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Die ganz große Leinwand

Schon vor dem Cinematic Orchestra war Ninja Tune in meinen Augen eines der spannendsten unabhängigen Labels überhaupt. Und als ich vom ersten Album und der ersten Tournee des TCO las, war meine Aufmerksamkeit schnell und leicht geweckt. Ein Mitarbeiter aus dem Vertrieb, der in seiner freien Zeit im Studio sitzt und mit befreundeten Musikern Jazz Stücke einspielten, um dann das Ganze in Samples stückweise zu verarbeiten und dann zum endgültigen Werk zu kombinieren. So wie sich das las, war das primär ein Sample Projekt. Ich dachte definitiv mehr an DJ Shadow als an „echten“ Jazz.

Dann das Album. Das war dann irgendwie doch ziemlich deutlich Jazz. Und von daher recht überraschend, irgendwie. Nicht dass man aus gesampeltem Jazz wirklich etwas anderes machen könnte oder wollte als Jazz – aber schließlich war Ninja Tune bis dahin für so einiges bekannt, aber eben nicht wirklich für eine Nähe zum Jazz. Es war in jedem Fall eine Überraschung, und in meinen Augen eine extrem positive.

Selbst als ich dann zum Konzert ging, war ich über das, was da auf der Bühne aufgebaut worden war, immer noch erstaunt. Ich hatte mehr oder weniger erwartet, dass die Bühne mit elektronischem Gerät bestückt sein würde, Sampler und Keyboards hauptsächlich. Statt dessen Kontrabass, Schlagzeug, Tasteninstrumente, Blasinstrumente, und eine DJ Station. Das, was dann folgte, gehört bis heute zu meinen schönsten Konzerterlebnissen.

Damals war das Repertoire der Herren verständlicherweise noch auf die Titel des ersten Albums begrenzt. Das Publikum bestand aus vielleicht drei oder vier Dutzend Leuten. Nichts, was das Orchester in irgend einer Form enttäuscht oder entmutigt hätte. Sie spielten so ziemlich das gesamte Album durch und legten noch drei Zugaben drauf, in denen sie mehr oder weniger einfach wieder von vorn anfingen. Sehr zur Freude der Anwesenden. Heidelberg, Karlstorbahnhof. Wer damals dabei war, wird sich sicher auch noch mit einem Lächeln erinnern.

Motion. In dem Fall wohl motion picture. Am Anfang fand ich den Namen des Ensembles nicht eben überzeugend – aber man muss nur ein paar Takte von „Durian“ hören, dem einleitenden Siebenminüter, und schon läuft der Film, ganz unweigerlich. Selbst wenn man nicht weiß, dass Swinscoe und seine Kollegen ein Faible für französischen Film Noir hat, ist der Film, der abläuft, ein Schwarzweißfilm mit ungeheuer dichter Stimmung, die sich immer ein wenig wie leichter Nieselregen anfühlt. Ein wenig Tristesse, ein klein bisschen lauerndes Ungewisses, eine Portion Sehnsucht, und eine Form von Schönheit, die wenig Wert auf Wirkung legt und gerade deswegen so schön unter die Haut geht.

„Durian“ beinhaltet bereits alles, was das Cinematic Orchestra in seiner Anfangsphase so groß gemacht hat – das Szenische, die stillen Momente, die Dramaturgie, und das genüssliche Ausbreiten des atmosphärischen Teppichs. Mit aller Zeit der Welt, einem fast schicksalshaft langsamen Tempo – bis auf einmal nach gut fünf Minuten das Tempo und die Stimmung wechseln und man sich unvermutet in einem völlig anderen Film wieder findet, das Soundtrack irgendwo bei Lalo Schifrin oder Quincy Jones landet, man denkt jeden Moment, Steve McQueen käme um die Ecke.

Und dann „Ode To The Big Sea“. Noch mehr als bei „Durian“ nimmt einen das Stück ohne jede Verzögerung auf die Reise. Der Rhythmus lässt keine Wahl. Ähnlich wie einst bei Brubecks „Take Five“ oder nicht allzu lang vor „Motion“ bei St Germains „Rose Rouge“ ist der Charme unwiderstehlich, das Zusammenspiel von Bass und Schlagzeug schon ausreichend, um einen zu fesseln, einen erwartungsfroh in den Kopfhörern versinken zu lassen. Ein paar spärliche Piano Akkorde dazugelegt, schon bald von einer Trompete unterstützt – es ist gar nicht mal viel, was hier geschieht, und doch ist das Geschehen an sich dicht und spannend. Zur Hälfte ein kleines Schlagzeugsolo, dann ein Saxophon, das ein wenig den Handlungsstrang umspielt – selbst 15 Jahre später ist „Ode To The Big Sea“ hinreißend schön.

Man sollte nicht glauben, dass das Album diesem echten Juwel noch etwas spannenderes hinzuzufügen hätte – und doch weiß man erneut nach nicht einmal einer Minute von insgesamt mehr als 13, die „Night Of The Iguana“ zu bieten hat, dass dies der ultimative Film dieses Albums wird. Es ist auch das Stück, das am besten zeigt, mit welch großer Eleganz und Sorgfalt dieses Album aufgenommen wurde. Die Mischung ist perfekt. Das Schlagzeug spielt alles andere als einen einfachen Rhythmus, und doch fließt alles, ist die Atmosphäre noch viel dichter als in den ersten beiden Stücken. Der Bass hat eine Wärme und Nähe, eine fast haptische Präsenz, und Swinscoe lässt es sich nicht nehmen, das nach gut dreieinhalb Minuten voll auszukosten, nur um dann mit einem Bläserthema aufzuwarten, das uns fast den gesamten Rest des Stückes begleitet und immer wieder Gänsehaut zu erzeugen vermag. Dieses Spiel mit Bläsersätzen und Saxophonen, die miteinander kommunizieren, sich ergänzen, ist eine wunderbare Idee, die viel von der Magie des Cinematic Orchestra ausmacht.

Allein über „Night Of The Iguana“ ließe sich seitenweise schreiben – die Streicher, die kaum etwas tun, und doch die Atmosphäre einerseits dramatisch aufladen, andererseits aber auch die Kraft zu haben scheinen, die Zeit aufzulösen, eine ungeheure Ruhe zu erschaffen. Das Saxophonsolo, das nach gut achteinhalb Minuten das tut, was beim Cinematic Orchestra so bezeichnend ist – einerseits allein im Arrangement das Solo anzubieten, andererseits aber ganz der Handlung zu dienen. Spätestens wenn dann noch zum Solo der Trompete eingeladen wird, ist der Zauber vollendet, der Kreis geschlossen, und mit der Dramatik der Streicher und der Wärme des Basses klingt die Nacht des Leguans aus. Grandios.

Dass das Album danach nicht abfällt, ist eine der schönsten Entdeckungen von „Motion“. Die „Channel 1 Suite“ wartet erneut mit feinem, komplexem Schlagzeug und warmem, stimmungsvollem Bassspiel auf, ist mehr als andere Stücke mit Vocal Samples garniert, und führt das cineastische Thema auf unvermindert hohem Niveau fort. Beim darauf folgenden „Bluebirds“ habe ich ein wenig Schwierigkeiten, gebe ich offen zu – es will so gar nicht gefallen, gibt sich sperrig, das Schlagzeugspiel ist fast mehr Improvisation als fortlaufender Rhythmus, die Stimmung ist schräg, von Horn Stabs duchbrochen – der Film ist in einer eher verstörenden Szene angekommen, fiebrig, fast ein wenig schmerzhaft, irritiert, aber, und das muss man Swinscoe lassen, auch hier wieder stimmig und konsequent, selbst hier lässt es sich schwelgen, in der Handlung mitfiebern.

Es passt gut, dass das nächste Stück „And Relax“ heißt. Nach dem fordernden Ritt des vorangegangenen Titels ist Entspannung sehr willkommen. „And Relax“ ist so etwas wie der kleine Juwel dieses Albums. Wirklich ungeheuer entspannt, ein einfaches Bassthema, ein paar Piano Akkorde, ein wenig Saxophon, sachte begleitendes Schlagzeug – es ist von geradezu hypnotisch beruhigender Wirkung. Die Definition der akustischen Entspannung.

Der Abschluss: „Diabolus“, das Stück, mit dem alles anfing. In Deutschland schon ein Jahr vor dem Erscheinen von „Motion“ und der „Ode To The Big Sea“ 12″ auf Form & Function erschienen, ist „Diabolus“ schon mit allem ausgestattet, was dieses Album so spannend macht. Und obwohl es den Anfang der Arbeit des Cinematic Orchestra darstellt, ist es ein idealer Abschluss dieses Albums. Es lädt einen in eine weitere Filmszene ein, führt einen weiter, und lässt einen schließlich fragen, wie es mi diesem Orchester weiter geht. Es hält die Spannung aufrecht und lässt einen auf eine Fortsetzung hoffen.

„Motion“ hat viel Schönes in sich. Eine der zauberhaftesten Eigenschaften dieses Albums ist es, dass es in seiner ganzen atmosphärischen Dichte und musikalischen Größe von entwaffnender Unaufdringlichkeit ist. Es ist einfach da, in einer Selbstverständlichkeit, die wirklich selten ist, und überzeugt ohne dass man das Gefühl hat, dass jemand sich wirklich groß angestrengt hätte. Ich bin sicher, dass dieses Album sehr viel Arbeit gekostet hat – aber es ist als wäre es einfach nur entstanden. Ich würde mir wünschen, dass man Filme so machen würde.

THE CINEMATIC ORCHESTRA – MOTION – Ninja Tune – ZEN045 – 9,5/10

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