zerodb

Immer noch ne Schippe drauf

Dieses Doppelalbum hat mir mal so richtig amtlich den Arsch gerettet, um es mal ganz deutlich zu sagen. Ich hätte es eigentlich wissen müssen, dass da Gefahr droht. Typisches DJ-Desaster. Eine Bekannte heiratet. Sie will mit ein paar guten Freunden und der engsten Familie auf einem Weingut feiern. Braucht ein wenig gute Beschallung. Denkt sich, frag ich doch den Bekannten, der hat gute Musik, legt in guten Bars auf, dafür kann er auch lecker essen und trinken auf der Hochzeit. Wär ja sonst nicht mit von der Partie.

Sag da mal nein. Geht irgendwie nicht. Und so ein DJ ist ja auch gern mal ein wenig naiv. Denkt sich, komm, die hat gesagt, die will nur bissl Lounge Programm, da kann ja gar nichts anbrennen, die trinken noch ein paar Gläser Rheingau und parlieren, während du die lässigsten Nummern aus dem Hut zauberst, die sie je gehört haben. Wer sich auskennt, ahnt schon, was kommt. Die Gesellschaft ist schön in Schwung und ganz ausgelassen, will nicht parlieren sondern tanzen. Na prima. Die große Tasche voll mit Downbeat, und dann sollst du mal schön Dampf machen.

Klar, die Kiste hat auch hier und da was flottes dabei, Quantic, Mr Scruff, Troubleman, und auch sonst noch einiges, aber wer weiß wie lange die das Tanzbein schwingen wollen. Ich schwitze schon nach nicht mal zehn Nummern und blättere fieberhaft durch die Kiste. Bald ist Schluss mit flott, und dabei sind die grad so schön am hotten. Und da sehe ich sie, ganz am hinteren Ende der Tasche. Die neue Zero dB. Reconstruction. Zwei LPs, neun Titel, und gut die Hälfte davon eventuell einsetzbar. Hoffentlich verdauen sie es. Denn richtig stromlinienförmige Tanzware für die typische Hochzeit ist das nicht.

Eigentlich sogar ziemlich genau gar nicht. Die neun Remixes, die hier vorgelegt werden, sind teilweise von einer Intensität, die selbst das New Jazz gewohnte Tanzbein ganz schön ins Zittern bringt. So war auch klar, dass der Opener, der Zero dB & Hectic Remix von „Satellites Are Spinning“ von Sun Ra besser nicht auf den Plattenteller kommt. Schon hier wird klar, dass Neil Combstock und Chris Vogado alias Zero dB so ziemlich zu den besten Remixern gehören, die so zwischen 2000 und 2005 die Szene bereicherten. Da wird kräftig nach vorne gemischt, Gas gegeben, Feuer gemacht. Super fetter Kontrabass, richtig weit vorne, treibend ohne Ende, dicke Percussionanreicherungen, und nicht zuletzt sehr kompromisslose elektronische Unterstützung fast bis an die Schmerzgrenze.

Bei Sun Ra geht das spektakulär gut, vor allem wenn man das aus der Richtung der Jazz Freunde betrachtet. Ein atemloser Ritt, psychedelisch, elektronisch, voll aufgedreht – so gut und so fett, dass die Tanzfläche fast immer Probleme hat, mitzukommen. Aber eins ist sicher – WENN der Track jemals zur richtigen Zeit gespielt wird, dann explodiert die Bude. Beim Remix von „Henry“ aus dem Hause Peace Orchestra ist das Tempo deutlich verhaltener (und klar geeignet für meine Hochzeitsgäste, die tatsächlich Freude dran haben). Der Eleganz der Wiener angepasst, wird der Salon-Swing des Stücks fein angedickt, mit ein paar rhythmisch eingewobenen Synth Licks unterstützt, den Bläsern ordentlich Raum und Druck verschafft, hier und da ein wenig das Rhythmuswerk fein variiert – schon rollt der vollsatte Remix los, und ich habe mir knapp sieben Minuten Raum verschafft.

Auch beim Trüby Trio und „Galicia“ kann ich nicht viel falsch machen, normalerweise. Ja, auch hier ist der Zero dB Remix mit kräftig mehr Dampf versehen als das Original, aber es ist schon beeindruckend, wie aus einem netten New Jazz Klassiker eine konsequent treibende Tanznummer gestrickt wird. Viel mehr Elektronik, viel mehr Bass, aber von der mächtig nach vorn gemischten Kontrabass-Sorte, Vocal Loops, überbordendes Spiel mit den Toms und Becken, Minute für Minute wird es dicker und satter, dann ein hübsches Zwischenspiel mit allerhand Hüllkurvenknopfgedrehe, und schon geht es wieder weiter Richtung Volldampf. Gerade das Spiel mit der Dekonstruktion und dem geschickt effektiven Neuaufbau wird bei diesem Remix exzellent betrieben. Die Hochzeitsgäste gehen schon richtig hübsch ab und Schweißperlen garnieren das durchaus seelige Lächeln.

John Kong & Moonstar folgen mit dem Zero dB Remix von „Future Vision“ – deutlich entschlackter, jazzy und funky, mit fein vertracktem Schlagzeugspiel und hübschen Stereoeffekten, viel Stage Piano, und dem typisch markanten, leicht knarzigen Elektrobassteppich. Feines Teil, aber meine Gäste würden sich die Beine verknoten. Wie wohl auch bei Original Soulboy im Remix von „Touch The Sun“. Wieder knarzt der Bass ungeniert aus den Boxen, auf schön komplexem Rhythmus, dieses mal mit sattem flächigem Synth Teppich. Die Jungs lassen sich Zeit wie sonst nur Troubleman. Und bauen Schicht um Schicht auf, nehmen das Stück wieder auseinander, bauen es neu und noch voller und satter wieder auf – mit jeder Runde steigert sich das Spiel, und in jedem Intermezzo wartet eine neue feine Dekonstruktion.

Aber die nächste Nummer ist wieder was für meine Gäste. Die sind eh schon tief in Südamerika angekommen, bei dem Menü, das ich ihnen serviere, und da kommt Suba grad recht. Zero dB Remix von „Samba do Gringo“ – und ich gönne ihnen das komplette lateinamerikanische Intro mit allem was dazugehört. Schöne weit nach vorn gemischte Akustikgitarre, tolle Rhythmusarbeit, dazu die nötige Portion Electro, das passt. Und jetzt wird sogar noch gesungen, von Brasilien, da kommt auf der Tanzfläche gleich noch mehr Freude auf. Sie merken kaum, dass sie sich da grad zu ziemlich ambitionierten Klängen vergnügen. Der Saal bebt. Und ich bin verdammt froh.

„Xtradition“ von Interfearance ist eindeutig in diesem Remix treibender, spannender und irgendwie konsequenter als im Original, wenn auch nicht ganz so aufregend wie vieles von dem, was wir schon gehört haben. Bei Grupo Batuque mit „E Ruim“ sind wir dann aber schon wieder tief in Südamerika angekommen – und noch einmal beweisen Zero dB, dass man selbst den klassischsten brasilianischen Tanznummern noch eine richtig große Portion Arsch verpassen kann. Mancher mag meckern, dass das wie Spoiler am Sportwagen rüber kommt, aber man muss einfach sagen – was Zero dB aus dieser Nummer machen, hat auf der Tanzfläche einfach sehr viel geilere Bodenhaftung.

Zu guter Letzt serviert man uns dann noch einen Remix von Acmes „Hangovers“ – ein interessanter und krasser Kontrast zum vorhergehenden Stück. Sehr elektronisch, sehr technisch, kühl, und doch immer mit einem ungeheuren Vortrieb, der sämtliche Zero dB Remixes kennzeichnet. Immer nach vorn, immer Meister im Wechsel aus Aufbau und Dekonstruktion, mit feiner Dramaturgie, und mit einem Gefühl dafür, wie weit man gehen kann, ohne zu nerven.

„Reconstruction“ ist in erster Linie ein großartiges Lehrstück der Remix Kunst. Zero dB verstehen ihr Handwerk wie kaum ein anderes Remix Team, und man muss ihre Konsequenz bewundern, mit der sie ihren Job erledigen. Und so ist dieses Album eigentlich auch das beste, was sie bis dato auf den Tisch gelegt haben. Nicht jedermanns Sache, gewiss, aber konsequent durchgezogen und damit voll überzeugend.

ZERO DB – RECONSTRUCTION – UBIQUITY ‎– URCD 127 – FLUID OUNCE – FLOZLP02 – 7,5/10

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