boobacoho

Home is where the groove is

Mit Samplern kann ja nicht jeder so. Schnell ist die Nase gerümpft – das ist doch nur was für Leute, die zu faul sind, sich intensiv mit Musik zu beschäftigen, sondern nur so was trendiges im Regal haben wollen, wenn mal Besuch kommt. Zu einem großen Teil habe ich dafür auch ein gewisses Verständnis. Oft genug, wenn ich mal jemandem erzählt habe, dass ich am Wochenenden gern in Bars lässige Sachen auflege, kam dann so was wie „Ah, cool, ja, so Café del Mar und so.“ Manchmal fiel es mir wirklich außerordentlich schwer, darauf noch eine freundliche Antwort zu finden. „So ähnlich“ sagte ich meist, und sparte mir den Zusatz „nur nicht so Scheiße.“ Café del Mar geht mal gar nicht. Da kannst du auch gleich Chris de Burgh hervorholen.

Andererseits können Sampler, Compilations, Mix Alben auch wirklich wertvoll und sinnvoll sein. Viele von meinen Lieblings-Samplern sind tausende von Kilometer mit mir in der Plattentasche unterwegs gewesen, weil sie manchmal gleich ein halbes Dutzend Stücke beinhalteten, die prima in der Bar beim Vermeiden der Café del Mar Klischees halfen. Meist waren mindestens zwei Verve Remixed Compilations dabei, oder was aus der Hi Fidelity Lounge Reihe. Noch ein Vorteil: Man entdeckt dort auch durchaus mal Neues, das dann wieder zu weiteren schönen Entdeckungen führt. Xploding Plastix hätte ich ohne den Colors Sounds: Nordic Sampler wohl erst sehr viel später kennen gelernt.

Und da sind dann ja noch die Mix CDs. Die DJ Kicks von Kruder & Dorfmeister – genreprägend. Die Coldcut 70 Minutes of Madness – tatsächlich, blanker Wahnsinn. Oder auch die teilweise wirklich tolle Solid Steel Serie von Ninja Tune. Natürlich gibt es auch viel dürftiges Clubgemixe, das kein Mensch braucht. Aber gerade für einen, der selbst gern Platten mixt, ist es immer wieder faszinierend, was da so alles zusammengeworfen wird.

Zugegeben – die Coming Home Mix CD von Boozoo Bajou ist nicht notwendigerweise stilprägend, sie beinhaltet keine wirklich atemberaubenden mixtechnischen Fähigkeiten, und allzu große Überraschungen bietet sie auch nicht. Und trotzdem ist das „aber“, das ich hinterherschiebe, ein wirklich gewichtiges. Ich würde mal behaupten, dass dieser Mix zu den lässigsten Aufnahmen gehört, die in meiner nicht eben kleinen Sammlung zu finden sind. Ungeheuer entspannt, richtig erfreulich stilvoll, fein ausgewählt, stimmig zusammengeschoben.

Das will was heißen. Denn im Gegensatz zum sonstigen Tätigkeitsbereich der Herren von Boozoo Bajou – leicht dubschwangere und von Südstaatendüften durchzogene Edel-Downtempo-Produktionen – bewegen sie sich für diesen Mix im oft wirklich grässlich von Dünnbrettbohrern verseuchten Deep House Gelände. Ja, hier und da sind auch gern mal ein paar Südamerikanische Klänge dabei, und gegen Ende wird es für eine solche Klassifizierung auch mal fast schon zu druckvoll, aber unterm Strich ist das Deep House. Nur – es wird nicht ein einziges Mal peinlich. Das hätte echt in schlimmem Klischee enden können – ist aber meilenweit davon entfernt.

Das fängt schon gut an, denn das jazzige Intro von Linkwood Family’s „Miles Away“ lässt sich richtig schön Zeit, setzt gleich die richtigen Akzente, und bereitet unaufgeregt die Bühne für das Darauffolgende vor. Die Boozoos selbst haben auch keine Eile und schieben den shuffeligen Idjut Boys Dub vom eigenen „Fürsattel“ erst nach gut acht Minuten ran. Ist okay. Wir sind schon extrem entspannt, und der Shuffle Rhythmus passt wunderbar auf die diversen Dub Räume, die der Mix zu bieten hat.

Die Entspannung erreicht ähnlich große Tiefen wie der Hall, bis knapp vier Minuten später Ski in den Schallraum croont und sagt, er sei „On My Way“. Boozoo Bajou hatten schon immer ein Faible für tiefe, markant männliche Stimmen, und Ski begleitet Tontelas, so heißt der Interpret, hier auf recht manierierte Weise, wie eine Art leicht übereifriger weißer Barry White. Die Texte – okay, eventuell ist da dann doch ein wenig Klischee im Spiel. Aber lässig ist es schon. Lassen wir durchgehen.

Zumal im Anschluss ein feines kleines Intermezzo folgt. Soulphiction mit „Soulprint“, kurz dazwischengeschoben für knapp zwei Minuten, mit reichlich Stil, hallt dann fein aus und wird vom W-Burn Clan abgelöst, deren „Lights Out“ das Tempo leicht anziehen lässt, die Grundentspannung aber keinesfalls gefährdet. Es folgt eins meiner beiden absoluten Highlights – Nora Morales‘ „Saona“ im Gilles Peterson & Sinbad Remix. Großartige Piano Loop, feine spacig spinnerte Soundeffekte, schön schiebende Südamerikanische Beats und Chöre – vor vielen Jahren hat mal ein gewisser Sidestepper in Venezuela ein paar richtig lässige Beats gebastelt, an die musste ich da unweigerlich denken. Großes Kino.

Gut, dass das gleich sieben Minuten lang das Ohr erfreut – ich muss schauen, dass ich das gute Stück irgendwo separat auf Vinyl finde. Nach diesem feinen Moment lerne ich noch mal was über die Wirkung von Stücken in unterschiedlichen Zusammenhängen. Als ich nämlich das nächste Stück, „Killer“ von Boozoo Bajou ft. Topcat, das erste mal auf deren Album hörte, war ich schon nach nicht mal einer Minute schwer genervt. Ich steh halt nicht auf diesen Jungle Style MC Kram, da steckt wenig Variabilität drin. Aber komisch, hier in diesem Zusammenhang kommt es deutlich weniger nervig rüber. Allerdings wird hier auch nicht eine Albumtitelfolge feiner Downtempo Tunes durch nerviges Getoaste unterbrochen, hier gehört es eher rein.

Trotzdem habe ich nichts dagegen, wenn dann Henrik Schwarz übernimmt, der sich mit Amampondo zusammengesetzt hat und deren „I Exist Because Of You“ einen Live Mix verpasst hat. Sehr typischer Schwarz Stil, sehr fein und sehr warm produziert, sehr percussiv und sehr afrikanisch, mit entsprechenden Gesängen – manchmal geht mir der gute Henrik beim World Beat integrieren ein wenig arg weit, aber seine Produktionen sind halt einfach von so hoher Qualität, dass selbst das gut geht. Sicher auch weil der Mix achteinhalb Minuten Zeit hat und sehr viel Raum lässt, die Fähigkeiten von Henrik Schwarz zu feiern.

Nachdem so das Tempo noch mal kurz angezogen wurde, geht es im nächsten Moment etwas deutlicher auf die Straße, und wo die Beats eben noch flossen, springen sie bei „Givin It Up“ von Icasol ft. Capitol A deutlich mehr. Die hier verwendete Dub Version ist unterhaltsam, schiebt mit einem einfachen aber effektvollen Akkordthema nett an – nichts großartiges, aber auch hier – es funktioniert. Und da wir eh schon langsam wieder irgendwo zwischen Chicago und Detroit gelandet sind, macht es auf schöne Weise Sinn, dass sich hier das Stuttgarter Motor City Drum Ensemble anschließt. Muss man nicht viel zu sagen. „Raw Cut #5“ ist einfach verdammt gut.

Dann wird es wieder Zeit für ein bisschen Deepness. Wieder ein fein rollender Beat, ein Piano Sample, dezenter Hallraum, stilvolle Bassline – „Coming Home“ von Andre Lodemann ist arschcool und perfekt für den Mix geeignet. Das gilt dann auch für das darauffolgende „Children“ von Nick Solé. Sechs Minuten dubby deep bliss, hier vielleicht ein klein wenig zu verspielt, und sicher hätte man noch lässigere Dub Tech Tracks finden können, aber ist okay. Läuft eh, denn im Anschluss hören wir, was Brendon Moeller aus Intrusions „Tswana Dub“ gemacht hat, und das ist dann wirklich schon nah am Dub Techno dran. Fein, fein.

Ja und dann kommt mein zweites dickes Highlight auf dieser Mix CD. Move D. Und nicht irgendwas von Move D. Sondern meiner Meinung nach sein größter Moment, „Got Thing“. Knalltrockene Bassdrum, ungeheuer funky Bassline, herrlich viel Raum, tolles entspanntes und dennoch treibendes Grundtempo, erfreulich sperrige Effekt Loops, ein paar gut gewähle Samples… Das Teil war schon immer in meiner House Kiste, wenn ich unterwegs war, und da bleibt es auch. Das macht Freude.

Für mich hätte da auch Schluss sein können, genau genommen. Aber die Herrren Boozoo wollen es noch mit einem Remix eines ihrer eigenen Stücke ausklingen lassen – „Divers“ im Jay Haze House Remix. Ist jetzt kein Track, der das Ganze noch mal aufwertet, aber perfekt geeignet, um entspannt groovend in Richtung Ausgang zu wanken. Der Abend war gut, und das ist das Stück, bei dem man sich prima noch mal von allen verabschieden kann. Lässig wars. Und danke.

DIVERSE INTERPRETEN – BOOZOO BAJOU: COMING HOME – Stereo Deluxe – 4250330543029 – 8/10

« »