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Der Erfinder. Jedenfalls so ziemlich.

Brian Eno hat da eine klare Meinung. Er hat Ambient erfunden. Keine Sorge, wir fangen hier keine Grundsatzdiskussion an. Zum einen ist hinreichend dokumentiert, dass auch vor Eno schon ein paar Musiker mit Vorläufern dessen, was Eno dann Ambient nennt, experimentier thaben, zum anderen hat keiner dieser Musiker das Konzept als solches definiert und dokumentiert – und schon gar nicht mit einer Reihe von vier Alben manifestiert. Das hat Eno. Und „Ambient 1“ ist einfach der Anfang von Ambient, egal wie man es dreht und wendet.

Vier Stücke, einfach nur „1/1“, „2/1“, „1/2“ und „2/2“ genannt (zwei LP-Seiten, je zwei Stücke eben, CDs gabs erst sehr viel später). In der Art der Produktion identisch – Eno nahm etwas auf, schickte es durch ein Tape Delay, und ließ so theoretisch endlose Loops laufen. Vielleicht etwas arg simplifiziert formuliert – ein Signal wird in das Delay Instrument geschickt, wird dort gespeichert, und nach einer vom Produzenten eingestellten Zeit erneut wiedergegeben.

Eno hatte anfangs tatsächlich die Idee, dass diese Musik in endlosen Schleifen an Orten gespielt wird, an denen Menschen durch die Wiedergabe dieser Musik die Hektik und der Stress genommen wird. In den 80ern wurde dieses Album sogar für eine Weile im Marine Air Terminal am New Yorker LaGuardia Flughafen gespielt.

Es gibt verschiedene Geschichten, wie Eno darauf gekommen sein soll. Die eine besagt, dass er kurz vor dem Erscheinen eines anderen Albums („Discreet Music“) wegen eines Autounfalls längere Zeit im Krankenhaus gelegen hat und dort auf die Idee kam, als die Beschallung mit klassischer Harfenmusik ihm nicht ganz genehm war.

Die andere Geschichte besagt, dass er einige Stunden unfreiwillig am Flughafen Köln/Bonn festgesessen haben soll und sich dort sehr über die Geräuschkulisse geärgert habe. Beides stimmt wohl – denn eines der Stücke von „Discreet Music“ soll auf Entbindungsstationen ein echter Hit (gewesen) sein, und der Titel dieses Albums bestätigt die tatsächliche Intention Enos, Musik für Flughäfen zu komponieren.

Es ist interessant, wenn man sich im Internet anschaut, wie manche dieses Album kommentieren. Für manchen wird es schnell zu „langatmig“. Interessante Einschätzung, vor allem im historischen Kontext, mit endlosen Loops an öffentlichen Orten und so. Natürlich – man könnte sich durchaus fragen, warum nun beispielsweise „1/1“ exakt 17:25 Minuten lang ist und nicht beispielsweise 13:46. Aber das ginge dann schon recht nahe an eine Diskussion, in der man sich vor einen Jackson Pollock stellt und wirklich darüber reden will, ob man das nicht auch könnte. Oder das Nachbarskind.

Gerade „1/1“ ist in seiner himmlischen Ruhe aus einfachen, in der Tat unglaublich beruhigenden Piano Themen, Glockentönen und Synthesizerräumen kaum kürzer denkbar. Eno wird ganz sicher am besten gewusst haben, wann das Stück seine Wirkung entfaltet hat, wann es seinen Zweck erfüllt hat. Noch viel plausibler ist aber die technische Erklärung, denn die Elemente, aus denen die Stücke bestehen, werden einzeln in Loops geschickt und jedes einzelne hat ihr eigenes Timing, so dass die Wiederholung der Elemente in unterschiedlichen zeitlichen Intervallen stattfindet. Eno sagte selbst, dass diese Titel Momentaufnahmen seien, und dass eben manchmal mehrere Elemente gleichzeitig erklingen, manchmal separat, je nach dem, wie die Intervalle eben kommen. Heißt: Eno wird sich den Zeitraum ausgesucht haben, der dem, was er sich vorstellte, am ehesten entsprach.

„2/1“ besteht ausschließlich aus einzelnen Chorstimmen, die auf eben diese Weise in die Loop geschickt wurden, teilweise mit einem Delay von fast einer halben Minute. Der Effekt, der sich durch die unterschiedlichen Stimmen und die unterschiedlichen Delay Zeiten ergibt, ist der von sich ständig verändernden Stimmkombinationen, eines im Prinzip zufälligen Chores. Das Erlebnis hingegen klingt keineswegs nach Zufälligkeit, sondern nach einem himmlischen, gänzlich zeitlosen und nicht an Regeln gebundenen Chor, dessen Stimmen in immer neuen Kombinationen und Abfolgen ein musikalisches Erlebnis schaffen, das mit herkömmlichen Arten, Musik zu erleben, wunderbar wenig zu tun hat.

Für „1/2“ setzt sich Eno wieder an das Piano, dieses mal kombiniert mit den Chorstimmen, die wir bereits in „2/1“ gehört haben. So weit es sich beurteilen lässt, sind aber hier keinesweg die beiden Aufnahmen der ersten Seite einfach kombiniert worden, sondern auch hier alle Elemente auf eine erneute Reise durch das Delay geschickt worden, um ein neues, einzigartiges Zusammenspiel zu erschaffen.

Das letzte Stück, „2/2“, variiert die Aufnahmetechnik noch einmal, indem hier ausschließlich Sounds vom ARP 2600 Synthesizer verwendet werden. Auch hier ergibt sich durch die unterschiedlichen Delay Zeiten eine absolut einzigartige Sequenz praktisch zufälliger Notenfolgen, und wie bei „2/1“ ein Klangerlebnis, das die eigentliche Zielsetzung von Ambient, nämlich Menschen den Stress, die Last zu nehmen, ihnen eine akustische Umwelt zu geben, die sie entspannt sein lässt, perfekt umsetzt.

„Ambient 1“ markiert die Geburt des Ambient. Alles, was danach kam, wurde an diesem Album gemessen, und kaum etwas kam auch nur annähernd an die Größe dieses Werks heran, nicht einmal Eno schaffte es – mit der Ausnahme der Apollo Soundtracks, wenn man sie als Ambient bezeichnen möchte. Erst sehr viel später gab Wolfgang Voigt mit seinem Projekt Gas und dem Album „Pop“ Ambient eine neue Dimension. 22 Jahre nach „Music For Airports“, im Jahr 2000. Es gibt nicht viele Alben, die wirkliche Meilensteine in der Geschichte der modernen Musik sind – das hier ist ein ganz großer.

BRIAN ENO – AMBIENT 1: MUSIC FOR AIRPORTS – VIRGIN – 7243 8 66495 2 2 – 10/10

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