archipelago

Ja nicht verstecken

Als Ninja Tune vor Jahren das erste Album des Cinematic Orchestra veröffentlichte, war das ein ziemlich ungewöhnlicher und interessanter Schritt, denn bis dahin war das Wort Jazz bei Ninja Tune eher so etwas, das man auf der Liste der Einflüsse hätte aufzählen können, aber weniger im Repertoire des Labels fand. Es war auch ein erfolgreicher Schritt, wie man weiß, und es folgten noch ein paar weitere interessante Acts wie zum Beispiel Jaga Jazzist und Skalpel.

Im Ursprung ist Tru Thoughts ein sehr mit den Ninjas verwandtes Label. Die Sicht auf das, was gute Musik ist, war schon immer recht ähnlich, die Musiker der Labels schätzen sich von jeher gegenseitig. Bonobo ist so etwas wie die deutlichste gemeinsame Schnittmenge – er fing seine Karriere bei Tru Thoughts an und wechselte dann zu Ninja Tune, veröffentlichte aber noch mal bei Tru Thoughts unter dem Namen Barakas.

Eine weitere Gemeinsamkeit: Bei aller Freude am Bedienen der etwas intelligenteren Tanzflächen pflegt man auch bei Tru Thoughts gern die modernen Formen des Jazz. So wie bei Ninja Tune dafür primär das Cinematic Orchestra zuständig war, stand bei Tru Thoughts Nostalgia 77 im Focus. Es dauerte lange, bis sich eine zweite Kraft neben Benedic Lamdin, dem Chef bei Nostalgia 77, etablierte. Die fand sich dann mit dem Hidden Orchestra, das aus dem Joe Acheson Quartet hervorging. 2010 erschien das erste, überaus gelungene Album des Hidden Orchestra, und 2012 das Album, um das es hier geht, „Archipelago“.

Um aber gleich mal die Dinge in die richtige Perspektive zu rücken: Selbst wenn insbesondere die Schlagzeugarbeit beim Hidden Orchestra die Wurzeln eindeutig im Jazz hat und die Arrangements oft geradezu orchestral sind, gibt es noch eine Fülle anderer Einflüsse, die eine „pure“ Einordnung beim Jazz irreführend werden ließen. Die Verwendung elektronischer Elemente rückt das Ganze auch ein wenig in tanzbare Kategorien oder in die Nähe des Trip Hop, und der Chef der Band, Joe Acheson, hat ein großes Faible für das Verarbeiten von diversen Found Sounds, Ambient Elementen, alten Interviews, eben diversen anderen Soundquellen. Abgesehen davon freut man sich natürlich immer über den Besuch talentierter Gastmusiker – insbesondere Streicher und Bläser.

Dass sich daraus ein Stilmix ergibt, der tatsächlich nicht in wirklich großer Ferne des Cinematic Orchestra liegt, lässt sich an den Fingern einer Hand ausrechnen. Glücklicherweise kommt das Resultat aber auch nie in den Verdacht, als bloße Kopie angelegt zu sein. Zum einen hörbar anders, zum anderen einfach zu gut, zu durchdacht, zu speziell, um nicht originär sein zu können.

Schon die „Ouverture“ – mit über sechs Minuten für eine Ouvertüre recht opulent – beweist das deutlich. Groß angelegt, mit vielen Streichern und Bläsern, einem leicht dramatischen Thema, führt uns das Orchester in die Stimmung des Albums ein, die gegenüber der des Erstlingswerks trotz der Getragenheit weniger düster wirkt. Die etwas positivere Grundstimmung wird dann von „Spoken“ weitergeführt – mit einem Beat, der ohne Probleme so auch bei Amon Tobin hätte verwendet werden können. Trompete wiederum ein wenig früher Nils Petter Molvaer, würde man sagen. Aber auch hier: Das, was das Orchester da komponiert, musiziert, produziert, ist so gut, dass eine mögliche Ähnlichkeit mit noch lebenden oder auch nicht mehr unter uns weilenden Musikern schlicht nebensächlich ist.

Das dann folgende „Flight“ beginnt mit Natursounds und einem Bassthema, einem Harfenspiel, das leicht an Dead Can Dance erinnert – viele perkussive Elemente (man merkt, dass zwei von den Mitgliedern des Hidden Orchestra am Schlagwerk sitzen), Cello, Kaval… Die Instrumentierung ist so reich wie die Bilder, die sich beim Hören des Titels aufbauen – fast möchte man meinen, man sei in einer Aufführung des Cirque du Soleil gelandet, bei der ausnahmsweise mal die Musik nicht den typischen Touch zu kitschig geraten ist.

Auch „Vorka“ weiß mit spannender Komposition und tollem Arrangement für Spannung zu sorgen, und findet mit dem Spiel auf einer Säge ein passendes Element, um der cineastischen Seite des Stückes noch etwas morbides hinzuzufügen. „Hushed“ ist ein verhaltenes, feines, von elegantem Klarinettenspiel durchzogenes Stück orchestraler Erzählung, „Reminder“ ein etwas rhythmischerer Exkurs mit erneut leicht morbiden Zwischenspielen, die wiederum gut zu Amon Tobin oder einer dunklen Version des Herbalizer gepasst hätten, und „Seven Hunters“ lässt fast übervolle Orchestrierung glänzen, die sich fast nur in ihrer Opulenz von der schönen Überzeugungskraft großer Momente des Cinematic Orchestra unterscheidet – und das gleich fast zehn Minuten lang.

Etwas kürzer kommt „Fourth Wall“ daher – fast ein Kurzfilm. Atmosphärisch dicht, wie alles auf diesem Album. „Disquiet“ lässt vom Titel her doch wieder an das etwas schaurig beklemmende Erstlingsalbum denken – und in der Tat sorgen die Streicher gleich für das Gefühl von drohender Gefahr, doch gleich sorgt die Harfe zumindest für Teilentwarnung. „Disquiet“ zeigt schön, wie das Hidden Orchestra arrangiert um zu erzählen, immer wieder Szenen aufbaut, das Bühnenbild wechselt, die imaginäre Handlung weiter führt, den Hörer verlockt, immer weiter zu lauschen und zu erleben.

Das abschließende „Vainamoinen“ ist dann fast mehr ein Epilog als „Ouverture“ eine Ouvertüre war, ein schönes, von vielen Natursounds unterlegtes Schätzchen, das nach den spannenden Geschichten und großen Stürmen am Strand liegen bleibt und einen dafür belohnt, diese schöne und ereignisreiche Vorstellung des Hidden Orchestra besucht zu haben. Noch einmal wird ein feines Thema aufgebaut, angereichert, verziert, mit Kraft und Volumen versehen, auf den Weg geschickt, um uns nach dem Hören des Albums mit einem guten und bereicherten Gefühl wohlbehalten auf dem Sofa abzusetzen.

HIDDEN ORCHESTRA – ARCHIPELAGO – TRU THOUGHTS – TRULP261 – 8/10

 

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