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Doch doch, das ist aus Darmstadt

House ist weit mehr ein deutsches Phänomen als mancher denkt. Nicht nur weil Kraftwerk auf „Computerwelt“ ein paar Dinge gemacht haben, die von Dancefloor Producern gern aufgegriffen und weitergeführt wurden, sondern viel mehr auch deswegen, weil sich in Deutschland immer mal wieder ein paar talentierte Leute erstaunlich stilvolle House Projekte gestartet haben. Man denke nur an Terry Lee Brown und Plastic City.

Ganz so weit wie die Mannheimer hat man es ein paar Kilometer weiter nördlich nicht geschafft – diese LP ist die einzige, die der Darmstädter Produzent Thorsten Scheu veröffentlicht hat. Was natürlich nicht heißen muss, dass es deswegen automatisch eine wenig hörenswerte Platte wäre. Schon allein aus Interesse an der deutschen House Szene um die Jahrtausendwende ist es spannend, sich diesem Album noch einmal zu widmen.

Eins muss man Thorsten Scheu auf jeden Fall lassen: Er geht durchaus stilvoll zu Werke, und er weiß sich gekonnt im Katalog der Deep House Stilmittel zu bedienen. Die Stücke lassen sich viel Zeit (meist deutlich über sieben Minuten), werden in aller Ruhe aufgebaut, und sind größtenteils klar davor gefeit, allzu platt oder zu gerade daher zu kommen. Käsige Sounds sind selten, die Beats sind gern etwas gebrochen und mit einem kleinen Hauch lateinamerikanischem Einfluss gewürzt, und vor allem vermeidet Scheu die in diesem Genre oft so beklagenswerten Simpelakkordwechsel.

Dass dadurch den Stücken auch so ein klein wenig Großstadt-Tristesse anhaftet, die auch vom ansprechend gestalteten Cover ausgeht, verleiht dem Album eher noch einen Reiz als dass es den Genuss schmälert. Der Opener „Move When I Move (Lift Off)“ ist ein gutes Beispiel. Sehr entspannt, souverän produziert. Schwieriger wird es schon, wenn sich Scheu auf die Dienste von Gastvokalisten verlässt. Das schleppend soulige „We Can Be Good“ zum Beispiel ist zwar fein arrangiert, aber die gesangliche Unterstützung zeigt das, was bei deutschen Houseproduktionen oft als Achillesferse ausgemacht werden muss – wird gesungen, sinkt das Barometer auf beliebig.

Gleiches gilt für „Guess“, das auf R&B beeinflusste Popmusik schielt, und bei dem der Gesang gefährlich nah an Lisa Stansfield liegt. Das mag damals irgendwie vielversprechend gewesen sein, wirkt heute aber natürlich recht dünn. Gastrapper Kazy Jumaking übt sich schwer in Smoothness und Flow, erzählt in „Question“ auf deepem Beat zwischen lässiger Pose und motherfuckerwerfender Straßensprache – funktioniert primär, weil Scheu ihm ein eher entschlacktes, dezent treibendes Beatgerüst liefert, das mit rückwärts eingespielten Synth Strings über die nötige Verfremdungsebene verfügt. Nur dieses rhythmische eingestreute Poser-„Ah“ von Kazy hat mich damals schon genervt.

Aber es geht ja auch ohne Vokalakrobatik. Wie auf „Second Life“. Schon hören wir wieder viel erfreuter hin. Noch so ein entspannter Deep House Groover, richtig lässig zusammengestellt, mit feiner Bassline, einigen Dub Effekten, schleppenden Schellenringen als Hihat Ersatz – da merkt man, wo bei Glance die Talente liegen. Davon ein ganzes Album und die Chance auf weitere Veröffentlichungen wäre vermutlich größer gewesen. Das hat in etwa das Niveau von Frankman, der gleichzeitig auf FM Recordings eine ganze Reihe feiner Deep House 12″es veröffentlichte.

Auch „The Happy People“ kommt ohne Gesang aus, verwendet lediglich ein wenig Spoken Word, und lässt so dem Produzenten genügend Raum, um zu zeigen, dass er auch im Downtempo Eck recht versiert ist. Ein relaxter Hip Hop Beat, ein paar clever verfremdete Samples – ein nicht unspannendes Intermezzo, wie auch „Join Up“, das nicht viel mehr verwendet als einen trockenen Hip Hop Beat, ein paar sehr deep schwingende Orgelakkorde und ein paar Synth Beigaben. Nichts spektakuläres, aber gut produziertes Albumfutter.

Am Schluss ist „Caj“ ist ein weiterer Beweis für die Qualitäten im entspannten Uptempo-Bereich – schon mehr Broken Beats als klassischer Deep House, opulent, aber nicht überfrachtet arrangiert, und erfreulicherweise weiß man hier, die Gesangsbeiträge geschamackvoll einzubauen, zu verfremden und in den Dub Raum zu schicken – schon wird es zwei Klassen lässiger.

House ging gut in Deutschland ums Jahr 2000 herum, und Glance war kein schlechtes Beispiel für das, was damals möglich war. Andere haben es erst einmal ohne Gesangsparts versucht und sind direkter auf die Tanzflächen gegangen – das wäre sicher auch für dieses Projekt keine schlechte Idee gewesen. Respektabel aber allemal.

GLANCE – NEVER IN TIME – STIR15 – STIR15-DLP3 – 6/10

 

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