adablond

Frau Dippel und die Abteilung Melodie

Es gibt viele Gründe, warum man so rund um 2005 das Areal Label gern hatte. Irgendwie fügten sie dem Kölner Labelleben eine weitere intellektuell-spielerische Komponente hinzu, ließen sie mehr Spielerei zu, mehr Schwelgen, mehr Emotion und Melodie. So ein wenig war das auch nötig. Vieles in der Minimal Szene war ein wenig zu ernst, ein bisschen zu sektiererisch. Sicher auch ein wenig zu männlich, so gesehen, auch wenn es sicher ein paar Vorzeigefrauen im Techno gab, aber kaum eine, die dem Ganzen eine wirklich dezidiert weibliche Note gab.

Aber auch da gab es bei Areal die ideale Antwort – Michaela Dippel alias Ada. Von Anfang an war das, was sie für Areal produzierte, ein wenig verträumter, freundlicher und charmanter als alles andere. Gut, vielleicht ist es auch ein klein wenig so, dass sie einfach nur ein wenig mehr den männlichen Vorstellungen dessen entspricht, was wir als weiblich empfinden. Trotzdem – schon ihre erste 12″ „Blindhouse“ war einfach viel zu gut, als dass man da von einem machismogetriebenen Mädelvorsprung hätte reden können.

Und auch das erste Album hat eine Fülle richtig schöner Vorzüge, von denen viele auch mit dem Label der Weiblichkeit gar nichts zu tun haben. Vieles hat einfach nur damit zu tun, dass Ada eine recht eigene Art hat, ihre Stücke aufzubauen, und dass sie nicht direkt auf Charme und Betörung setzt, sondern häufig das, was ihre Stücke so besonders macht, erst nach vier oder fünf Minuten präsentiert. Ada ist nicht so eine, die gleich die Kerle umkippen lässt, wenn sie in den Raum kommt, sondern erst im Laufe des Abends die intelligenteren unter den Jungs zu späten, aber um so überzeugteren Anhängern macht. Mühelos sogar.

„Eve“ ist ein prima Beispiel dafür. Netter knarzender Synth, schöne warme Bassdrum,  ein nettes kleines Keyboardspiel und die effektverschleierte Ada, die uns sagt, wir mögen unsere Augen schließen und die Lippen anfeuchten. Wer will da bitte widersprechen? Vor allem wenn es so insistierend wiederholt wird. So wippen wir erwartungsfroh mit, freuen uns über feine Rhythmusarbeit und schöne Keyboard Akkorde, und denken, was für eine nette die Frau Dippel ist. Und dann kommt die völlig unerwartete Erlösung, in Form eines richtig knalligen Synthgitarrenriffs, das aus dem netten Groover noch eine richtig dicke Tanznummer macht. Nix küssen. Dancefloor.

Und wenn wir schon mal auf der Tanzfläche sind, dann bleiben wir auch gleich da, bei „Cool My Fire (I’m Burning)“. Ein Stück, das anfangs ein bisschen Deep House in sich trägt, nur mit deutlich mehr Hihat Schub, das dann Stück für Stück angereichert wird, bis man nicht mehr weiß, ob das House, Electro, Minimal oder Techhouse ist, oder eben alles zusammen. Auch das kann Ada prima. Einfach alles zusammenwerfen und richtig gute elektronische Musik machen, die keiner stilistischen Einordnung bedarf.

Auf Seite zwei werden wir gleich wieder verzaubert. „The Red Shoes“ fängt mit einem recht unspektakulären Beat an, schiebt einen verfremdeten Tiersound auf den Takt und legt eine fast schon nervend verzerrte Synth Minimalmelodie dazu – und kurz bevor es zu nervig wird, kommt diese unglaublich feine und herrlich breit angelegte Keyboard Melodie, die dich einfach sofort für sich gewinnt. Das ist unverschämt einfach, irrsinnig charmant, Lächeln unumgänglich. Zwischendurch wird mit ein paar Gesangssamples gespielt – aber letzten Endes will man immer wieder diese hübsche kleine Melodie hören und sich freuen. Das ist eigentlich feinste Popmusik, nur ohne peinliche Texte.

Im Anschluss ist „Livedriver“ schon ein wenig bissiger. Knarzend und bullernd der Bass, treibende Synth Loop, 909er Style Claps, man merkt, dass Frau Dippel auch anders kann, wenn ihr danach ist. Vor allem – sie kann singen, und sie weiß wie sie das idealerweise zu solchen Beats zu machen hat. Die vollen Synth Bells passen auch prima dazu – das ist vielleicht nicht gerade der Höhepunkt des Albums, aber hübsch effektiv.

Es ist schon interessant, wie Ada manchmal wirklich alles versucht, um nicht gleich geliebt zu werden. „Our Love Never Dies“ beginnt beispielsweise gar nicht so richtig liebevoll, sondern echt knarzig und fast abweisend. Das blubbert und rotiert tiefelektronisch, bis man denkt, da bewegt sich gleich gar nichts mehr, dann ein wirklich ohrfeigenmäßig klatschender und batschender Beat und ein paar deutlich neben den Rhythmus gelegte elektronische Warnmeldungen und Acid tropfende Zwischenbemerkungen. Minutenlang kämpft man sich hier durch die Beziehung zur Frau Dippel und fragt sich, ob das gut enden kann.

Immer wieder wird der Beat neu aufgenommen, wieder ausgedünnt, neu angeschoben. Dann öffnet sich das Stück ein wenig, mit ein bisschen Keyboard im Hallraum – eine von Adas Minimal-Melodien lässt hoffen, während es weiter fiept und farzt. Tatsächlich ist diese kleine Vier-Ton-Melodie mit ein paar unschuldigen Akkorden das, was die Liebe leben lässt – man kann sich tatsächlich vorstellen, dass Ada immer so weiter machen könnte, und es irgendwann richtig lieblich werden würde. Sie macht es der Liebe nicht leicht, die Ada. Aber darum verfliegt sie auch nicht so schnell.

Sie kann es sich eh leisten. Denn „Each And Everyone (Blindhouse)“ – eine überarbeitete Version ihres feinen Hits – lässt in Sachen Charme so rein gar nichts aus. Schöne Akkorde, ein sanfter House-Beat und ein paar fast kindliche Keyboard-Töne bieten einen perfekten Hintergrund für die schwärmerische Ada-Variante des Everything But The Girl Stücks. Wie anstrengend auch immer „Our Love Never Dies“ die Schwierigkeiten, die selbst die unendlichste Liebe mit sich bringt, hat klingen lassen mögen – „Blindhouse“ entschädigt mit ebenso endloser Harmonie.

Für „Les Danseuses“ holt Ada wieder ihren bassschweren eins-zwei-Rhythmus hervor, um ihn mit richtig dicken Synth Waves und leicht angedubten Akkorden zu garnieren – fast schon ein bisschen Retro. Eine Option für die frühen Morgenstunden, die aber angesichts der Perlen, die dieses Album sonst zu bieten hat, fast ein wenig untergeht.

Da bleibt uns das abschließende „Maps“ schon eher in Erinnerung. Auch dies ist ein Cover – das Original stammt von den Yeah Yeah Yeahs. Anfangs völlig ohne Drums, nur mit der warmherzigen Stimme Adas über breiten Synthakkorden und einem ebenso vollen Bassthema gibt sie dem Stück eine ganz ganz große Umarmung, die dann mit einem weiteren ihrer feinen Drumbeats an uns alle weitergereicht wird. Viel schwärmerischer und optimistischer kann man dieses ohnehin sehr von unbeeinflussbarer Positivität durchzogene Album gar nicht beenden.

Innerhalb der recht eng gesetzten Regeln des deutschen Minimal- und Techhouse Betriebs ist es nicht leicht, eine ganz eigene Sprache zu entwickeln, einen Sound zu kreieren, der eine klare Erkennbarkeit, eigentlich sogar so etwas wie eine Marke zu erschaffen. Mit ihrem Ada Projekt hat Michaela Dippel das geschafft wie kaum jemand sonst, und „Blondie“ ist der unwiderstehliche Beweis.

ADA – BLONDIE – AREAL – AREAL026 – 8/10

 

« »