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Ohne Worte

Es ist mal wieder Zeit für ein Outing. Ich gebe es offen zu. Bevor ich dieses Album hörte, wusste ich nicht, wer oder was Alva Noto ist. Jetzt könnte man schimpfen. Mann, du hörst gern Ambient, du findest Arvo Pärt großartig, hast Minimal gern wirklich minimal – das kann doch nicht dein Ernst sein. Aber ja, das war bis dahin ein weißer Fleck auf meiner musikalischen Landkarte.

Aber zum Glück gibt es ja Ryuichi Sakamoto. Was der so gemacht hat, das verfolge ich schon seit er vor Jahrzehnten mal mit Thomas Dolby zusammen so etwas wie einen Hit hatte. „Field Work“, vom 1986er Album „Illustrated Musical Encyclopedia“. Sakamoto liebt Kooperationen mit anderen Musikern, und sie scheinen alle große Freude an der Zusammenarbeit mit ihm zu haben.

Tatsächlich sind die Ergebnisse auch niemals langweilig. Manchmal sehr fordernd, manchmal aber auch von erstaunlicher Schönheit. Alva Noto passt da durchaus gut dazu, wie ich inzwischen weiß. Carsten Nicolai, eine Hälfte des Raster Noton Labels, veröffentlicht vorzugsweise unter diesem Namen. Und wie es für dieses Label Programm ist, sozusagen vollelektronisch, sehr puristisch, minimal, experimentell – dabei aber durchaus noch nah am Rhythmus. Einer der Labelkollegen von Nicolai ist zum Beispiel Atom TM alias Uwe Schmidt, der mit Burnt Friedman als Flanger unterwegs war und als Atom TM seine eher experimentell-elektronische Seite auslebt (im Gegensatz zur eher unterhaltsamen Seite als Senor Coconut).

Die Freude am Experimentieren und am Ausprobieren neuer Formate und Arbeitsweisen in der Musik ist in jedem Fall eine der Gemeinsamkeiten von Nicolai und Sakamoto, die Einbindung von Design in die Arbeit eine zweite. Raster Noton ist nicht nur für seine sehr ausgewählte Labelarbeit bekannt, sondern auch für exzellentes Design der Produkte – so wie eben auch Sakamoto großen Wert auf deren hochwertige Gestaltung legt.

„Insen“ ist nicht die erste gemeinsame Arbeit der beiden – drei Jahre vor dieser 2005 veröffentlichten CD erschien „Vrioon“. Beide Alben unterscheiden sich primär durch die Art der Zusammenarbeit. Während beim ersten Album die beiden Musiker sich die Versionen mehrfach hin und her sandten, um das jeweilige Stück aus dem gegenwärtigen Zustand in einen neuen zu bringen und so quasi Schicht über Schicht anhäuften, war die Methode bei „Insen“ sehr viel einfacher. Sakamoto spielte auf dem Piano einzelne Stücke ein, die dann von Nikolai elektronisch bearbeitet und ergänzt wurden. Zwei Musiker, zwei Arbeitsschritte, ein Album.

Während in der Konsequenz das erste Album noch recht nah am Ambient lag, ist „Insen“ ein gutes Stück minimalistischer. Nicolai lässt sich im ersten Stück „Aurora“ etwas Zeit, bevor er wirklich deutlich spürbar eingreift. Kleine elektronische Effekte, kleinste Hinzufügungen und Veränderungen. Doch dann kommen seine sehr warmen, tiefen Bässe, die im Gegensatz dazu fast kühl wirkenden, und doch nicht kühl eingearbeiteten, extrem klaren Sounds, dann nah und doch verteilt im Stereoraum schwingende volle Bassdrums – es ist interessant, wie einerseits das generös mit Hall belegte Piano Sakamotos viel Raum einnimmt, die Hinzufügungen von Nicolai mindestens ebensoviel Raum erschaffen, und obwohl diese Räumlichkeiten sich nicht zu überschneiden scheinen, entsteht eben doch eine musikalische Einheit.

In „Morning“ wird das Spiel ein wenig umgekehrt – erst ist es Nicolai, der mit fein gesponnener Elektronik den Morgen begrüßt, dann Sakamoto, der mit einzelnen Noten die friedlich stille Ereignislosigkeit des kaum begonnenen Tages beschreibt. Man fühlt fast den Nebel über dem See hinter dem Haus in dem Hauch von Licht, das der aufgehenden Sonne vorweggeschickt wird.

„Logic Moon“ zelebriert einen von Nicolai auf diesem Album gern eingesetzten Effekt – indem er einzelne Töne in schnellen Folgen wiederholt und durch ein elektronisches Einsetzen verfremdet, hört sich ein Teil des Pianospiels von Sakamoto immer mal wieder an, als würde der CD Spieler hängen, aber irgendwie eben auch nicht, weil andere Elemente „fehlerfrei“ darunter und darüber liegen, und weil der Effekt rhythmische Qualitäten hat, und weil er aushallt und wie ein Echo funktioniert. Eine Verfremdungsebene auf einem weiteren Beispiel für Sakamotos entrückend schönes Spiel.

Es gibt erstaunlich viele interessante Variationen des Zusammenspiels. „Moon“ hat sich schnell wiederholende elektronische Sequenzen, die an Kölner Minimal Anfänge erinnern, die von kontemplativen, reflektierenden Piano Akkorden begleitet werden. In „Berlin“ holt Nicolai die tiefsten, wärmsten und voluminösesten Bassdrums (sind das noch Drums?) heraus, deuten einen Rhythmus eher an als dass sie ihn spielen würden. „Iano“ wiederum lässt viel Raum für spannende rhythmische Variationen, begleitet von einem fast an „Music For Airports“ erinnernden Sakamoto.

Am Ende des Albums gibt es dann mit „Avaol“ noch eine knapp dreiminütige Zugabe, die sehr leise Akkorde eines imaginären Instruments zu spielen scheint, federleicht, luftig, feenhaft, flüchtig, wie eine Melodie, die aus unendlicher Ferne zu uns durchdringt.

„Insen“ ist ein wirklich beeindruckendes Resultat einer Kooperation zweier echter Innovatoren, die gleichzeitig große Künstler sind, und sehr deutlich in der Lage sind, die Arbeit des jeweils anderen zu verstehen und etwas hinzuzufügen, das dem Wesen dessen, was der andere erschaffen hat, entspricht. Das Resultat ist Schönheit, die elektronisch zerteilt und neu zusammengefügt wird, wodurch aber der Schönheit kein Schaden zufügt wird, sondern sie in einen anderen Zustand der Schönheit überführt wird. Bei aller Verfremdung, die Nicolai dem, was Sakamoto ihm gibt, hinzufügt, bleibt das Resultat immer eine authentische Variante des Originals.

Das mag sich kompliziert und theoretisch anhören. Aber nur, wenn man es liest. Wenn man es hört, wird es deutlich. Ohne Worte.

ALVA NOTO & RYUICHI SAKAMOTO – INSEN – RASTER-NOTON – R-N 65 – 9/10

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