blackgold

Gold gefunden

Das passiert mir selten. Ein Freund drückt mir einen Haufen weniger bekannter Alben in die Hand und sagt, hör mal durch, könnte dir gefallen, und dann vergesse ich doch tatsächlich die Teile, mülle sie unter einen Haufen anderer Daten, sie geraten in Vergessenheit. Ich räume auf, sortiere um, miste aus, und da sehe ich auf einmal – unter anderem – dieses Album. Weder der Name der Band noch der Titel sagen mir etwas. Ich denke noch – okay, lass mal drauf, hörste dir mal an, vielleicht ist es ja was spannendes.

Drei Wochen später. Ich fange an, endlich mal einen Haufen Rezensionen zu schreiben (endlich Schnee, endlich Winter, endlich Zeit zum Schreiben, dabei ist doch grad erst der Frühling gekommen). Also hingesetzt, bereit gemacht, angeklickt. Und dann: gestaunt, geärgert, geschämt. Das kann ja wohl nicht wahr sein. Wir kann dir so ein Ding durchrutschen? Nur weil du ein bisschen mehr Musik zu Hause hast als andere? Das ist keine Entschuldigung. Mann. Echt.

Also jetzt. Black Gold 360. Ein britischer Produzent namens Simon Sixsmith, der in Utrecht lebt und dort mit fünf Holländern etwas erfunden hat (und man kann es durchaus so formulieren), was sie eine Dirty Electronic Jazz Band nennen. Eine wirklich recht eigenwillige und spannend kreative Mischung aus Jazz, elektronischer Musik, ein wenig Trip Hop und viel experimentellem Mut.

Mit jedem Stück ärgere ich mich mehr, dass mir dieser Lapsus unterlaufen ist. Der Opener “I’m Spartacus” hat ein spannendes, tief atmosphärisches Intro, das bereits ahnen lässt, dass hier Stimmungen, Szenen erzeugt werden, Momente, Bilder. Minutenlang elektronische Effekte, spärliche perkussive Effekte, ein Saxophon, Noise… Trommeleinlagen, heulende Synthis, schwingende Orgeln, Stereoeffekte – es ist kaum zu beschreiben, was in diesem ersten Stück passiert, bis nach fast fünf Minuten der Synthesizer Teppich weicht, Raum macht für frech lässiges Schlagzeugspiel, rhythmisch gespielten Bass, und ein Trompeten”solo” – eine Geschichte irgendwo zwischen Lalo Schifrin, Primal Scream und Red Snapper. Nur echt mit Banjo Loop am Ende.

Wenn es so weiter geht, dachte ich mir noch, dann landet das ganz weit oben auf meiner Mag-ich-sehr-Liste. “Superbia In Proelia” heißt das zweite Stück, fängt mit Kirchenglocken und allerhand anderem Gebimmel an, dazu verzerrte Stimmsamples, brummende Bassunterlage. Und dann – herrlicher Kontrabass, Xylophon, feines Jazz Schlagzeug, Trompete – ja, es geht so weiter, ein wenig wie Cinematic Orchestra mit einem Schuss Anarchie und einer kräftigeren Dosis Elektronik. Zumindest bei diesem Stück passt der Vergleich – das ist Film pur, nur eben etwas mehr French Connection als bei TCO. Faszinierend.

Zwei von elf Stücken, und ich bin schon ein Fan, das passiert mir auch nicht alle Tage. Nummer drei, “Angel Of The North” fängt an wie Four Tet, Kindersaxophon und -samples, dann Blechtrommelwirbel und allerhand Verzerrungen, eine Harfe. Was für ein seltsam verspielter Traum, der dann in einen langsamen Marsch mit Bass-Saxophon mündet. Schnitt. “Best Of Bad, Love & Light” schwingt ein wie Molvaer, nimmt dann einen trägen Marschrhythmus auf, bedrohlich instrumentiert, man sieht förmlich, wie sich die Büßer am Ende der Welt in riesigen Kolonnen in die Abgründe des Fegefeuers schleppen, von klagenden Chören, Trompeten und Trommeln begleitet. Erstaunlich dicht inszeniert, immer wieder elektronisch verfremdet – das ist, schon wieder, rundum faszinierend.

“Three Word Poetry”. Es ist noch gar nichts passiert, und doch denkt man, man säße im Eck des Zimmers von Gregor Samsa, der gerade aufwacht, nicht wissend wie man dort hin gekommen ist. Kein rechter Winkel im Raum, seltsame Geräusche, von denen man nicht weiß, sind sie im Raum oder in einem selbst. Da sitzend, kauernd, ungläubig beobachtend, Stimmen aus der Wohnung nebenan, I love you, schwebende Klänge, das Zimmer ist ein anderes, dahingeblichene Liebende vor alten Tapeten, ein Klopfen, es löst sich auf in Hall. I love you. I love you too.

“Jevski’s House” ist auch ein Ort, an dem man ein schön locker gespieltes Jazz Schlagzeug liebt und es lediglich mit Akkorden und Effekten garniert, um zu schauen, was sich daraus entwickelt. Ein Stück Musik, das live auf der Bühne für fasziniertes Schweigen und Lauschen sorgen dürfte, alle Möglichkeiten offen lässt, es dort hin zu tragen, wo es der Abend eben hin bringt, vorangetragen und gehalten von diesem Schlagzeug Thema. Die viereinhalb Minuten könnten auch zehn sein oder fünfzehn, es wäre auch in Ordnung.

Weiter. “Pay Dirt” kratzt und klopft los, mit ein bisschen Bass und Farfisa-Orgel, das Schlagzeug dann fast ohne Basstrommel, viel Becken, viel Raum für Ausflüge des Trompeters. Lässig. “Sunspots” erinnert wieder ein wenig an Four Tet in der “Rounds” Zeit, verspielt und emotional, ein klein wenig entrückt. “This Machine Kills…” macht aus Stimmsamples Maschinengeräusche, schleppt sich dann durch einen weiteren Marsch, oder Walzer, dräunende Schwermut und ein fast theatralisches Ambiente, in dem jeden Moment Tom Waits auftauchen und noch einen heiseren Kommentar beisteuern könnte.

“Sleep Soft Under Shell-Fire” – die Themen werden nicht eben leichter oder gar fröhlich. Wieder so ein schräger Fieberwahn, voller heller Töne, wie das Fiepen in den Ohren nach einem Tag voller Explosionen, aus der Ferne heranwehende Fetzen von Musik, wie Dudelsäcke, Halluzinationen, nicht wachend und nicht schlafend, ein Zischen überall, ein Soundtrack wie Apocalypse Now in den ersten Weltkrieg versetzt, und dann doch so etwas wie Schlaf, kurze Bruchstückhafte Melodien, die sich durch die Atmosphäre ziehen, kurze Momente der Ruhe, vielleicht auch der Hoffnung. Ruhe sanft.

“So Sorry Whitey” – welch ein Kontrast. Glockenhelles Thema, tiefer Basslauf, lockere Drums, der nun schon gewohnte Noiseteppich, das Spielen mit den Sounds, die man alle nur halb hört, mehr ahnt, die nicht der Musik an sich dienen, sondern dem Eindruck, der Stimmung, die Farben und Hintergründe im Film ausmachen, der sich da wieder abspielt. Tut mir leid, Whitey. Wirklich. Die Welt dreht sich weiter, weißt du. Ich wünsch dir wirklich alles Gute.

Was für ein Album. Ich weiß, bei wem ich mich zu bedanken habe. Und ich weißt jetzt auch, dass Black Gold 360 noch drei weitere Alben veröffentlicht haben. Es ist ganz offensichtlich auch anderen aufgefallen, dass hier wirklich spannende Sachen entstehen. Das hier ist ein tolles Album. Wenn auch mit einigen Jahren Verzögerung – ich bin froh, dass ich es entdeckt habe. Kann im übrigen jeder gratis selbst: alles kostenlos herunterzuladen auf www.blackgold360.com

BLACK GOLD 360 – LM6IX – www.blackgold360.com – 7,5/10

 

 

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