fila brazillia maim

Immer diese komischen Titel

Fila Brazillia. Was für ein Name. Abgewandelt nach dem Namen einer Hunderasse, immer wieder Grund für Verwirrungen und Verschreibereien, und damit auch irgendwie typisch. Was haben die Herren sich für bizarre Song- und Albumtitel einfallen lassen… Der hier geht ja noch, auch wenn es etwas seltsam anmutet, wenn zwei amtliche Großmeister der Downbeat Musik ein Album „Verstümmele das Stück“ nennen – aller Wahrscheinlichkeit ein skurriler Sound-Alike für „Name That Tune“, der Titel einer berühmten Musikrateshow.

Ist eine etwas skurrile und nicht immer leicht nachzuvollziehende Form von Humor. Ich zumindest habe keinen Schimmer, was der erste Titel dieses Albums mir sagen soll: „Dave Yang & Steve Yin De-Swish T‘ Swish“. Mehr als das Yin und Yang Ding hab ich da nicht kapiert. Aber ist auch egal. Bei instrumentalen Stücken im Downbeat Bereich ist die Wahl des Titels sicher meist eine Frage der momentanen Laune und das Opfer diverser interner Jokes und Wortspielereien. Fakt ist jedenfalls, dass dieses Stück schon ganz gut zeigt, woran die Herren Steve Cobby und David McSherry ihre Freude haben: tiefenentspannte, stilistisch variable elektronische Musik, immer auf exzellentem Produktionslevel, bisweilen auch ein wenig verkopft.

Das ist vermutlich das interessante an Fila Brazillia – sie sind oft auf eine erstaunlich uncoole Art cool. Produzieren reihenweise richtig edle und einfallsreiche Downbeat Hits und sind dabei immer so ein wenig streberhaft und intellektuell unterwegs. „Maim That Tune“ ist dabei vermutlich ihr zugänglichstes und lässigstes Album. Hier finden wir auch einen ihrer bekanntesten Titel, „A Zed And Two L’s“, der einen etwas lechter zu decodierenden Spaß beinhaltet – es ist ein Hinweis zur Schreibweise ihres Bandnamens. Im Kern elektronisch, bietet dieses Stück eine schön warme und vibrierende Synth Bass Line, einen maximal entspannten Beat, der mehrmals im Tempo verdoppelt wird, und – das gibt es nicht oft bei Fila Brazillia – Gesangssamples, in diesem Fall afrikanische. Für 1995 ist das schon ziemlich amtlich – die DJ Kicks von Kruder & Dorfmeister beispielsweise kam erst ein Jahr später auf den Markt und trat den Downbeat Trend eigentlich erst richtig los. Da waren Fila Brazillia schon am dritten Album.

Bei „Leggy“ wird es dann aber schon wieder ein klein bisschen staksig – da arbeiten auch Fila Brazillia mal mit dem allzu simplem breiten Synth Akkordwechsel als Basis – rauf runter rauf, immer wieder. Hier merkt man, dass der Stil noch ein wenig in den Kinderschuhen steckt. Aus heutiger Sicht wirkt es ein wenig wie eine Art Fingerübung. Im Gegensatz zu „At Home In Space“, das ein paar sehr schöne Synth Strings zu bieten hat, die ein bisschen an Nightmares On Wax erinnern, deren „Nights Interlude“ im gleichen Jahr erschien. Ein schöner schwarzer 60er Jahre Beat, ein bisschen Wah-Wah, eine satte Portion Synths und Querflöten – hier zeigt sich, dass die Herren eine ziemlich spannende stilistische Bandbreite aufzuweisen hatten. Zehneinhalb Minuten mit allerhand Intermezzi, Breaks und Schwelgereien – Kino fürs Ohr.

Dann kommt die 1 Meter 80 große Wespe – „6 ft Wasp“. Wohl klar auf den voluminös brummenden Bass Synth bezogen, der schwer verzerrt und in Begleitung eines Rock Beats und Gitarrenlicks daher kommt. Wieder eins von den Stücken, die ein wenig wie eine Übung wirken – das Thema variieren und mit verschiedenen Sounds und ein paar Sprachsamples garnieren – nett, aber nicht wirklich mehr.

„Slacker“ ist dann fast schon im Techno Tempo unterwegs, rein elektronisch, die Sounds teilweise an Kraftwerk erinnernd, ein fast durchweg laufender Drone im Hintergrund, die Bassline wieder richtig weit im tiefen Bereich – und dann ein indischer Percussion Sample, der eigentlich noch mal Tempo machen soll, aber ein wenig fremd wirkt in diesem Arrangement, zumindest am Anfang. Hat man sich ein wenig an ihn gewöhnt und die Aufmerksamkeit mehr auf die diversen Synth Einsätze und Effektspielereien konzentriert, tut er dann aber doch genau das – Dampf machen. Elfeinhalb Minuten treiben sie das Spiel hier – recht generös bemessen. Aber wir wollen fair bleiben – ein Jahr später spült „Trainspotting“ Underworld mit „Born Slippy“ ganz nach oben – ganz so weit sind Fila Brazillia mit diesem Stück gar nicht von Underworld aus der „Dirty Epic“ Zeit gar nicht entfernt.

Aber dann kommt das Downbeat Highlight schlechthin – „Harmonicas Are Shite“. Wieder einmal stellt man fest, dass Fila Brazillia stilistisch ihrer Zeit ein kleines Stück voraus waren, denn die Rhodes Akkorde, die Dubräume, der Beat, die Mundharmonika, der Bass, sogar die Breaks und die verhallten Gitarrenlicks – sämtliche Elemente dieses Stücks finden wir in den Jahren darauf bei den Remixes von Kruder & Dorfmeister wieder. Dieser Titel ist wie ein Bauplan für den „Transfattyacid“ Remix, um mal ein Beispiel zu nennen. Und auch wenn hier Fila mehrfach etwas kopflastig und staksig beschrieben wird – dieser Track ist so arschcool, dass man das mehr als getrost hinnehmen kann.

Sogar den nächsten Titel, den Zirbeldrüsenextrakt, „Extract Of Pineal Gland“. Noch so ein komischer Titel, und wieder ein etwas unlockerer Anfang. Aber wir werden entschädigt. Die Bassline ist fein, der Beat wieder einmal extremst entspannt – selbst wenn man erneut sagen muss, dass es bei einem interessanten Ansatz bleibt, ist das auch nicht weniger spannend als das durchschnittliche Füllmaterial eines Thievery Corporation Albums (deren erster Longplayer übrigens auch erst zwei Jahre nach dieser Scheibe erschien).

Der Abschluss des Albums aber ist in meinen Augen die Krönung, auf eine ganz und gar unerwartete Art. „Subtle Body“ ist, ich kann es nicht anders sagen, gute neun Minuten echte Schönheit. Ein Ambient Track, der mit nichts weiter arbeitet als ein paar leicht variierten Synth Akkorden, unendlich viel Hallraum, einigen meditativen Glockenklängen und ein paar dezenten elektronischen Spielereien. Ich weiß nicht, was Steve Cobby und David McSherry da geritten hat, was sie für Pilze gegessen haben, aber bei mir wirkt es Wunder. Seit Jahren hole ich dieses Stück immer mal wieder hervor und betreibe damit neun Minuten musikalische Meditation. Egal, was der Tag dir an Unbill gebracht hat, „Subtle Body“ lässt es in der Tiefe des Hallraums sich selbst auflösen. Auch das bietet dieses Album – ein großes Stück Ambient.

In vielerlei Hinsicht ist „Maim That Tune“ ein wegweisendes Album, dessen Weitsicht nicht jedem offenbar wurde. Aber für einen richtig lässigen Abend in der Bar ist zum Beispiel „Harmonicas Are Shite“ immer noch gut zu gebrauchen. Und nicht vergessen – ein Z und zwei Ls.

FILA BRAZILLIA – MAIM THAT TUNE – PORK – PORK 027 – 7,5/10

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