Time Out of Mind

Besserbossa

Ich würde es ihm ja gönnen, dem Troubleman. Eine von seinen fettesten Nummern wird auf irgend ner Radiostation rauf und runter gedudelt, die Menschen hören hin, kriegen dann nicht genug, kaufen wie blöd das Album, merken, dass da noch richtig viel mehr von drauf ist, eine Welle der Begeisterung schwappt von Kontinent zu Kontinent, Waffen werden zu Schallplatten, Troubleman for president, blanker Wahnsinn! Aber nein. Mark Pritchard – ausnahmsweise kennt man den Namen des Protagonisten sogar eher als den dieses Projekts – bastelt eine formidable Tanznummer nach der anderen, und nur eine wissende Teilhörerschaft weiß es zu schätzen.

Wobei – man muss sich jetzt nicht um den guten Mark irgend welche Sorgen machen. So rasend klein ist der Kreis der Kenner jetzt auch nicht, und er hat mit anderen Projekten auch schon ganz respektable Erfolge gefeiert. Mit Tom Middleton als Partner zum Beispiel – und das ist ja auch nicht eben ein Unbekannter – hatte er gleich zwei recht erfolgreiche Projekte laufen, die Jedi Knights und Global Communication. Darüber hinaus hat er sich als erstklassiger Remixer einen Namen gemacht, der zwar nur selten in Erscheinung tritt, dann aber bei Kennern wie Bonobo oder Azymuth.

Sein Studioalbum „Time Out Of Mind“ erschien auf Far Out, und das sagt auch gleich alles darüber aus, wie das Troubleman Projekt musikalisch ausgerichtet war, nämlich ganz klar brasilianisch. Schon einige seiner davor veröffentlichten 12″es (vor allem das exzellente „Change Is What We Need“) hatten gezeigt, wie genau Pritchard es dabei nahm, denn bei aller Hilfe der Elektronik und bei aller Freude daran, die südamerikanischen Beats auch mal zu Broken Beats zu machen, war er in der Zubereitung für die Tanzflächen noch deutlich authentischer unterwegs als beispielsweise einige Jahre später Zero dB.

Interessant ist, dass dieses Album in dieser Hinsicht eine Weiterentwicklung zeigt, denn in den Uptempo Nummern geht es hier deutlich elektronischer zu als zuvor, und im Bezug auf die Broken Beats zum Teil auch noch deutlich vertrackter. Das überraschende ist aber vielmehr, dass einige der gelungensten Titel auf „Time Out Of Mind“ gar nicht die gewohnten Uptempo-Nummern sind, sondern die eigentlich so nicht zu erwartenden Lounge Exkursionen. Vier richtig elegante Tracks, bei denen auch mal ein klein wenig R&B durchschimmert (auch das ist neu), sämtlichst mit hervorragenden Gastsängern am Mikrofon – das hätte man nicht gedacht.

Aber erst mal zur Abteilung Tanzfläche. „Have A Good Time“ sagt uns Pritchard gleich zu Beginn des Albums – baut einen seiner typischen broken brazilian beats auf (anders lässt sich das kaum beschreiben), lässt das Rhodes ein paar Akkorde einstreuen, einen Bass im Hintergrund hüpfen und garniert mit einiger Elektronik und dezenten Vokal-Samples. Das ist noch im nett groovenden Bereich, variiert gekonnt die Elemente und spiel ein wenig mit Effekten, bis dann gegen Mitte ein klein wenig Holz nachgelegt wird. Geschmackvoller Auftakt.

Beim Titelstück hingegen wird richtig Vollgas gegeben. Richtig sattes Tempo, kompromisslos, fast rücksichtslos vertrackte Beats, die nur noch bedingt ihre lateinamerikanischen Wurzeln zeigen – da wird geschoben, was das Zeug hält. Ich habe da ja große Sympathien für, muss ich sagen, gebe aber auch zu, dass es mir nur selten gelungen ist, diese Nummer auf einer Tanzfläche zum Einsatz zu bringen – so feist ist die Nummer, dass es nur klappen kann, wenn die Hütte eh schon lichterloh brennt. Aber dann… Hach, das wärs mal.

Etwas weniger radikal, dafür auch wieder etwas traditioneller, geht es bei „Toda Hora“ zu, freilich wieder mit verschachtelten Beats, die einerseits erfreuen, andererseits aber ein etwas simpleres Tanzpublikum auch zur Verzweiflung bringen können, vor allem im Instrumentalteil, in dem dann Synth Bläser den vertrackten Beat dann noch mal kontrastieren. Der Pritchard ist ein verdammt guter Produzent, auch wenn er manchmal ein klein wenig viel verlangt. Hier wird, das wollen wir nicht vergessen, auch fröhlich gesungen, von Nina Miranda, der Sängerin von Smoke City, ihr wisst schon, „Underwater Love“ und so.

Nun aber zu den gemächlicheren Geschwindigkeiten, und zum „Righteous Path“. Bass und Schlagzeug könnten glatt von einer Tru Thoughts Prouktion stammen, Nostalgia 77 in ihrer Anfangsphase. Dazu legt Pritchard ein feines Xylophon Thema, ein paar synthetische Querflöten und einen Männerchor. In seinen Grundelementen ist das kein allzu komplexes oder variantenreiches Stück Musik, aber es ist schon verdammt cool.

Erwähnenswert noch, dass es zu diesem Stück ein „Prelude To The Righteous Path“ gibt, in der Eska ein knapp halbminütiges Gastspiel gibt – zu kurz natürlich, darum erhält sie bei „Roll On“ die Gelegenheit, ihre Qualitäten als Sängerin noch einmal voll zur Geltung zu bringen. Auf voluminöser Synth Unterlage und durchaus R&B naher Rhythmik lässt Pritchard wieder viele seiner wirklich edlen Xylophon-nahen Synths und E-Pianos wirken, vor allem kurz vor Ende des Stücks.

Noch ein weiterer illustrer Gast ist vertreten: Steve Spacek. Nicht eben eine logische Wahl, vor dem Hintergrund der stark südamerikanisch geprägten Vorliebe Pritchards, aber es passt richtig gut. Er croont sich fast schon durch das von verzerrten Streichern untermalte „Without You“ und fügt dem überraschend vielseitigen Album noch eine weitere Facette hinzu.

Eine weitere gute Wahl für die Barbeschallung ist zweifellos „Lonely Girl“ – das hätte so auch von der Thievery Corporation abgeliefert werden können. Das feinste Stück Musik ist aber der zweite Auftritt von Nina Miranda in „Paz“, auch wenn man argumentieren könnte, dass der Titel nicht eben sonderlich innovativ oder überraschend ist – ein hübsches, fast liebliches und fein eingespieltes Stück Samba. Aber egal. So fein und verführerisch, wie es daher kommt, mit Samt und Seide, da kann man sich nicht wehren. Ist immer in meiner Tasche, wenn es in die Bar geht zum Auflegen.

Der Trouble mit dem Troubleman ist, dass dieses Album neben der durchaus großen Würdigung der Fachpresse einen noch größeren kommerziellen Erfolg verdient hätte. Aber wie gesagt, Pritchard ist auch so gut im Geschäft. Ein guter. Und eine gute Platte, durchweg.

(Anmerkung: Auf der CD Version dieses Albums sind noch ein paar mehr Titel zu finden, unter anderem auch das oben erwähnte „Change Is What We Need“. Ich habe mich natürlich auf die Vinyl Version gestürzt. Die Rezension ist insofern nicht lückenhaft 😉 )

TROUBLEMAN – TIME OUT OF MIND – FAR OUT – FARO 085DLP – 7,5/10

 

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