Lee-Konitz-Alone-Together

Three Kings

Es ist ein gutes Zeichen, dass ich bei diesem Album unweigerlich zu reflektieren beginne, wie ich im Laufe meines Lebens in der Liebe zur Musik immer näher an den Jazz heran gekommen bin, es betrachte, einordne. Und es ist auch ein gutes Zeichen, wenn ich am Anfang einer Rezension deutlich spürbare Sorge erlebe, dem Thema gerecht zu werden. Ich bin kein Musiker, und immer wieder geistert dieser Gedanke durch meinen Kopf, dass ich ein richtig guter Musiker sein müsste, um ein Album wie dieses seinem Niveau entsprechend zu beschreiben.

Aber dann höre ich es noch mal und denke – nein, das ist Quatsch. Die drei Herren haben dieses Album nicht für Musiker gemacht. Keiner wird sich hinstellen und sagen, nein, du bist nicht qualifiziert genug, um dieses Album zu lieben. Und im Falle von „Alone Together“ würde ich sogar wagen zu behaupten, dass vieles von dem, was es so besonders macht, eben nicht nur für den ausgebildeten Musiker erklärbar ist, sondern auch für den liebenden Laien spürbar.

Als Konitz, Haden und Mehldau zusammentrafen, um für dieses Album gemeinsam zu spielen, war Konitz, so heißt es, ein wenig vorsichtig, im Bezug auf Brad Mehldau. Er kannte ihn nicht, sie hatten noch nie zusammen gespielt, und Konitz sagte, dass er nie so schnell spielen könne wie ein Pianist. Dass Mehldau aber schon bald angefangen habe, sein Spiel zu verändern, um auf Konitz einzugehen, eine gemeinsame Ebene zu finden.

Für mich ist das etwas, das man diesen Aufnahmen auch anmerkt. Dass die drei einander zuhören, auf einander hören, schauen was da passiert, es aufnehmen, annehmen, verarbeiten, drauf eingehen, damit spielen. Und auch, dass es da keine großen Allüren gibt, keine Angebereien, kein Kämpfen oder Effekt haschen. Man hat fast ein wenig das Gefühl, dass es Brad Mehldau gut tut, mit zwei Legenden zu spielen, die zumindest sein Vater sein könnten, im Falle von Konitz sogar durchaus der Großvater. Konitz gibt vor, Mehldau nähert sich, begleitet, wagt sich vor, trägt bei – es tut ihm gut, ohne Zweifel.

Was dem Trio auch sehr gut tut: Es ist kein Schlagzeuger dabei. Nicht dass ich etwas gegen Schlagzeuger hätte, ganz gewiss nicht. Aber in diesem Fall gibt es dem ohnehin recht befreit und inspiriert aufspielenden Trio noch mehr Freiheit, und auf interessante Weise ist das abwesende Schlagzeug so etwas wie die Abwesenheit des Metronoms, einer Form von Zwang, eines mahnenden Antriebs. Man könnte sagen, dass sie so spielen, dass ein Schlagzeug fehl am Platze wäre – oder eben dass sie die Abwesenheit des Schlagzeugs in vollem Maße nutzen.

Das ist insofern beeindruckend, als dass es für diese Session keinen konkreten Plan gab. Konitz hat einfach Titel angesagt, und das Trio hat losgelegt – ohne dass man sich da groß abgesprochen hätte. So erklärt sich auch ein wenig die Auswahl der Titel, die nicht unbedingt besonders einfallsreich oder ungewöhnlich wäre. Es sind Standards. „Alone Together“, „What Is This Thing Called Love“, „‚Round Midnight“ – wäre nicht das Ergebnis so großartig, würde mancher zickige Connaisseur sich genötigt sehen, eine Augenbraue nach oben zu ziehen.

Aber so… Kritik nicht denkbar, beim besten Willen nicht. Der Einfallsreichtum, die Lebendigkeit, die große Klasse, die offensichtliche Freude am sich zuhören und entdecken machen jedes der sechs Stücke zu einem selten großen Genuss. Es lebt eine schöne Balance in diesem Trio, zwischen den drei Protagonisten und ihren Fähigkeiten, die – da muss ich mich einfach wiederholen – durch die Abwesenheit des Schlagzeugs offen gelegt wird.

Wer nur ein ganz klein wenig Freude am Jazz hat, wird schon im ersten Stück „Alone Together“ unweigerlich zum lächelnden Liebhaber. Mit viel Behutsamkeit spielen die drei sich hinein in den Abend, gewöhnen sich aneinander, bis es Zeit ist, den Solisten Raum zu geben, den Brad Mehldau sehr zu nutzen weiß. Eben noch fast zaghafter Begleiter von Lee Konitz, spielt er im nächsten Moment ein Solo, von dem man glaubt spüren zu können, dass es von Konitz beeinflusst ist, ohne dass dieser eingreift, sondern nur weil er auch auf der Bühne ist. Und als Konitz dann nach dem Solobeitrag von Haden zum Instrument greift und kurz mit Mehldau improvisiert, wird deutlich, dass an diesem Gefühl wohl auch etwas dran ist.

„The Song Is You“ zeigt erneut, wie gut das warme und zugleich entspannte und präzise Bassspiel von Charlie Haden der Soloarbeit von Brad Mehldau tut – ich kann mir nicht helfen, aber irgendwie ist Mehldau mir auf diesen Aufnahmen ein ganzes Stück sympathischer als auf vielen seiner – nichtsdestotrotz großartigen – Art of the Trio Aufnahmen. Ähnliches gilt für „Cherokee“, in dem Mehldau seine Mitspieler schon einmal etwas mehr herauszufordern scheint, was Haden und Konitz eher dankbar aufnehmen als dass es sie irgendwie überraschen könnte. Brad kann machen, was er will, und man glaubt zu spüren, dass die Leichtigkeit, mit der seine Mitspieler auf ihn reagieren, ihn ein klein wenig befreit, einen Hauch ungezwungener und der Freude hingegeben sein lässt.

Spätestens bei „What Is This Thing Called Love“ hat man den Eindruck, dass die drei nicht erst seit ein paar Stunden zusammen musizieren, sondern schon seit Jahren. Klar, ist ein Standard, das macht es sicher leichter – und doch ist gerade hier das Spiel zu dritt am elegantesten, am harmonischsten. Und wieder freut man sich, wie Haden es schafft, dem meist unterstützenden, Halt gebenden Spiel eine Präsenz zu geben, die fast verblüffend ist. Ein warmer Boden aus Spielfreude, auf dem sich Mehldau hier ganz besonders wohl zu fühlen scheint. Wirklich wunderbar, und man hört die Verzückung des Publikums am herrlich abrupten Ende seines Solos – sie gilt definitiv nicht nur Mehldau, sondern auch Haden, der direkt danach ein weiteres seiner luftigen, vibrierenden und unaufgeregten Soli spielt.

Die fast dreizehnminütige Version von „‚Round Midnight“ ist – wie sollte es auch anders sein – ein weiterer Beweis für die besondere Art, in der bei diesen Aufnahmen die drei Musiker aufeinander hören und sich gegenseitig entdecken. Mehldau gibt Haden hier einmal sehr viel mehr Raum, begleitet ihn fast nur, lässt ihn vibrieren, auch das ist ein schönes und interessantes Erlebnis. Am Ende ist „You Stepped Out Of A Dream“ ein fast schwärmerisches Fazit dieser Begegnung. Leichtfüßig, fast fröhlich bewegen sich die drei in diesem Klassiker, offensichtlich bester Laune.

Dieses Album gehört zu denen, die einen dankbar sein lassen, dass man sich dereinst entschieden hat, eine ordentliche Anlage zu kaufen, auf der man so schöne Musik wie diese wirklich würdigen kann. Ich persönlich hätte es noch schöner gefunden, wenn das gute Stück auch als Schallplatte zu erwerben wäre, durchaus auch wegen des schönen Covers in bester Blue Note Tradition. Und es gehört zweifelsohne zu den Alben, die einen dazu ermahnen, so oft es geht ins Konzert zu gehen. So etwas ist nur noch dann schöner, wenn man es direkt erlebt. „Alone Together“ macht sehr viel Freude. Man möchte sich nach dem Hören bedanken. Das sagt alles.

LEE KONITZ, CHARLIE HADEN, BRAD MEHLDAU – ALONE TOGETHER – BLUE NOTE – 724385715020 – 10/10

 

 

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