bonessnapper

Lecker Schnappfisch

Was musikalische Vielfalt und Erfindungsreichtum angeht, waren die späten 90er eine wirklich großartige Zeit. Überall entstanden neue Kombinationen diverser Stile, stellte man Bands und Studioprojekte zusammen, um neue Ausdrucksformen zu entwickeln, kreativen Kräften freien Lauf zu lassen. Mitten in dieser Welle der Innovation schwamm mit Red Snapper eine der spannendsten Bands, die mit viel Intelligenz und musikalischem Können Jazz und ein wenig Funk und Progressive Rock (später auch gern Alternative genannt) mal mit Hip Hop, mal mit Trip Hop, mal mit psychedelischen Elementen verband – drei Mann mit Kontrabass, bedient von Ali Friend, dem Kopf der Truppe.

Insbesondere live war die zentrale Rolle von Friend deutlich spürbar – und hörbar, denn seine Einsatzfreudigkeit und Dynamik am Bass war so etwas wie das Erkennungszeichen der Band. Dabei wurde der Kontrabass auch gern mal elektronisch vestärkt und verfremdet. Komplettiert wurde die Band vom Gitarristen David Ayers und vom Schlagzeuger Richard Thair. Hin und wieder ergänzten Sänger das Lineup, aber nie als feste Mitglieder der Band.

Nach einigen EPs auf einem kleinen Label war es das große Elektroniklabel Warp, das die drei unter Vertrag nahm. 1996 erschien das erste Album „Prince Blimey“, 1998 schließlich dieses Album. Die Band erspielte sich schnell eine nicht eben riesige, aber dafür um so treuer ergebene Gefolgschaft, die Jahre später auch die Aufslösung nicht so recht hinnehmen wollte – tatsächlich sind Red Snapper nach fünf Jahren Pause 2007 wieder auferstanden. Ihr nächstes Album ist für Herbst 2014 angekündigt.

„Making Bones“ bietet so ziemlich alles, was Red Snapper zu einer so spannenden und ungewöhnlichen Band gemacht hat. Schon im Opener „The Sleepless“ ist alles drin – das präzise und schnörkellose Schlagzeugspiel, der verzerrt wabernde Bass, die oft eher als atmosphärisches Element eingesetzte Gitarre, und hier der Gastrapper MC Det – dessen Stil weit vom damals gängigen Gangsta-Klischee entfernt ist. Dazu ein paar Trompeten-Licks und etwas elektronische Garnitur, so passt die Mischung.

Für „Crease“ wird – ebenso wie ein paar Stücke später bei „The Tunnel“ – das Tempo kräftig angezogen – die Mischung bleibt aber die gleiche. Kräftig treibende Drums, der dynamische Bass mit einer für Red Snapper so typisch eigenwilligen Line, dramatisierende Streicher und ein wenig Elektronik – so ein wenig merkt man, dass man damals Drum & Bass noch für eine interessante Musikrichtung hielt. Beide Stücke zeigen, dass Drummer und Bassist verdammt sind, die Kompositionen sind dagegen etwas mager. Noch ein Stück später wird für „Like A Moving Truck“ dieser Mischung noch ein klein wenig Jazz und MC Det hinzugefügt – es hilft, aber nur bedingt.

Im Gegensatz dazu bringt „Image Of You“ ein wenig Drama und Dringlichkeit, vornehmlich durch einen generösen Satz Streicher und die Gastsängerin Alison David. Die etwas manierierte Art der Sängerin, die dabei etwas nah an Neneh Cherry in „7 Seconds“ liegt, hilft nicht wirklich – es wirkt so ein bisschen als wollte man einen Hit produzieren und wäre dabei ein wenig zu sehr in den Mittneunzigern kleben geblieben.

Gut, dass man sich dann wieder auf die eigentlichen Stärken besinnt. „Bogeyman“ swingt dank schaffeligem Drumbeat, klug gesetzter Bassline, einfacher Rhythmusgitarre und elektronischer Samples. Dazu ein paar Bläser, die ein wenig überdrehten Blues beisteuern. Das ist launig und wieder einmal originell – man kann sich gut vorstellen, wie so etwas vor allem live gut funktioniert.

Interessanterweise hat dieses Album seinen größten Moment bei einem Stück, das weniger auf Druck durch Drums und Kreativität am Bass setzt, sondern ganz auf Atmosphäre und Emotionalität aufbaut – „Spitalfields“. Ein einfaches Thema auf der Akustikgitarre, ein paar klug gesetzte Bläser, schön betontes und nah abgemischte Drums, ein paar Celli – im Nu sieht man generös und begeistert darüber hinweg, dass manche der bisher gehörten Stücke nicht wirklich zu überzeugen wussten. Clever arrangiert, spannend aufgebaut, mit viel Wirkung eingespielt – das ist so ein Stück, für das es sich ein ganzes Album zu kaufen lohnt.

Ja, auch dann, wenn Alison David für „Seeing Red“ in etwas dräuender Soundatmosphäre wieder etwas betont dringlich singen kommt – ich zumindest komme mit diesem Gesangsstil nicht so wirklich zurecht, und ich wette, dass dieses Stück instrumental weit spannender wäre als so. Sie hat einfach nicht die gleiche Klasse wie die Band – auch dann nicht, wenn man allerhand Effekte auf ihre Vokalbeiträge legt. Das fällt erst recht auf, wenn gleich darauf  bei „Suckerpunch“ wieder MC Det zu Gast ist, der schon allein deswegen die Band besser ergänzt, weil sein Stil der Rhythmik der Musiker angeglichen ist – wo Frau David primär kieksend klagt, kann Herr Det der Mischung sogar noch etwas zusätzliche Dynamik hinzufügen.

Der Abschluss des Albums, die „4 Dead Monks“, verändert das Gesamturteil nicht mehr wirklich – es mischt die etablierten Elemente neu ab und zeigt die Vorzüge der Band deutlich, ohne große Aha-Erlebnisse zu erzielen. Ich weiß durchaus noch, dass ich damals, als ich das Album erstand, genau wie heute dachte – okay, da gibt es ein paar richtig gute Momente, und ein wirklich großartiges Stück – aber eben auch einiges, das ich nicht oft hören muss. Trotzdem. Schon wegen der theoretischen Möglichkeit, dass ich einmal einen Abend erwische, an dem „Spitalfields“ gespielt werden kann, hab ich es oft mit in der Kiste. Man weiß ja nie.

RED SNAPPER – MAKING BONES – WARP – WARP LP 56 – 7/10

 

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