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Angekommen

Es ist keine wirklich sonderlich neue oder überraschende Geschichte – eine talentierte schöne junge Sängerin aus London erarbeitet sich die Chance, als Gastsängerin bei bekannten Musikern aufzutreten, macht einen guten Job, erarbeitet eigenes Material, wird vom Künstler, für den sie sang, produziert, ergattert einen Plattenvertrag und präsentiert ihr erstes Album. Tausend mal erlebt, und ab und zu kam auch mal etwas spannendes dabei heraus.

Bei Andreya Triana stehen die Vorzeichen von vornherein gut. Zum einen ist ihre Stimme, die wohl am ehesten in der Nähe von Macy Gray einzuordnen sein dürfte, durchaus das Potenzial hat, aus dem täglichen Geträller herauszuragen, zum anderen ist der Musiker, der sie einst engagierte und nun produziert, kein geringerer als Simon Green, der als Bonobo bekannt ist und als Produzent ein sehr hohes Ansehen genießt.

Dass Bonobo sich der Frau Triana annimmt, ist insofern eher ungewöhnlich als dass er bisher mehr oder weniger ausschließlich sich selbst produziert hat. Er scheint viel von Andreya Triana zu halten. Ihre Gastauftritte auf Bonobos „Black Sands“ Album passten sehr gut ins Konzept und brachten auch Bonobo ein Stück weiter, der auf seinen ersten Alben komplett auf Vokalakrobatik verzichtete und sich eben mit Unterstützung so fähiger Sängerinnen wie Andreya Triana an die Integration von Gesang in seinen Stücken herantastete.

Gleichzeitig muss man natürlich auch fürchten, dass die Wahl des Produzenten nicht eben förderlich ist, eben gerade weil man Andreya Triana primär als Gast auf Bonobos Alben kennt. Hört sich ihr Erstling zu sehr nach dem an, was man auch von Simon Green erwartet, bleibt Andreya Triana selbst auf ihrem Debüt Album ein Gast.

Aber zumindest diese Befürchtung erfüllt sich nicht. Sicher auch genau aus diesem Grund ist die Produktion auf „Lost Where I Belong“ ungewöhnlich dezent, geradezu spärlich, nimmt sich das instrumentale Beiwerk sehr zurück und lässt dem Gesang sehr viel Raum. Klar, die Auswahl der Klänge und der Instrumente, das Zusammenwirken der einzelnen Elemente zeigt deutlich, dass hier ein großer Stilist am Werk war, aber es ist beileibe nicht so, dass man in das Album rein hört und dann gleich „Ah! Bonobo!“ ruft. Insofern ist das Experiment zumindest schon mal für Simon Green als geglückt zu bezeichnen.

„Draw The Stars“, das erste Stück, ist in Sachen Instrumentierung ein gutes Beispiel. Ein bisschen Glockenspiel und xylophonartige Klänge sind so gut wie die einzigen percussiven Elemente, dazu ein paar schöne Streicher und ein eleganter Bass – das ist alles, was Andreya Triana braucht. Das darauf folgende Titelstück wartet mit sehr entspannt groovendem, trockenem Schlagzeugspiel auf, fast im Acapella-Sound rutschen die Finger über die akustische Gitarre, während der Bass sich dezent im Hintergrund aufhält. Nett. Und das ist durchaus als Kompliment gemeint, zeigt es doch, dass Andreya Triana eine wirklich gute Sängerin ist.

Bereits vor der Veröffentlichung des Albums war „A Town Called Obsolete“ ausgekoppelt worden. Auch hier sind die Drums sehr trocken und natürlich, und im leicht eigenwilligen Snare Einsatz ein klein wenig bonoboesk. Die Verwendung von Bläsern und das deutlich soulige Ambiente hingegen kennt man so von Simon Green nicht. Interessant insofern als dass man tatsächlich sagen könnte, dass er sich als Produzent von britischem Soul durchaus sehen lassen kann.

Hin und wieder hebt sich die Stimmung auf diesem Album auch durch einen Hauch von Düsterkeit von der doch sehr optimistischen Klang- und Produktionswelt der Bonobo Alben ab. „Darker Than Blue“ klingt dann vom Titel aber doch etwas dunkler als das Stück selbst, das in einigen Momenten leicht an bessere Patrick Watson Produktionen erinnert. Ähnliches gilt für das darauf folgende „Daydreamers“, bei dem mehr als nur ein Hauch Trip Hop zu spüren ist, vielleicht sogar ein bisschen Portishead.

In der Folge kommt „Far Closer“ mit deutlichen Motown-Anleihen daher, wenn auch mit etwas gebremstem Schaum – hier würde man sich von Andreya Triana doch mehr Druck und Leidenschaft wünschen. So sehr die stillen Momente dieses Stücks zu ihr passen, so sehr fällt in den durckvolleren Passagen auf, dass sie wirkt, als ließe sie nicht alles raus. Das ist dann doch eher London als Motown. „Something In The Silence“ swingt sich so ein wenig gefällig-unauffällig durch die Lounge, bleibt einfach nicht hängen, und „Up In Fire“ hat einen leicht Funk-getränkten Jazz-Duft, der letztlich dann aber auch nicht sehr viel mehr als eine hübsche Idee bleibt.

Gut, dass dann noch „X“ kommt, das einem wieder zeigt, was an diesem Album wirklich geglückt ist – die behutsame Produktion stimmungsvoller Downtempoeleganz, gepaart mit einer Stimme, die genau für diese Art Musik geeignet ist. Letztlich hat man das Gefühl, dass das Album hier und da möglicherweise doch ein wenig mehr vom Bonobo Stil hätte vertragen können. Bei einem Bonobo Album bleibt immer etwas positives in einem zurück, man nimmt etwas mit. „Lost Where I Belong“ ist ein feines Album einer guten Sängerin – wirklich bleibenden Eindruck hinterlässt es aber nicht.

ANDREYA TRIANA – LOST WHERE I BELONG – NINJA TUNE – ZENCD155 – 6/10

 

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