Cat-Power-You-Are-Free

Ich spar mir jetzt die Headline mit der Frauenpower

Gleich mal vorweg: Dieses Album ist nicht eben typisch für das, was in meinen Regalen steht. Es ist die einzige CD dieser Künstlerin, und auch sonst ist die Zahl der Alben von so genannten Songwritern recht gering. Man kann ja nicht alles toll finden. Nicht falsch verstehen – ich hab vieles in der Sammlung, das ich weniger schätze als „You Are Free“, und die wenigen Werke von Menschen, die gern Lieder singen, habe ich natürlich nicht versehentlich erstanden. Alben aus Genres, die man sonst eher umgeht, kauft man sicher bewusster als Alben aus der Ecke, in der man eh so gut wie alles ins Regal stellt.

Oder mit anderen Worten: Fehlkaufwahrscheinlichkeit im bekannten Territorium tatsächlich höher als dort, wo man mit Skepsis hin schaut. Charlyn Marie Marshall, auch Chan genannt, ist insofern eine durchaus bewusste Ausnahme von der Regel gewesen. Das kann ich ganz beruhigt sagen, denn in den Jahren vor dem Erscheinen dieses Albums 2003 waren schon so einige weibliche Stars durchgereicht worden, deren CDs sicher heute etwas weniger würdevoll im Regal stünden.

Cat Power hieß ursprünglich die Band, in der Frau Marshall sang – da die Band aber irgendwie ständig eine andere war, wurde der Name immer mehr zu einem Eigennamen der Sängerin selbst. Ursprünglich aus Atlanta stammend, hatte sie bis zu Ihrem Umzug nach New York – da war sie gerade 20 – schon so einiges erlebt. Drogen, Alkohol, ein an Aids gestorbener Freund, und noch so einiges mehr. Man könnte sagen – ideale Voraussetzungen für eine Karriere im Musikgeschäft.

Mag sich zynisch anhören, aber im Grunde steckt insbesondere bei Cat Power ein gewisses Maß an Wahrheit drin. Wer viel erlebt hat, hat viel zu erzählen. Das merkt man auch auf diesem Album. Gleich 14 Songs hat sie hier anzubieten, und man hat den Eindruck, dass sie quasi alles, was sie an Material hatte, auf diese CD geworfen hat, ohne groß zu sortieren. Sicher wären 1o auch okay gewesen, und vielleicht wäre das Album dann noch besser geworden – manchmal ist weniger tatsächlich mehr.

Gern wird bei Sängerinnen wie ihr das alte hört-sich-an-wie-Spiel gespielt. Oder auch mal das anders-als-Spiel. So wie in völlig anders als Liz Phair, für die sie im Vorprogramm auftrat, und gegen die Cat Power deutlich mädchenhafter wirkt. Wie in ähnlich wie Joni Mitchell, vor allem im ersten Stück. Und so weiter. Da habe ich einen Vorteil und einen Nachteil zugleich, nämlich dass ich zu wenig über all die zum Vergleich herangezogenen Damen weiß, um mitzuspielen. Ich hör die Musik und bilde mir meine Meinung. Es geht durchaus auch ohne Vergleich.

Ja und was hör ich da? Was hat mich denken lassen, dass es eine gute Idee wäre, diese CD zu besitzen? Ein Punkt ist sicher, dass das, was ich da zu hören bekam, in meinen Ohren konsequenter und ehrlicher ankam, weit weniger aufgesetzt als zum Beispiel – man möge mir diesen Vergleich verzeihen – das, was man ein paar Jahre vor diesem Album von Frau Morissette zu hören bekam. Cat Power hat mehr zu bieten, da ist mehr, mit dem man sich beschäftigen kann. Etwas weniger Pop, etwas weniger Pose, etwas weniger Hauruck.

Dazu kommt, dass die Produktion auf diesem Album zwar sehr auf spärliche Instrumentierung setzt, dabei aber erfreulich variantenreich daher kommt. Mal sind die Gitarren akustisch, mal elektrisch, mal mädchenhaft, mal Neil Young. Es gibt viele schöne Hooks und Riffs, viele feine Melodien, und das häufig genutzte Stilmittel, Cat Power mit sich selbst im Chor singen zu lassen, hat Charme. Mal sitzen wir am Lagerfeuer, mal kommt ein wenig Punk Minimalismus durch, auf „Good Woman“ sogar ein wenig Country, und das funktioniert richtig gut.

Ein weiterer Vorteil: Frau Marshall hat einfach eine richtig gute Stimme, und das ohne dass man das Gefühl hätte, dass sie sich groß anstrengen müsste. Nicht jede Stimme ist gut genug, um sie über mehr als ein Dutzend Stücke tragen zu lassen, in denen oft nur ein Piano oder eine Gitarre begleitet. Sie hat viel natürliche Präsenz, so viel sogar, dass man ihr Eddie Vedder an die Seite stellen kann und er so rein gar nicht die Show stiehlt. Nicht nur Vedder erlag gern ihrem Charme, auch Dave Grohl ließ es sich nicht nehmen, auf zwei Stücken dieses Albums das Schlagzeug zu bedienen. Ganz dezent natürlich.

Wenn man weiß, was sie in ihren ersten zwei Lebensjahrzehnten erlebt hat, wundert man sich auch nicht, dass hier und da die Themen recht drastisch werden – auf diesem Album vor allem bei „Names“, in dem in fünf Strophen die brutalen Schicksale von fünf Kindern erzählt werden. So wie die Namen und Geschichten teilweise nur mit Mühe in die Verse passen, muss man vermuten, dass in diesen Worten durchaus auch Dinge aus ihrer Kindheit und Jugend verarbeitet werden.

Auch für Chan Marshall ist es nicht wirklich rasend gut ausgegangen. Alkohol, Drogen, psychische Probleme – in der Folge Auftritte, bei denen sie bald mehr redete als sang, bis Kritiker anmerkten, dass man einen Auftritt von Cat Power kaum als Konzert bezeichnen könne. Abgesagte Touren aus teilweise etwas seltsamen Gründen kamen hinzu. Immerhin: 2012 stieg ihr bisher letztes Album so hoch in den Charts ein wie keines der Vorgängeraleben, inklusive diesem. Es sei ihr wirklich von Herzen gegönnt.

CAT POWER – YOU ARE FREE – MATADOR – OLE 427-2 – 6,5/10

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