Motives for Writing

Mehr als nur Bäuche

Susanne hieß sie, die Kollegin, die da diese erstaunlichen Sachen hörte, auf der anderen Seite des Ganges. Ich hörte erst nur mit halbem Ohr hin, dann immer konzentrierter, und fragte mich, was das denn sei. Irgendwie dachte ich an mittelalterliche Musik, aber dafür war es dann doch zu modern – und nach ein wenig mehr Grübeln und Lauschen ging ich einfach rüber zu ihr. Susanne. Was sie denn da höre. Wim Mertens, sagte sie. Okay, aber was ist das? Neue Musik, sagte sie. So etwas ähnliches wie moderne klassische Musik. Hm, sagte ich nur, und setzte mich hin, um mir noch mehr anzuhören.

Das dürfte jetzt bald 20 Jahre her sein. Und das Album, das wir dort hörten, damals noch ganz mittelalterlich im Cassettenrecorder, das war eben dieses – „Motives For Writing.“ Und auch heute finde ich es noch großartig, wie viel Schönheit in diesen Stücken ist. Mertens ist faszinierend, und für jemanden wie mich, der kein Musiker ist, kein Komponist, ein Mysterium. Sie folgt klaren Regeln, die auf mich weit strenger und enger begrenzt wirken als die Regeln, nach denen populäre Musik komponiert wird, und doch ist sie in der Lage, eine Emotionalität zu erzeugen, die wirklich umwerfend ist.

Die meisten, die Mertens kennen, sind mit dem „Bauch des Architekten“ eingestiegen, dem großartigen Soundtrack zum Greenaway Film. Insbesondere unter Leuten, die in der Werbung arbeiten, ist diese CD die wohl am häufigsten verwendete, weil sie jedes mal mit in den Schnitt genommen wird, wenn man irgendwie tolle spannende emotionale bewegende Musik für Werbefilme haben möchte, die ohne diese Musik eben nur fade, beliebig, austauschbar wären. Millionen mal ist darauf geschnitten worden, Millionen mal sind Werbemusikkomponisten aufgefordert worden, etwas zu komponieren, das genau das gleiche ist, aber eben doch nicht ganz. Du weißt schon, Andi. So, dass keiner wegen Copyrights rumzicken kann.

Auch heute finde ich „Motives For Writing“ noch immer spannender und insgesamt bewegender als den Architektenbauch. Denn in letzterem gibt es bei aller Größe auch ein paar Sachen, die ich nicht hören muss, eben hauptsächlich die, die nicht von Mertens sind. Dieses Album hingegen ist von vorn bis hinten einfach zum Niederknien. Und da ist es auch egal, wenn man mir jetzt sagen will, Mensch, reiß dich mal zusammen, du bist Rezensent. Ja, bin ich. Das ist meine Rezension. Die Platte ist zum Niederknien. Punkt.

Aber ich will natürlich auch ein bisschen sagen, warum das so ist. Auch wenn es schwer fällt, das in Worte zu fassen. Ein schönes Beispiel ist der Anfang dieses Albums, das mit gerade einmal 1:45 Minuten geradezu winzige Stück Musik mit dem Titel „Watch!“ – scheinbar fast nur mit Bläsern eingespielt, allenfalls mit ein wenig Hilfe von Synthesizern, die wie Blasinstrumente klingen, hüpft es so flott und aufmerksamkeisuchend ins Gehör, dass man denkt man sei auf einem königlichen Kindergeburtstag. Und weil die Kinder schnell müde werden, ist auch schnell Schluss. Herrlicher Auftakt.

Mertens macht es einem nicht unbedingt leicht – in „The Personnel Changes“ lernen wir ihn auch als Sänger kennen, der mit einer sehr hohen Stimme singt und dabei eine von ihm entwickelte Fantasiesprache verwendet. Das muss man erst einmal akzeptieren. Wieder jede Menge Blasinstrumente, ein Synthesizer, der wie ein verzerrtes Spinett klingt, ein wenig barocke Strukturen, Klarinettenakzente, viele schöne rhythmische Varianten – ich werde schon hier das Gefühl nicht los, dass viele nur deswegen den Bauch des Architekten so sehr schätzen, weil sie dieses Album nicht kennen. Der Ideenreichtum dieses Stücks ist ein echtes Geschenk, es ist wie ein überbordendes Festival der Melodien, das für Stunden gereicht hätte, aber hier auf sieben Minuten kondensiert wird.

Die ersten Takte von „Paying For Love“ sind klassischer Minimalismus, Melodien, die von einem kleinen Bläserensemble in endlose Sequenzen immer gleich lang gespielter Noten eingearbeitet werden – ein wirklich faszinierendes Stilmittel, das ungeheure Konzentration und eine perfekte Atemtechnik der Musiker verlangt – man hört es an den Atmern, die schnell zwischen zwei der Noten geschoben werden. Darauf baut sich ein melancholisch majestätisches Thema auf, begleitet vom fast sehnsuchtsvoll singenden Mertens, der in seiner eigenen Sprache eine Geschichte erzählt, die wir nicht vestehen, wohl aber fühlen können – wäre klassische Musik immer so, ich würde den ganzen Tag nichts anderes hören.

Nach fast elf Minuten Erhabenheit setzt „No Testament“ einen belebenden Kontrapunkt – ein weiteres Fest der Harmonien, auf dem Boden eines tiefen Bläsersatzes, der ein Motiv spielt, das einem einen großen Schwung Optimismus verpasst, darüber helle Bläser, schnell, repetitiv, weiter antreibend, dann eine Militärtrommel, die noch unmissverständlicher zur Bewegung auffordert, und spätestens wenn der dritte Bläsersatz seine Melodien auf dieser Komposition verbreitet, ist man dabei, was immer es ist, es kann nur etwas sein, das die Welt besser macht.

„Words On The Page“ holt einen dann wieder auf den Boden zurück. Mit Harmonien, die ein wenig Zögerlichkeit ausdrücken, ein Überlegen, nicht wissen, als würde man den Titel des Stückes ernst nehmen, ein Blatt Papier, eine Botschaft, die zu formulieren ist, so vieles im Kopf, so vieles, das man sagen könnte, so viele Arten, es zu tun, wie sag ich es, wie schreibe ich es… Klassische Bläser, barocke Harmonien, Verzögerungen, Verlängerungen, Variationen und Metamorphosen, als wolle man verschiedene Formulierungen des zu sagenden ausprobieren, schauen, wie es klingt, nein, noch einmal zähes Grübeln, ringen mit einzelnen Worten – ein komplexes, durchaus auch anstrengendes, aber wirklich faszinierendes Spiel.

Zum Abschluss bringt „The Whole“ noch einmal alles auf die Bühne, was den optimistischen, lebensfreudigen, bewegenden Wim Mertens ausmacht. Fast könnte man meinen, dass Mertens sich hier ein wenig Inspiration in der irischen Volksmusik geholt hätte. Piccoloflöten, Klarinetten, Tuba, jede Menge weiterer Bläser, reich instrumentiert, ein richtig schönes Fest ist es, das eine wunderbare Platte feierlich beendet. Man muss ihn einfach lieben, den Mertens, und eindeutig für mehr als nur die Bäuche von Architekten.

WIM MERTENS – MOTIVES FOR WRITING – EMI CLASSICS – 50999 5173212 7 – 9/10

 

« »