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Ist das der Mayfield?

Wieder eine von diesen Platten, die es verdient haben, in jeder guten Sammlung vertreten zu sein – und doch irgendwie nicht wirklich weit über den Radar derer hinaus gekommen ist, die ohnehin schon wussten, dass Hardkandy immer gute Alben baut. In diesem Fall sogar ein verdammt gutes. Wenn prominente Rezensionskollegen schon schreiben, dass die Welt mehr davon bräuchte, dann ist das a) richtig und b) ein guter Gedanke.

Wie so manch anderer fing Tim Bidwell mit seinem Projekt Hardkandy im instrumentalen Downbeat Bereich an. Ein wirklich guter, stilvoller Produzent, der es immer wieder schafft, hochwertige Ware für Kopfhörer und Bars zu erschaffen. Auch die nächsten Schritte sind nicht eben ungewöhnlich. Ein bisschen mehr stilistische Bandbreite und, vor allem, die Einbindung von Sängern. Auch hier beweist Bidwell viel Geschmack, indem er zum Beispiel beim Vorgängeralbum Terry Callier ins Studio einlud.

Was aber eindeutig nicht irgend welchen gängigen Abläufen entspricht, ist der Schritt zu diesem Album. Nicht weil Hardkandy zu einem neuen Label gegangen wäre, das passiert schon mal. Aber dass quasi von einer Veröffentlichung zur nächsten die Stilrichtung einfach mal so von qualitativ hochwertigem Downbeat auf eine Mischung aus Soul, Funk, und Blues umgestellt wird und dabei noch ein verdammt gutes Album heraus kommt, das ist dann schon eher selten.

Sicher – die Mischung, die Bidwell hier präsentiert, ist mit dem, was vorher geschah, durchaus noch kompatibel. Trotzdem ist es verblüffend, mit welcher Leichtigkeit, Eleganz und Überzeugungskraft er vom weißen britischen Barsound zu einem Stil kommt, der einen hoffen lässt, dass Curtis Mayfield nie gestorben sei.

Das liegt auch nicht nur an Seany Clarke, der als Gastsänger verdammt nah am großen Curtis liegt, sondern eben auch an Bidwell, der genau das richtige Material dazu liefert. Das geht schon in „Scum“ los, ganz am Anfang, bei dem es richtig schön groovt, so warm und so lässig und so schwarz, dass man sich noch mal anschauen möchte, ob man wirklich die richtige CD in der Hülle hatte. Hier lernen wir auch schon die Eleganz zu schätzen, mit der bei Hardkandy Streicher eingesetzt werden – unaufdringlich, stilvoll, akzentuiert. Fein.

Clarke ist nicht der einzige interessante Gast auf dem Album: Ninja Tunes Fink ist mit dabei, John Hughes mit seiner Querflöte, Simon Little wurde aus Bonobos Live Band ausgeliehen, Laura Vane und Martin Harley singen ebenfalls mit. Das sorgt auch für Abwechslung, die bereits beim zweiten Stück prächtig zum Ausdruck gebracht wird – „Dunks“ ist ein deutlich afrikanisch angehauchter Instrumental- Groover, dessen Streicher auf angenehme Weise an Quantic erinnern.

Aber schon „Overkill“ bringt uns zurück zu Seany Clarke und schönen orgelseeligen Soul-Rückblicken, die einen ernsthaft fragen lassen, warum nicht mehr so funky Zeugs produziert wird. Ohne jede nostalgische Schwärmerei schiebt man bei Hardkandy den Mayfield-Sound ins 21. Jahrhundert. „My Morphine“ siedelt den Sound ein klein wenig näher bei Ray Charles an – auch hier ist mit Martin Harley genau der richtige Sänger am Werk, und der Chorus ist so herrlich eingängig und soulig, dass es einem kleine Schauer den Nacken runter schickt. Die Laune steigt kräftig.

Ganze zwei Instrumentalstücke sind auf dem Album vertreten – und auch der zweite, „Moochin“, ist ein feiner Beitrag. Wie ein stilvolles Intermezzo, das einen von einem Soul Schuppen zum nächsten führt. Oder zurück zum Club Mayfield, bei dem die Band die Akustikgitarre herausgeholt und den kleinen Bläsersatz daneben gestellt hat. „The Others“ ist eine coole kleine Nummer, in der sogar so ein ganz ganz klein wenig ganz früher Prince durchschimmert, mit viel Spielfreude obendrein.

Dagegen ist „Morning Light“ trotz Unterstützung durch Fink und Harley ein etwas weniger starker Moment – etwas vorhersehbar, aber nichts, was einem den Genuss des Albums ernsthaft verleiden könnte. Nett halt. Aber nicht so stark wie das darauf folgende „Elevation“, das mit vielen hübsch lässigen Händen an diversen Gitarren und einem erneut feinen Streicher-Arrangement überzeugt – und einem ebenso starken und eingängigen Chorus.

Für „The Good And The Bad“ geht es rüber in die Blues Bar, in der mit Nikolas Barrell ein weiterer Gastsänger einen sehr weißen, aber durchaus glaubwürdigen Einsatz hat. Dann endlich mal eine Frau am Mikrofon, und kaum hat sie angfangen zu singen, über trockenem, schnörkellosem Drumbeat, da denkt man schon, Moment mal, sind wir hier doch bei Tru Thoughts gelandet? Laura Vane in „Hey Lover“ könnte man glatt als Alice Russell verkaufen.

Zum durchaus krönenden Abschluss kommt noch einmal ein feines Stück Funk auf die Bühne, hübsch entspannt, mit vorzüglichem Bass und einem perfekt begleiteten Seany Clarke. Das ist wirklich vorzüglich. Wie überhaupt die ganze Platte, die wirkt als wäre sie in irgend einem funky Zeitwurmloch aufgenommen worden, in dem sich alles, was Ende der 60er und Anfang der 70er den Soul so richtig fett cool werden ließ, niemals aufgehört hat zu existieren, und die Entwicklung in der Produktionsqualität trotzdem immer weiter gegangen ist.

Eine Platte wie aus einer besseren Welt. Nicht revolutionär besser, einfach nur lässiger, unbeschwerter, cooler, und eine in der Curtis noch lebt. Und der Weg dahin ist denkbar einfach. Insert CD , play, listen, smile.

HARDKANDY – SECOND TO NONE – WAH WAH 45s – WAHCD007 – 8,5/10

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