch nicht alle Tage. Nummer drei, „Angel Of The North“ fängt an wie Four Tet, Kindersaxophon und -samples, dann Blechtrommelwirbel und allerhand Verzerrungen, eine Harfe. Was für ein seltsam verspielter Traum, der dann in einen langsamen Marsch mit Bass-Saxophon mündet. Schnitt. „Best Of Bad, Love & Light“ schwingt ein wie Molvaer, nimmt dann einen trägen Marschrhythmus auf, bedrohlich instrumentiert, man sieht förmlich, wie sich die Büßer am Ende der Welt in riesigen Kolonnen in die Abgründe des Fegefeuers schleppen, von klagenden Chören, Trompeten und Trommeln begleitet. Erstaunlich dicht inszeniert, immer wieder elektronisch verfremdet – das ist, schon wieder, rundum faszinierend.

„Three Word Poetry“. Es ist noch gar nichts passiert, und doch denkt man, man säße im Eck des Zimmers von Gregor Samsa, der gerade aufwacht, nicht wissend wie man dort hin gekommen ist. Kein rechter Winkel im Raum, seltsame Geräusche, von denen man nicht weiß, sind sie im Raum oder in einem selbst. Da sitzend, kauernd, ungläubig beobachtend, Stimmen aus der Wohnung nebenan, I love you, schwebende Klänge, das Zimmer ist ein anderes, dahingeblichene Liebende vor alten Tapeten, ein Klopfen, es löst sich auf in Hall. I love you. I love you too.

„Jevski’s House“ ist auch ein Ort, an dem man ein schön locker gespieltes Jazz Schlagzeug liebt und es lediglich mit Akkorden und Effekten garniert, um zu schauen, was sich daraus entwickelt. Ein Stück Musik, das live auf der Bühne für fasziniertes Schweigen und Lauschen sorgen dürfte, alle Möglichkeiten offen lässt, es dort hin zu tragen, wo es der Abend eben hin bringt, vorangetragen und gehalten von diesem Schlagzeug Thema. Die viereinhalb Minuten könnten auch zehn sein oder fünfzehn, es wäre auch in Ordnung.

Weiter. „Pay Dirt“ kratzt und klopft los, mit ein bisschen Bass und Farfisa-Orgel, das Schlagzeug dann fast ohne Basstrommel, viel Becken, viel Raum für Ausflüge des Trompeters. Lässig. „Sunspots“ erinnert wieder ein wenig an Four Tet in der „Rounds“ Zeit, verspielt und emotional, ein klein wenig entrückt. „This Machine Kills…“ macht aus Stimmsamples Maschinengeräusche, schleppt sich dann durch einen weiteren Marsch, oder Walzer, dräunende Schwermut und ein fast theatralisches Ambiente, in dem jeden Moment Tom Waits auftauchen und noch einen heiseren Kommentar beisteuern könnte.

„Sleep Soft Under Shell-Fire“ – die Themen werden nicht eben leichter oder gar fröhlich. Wieder so ein schräger Fieberwahn, voller heller Töne, wie das Fiepen in den Ohren nach einem Tag voller Explosionen, aus der Ferne heranwehende Fetzen von Musik, wie Dudelsäcke, Halluzinationen, nicht wachend und nicht schlafend, ein Zischen überall, ein Soundtrack wie Apocalypse Now in den ersten Weltkrieg versetzt, und dann doch so etwas wie Schlaf, kurze Bruchstückhafte Melodien, die sich durch die Atmosphäre ziehen, kurze Momente der Ruhe, vielleicht auch der Hoffnung. Ruhe sanft.

„So Sorry Whitey“ – welch ein Kontrast. Glockenhelles Thema, tiefer Basslauf, lockere Drums, der nun schon gewohnte Noiseteppich, das Spielen mit den Sounds, die man alle nur halb hört, mehr ahnt, die nicht der Musik an sich dienen, sondern dem Eindruck, der Stimmung, die Farben und Hintergründe im Film ausmachen, der sich da wieder abspielt. Tut mir leid, Whitey. Wirklich. Die Welt dreht sich weiter, weißt du. Ich wünsch dir wirklich alles Gute.

Was für ein Album. Ich weiß, bei wem ich mich zu bedanken habe. Und ich weißt jetzt auch, dass Black Gold 360 noch drei weitere Alben veröffentlicht haben. Es ist ganz offensichtlich auch anderen aufgefallen, dass hier wirklich spannende Sachen entstehen. Das hier ist ein tolles Album. Wenn auch mit einigen Jahren Verzögerung – ich bin froh, dass ich es entdeckt habe. Kann im übrigen jeder gratis selbst: alles kostenlos herunterzuladen auf www.blackgold360.com

BLACK GOLD 360 – LM6IX – www.blackgold360.com – 7,5/10

 

 

zen45

Die ganz große Leinwand

Schon vor dem Cinematic Orchestra war Ninja Tune in meinen Augen eines der spannendsten unabhängigen Labels überhaupt. Und als ich vom ersten Album und der ersten Tournee des TCO las, war meine Aufmerksamkeit schnell und leicht geweckt. Ein Mitarbeiter aus dem Vertrieb, der in seiner freien Zeit im Studio sitzt und mit befreundeten Musikern Jazz Stücke einspielten, um dann das Ganze in Samples stückweise zu verarbeiten und dann zum endgültigen Werk zu kombinieren. So wie sich das las, war das primär ein Sample Projekt. Ich dachte definitiv mehr an DJ Shadow als an „echten“ Jazz.

Dann das Album. Das war dann irgendwie doch ziemlich deutlich Jazz. Und von daher recht überraschend, irgendwie. Nicht dass man aus gesampeltem Jazz wirklich etwas anderes machen könnte oder wollte als Jazz – aber schließlich war Ninja Tune bis dahin für so einiges bekannt, aber eben nicht wirklich für eine Nähe zum Jazz. Es war in jedem Fall eine Überraschung, und in meinen Augen eine extrem positive.

Selbst als ich dann zum Konzert ging, war ich über das, was da auf der Bühne aufgebaut worden war, immer noch erstaunt. Ich hatte mehr oder weniger erwartet, dass die Bühne mit elektronischem Gerät bestückt sein würde, Sampler und Keyboards hauptsächlich. Statt dessen Kontrabass, Schlagzeug, Tasteninstrumente, Blasinstrumente, und eine DJ Station. Das, was dann folgte, gehört bis heute zu meinen schönsten Konzerterlebnissen.

Damals war das Repertoire der Herren verständlicherweise noch auf die Titel des ersten Albums begrenzt. Das Publikum bestand aus vielleicht drei oder vier Dutzend Leuten. Nichts, was das Orchester in irgend einer Form enttäuscht oder entmutigt hätte. Sie spielten so ziemlich das gesamte Album durch und legten noch drei Zugaben drauf, in denen sie mehr oder weniger einfach wieder von vorn anfingen. Sehr zur Freude der Anwesenden. Heidelberg, Karlstorbahnhof. Wer damals dabei war, wird sich sicher auch noch mit einem Lächeln erinnern.

Motion. In dem Fall wohl motion picture. Am Anfang fand ich den Namen des Ensembles nicht eben überzeugend – aber man muss nur ein paar Takte von „Durian“ hören, dem einleitenden Siebenminüter, und schon läuft der Film, ganz unweigerlich. Selbst wenn man nicht weiß, dass Swinscoe und seine Kollegen ein Faible für französischen Film Noir hat, ist der Film, der abläuft, ein Schwarzweißfilm mit ungeheuer dichter Stimmung, die sich immer ein wenig wie leichter Nieselregen anfühlt. Ein wenig Tristesse, ein klein bisschen lauerndes Ungewisses, eine Portion Sehnsucht, und eine Form von Schönheit, die wenig Wert auf Wirkung legt und gerade deswegen so schön unter die Haut geht.

„Durian“ beinhaltet bereits alles, was das Cinematic Orchestra in seiner Anfangsphase so groß gemacht hat – das Szenische, die stillen Momente, die Dramaturgie, und das genüssliche Ausbreiten des atmosphärischen Teppichs. Mit aller Zeit der Welt, einem fast schicksalshaft langsamen Tempo – bis auf einmal nach gut fünf Minuten das Tempo und die Stimmung wechseln und man sich unvermutet in einem völlig anderen Film wieder findet, das Soundtrack irgendwo bei Lalo Schifrin oder Quincy Jones landet, man denkt jeden Moment, Steve McQueen käme um die Ecke.

Und dann „Ode To The Big Sea“. Noch mehr als bei „Durian“ nimmt einen das Stück ohne jede Verzögerung auf die Reise. Der Rhythmus lässt keine Wahl. Ähnlich wie einst bei Brubecks „Take Five“ oder nicht allzu lang vor „Motion“ bei St Germains „Rose Rouge“ ist der Charme unwiderstehlich, das Zusammenspiel von Bass und Schlagzeug schon ausreichend, um einen zu fesseln, einen erwartungsfroh in den Kopfhörern versinken zu lassen. Ein paar spärliche Piano Akkorde dazugelegt, schon bald von einer Trompete unterstützt – es ist gar nicht mal viel, was hier geschieht, und doch ist das Geschehen an sich dicht und spannend. Zur Hälfte ein kleines Schlagzeugsolo, dann ein Saxophon, das ein wenig den Handlungsstrang umspielt – selbst 15 Jahre später ist „Ode To The Big Sea“ hinreißend schön.

Man sollte nicht glauben, dass das Album diesem echten Juwel noch etwas spannenderes hinzuzufügen hätte – und doch weiß man erneut nach nicht einmal einer Minute von insgesamt mehr als 13, die „Night Of The Iguana“ zu bieten hat, dass dies der ultimative Film dieses Albums wird. Es ist auch das Stück, das am besten zeigt, mit welch großer Eleganz und Sorgfalt dieses Album aufgenommen wurde. Die Mischung ist perfekt. Das Schlagzeug spielt alles andere als einen einfachen Rhythmus, und doch fließt alles, ist die Atmosphäre noch viel dichter als in den ersten beiden Stücken. Der Bass hat eine Wärme und Nähe, eine fast haptische Präsenz, und Swinscoe lässt es sich nicht nehmen, das nach gut dreieinhalb Minuten voll auszukosten, nur um dann mit einem Bläserthema aufzuwarten, das uns fast den gesamten Rest des Stückes begleitet und immer wieder Gänsehaut zu erzeugen vermag. Dieses Spiel mit Bläsersätzen und Saxophonen, die miteinander kommunizieren, sich ergänzen, ist eine wunderbare Idee, die viel von der Magie des Cinematic Orchestra ausmacht.

Allein über „Night Of The Iguana“ ließe sich seitenweise schreiben – die Streicher, die kaum etwas tun, und doch die Atmosphäre einerseits dramatisch aufladen, andererseits aber auch die Kraft zu haben scheinen, die Zeit aufzulösen, eine ungeheure Ruhe zu erschaffen. Das Saxophonsolo, das nach gut achteinhalb Minuten das tut, was beim Cinematic Orchestra so bezeichnend ist – einerseits allein im Arrangement das Solo anzubieten, andererseits aber ganz der Handlung zu dienen. Spätestens wenn dann noch zum Solo der Trompete eingeladen wird, ist der Zauber vollendet, der Kreis geschlossen, und mit der Dramatik der Streicher und der Wärme des Basses klingt die Nacht des Leguans aus. Grandios.

Dass das Album danach nicht abfällt, ist eine der schönsten Entdeckungen von „Motion“. Die „Channel 1 Suite“ wartet erneut mit feinem, komplexem Schlagzeug und warmem, stimmungsvollem Bassspiel auf, ist mehr als andere Stücke mit Vocal Samples garniert, und führt das cineastische Thema auf unvermindert hohem Niveau fort. Beim darauf folgenden „Bluebirds“ habe ich ein wenig Schwierigkeiten, gebe ich offen zu – es will so gar nicht gefallen, gibt sich sperrig, das Schlagzeugspiel ist fast mehr Improvisation als fortlaufender Rhythmus, die Stimmung ist schräg, von Horn Stabs duchbrochen – der Film ist in einer eher verstörenden Szene angekommen, fiebrig, fast ein wenig schmerzhaft, irritiert, aber, und das muss man Swinscoe lassen, auch hier wieder stimmig und konsequent, selbst hier lässt es sich schwelgen, in der Handlung mitfiebern.

Es passt gut, dass das nächste Stück „And Relax“ heißt. Nach dem fordernden Ritt des vorangegangenen Titels ist Entspannung sehr willkommen. „And Relax“ ist so etwas wie der kleine Juwel dieses Albums. Wirklich ungeheuer entspannt, ein einfaches Bassthema, ein paar Piano Akkorde, ein wenig Saxophon, sachte begleitendes Schlagzeug – es ist von geradezu hypnotisch beruhigender Wirkung. Die Definition der akustischen Entspannung.

Der Abschluss: „Diabolus“, das Stück, mit dem alles anfing. In Deutschland schon ein Jahr vor dem Erscheinen von „Motion“ und der „Ode To The Big Sea“ 12″ auf Form & Function erschienen, ist „Diabolus“ schon mit allem ausgestattet, was dieses Album so spannend macht. Und obwohl es den Anfang der Arbeit des Cinematic Orchestra darstellt, ist es ein idealer Abschluss dieses Albums. Es lädt einen in eine weitere Filmszene ein, führt einen weiter, und lässt einen schließlich fragen, wie es mi diesem Orchester weiter geht. Es hält die Spannung aufrecht und lässt einen auf eine Fortsetzung hoffen.

„Motion“ hat viel Schönes in sich. Eine der zauberhaftesten Eigenschaften dieses Albums ist es, dass es in seiner ganzen atmosphärischen Dichte und musikalischen Größe von entwaffnender Unaufdringlichkeit ist. Es ist einfach da, in einer Selbstverständlichkeit, die wirklich selten ist, und überzeugt ohne dass man das Gefühl hat, dass jemand sich wirklich groß angestrengt hätte. Ich bin sicher, dass dieses Album sehr viel Arbeit gekostet hat – aber es ist als wäre es einfach nur entstanden. Ich würde mir wünschen, dass man Filme so machen würde.

THE CINEMATIC ORCHESTRA – MOTION – Ninja Tune – ZEN045 – 9,5/10

boobacoho

Home is where the groove is

Mit Samplern kann ja nicht jeder so. Schnell ist die Nase gerümpft – das ist doch nur was für Leute, die zu faul sind, sich intensiv mit Musik zu beschäftigen, sondern nur so was trendiges im Regal haben wollen, wenn mal Besuch kommt. Zu einem großen Teil habe ich dafür auch ein gewisses Verständnis. Oft genug, wenn ich mal jemandem erzählt habe, dass ich am Wochenenden gern in Bars lässige Sachen auflege, kam dann so was wie „Ah, cool, ja, so Café del Mar und so.“ Manchmal fiel es mir wirklich außerordentlich schwer, darauf noch eine freundliche Antwort zu finden. „So ähnlich“ sagte ich meist, und sparte mir den Zusatz „nur nicht so Scheiße.“ Café del Mar geht mal gar nicht. Da kannst du auch gleich Chris de Burgh hervorholen.

Andererseits können Sampler, Compilations, Mix Alben auch wirklich wertvoll und sinnvoll sein. Viele von meinen Lieblings-Samplern sind tausende von Kilometer mit mir in der Plattentasche unterwegs gewesen, weil sie manchmal gleich ein halbes Dutzend Stücke beinhalteten, die prima in der Bar beim Vermeiden der Café del Mar Klischees halfen. Meist waren mindestens zwei Verve Remixed Compilations dabei, oder was aus der Hi Fidelity Lounge Reihe. Noch ein Vorteil: Man entdeckt dort auch durchaus mal Neues, das dann wieder zu weiteren schönen Entdeckungen führt. Xploding Plastix hätte ich ohne den Colors Sounds: Nordic Sampler wohl erst sehr viel später kennen gelernt.

Und da sind dann ja noch die Mix CDs. Die DJ Kicks von Kruder & Dorfmeister – genreprägend. Die Coldcut 70 Minutes of Madness – tatsächlich, blanker Wahnsinn. Oder auch die teilweise wirklich tolle Solid Steel Serie von Ninja Tune. Natürlich gibt es auch viel dürftiges Clubgemixe, das kein Mensch braucht. Aber gerade für einen, der selbst gern Platten mixt, ist es immer wieder faszinierend, was da so alles zusammengeworfen wird.

Zugegeben – die Coming Home Mix CD von Boozoo Bajou ist nicht notwendigerweise stilprägend, sie beinhaltet keine wirklich atemberaubenden mixtechnischen Fähigkeiten, und allzu große Überraschungen bietet sie auch nicht. Und trotzdem ist das „aber“, das ich hinterherschiebe, ein wirklich gewichtiges. Ich würde mal behaupten, dass dieser Mix zu den lässigsten Aufnahmen gehört, die in meiner nicht eben kleinen Sammlung zu finden sind. Ungeheuer entspannt, richtig erfreulich stilvoll, fein ausgewählt, stimmig zusammengeschoben.

Das will was heißen. Denn im Gegensatz zum sonstigen Tätigkeitsbereich der Herren von Boozoo Bajou – leicht dubschwangere und von Südstaatendüften durchzogene Edel-Downtempo-Produktionen – bewegen sie sich für diesen Mix im oft wirklich grässlich von Dünnbrettbohrern verseuchten Deep House Gelände. Ja, hier und da sind auch gern mal ein paar Südamerikanische Klänge dabei, und gegen Ende wird es für eine solche Klassifizierung auch mal fast schon zu druckvoll, aber unterm Strich ist das Deep House. Nur – es wird nicht ein einziges Mal peinlich. Das hätte echt in schlimmem Klischee enden können – ist aber meilenweit davon entfernt.

Das fängt schon gut an, denn das jazzige Intro von Linkwood Family’s „Miles Away“ lässt sich richtig schön Zeit, setzt gleich die richtigen Akzente, und bereitet unaufgeregt die Bühne für das Darauffolgende vor. Die Boozoos selbst haben auch keine Eile und schieben den shuffeligen Idjut Boys Dub vom eigenen „Fürsattel“ erst nach gut acht Minuten ran. Ist okay. Wir sind schon extrem entspannt, und der Shuffle Rhythmus passt wunderbar auf die diversen Dub Räume, die der Mix zu bieten hat.

Die Entspannung erreicht ähnlich große Tiefen wie der Hall, bis knapp vier Minuten später Ski in den Schallraum croont und sagt, er sei „On My Way“. Boozoo Bajou hatten schon immer ein Faible für tiefe, markant männliche Stimmen, und Ski begleitet Tontelas, so heißt der Interpret, hier auf recht manierierte Weise, wie eine Art leicht übereifriger weißer Barry White. Die Texte – okay, eventuell ist da dann doch ein wenig Klischee im Spiel. Aber lässig ist es schon. Lassen wir durchgehen.

Zumal im Anschluss ein feines kleines Intermezzo folgt. Soulphiction mit „Soulprint“, kurz dazwischengeschoben für knapp zwei Minuten, mit reichlich Stil, hallt dann fein aus und wird vom W-Burn Clan abgelöst, deren „Lights Out“ das Tempo leicht anziehen lässt, die Grundentspannung aber keinesfalls gefährdet. Es folgt eins meiner beiden absoluten Highlights – Nora Morales‘ „Saona“ im Gilles Peterson & Sinbad Remix. Großartige Piano Loop, feine spacig spinnerte Soundeffekte, schön schiebende Südamerikanische Beats und Chöre – vor vielen Jahren hat mal ein gewisser Sidestepper in Venezuela ein paar richtig lässige Beats gebastelt, an die musste ich da unweigerlich denken. Großes Kino.

Gut, dass das gleich sieben Minuten lang das Ohr erfreut – ich muss schauen, dass ich das gute Stück irgendwo separat auf Vinyl finde. Nach diesem feinen Moment lerne ich noch mal was über die Wirkung von Stücken in unterschiedlichen Zusammenhängen. Als ich nämlich das nächste Stück, „Killer“ von Boozoo Bajou ft. Topcat, das erste mal auf deren Album hörte, war ich schon nach nicht mal einer Minute schwer genervt. Ich steh halt nicht auf diesen Jungle Style MC Kram, da steckt wenig Variabilität drin. Aber komisch, hier in diesem Zusammenhang kommt es deutlich weniger nervig rüber. Allerdings wird hier auch nicht eine Albumtitelfolge feiner Downtempo Tunes durch nerviges Getoaste unterbrochen, hier gehört es eher rein.

Trotzdem habe ich nichts dagegen, wenn dann Henrik Schwarz übernimmt, der sich mit Amampondo zusammengesetzt hat und deren „I Exist Because Of You“ einen Live Mix verpasst hat. Sehr typischer Schwarz Stil, sehr fein und sehr warm produziert, sehr percussiv und sehr afrikanisch, mit entsprechenden Gesängen – manchmal geht mir der gute Henrik beim World Beat integrieren ein wenig arg weit, aber seine Produktionen sind halt einfach von so hoher Qualität, dass selbst das gut geht. Sicher auch weil der Mix achteinhalb Minuten Zeit hat und sehr viel Raum lässt, die Fähigkeiten von Henrik Schwarz zu feiern.

Nachdem so das Tempo noch mal kurz angezogen wurde, geht es im nächsten Moment etwas deutlicher auf die Straße, und wo die Beats eben noch flossen, springen sie bei „Givin It Up“ von Icasol ft. Capitol A deutlich mehr. Die hier verwendete Dub Version ist unterhaltsam, schiebt mit einem einfachen aber effektvollen Akkordthema nett an – nichts großartiges, aber auch hier – es funktioniert. Und da wir eh schon langsam wieder irgendwo zwischen Chicago und Detroit gelandet sind, macht es auf schöne Weise Sinn, dass sich hier das Stuttgarter Motor City Drum Ensemble anschließt. Muss man nicht viel zu sagen. „Raw Cut #5“ ist einfach verdammt gut.

Dann wird es wieder Zeit für ein bisschen Deepness. Wieder ein fein rollender Beat, ein Piano Sample, dezenter Hallraum, stilvolle Bassline – „Coming Home“ von Andre Lodemann ist arschcool und perfekt für den Mix geeignet. Das gilt dann auch für das darauffolgende „Children“ von Nick Solé. Sechs Minuten dubby deep bliss, hier vielleicht ein klein wenig zu verspielt, und sicher hätte man noch lässigere Dub Tech Tracks finden können, aber ist okay. Läuft eh, denn im Anschluss hören wir, was Brendon Moeller aus Intrusions „Tswana Dub“ gemacht hat, und das ist dann wirklich schon nah am Dub Techno dran. Fein, fein.

Ja und dann kommt mein zweites dickes Highlight auf dieser Mix CD. Move D. Und nicht irgendwas von Move D. Sondern meiner Meinung nach sein größter Moment, „Got Thing“. Knalltrockene Bassdrum, ungeheuer funky Bassline, herrlich viel Raum, tolles entspanntes und dennoch treibendes Grundtempo, erfreulich sperrige Effekt Loops, ein paar gut gewähle Samples… Das Teil war schon immer in meiner House Kiste, wenn ich unterwegs war, und da bleibt es auch. Das macht Freude.

Für mich hätte da auch Schluss sein können, genau genommen. Aber die Herrren Boozoo wollen es noch mit einem Remix eines ihrer eigenen Stücke ausklingen lassen – „Divers“ im Jay Haze House Remix. Ist jetzt kein Track, der das Ganze noch mal aufwertet, aber perfekt geeignet, um entspannt groovend in Richtung Ausgang zu wanken. Der Abend war gut, und das ist das Stück, bei dem man sich prima noch mal von allen verabschieden kann. Lässig wars. Und danke.

DIVERSE INTERPRETEN – BOOZOO BAJOU: COMING HOME – Stereo Deluxe – 4250330543029 – 8/10