Lfo_sheath

Weißt was, ich mach noch mal ein Album

Das war wild, Anfang der 90er. An jeder Ecke spross ein neues Projekt hervor, von dem eilfertig gesagt wurde, dass da gerade die Zukunft der Tanzmusik gestaltet würde. Alles mögliche an elektronischer Erneuerung flog uns um die Ohren, und nur weniges davon hat heute noch irgendwie ernsthaft Bestand. Erinnert sich noch jemand an 808 State? Vermutlich die wenigsten.

Mit LFO war das ein wenig anders – Gez Varley und Mark Bell entwickelten aus Techno, Electro, Break Beats und House eine Mischung, die deutlich innovativer war und mehr versprach als das meiste von dem, was sonst noch zur Erneuerung der Tanzmusik antrat. Das ahnte man auch bei Warp, die neben so vielen anderen Pionieren elektronischer Tanzmusik auch LFO unter Vertrag nahmen. „Frequencies“ hieß ihr erstes Album und zeigte, dass man eben auch abseits simpler Vermarktungsschienen erfolgreich Tanzmusik produzieren konnte.

Nur wie so oft kam dann nicht viel nach. Klar, die Zeiten änderten sich auch schnell wieder, und wie das so ist, bei so einem Produzentenpaar, nicht immer versteht man sich rasend gut. Ganze fünf Jahre brauchten sie für das nicht eben spektakuläre zweite Album, und dann noch einmal satte sieben Jahre für das dritte, „Sheath“ – und da war dann einer von beiden, Gez Varley, schon nicht mehr dabei.

Hätte jetzt also auch Mark Bell auf dem Album stehen können, aber klar, LFO ist auch 2003 noch ein Name gewesen, der große Erwartungen weckte. Schon interessant, was man mit einem einzigen Album so anrichten kann, und es fragte sich natürlich, ob der Herr Bell so ganz allein diesen Erwartungen gerecht werden würde. Immerhin so viel sei schon gesagt: Es scheint ihn nicht sonderlich nervös gemacht zu haben.

Natürlich ist Mark Bell nicht auf einmal zum Verfechter der unverfälschten Wandergitarre geworden. Der Anfang gerät mit „Blown“ durchaus spannungsvoll, fast ambientös, da wird einem so ein wenig der Mund wässrig gemacht – mal sehen, wie LFO im neuen Jahrtausend die Zukunft der elektronischen Musik ausloten. Wohliges Bleepen, tiefenverdumpftes Klopfen, breite Synthflächen, weit angelegte tiefe Bässe – fast glaubt man, bei Biosphere gelandet zu sein, nur ein Stück flotter.

Schon beim zweiten Stück muss das Thema der Betitelung angesprochen werden, die teilweise etwas seltsam bis unappetitlich geriet. Nicht dass das rasend wichtig wäre – aber man kann durchaus angesichts eines recht radikalen elektronischen Post-Industrial Ritts mit reichlich verzerrtem Snyth und Noise Bombardement durchaus die Frage stellen, wie man da auf „Mum-Man“ kommt. Das Teil tut weh – und zeigt dann doch eher in die Vergangenheit als in die Zukunft, nur fetter produziert als das damals möglich war.

Der nächste Titel: „Monkeylips“. Okay. Wenn man meint. Recht dünne Lippen, wenn man die säuerlichen Bleeps hört. Etwas hinkend im Beat, der Affe, mit ein paar recht schrägen Gedanken, wenn man den Soundideen so lauscht – irgendwie ein recht zielloser Spaziergang im Urwald. Noch bizarrer der nächste Titel: „Snot“. Genau. Rotz. Wieder dicke synthetische Sounds, industrial oder früh-elektronische IDM Drums, alles sehr mechanisch, voll auf die zwölf, und wieder weiß man nicht so recht, ob das wirklich vorwärts gedacht ist oder ob jemand die Vergangenheit in zeitgemäßere und noch krassere Kleider gehüllt hat.  Ich fürchte, dass da keiner drauf gewartet hat. Aber ob ich das gleich Rotz nennen würde?

Immerhin findet Herr Bell dann wieder zu den eher wärmeren Bässen und dezenteren Synth Klängen zurück. „Moistly“. Ein paar tief verhallte Synth Themen im Hintergrund, ein wenig Bleepen im Raum – ulkig, ich hätte jetzt echt schwören können, dass das hier das Comeback von 808 State ist und nicht das von LFO. Oder als wollte man Björk in alte Zeiten zurücklocken. „Unafraid To Linger“ setzt erneut auf verzerrte Synth Sounds zwischen Riff, Drum und Bassline, darauf Ornamente sphärischer Elektronik – soll ich jetzt sagen, dass das „nett“ ist?

Fakt ist zumindest, dass LFO 2003 die guten Momente nicht beim schnellen Tempo feiern, sondern eindeutig in den ruhigeren, angenehmeren Momenten. Selbst wenn „Sleepy Chicken“ so ziemlich den uncoolsten Titel des Jahres gehabt haben dürfte – die wiederum leicht an Biosphere erinnernde Ambient-Exkursion hat zweifellos die beste Bassline, das interessanteste Arrangement, und die stimmigste Instrumentierung auf diesem Album. Sicher, auch hier kann man nicht von Innovation reden, oder von neuen Impulsen, aber man ist schon froh, wenn Wohlklang herrscht.

Über „Freak“ etwas zu sagen, fällt schwer. Es war die Single, und sie funktionierte nicht so richtig. Ob es an der Computerstimme lag, die ständig sagt „This is going to make you freak“? Weia. Das war selbst 2003 schon definitiv nicht mehr die Wortwahl der Stunde. Dazu recht ungebügelte Elektronik, eine ultraeingängige Bassline, ungeschminkt batschende Becken, ein paar voll krasse Samples, ein noch viel krasseres Break… Guck mal da, der alte Mann auf der Tanzfläche, der ist ja schwer am Zappeln. Ist das nicht der Bell? Schweigen.

Der nächste Titel-Unfall: „Mommy, I’ve Had An Accident…“. Oooookay. Das schräge Synth Thema lässt vermuten, dass der Unfall mit Alkohol in Zusammenhang stehen könnte, anders lässt sich das für mich nicht interpretieren. Schmerzhaft, stimmt. „Nevertheless“ startet dann mit so etwas wie einer rückwärts eingespielten und runtergesampelten Kinderklarinette (oder ähnlichem), auf Frühneunziger-Maschinen-Trommeln. Gut, die schrägen Katzensounds übereinanderzulegen hat einen teilwese recht interessanten Effekt – aber wieder bleiben wir ratlos zurück.

Gut, dass am Ende mit „Premacy“ zu den stillen Tugenden des Albums zurückgekehrt wird. Immerhin kann die Tatsache, dass sich der Titel anhört wie eine schwer hallverzerrte Sample Etüde eines unbekannten Vangelis Stückes den etwas größeren Reiz dieses Stückes nicht mindern. Für kurze Momente denkt man sogar an den einen oder anderen Ambient Ausflug, der erst viel später beim Kölner Kompakt Label erschien. Irgendwie steckt da noch am ehesten ein Blick nach vorn drin. Ohne die Beats der 90er, ohne den Drang, electromäßig auf die Pauke hauen zu müssen.

Vielleicht hört sich die Platte ja auch nur so an, als hätte Herr Bell keinen Druck gehabt. Vielleicht ist er ja nur bei „Premacy“ locker geblieben. So nach dem Motto komm, ich leg noch was ans Ende, so bissl Ambient, das ist lässig. Hätte was. Vielleicht wär mit mehr davon auch noch ein viertes Album gekommen, wer weiß. So blieb es das zumindest vorerst letzte.

LFO – SHEATH – WARP – WARPCD110, WARPLP110 – 4/10

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