uwor

Nichts für Fans. Oder eben doch.

Das Problem mit Underworld Fans ist, dass viele von ihnen wirklich reine Underworld Fans sind. Wenn es nicht hemmungslos klopft und kein Karl Hyde zu hören ist, dann ist das doof. Aber gut, das ist beim Fan-sein eh immer das Problem – man begrenzt sich bewusst auf ein Thema, eine Spielart, einen Verein, eine Person. Und generiert damit in der ungesunden Konsequenz automatisch Feindbilder. Man schaue sich nur viele von den Reaktionen der „leidenschaftlichen“ Underworld Fans auf diese CD an. Unverständnis, Enttäuschung, Entfremdung.

Da steht schließlich Underworld drauf! Hallo? Und dann drückt man auf Play und dann kommt da so Jazz Kram. Rockt so gar nicht. Ich hatte mal das unverschämte Glück, ein Interview mit den beiden Herren führen zu dürfen. Selten habe ich mit so höflichen, neugierigen, respektvollen, musikalisch breit interessierten und klar denkenden Musikern gesprochen. Man hatte mich unter anderem gebeten, sie nach ihren fünf Lieblingsplatten zu fragen. Eigentlich mag ich so etwas nicht, es ist so eine lahme und vorhersehbare Frage. Aber sie fanden es prima. Nur zu gern.

Nicht weiter überraschend: Das Ergebnis waren fünf Alben aus fünf verschiedenen Musikrichtungen, ein paar Klassiker, ein paar ganz nagelneue Sachen. Kraftwerk, King Tubby, Jazz, wirklich bunt. Bei King Tubby fiel ihnen partout nicht der Titel des Albums ein. Kurz mal bei Darren Price angerufen und gefragt. Der wiederum nannte gleich drei Album Titel, es war ein lustiges kleines Titelraten in der Hotellobby.

Natürlich gibt es auch Underworld Fans, die gerade das lieben. Die wissen, dass die Band lange auch eine großartige Design Agentur leitete, und dass die Texte von Karl Hyde nicht wirklich zum ravigen Mitgröhlen geschrieben wurden, sondern durchaus so etwas wie Lyrik darstellen, die verstehen, dass er so etwas wie ein Poet ist, nur eben einer, der seine Gedanken in assoziativen Schnipseln auf Techno legt, was dann, im extremen Fall, zu intensiven gesangstechnischen Vereinigungen mit der Heerschar der Fans im Publikum führen kann.

Für die also, die eben genau diese simple Festlegung von Underworld auf einen kleinen BPM Bereich für blödsinnig halten, eröffnet diese Zusammenstellung von Lieblingsstücken (und genau genommen ist diese CD nicht mehr und nicht weniger als das) durchaus interessante Aspekte. Die Bandbreite ist groß, von Alice Coltrane, der Frau von John Coltrane, bis Squarepusher, von Roxy Music bis Laurent Garnier – der kurze Blick auf die Liste der Interpreten kann schon mal die Frage aufwerfen, was das verbindende Element ist.

Es wäre jetzt einfach, zu sagen, dass die Verbindung darin läge, dass das eben alles Stücke sind, die man mag, die einen beeinflusst haben. Stimmt natürlich. Es macht aber auch Sinn, sich zu fragen, warum es denn nun ausgerechnet diese Stücke sind, und ein Teil der Antwort ist ganz sicher die Faszination am vorantreibenden Element in der Musik, am Schub, dem Vorwärtsgerichteten. Nein, irgendwie nicht der Groove, nicht so ganz. Zumindest im hiesigen Verständnis wird der Begriff ein wenig zu entspannt wahrgenommen – Schubkraft ist ein bisschen was anderes.

Der andere Aspekt liegt sicher in einer gewissen Entrücktheit, Erhabenheit, Losgelöstheit. Gleich am Anfang der CD perfekt dargestellt von Alice Coltrane mit „Journey In Satchidananda“, mit einem beseelten Cecil McBee am Bass und einem wie immer großartigen Pharoah Sanders. Frau Coltrane an der Harfe, im Hintergrund stets die Sitar – wer sich nur ein ganz klein wenig in Karl Hyde hineinversetzen kann, ahnt, warum ihn dieses Stück inspiriert. In der Folge ist das Mahavishnu Orchestra, natürlich mit John McLaughlin, ebenfalls extrem tiefenentspannt unterwegs – nichts kann hier die Ruhe und Versunkenheit der Musiker stören, sie lieben was sie tun, und das hört man. Sehr Underworld, in diesem Sinne.

Tom Jenkinson (Squarepusher) ist auch so einer, der es im höchsten Maße konsequent liebt und sich einen Teufel darum schert, in welchen Kategorien er sich gerade bewegt, und schon darum ist es spannend, ihn direkt hinter das Mahavishnu Orchestra zu legen. Selbst wenn man weiß, dass Jenkinson bei aller Freude am elektronischen, an Noise Experimenten und herausfordernden bis wirklich an die Nerven gehenden Exkursionen, eine große Liebe für den Jazz hat, ist es zumindest ein Lächeln wert, wenn man feststellt, wie gut sein „Theme From Sprite“ sich an das Spiel von John McLaughlin reiht.

Diese Zusammenstellung zwingt so gut wie jeden, sich im Laufe der Stunde, die man mit diesem Album verbringt, mit Musik auseinanderzusetzen, mit der man sonst eher gar nichts zu tun hat. Soft Machine ist so ein Fall für mich. Ein ganzes Zimmer voller Musik – und kein einziges Soft Machine Album. Sollte ich noch mal überdenken, jetzt wo ich mir ein paar mal „Penny Hitch“ angehört habe. Viel näher am Jazz als ich dachte, viel satter und spannender produziert als ich es erwartet hätte, und wiederum von sehr viel reiner Spielfreude gekennzeichnet.

Ausgerechnet Roxy Music hingegen, die ich teilweise wirklich sehr mag, passt für mich eher weniger in die Reihe der Stücke, die im Übrigen so gut wie gar nicht gemixt sind, durchaus aber sachte ineinander übergehen. „2HB“ fängt für mich eigentlich erst nach knapp zwei Minuten an, wirklich interessant zu werden, wenn das Stück in eine Passage übergeht, die wie eine Roxy Music Interpretation von Krautrock klingt. Doch wenn dann Bryan Ferry wieder einsteigt, verliere ich die Verbindung zum Thema – die musicalhafte Erzählweise des Stücks ist für mich einfach ein fremdes Element im Fluss der Inspirationen.

The Detroit Experiment kannte ich bis zu diesem Album genau gar nicht. Mag jetzt ein wenig peinlich sein – schließlich ist das ein von Carl Craig initiiertes Jazz Projekt mit Musikern, die alle entweder in Detroit geboren wurden oder dort den größten Teil ihres Lebens verbracht haben. Hätte man zumindest wissen können. Noch einmal reine Freude an der Musik, keine Posen, kein Theater, fast klassischer Jazz, den man so sicher nicht im 21. Jahrhundert vermutet hätte.

Spannend. Auch die Anwesenheit vom Moodymann, dessen „Rectify“ wiederum großartig in die Reihe passt, weil es wie kaum ein anderes Moodymann Stück dessen große Liebe zum Jazz demonstriert. Keine Ahnung, wie er diese Stücke konzipiert, immer hören sie sich an als wären sie sorglos und ohne große Konzentration auf strukturelle Regeln oder gar kompositorische Strategien zusammengeworfen, improvisiert mehr als komponiert, aus dem Moment heraus, assoziativ und spielerisch, ungeheuer leichtfüßig. Nachvollziehbar, dass man das im Hause Underworld zu schätzen weiß.

Den Übergang zu Osunlades „The Promise“ bekommt man fast nicht mit, so ideal passen diese beiden Stücke hintereinander. Irgendwie, denke ich da, kenne ich Osunlade anders – nicht so arpeggiohaft, nicht so psychedelisch, elektronisch, abstrakt, allenfalls so polyrhythmisch wie hier. Hier und da habe ich gehört, dass man die Auswahl der Stücke für diese Compilation ein wenig zu unspektakulär und etwas zu vorhersehbar findet. Geht mir nicht so. Ich bin wirklich alles andere als ein Musikbanause, aber ich entdecke hier einiges, das ich trotz aller Underworld-Sachkenntnis so nicht erwartet hätte.

Ein eigenes Stück darf natürlich auch nicht fehlen. „Oh“ stammt aus dem Soundtrack zu Danny Boyles Film „A Life Less Ordinary“ aus dem Jahr 1997. Ganz ehrlich? Ich weiß nicht, ob man den Fans hier noch mal eine Gelegenheit geben wollte, das Stück verfügbar zu machen, ohne den Rest des Soundtracks dieses Films mit in die Sammlung stellen zu müssen – es ist nicht wirklich ein Highlight der CD. Damit hat man sich nicht wirklich einen Gefallen getan. Aber vielleicht kommen hier die „harten“ Fans auf ihre Kosten, wer weiß.

„Gnanmankoudji (Broken-Afro Mix)“ vom Herrn Garnier folgt dann: broken beats, eine gute Portion Jazz – man könnte fast meinen, hier wären Zero dB am Werk gewesen. Was durchaus ein Kompliment ist. Wiederum eine sehr interessante Auswahl, auch diesen Mix kannte ich noch nicht und mag ich jetzt. Philippe Nadaud heißt der wirklich gute Saxophonist und Arrangeur hier. Credit where credit is due.

Dann ein wirklich harter Wechsel zu Miroslav Vitous und „New York City“ – so etwas wie ein Hybrid aus Jazz und 70er Jahre Disco mit ner Prise Jazzrock. Wirkt irgendwie ein wenig komisch, heutzutage, da kommt wieder etwas das theatralische Element hervor, das bei Roxy Music schon nicht ganz ins Konzept der Zusammenstellung passen wollte. Bleibt irgendwie außen vor, wie auch das letzte Stück, eine Kooperation von Brian Eno und Karl Hyde – Elektronik, Jazz Drums, und eben Karl, mit seinen Gedanken. Interessant, aber auch hier fällt der Vergleich mit den großen Momenten dieses Albums etwas flach aus. „Beebop Hurry“ ist nicht so rasend spannend, dass es als Synthese der Inspirationen überzeugen könnte.

Was bleibt ist eine Compilation, die großartig beginnt, ein wenig desorientiert endet, vieles verdeutlicht und einiges entdecken lässt. Viele wussten schon vorher, dass Underworld mehr bieten als eine intellektuelle Variante von Techno, die sind hier recht gut bedient, die anderen denken sich „what the fuck“ und sind von ihren Helden enttäuscht. Die hätten es wohl spannender gefunden, wenn ich ihnen gesagt hätte, was die Antwort auf ihr absolutes Lieblingsalbum gewesen ist. Ohne Zögern war die Antwort „Computerwelt“ von Kraftwerk.

V.A. – UNDERWORLD VS. THE MISTERONS: ATHENS – STUDIO !K7 – !K7243CD – 7,5/10

« »