Latest Entries »

russincogzaius

„One Classic Track – Two Versions“ – oder auch vier.

Ein nettes Konzept ist das, was man sich da bei Expansion ausgedacht hat. Eine Serie mit 10″es, in der man sich jeweils einen Klassiker greift und ihn einer modernen Variante gegenüberstellt. Und zwar nicht einem Remix, sondern einer neu eingespielten Version des gleichen Stücks. Nicht, dass da Missverständnisse aufkommen.

In der inzwischen dritten Runde hat man sich einen Jazzfunk-Klassiker von 1976 herausgepickt. Eddie Russ mit „Zaius“. Herr Russ ist ein Keyboarder aus Pittsburgh, der in vor allem in den 70ern aktiv war, und mit seiner Band eine Handvoll Alben produzierte. „Zaius“ war klar sein größter Wurf, und ein sehr gelungener Griff ins Regal der vergessenen Klassiker.

Zugegeben – ich kannte das Stück nicht, ebenso wie den guten Eddie. Damit scheine ich mich aber in richtig guter Gesellschaft zu befinden. Denn als ich das Stück auf decks.de vorhörte, war das ein richtig lässiger und entspannter Groover. Auch als ich die Platte auspackte, sie auf dem Plattenteller platzierte, und dort die geforderten 33 Umdrehungen pro Minute wählte, war es das noch.

Nur… um dieser Rezension ein wenig Gehalt zu geben, forschte ich im Internet ein wenig weiter. Unter anderem hörte ich mir den Track von der Original LP auf Youtube an. Doch was höre ich da? Ein flotter Tanzflächenfeger im Uptempobereich. What the fuck? Zurück an den Plattenteller, schnell mal von 33 auf 45 umgeschaltet, noch mal neu angesetzt – und siehe da, das nun zu hörende Stück von der 10″ ist identisch mit dem Teil, das auf Youtube zu hören ist.

Also klarer Fall: Die Plattenfirma hat die falsche Geschwindigkeit auf das Label gedruckt, und bei Decks hat man die Angaben brav umgesetzt, ohne zu wissen, dass man da die falsche Geschwindigkeit laufen hat. Das interessante ist nämlich: „Zaius“ hört sich auch auf 33 durchaus prima an, und tatsächlich fällt es schwer, dem so entstehenden Stück anzuhören, dass da was falsch läuft.

Wir gehen mal davon aus, dass man bei Expansion nicht absichtlich die langsamere Variante gewählt hat, weil man das so besser findet. Denn auch die Version von Incognito ist mit der falschen Angabe versehen. In jedem Fall habe ich mir tatsächlich diese 10″ wegen des Originals gekauft, und nicht wegen der Incognito-Kopie.

Und egal unter welcher Geschwindigkeit, das Original groovt deutlich mehr, die schrammelnden Soul-Gitarren wirken ein gutes Stück authentischer. Incognito ist sicher eine feine Band, aber eben immer auch ein wenig arg gebügelt, schweißfrei. Eddie Russ ist sicher auch der etwas virtuosere Keyboarder. Trotzdem – auch wenn wie so oft die Kopie nicht ganz an das Original heranreicht – das Konzept dieser Reihe macht Spaß.

Lustig ist das mit dem falschen Tempo allemal. Ich glaube, ich werde mir mal den Spaß erlauben, bei einem Bar-Set den Eddie auf 33 laufen zu lassen. Ich bin sicher, dass das niemand beanstanden wird. Muss mir nur überlegen, was ich sage, wenn mich einer fragt, was das denn für ein Stück sei. Und was ich mache, wenn der Eddie vorbei kommt.

EDDIE RUSS / INCOGNITO – ZAIUS – EXPANSION – 10EXP20142 – 6,5/10

tony-allen-theo-parrish-day-like-this

Wären nur alle Tage wie dieser

Das konnte ja nur ein großer Wurf werden. Theo Parrish allein hätte ja schon gereicht. Egal was der Mann tut, es hat einfach große Klasse. Hier tut er das, was er am besten kann, produzieren und die Keyboards bedienen. Die Drums übernimmt Tony Allen. Nigerianer, Drummer in Fela Kutis Africa 70, Vater des Afrobeat, Polyrhythmiker, verehrter und gesuchter Session Musiker.

Da lässt man dann auch nicht irgendwen singen. Eska Mtungwazi, geboren in Zimbabwe, beheimatet in London, und von niemandem geringeren als Gilles Peterson als eine der wichtigsten britischen Sängerinnen bezeichnet. Und wenn man die drei zusammen hat und Theo Parrishs „Flowers“ noch in den Ohren hat, dann muss auch Andrew Ashong noch dazu geholt werden, und seinen Bass bringt er auch gleich mit.

Theo Parrish startet mit dieser 12″ sein neues Label „Wildheart“ und erklärt uns, sein Sound Signature Label sei für den Körper, Wildheart für alles andere. Interessanter Ansatz, nur ist die Wirkung insbesondere von „Day Like This“ auf das, was Theo als alles andere bezeichnet, so dermaßen nachhaltig, dass der Körper davon definitiv nicht unbetroffen bleibt.

„Day Like This“ ist schon deswegen ein großartiges Stück, weil es einerseits das Kunststück fertig bringt, einen richtig amtlichen modernen Soul Klassiker abzuliefern, andererseits aber dank der unvergleichlichen Art von Tony Allen, sein Schlagzeug zu bedienen, weit davon entfernt zu sein, auch nur in die Nähe eines Klischees zu kommen. In diesen paar Minuten erlebt man, was moderner Soul leisten kann, wenn man nicht in vordergründigen R&B Platitüden denkt, wenn man sich nicht ohnehin schon wundgescheuerter Schablonen bedient, die aus alten Scheiben geschnitzt und über irgendwelche Sternchen gestülpt werden, um sie gewinnmaximierend durch die Abendunterhaltung der Fernsehsender zu schleusen.

Auf der Rückseite geht es ein ganzes Stück samtiger zu, mit dicken Synth Pads, und David Okumu komplettiert das Ensemble als Gitarrist. „Feel Loved“ lebt ebenfalls vom großartigen, hier etwas zurückgenommeneren Schlagzeugspiel Tony Allens, und die fünf haben alle Zeit der Welt. Everyobody wants to feel loved, mehr muss man nicht sagen, und das kann man ruhig auch minutenlang tun, wenn man es so stilvoll und beseelt tut wie hier.

Und statt dass das Stück sich aufbaut, wird es zur Mitte hin eher dekonstruiert, um Theo und Tony ein wenig Raum für Improvisationen zu geben. Ganz weit öffnet sich hier der Raum, und nur langsam findet der Rhythmus wieder zurück ins Arrangement, da sind wir längst über den Feldern der Liebe schwebend entrückt. Es scheint als hätte Theo Parrish in Tony Allen einen idealen Partner gefunden, für all das, was nicht Körper ist. Sehr fein.

THEO PARRISH & TONY ALLEN – DAY LIKE THIS / FEEL LOVED – WILDHEART – WHR 001 – 8/10

bonoboanimal

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

Es ist inzwischen leicht, und auch ein wenig hip geworden, Bonobo prima zu finden. Mehr als andere hat er das Kunststück vollbracht, aus einer Nische herauszuarabeiten, in der eher die Namen von Compilation Serien bekannt sind als dass es die Namen der Interpreten wären. Gut ein halbes Dutzend Alben hat er inzwischen veröffentlicht, jedes von ihnen gelobt, gemocht, und sicher auch vergleichweise gut verkauft.

2001 war es, als dieses Debütalbum veröffentlicht wurde, und ich hatte damals die Gelegenheit, Simon Green – so heißt der Mann hinter dem Namen Bonobo – zu interviewen. Ein wirklich ungewöhnliches Erlebnis, denn ich habe selten so einen höflichen, bescheidenen und freundlichen Musiker erlebt. Ein im erfreulichsten Sinne zivilisierter Mann, und so gesehen passt auch sein Künstlername, denn Bonobos sind die klugen Brüder der Schimpansen, höchst friedliche Menschenaffen, bei denen männliche und weibliche Tiere gleichberechtigt sind, und die, so sagt man, so ziemlich die einzigen Tiere sind, die einfach nur zum Spaß Sex haben.

Wir wissen nicht, ob diese Tatsache Simon Green in die möglicherweise für ihn spannende Situation versetzt, dass ihm biologisch bewanderte Groupies nachstellen, was wir aber definitiv bemerken können, ist dass sein Pseudonym auch zu seiner Musik passt. Da gibt es keine schrillen, übermäßig lauten Töne, da wird nicht gestritten und gebrüllt, es herrscht höchst zivilisierter und kultivierter kreativer Wohlklang.

Wenn es überhaupt etwas an diesem Album zu bemängeln gibt, dann die Tatsache, dass es durch eins von diesen „And now Ladies and Gentlemen…“-Intros eröffnet wird. Jede Wette, dass Simon Grenn heute, wenn er darauf angesprochen würde, selbst mit den Augen rollen würde – sowas war schon Anfang des Jahrtausends nicht mehr wirklich rasend hip, um es mal gnädig zu formulieren. Aber wegen knappen 50 Sekunden Intro muss man nicht ernsthaft Punktabzüge in Betracht ziehen.

Schon in „Sleepy Seven“ wird dann klar, dass man bei Bonobo immer damit rechnen kann, dass man in dem Moment, in dem man den Kopfhörer aufsetzt und auf Play drückt, in einen richtig schönen Zustand versetzt wird, in dem Entspannung lebendig ist, Ruhe belebend, und das Gleichgewicht alles andere als statisch ist. So relaxt seine Drum Tracks auch sein mögen, sie kennen keinen Stillstand, so harmonisch sein Umgang mit Bässen, Piano, Synthesizern auch sein mag – schnöde vordergründige Lieblichkeit ist nicht zu befürchten.

Die verwendeten Vocal Samples rücken nie so weit in den Vordergrund, dass sie zu mehr als einem integriert wirkenden Element des Stücks werden – wie überhaupt die Verwendung von Samples bei Simon Green zu keinem Zeitpunkt die Vermutung nahelegt, dass er ihrem Reiz erliegen könnte und sie zu mehr zu machen als etwas, das das musikalische Konzept trägt. Anders formuliert – er hat einfach das Format, das es braucht, um einen Sampler tatsächlich als Musikinstrument zu verwenden.

„Dinosaurs“ ist im Vergleich zum Opener etwas schwergewichtiger, passenderweise. Die Drums massiver, der Bass voluminöser, die Samples dramatischer. Gute Hör-Musik mit feinen Harmonien und spannendem Arrangement. „Kota“ basiert auf einem Loop einer akustischen Gitarre, passend unterstützt von Streichern und einem für Bonobos Verhältnisse geradezu im Uptempo Bereich angelegten Drum Track. Und schon jetzt gilt es, der überaus feinen Auswahl an Sounds und Samples Anerkennung zu zollen – was immer Simon Green zusammenstellt, es passt einfach, ohne in Gefälligkeit zu enden.

Das gilt in besonderem Maße für „Terrapin“, dem wohl bekanntesten Stück dieser Debüt LP – es landete auf dem einen oder anderen Sampler und mauserte sich zu einem richtigen kleinen Hit. Tatsächlich ist dieses Stück von so unwiderstehlichem Liebreiz, dass man sich fühlt, als wäre man gerade von einem besonders schönen Tag umarmt worden. Wohlig, friedlich, mit hübschem Sitar Thema, herrlich zurückhaltender Percussion, dezenten Synths – das ist so hinreißend, dass man selbst dann auch den Tag umarmt.

Und es geht richtig gut weiter. „The Plug“ glänzt mit feinem Bass Thema, schönem E-Piano, lässigem Elektro-Beat und einer cleveren Melodie, die später dann elegant von Streichersätzen untersützt wird. Höchste Entspannung auf ebenso hohem Niveau. Den Track gibt es auch noch als Quantic Remix, auch sehr zu empfehlen. „Shadowtricks“ folgt dann in etwas mysteriöserem Gewand und im Dreivierteltakt, und zeigt, welch breites stilistisches Spektrum Simon Grenn schon auf diesem ersten Album zur Verfügung hat.

Dieser Teil des Albums hört sich denn auch an, als wäre Simon Green irgendwie mit DJ Food oder anderen Protagonisten des Ninja Tune Labels verwandt. Tatsächlich wurde „Animal Magic“ ursprünglich auf TruThoughts veröffentlicht, ein Jahr später dann im größeren Stil auf Ninja Tune. Auch „Gypsy“ und „Sugar Rhyme“ liegen etwas näher am abstrakten Hip Hop von 9 Lazy 9 oder DJ Vadim.

Mein persönliches Highlight aber ist der Abschluss dieses Albums, „Silver“. Eröffnet von einem fast schon als funky zu bezeichnenden E-Piano-Thema und ein paar Streichern, legt uns Simon Green auf einmal einen Beat hin, der an dynamischer Eleganz und klug gesetzter Treibkraft kaum zu überbieten ist. Großartig gesetzte, fein elektronisch veredelte Bläser Licks ergänzen das Spiel, das mehrmals in wehmütigen Breaks spannend gehalten wird.

Das ist vermutlich einer der interessantesten Aspekte der Musik von Simon Green – bei aller Entspanntheit und Zivilisiertheit fehlt es nie an Dynamik, an Bewegung, an der richtigen Dosis Vortrieb. Vor allem aber schafft dieses Album das, was man im Idealfall von einem Downtempo Heroen erhoffen darf – dass man sich exzellent unterhalten fühlt und es einem beim Hören richtig gut geht. Magic.

BONOBO – ANIMAL MAGIC – TRU THOUGHTS / NINJA TUNE – ZEN 63 – 9/10

The_Natural_Yogurt_Band-Away_With_Melancoly_b.jpg

Ganz schön bescheuert.

Das ist doch mal, und das meine ich aus vollem Herzen als Kompliment, ein richtig beklopptes Album. Nein, sicher nicht wegen des echt bekloppten Band Namens, oder des offensichtlich bewussten Schreibfehlers in der Melancholie – auch wenn das duchaus schon reichen würde. Es gibt noch nen Haufen Gründe mehr.

Es fängt schon mal damit an, dass die Plattenfirma ernsthaft erzählt, dass dieses Album so völlig ohne jegliche Credits, ohne dicke Historie und ohne sonstiges lobhudelndes Gefasel bei ihnen agekommen sei, einfach so, als CD, rein und unschuldig. Schwer zu glauben, dass sowas dann tatsächlich wahrgenommen und angehört wird, aber beim Jazzman Label ist die Wahrscheinlichkeit zumindest deutlich höher als bei anderen Labels.

Inzwischen wissen wir zumindest, dass hinter dem bekloppten Band Namen primär ein Mensch namens Wayne Fullwood steckt, und dass dieser ein großes Faible für – unter anderem – polnischen Jazz und italienische Gangsterfilme habe. Damit ist er natürlich nicht allein, beides wird auch von anderen Protagonisten der vom Jazz beeinflussten Barmusikszene geschätzt.

Aber was diese bekloppte Band mit dem gar nicht so bekloppten Wayne hier auf die Hörer los lässt, macht viel mehr Spaß als das meiste dessen, was entsteht, wenn eben diese Quellen als Inspiration zitiert werden. Die Natural Yogurt Band wirft sich richtig ins Zeug und inszeniert mit so viel Humor und Spielfreude, dass es richtig ansteckend wirkt.

Das gute daran ist unter anderem, dass man bei aller Freude an der 60er-Jahre-Kultur auf zeitgemäße Beats setzt, oft sogar richtig fein abgehangene Hip Hop Beats, wie zum Beispiel gleich im Opener „Chapter One“. Das restliche Instrumentarium aber ist von geradezu hinreißender Authentizität – da quäken die Orgeln nur so um die Wette, da wird hemmungslos in die Querflöte gepustet, oder drüber hinweg, genau genommen, da geraten die Begleitchöre schon mal so schräg, dass man sich fragt, ob das Ganze nicht vielleicht doch eine clever gemachte Verarsche wäre. So geschehen im zweiten Stück, „Chit Chat“. Abenteuerlich.

Ist es aber nicht. Die haben einfach Spaß. Zwischendurch schieben sie auch mal ein fast Polka-artiges Intermezzo mit Xylophon-Virtuositäten ein, bei denen man sich unweigerlich vorstellt, dass ein fein gekleideter, ewig grinsender Mann mit mindestens vier Xylophon-Klöppeln an vermeintlich ebenso vielen Händen in einer Tanzbar, die aus einem Nachkriegsfilm stammen könnte, irrwitzige musikalische Kunststücke auf seinem Gerät vollführt, während Bogart den Agenten sucht. „Better Days To Come“ heißt das Stück, und wir sind geneigt, es zu glauben.

Aber man kann auch mal ernst, und lässig, und nachdenklich, und das auch noch alles auf einmal. „Thoughts“ ist von geradezu unverschämter Lässigkeit. Wie da mit der Schweineorgel und einem herrlich trocken groovenden Drumtrack einfach mal losgejamt wird – einziges Problem dabei ist allenfalls, dass das Ding nicht zehn Minuten lang ist oder so. To hell with songwriting, spielt einfach, ich drück auf Aufnahme. Große Klasse.

Im nächsten Moment überrascht man uns mit „Voodoo“, einem luftigen, versponnenen Intermezzo mit geisterhaft jaulenden Sounds wie aus dem Theremin, einer kleinen entrückten Melodie und einem hübschen Bassthema, nur um dann auf „Pipe Dreams“ gleich wieder den Hipster in die 60er zu schicken, ein bisschen Bossa und ein bisschen Jazz, das Leben kennt keine Sorgen, ein Martini ist nie weit entfernt, und schau mal, wie die Jungs im Percussion-Eck abgehen, wie die Brasilianer.

Eine „Latin Illusion“ lautet darauf der Kommentar, noch so ein fein vertrackter Drum Track, herrliches Orgelquaken, und kaum wird es mal etwas anstrengend, packt einer wieder die Querflöte aus, fast wie in einem von diesen alten Filmen, in denen ein paar Hippies in bunten Klamotten auf einer winzigen Bühne in einer Eckbar den Jazz mit bewusstseinserweiternden Drogen vermengen, während der Kommissar auf seine Informantin wartet.

„The Woods“ beginnt mit nachdenklichem, wehmütigem Klavierspiel, aufgenommen wie mit einem ollen Cassettenrecorder, und mit Einsetzen des ebenso dramatischen Schlagzeugspiels beginnt eine Piano-Improvisation der feineren Art – brächte das jemand genau so auf einem Konzert zum besten, der Saal wäre still, es sei denn man könnte Gänsehaut hören.

Aber was ist dann das danach? „A Broken Rose“ ist rhythmisch so anspruchsvoll, dass man einen Moment braucht, bis man in den Beat findet, ein verrückter Beat ist das, ein wunderbarer Bass, und von den Orgeln kriegen wir eh schon lange nicht mehr genug. Verdammt, sind die cool. Auf so Zeug musst du erst mal kommen, und dann auch noch die Frechheit besitzen, das auf Platte zu bringen.

Was für ein Glück, es bleiben immer noch drei Stücke auf dieser formidablen Doppel-10-inch (das gilt es auch lobend zu erwähnen, so Sonderformate lieben wir Vinylfreunde ja sehr). „Space Echo“ kehrt wieder zum trockenen Hip Hop Beat zurück, zu dem die Band mit allerhand Space Sounds und Gangsterfilm-Bass spleenige Runden dreht. Ganz schön bekloppt. „Soft Cheese“ lässt es schwer dubben, der Käse läuft so langsam übers Käsebrett, unter der Echoglocke, gewürzt von kleinen Melodien und ein paar Griffen in die E-Gitarre. Die Jungs haben eh schon gewonnen, die können sich jetzt alles erlauben. Und der abschließende „Lament For Piano“ ist berechtigt, schließlich ist gleich Schluss. Dass das Piano hier eher ein E-Piano ist, das eher schön perlt als dass es lamentierend weint, ist genehmigt.

Wayne und seine Jungs sind coole Säue, man kann es nicht anders sagen. Und „Away With Meloncholy“ ist ein beklopptes, cooles Album. Frech, spielfreudig, voller hübscher Ideen, großartig eingespielt, und somit tatsächlich ein ideales Mittel gegen Melancholie.

THE NATURAL YOGURT BAND – AWAY WITH MELONCHOLY – JAZZMAN – JMANLP 021 – 8/10

 

Headz1frontlarge

An der Quelle des Trip Hop

Es ist gut, dass ich mich nicht mehr daran erinnere, wie viel ich damals für dieses Album bezahlt habe, als ich es auf Ebay ersteigerte. Nicht weil es peinlich wäre, auch heute noch ist die erste „Headz“ ein Klassiker, für den ich mindestens das Geld bekäme, das ich damals ausgegeben habe, egal wie viel das war. Also nur falls ich tatsächlich so dämlich wäre, das Album zu verkaufen. Aber so genau will ich es trotzdem nicht mehr wissen, wie viel es war. Viel halt.

Aber dafür ist „Headz“ eben auch mehr als nur irgend ein Label Sampler. Dieses Album war so sehr die Definition eines neuen Musikstils, dass man auch heute noch das ganze Genre danach benennt. Headz ist eben all das lässige Zeug, das sich aus Trip- und Hip Hop entwickelt hat, gern auch mal Downbeat genannt, und bestimmt haben manche noch einmal andere Bezeichnungen.

Was Mo‘ Wax damals machte, war nun einmal ohne jeden Zweifel etwas komplett Neues. Konsequent auf langsam gedrehte Hip Hop Beats, die eben nicht mit wilden Stories prahlender Rapper garniert wurden, sondern einfach mit Samples, Scratches, rasend coolen Bass Lines, Spoken Word – alles, was eben irgendwie richtig gut auf die Beats passte. Was eben dann, und so entstand ja auch der Begriff, zum Trip wurde, zur abgefahrenen akustischen Reise – eben zum Trip Hop.

Und so vereint dieser Sample logischerweise so gut wie alles, was am Beginn dieser durchaus Musikgeschichte schreibenden Reise irgendwie Rang und Namen erspielte, das Genre definierte, sind hier alle Stücke, die damals die Hörgewohnheiten und sogar die Nightlifekultur veränderten. Amtlicher als „Headz“ geht es nicht. Nicht mal im Ansatz.

Schon allein, dass auf diesem Sampler die beiden legendären ersten Tracks von DJ Shadow „In/Flux“ (hier als „Alternative Interlude ’93 Version“) und „Lost And Found (S.F.L)“ zu finden sind, macht das dicke 3-LP-Set zu einem wertvollen Bestandteil jeder Sammlung. Aber auch die übrigen Stücke sind keinesfalls von schlechten Eltern. Nightmares On Wax sind dabei, die LA Funk Mob, U.N.K.L.E, Howie B und Autechre – das ist schon ein wirklich beachtliches Lineup.

„A Collage Of 16 Instrumental Excursions From The Hip-Hop Avant Garde“ steht innen im Gatefold zu lesen, und „Soundtracks Of Experimentation“ neben dem Mo‘ Wax Label – man merkt, dass es Label Chef James Lavelle nicht eben um Understatement ging, aber zu dieser Zeit und mit diesem Sampler war es gar nicht möglich, zu dick aufzutragen. Dass man sich dabei scheinbar verzählt hat – es sind tatsächlich 18 Stücke – nehmen wir einfach mal so zur Kenntnis.

Selbst dann, wenn wie zum Beispiel auf der ersten der sechs Vinyl Seiten die Liste der Interpreten nicht unbedingt großes Staunen hervorruft – hier sind es Patterson, Attica Blues und Awunsound -, ist die Qualität der Tracks keineswegs dürftig. Patterson braucht für „Freedom Now (Meditation) nicht viel mehr als eine Bassline und ein paar Orgelakkorde, um eine etwas düstere Trip Hop Atmosphäre aufzubauen, Attica Blues gehen bei „Contemplating Jazz“ mit klassischem trägem Hip Hop Beat ran und strafen das mit dem „Instrumental Excursions“ etwas Lügen, indem sie eine Sängerin in Aktion treten lassen – ihr Beitrag ist aber so wenig prägend, dass sie auch aus dem Sampler hätte kommen können. Und Awunsound nehmen sich viel Zeit und eine Tüte Jazz Samples, um das einzige Stück, das sie je veröffentlicht haben, zu einer soliden Sache zu machen.

Dass Nightmares On Wax auf diesem Album vertreten sind, muss dem guten James Lavelle besonders wichtig gewesen sein, denn in der Liste dessen, was als Inspiration auf dem Cover verewigt wurde, ist auch deren „Nights Interlude“ vertreten. Klar, ist ja auch wirklich die Definition eines Klassikers. Dass das hier vertretene „Stars“ mag jetzt nicht das gleiche Niveau haben, und wirkt im Vergleich zu vielen anderen Stücken dieses Albums regelrecht blankpoliert, ist aber immer noch von großer Coolness geprägt.

Abgesehen davon wird diese loungige Politur gleich darauf von der LA Funk Mob relativiert, deren „Ravers Suck Our Sound“ ein gutes Stück roher rüber kommt. Hinter dem folgenden M.F. Outa‘ National, die ebenfalls hier ihr einziges je veröffentlichtes Stück zum Besten geben, verbirgt sich ein gewisser Joseph Malik, den wir ein knappes Jahrzehnt später auf dem deutschen Compost Label wiederfinden. Das hier vertretene „Miles Out Of Time (Astrocentric Mix’n’Beats)“ bringt abstrakten Instrumental Hip Hop – und wenig wirklich spektakuläres. Gleiches gilt für R.P.M. und „The Inside“ – mag damals recht ungehört gewesen sein in seinem reduzierten Ansatz, nutzt sich aber auch schnell ab.

Interessanter ist da schon die Anwesenheit von Autechre, deren „Lowride“ hier klar den Akzent in Richtung Elektronik und Detroit verschiebt. Schwerer Hall auf den Claps, dicker Raum für die Synths – aber bevor es zu kühl wird, gibt es ein paar Elektroorgelakkorde wie frisch aus Kool & the Gangs Klassiker „Summer Madness“. Klar, bei Mo‘ Wax gilt auch der Output aus Detroit und von den Kollegen bei Warp als große Inspiration.

Hier und da muss man auch mal in die Credits schauen, um zu kapieren, was grad passiert – beispielsweise bei „Wildstyle – The Krush Handshake“ von einer Formation namens Olde Scottish (auch sie gab es nur auf zwei Mo‘ Wax Samplern). Hier wird produziert und abgemischt vom Howie B., an den Plattentellern wirkt der gute DJ Krush. Der Rest der Band jamt sich hier durch so etwas wie eine Hommage an den P-Funk. Nette Randnotiz, mehr nicht.

Noch ein Beispiel: Skull, der mit „Destroy All Monsters“ vertreten ist, wird untertitelt mit „Created by Underdog“, die Credits sind bei Trevor Jackson, und der wiederum ist der Mann hinter Playgroup, also auch kein Unbekannter. Dass er es mit seinem düsteren Hip Hop im Anschluss an DJ Shadow nicht eben leicht hat, ist verständlich. Wer Deflon Sallahr hingegen ist, dessen „… Don’t Fake It“ die vierte Seite abrundet, bleibt unklar. Noch einmal schleppender Instrumental Hip Hop. Okay.

Neben DJ Shadow dürfen R.P.M. zwei mal ran, und ihr „2000“ zeigt immerhin, dass man auch mal rhythmisch etwas komplexer ran gehen kann. Dazu ein paar Sprachsamples von Apollo-Missionen und ein paar spacige Xylophon Sounds, fertig ist der Beitrag. Palm Skin Productions liefern dann ihre „Slipper Suite“ ab, komplett in drei Akten – dubby, jazzy, weird. Steht ja dran: Soundtracks Of Experimentation. In diesem Fall ganz groß.

Natürlich muss auch James Lavelle selbst mal ran, sein U.N.K.L.E Projekt tritt hier gegen das Major Force Orchestra an und liefert mit „The Time Has Come“ sein erstes Stück ab – noch ohne DJ Shadow, aber noch mit Kudo und Tim Goldsworthy. Irgendwie ulkig, hat dieses Stück doch so rein gar nichts mit dem zu tun, was U.N.K.L.E einige Zeit Später auf „Psyence Fiction“ auszeichnet. Leicht angejazzter Hip Hop mit clever gewählten Beat- und Bass-Samples.

Auf der Zielgeraden geht es noch mal ran an die berühmten Namen, mit Howie B. Inc, Tranquility Bass und DJ Shadow. Howie ist irgendwo bei knapp 60 BPM endgültig in der Zeitlupe angekommen und macht selbst daraus noch ein dynamisches Experiment, Tranquility Bass schicken den Hip Hop zum Drogentrip in den Dschungel und beamen Neil Armstrong mit auf die Party, we came in peace for all mankind und so, und DJ Shadow macht eben das, was ihn zu einem großen gemacht hat – die besten Beats und die fettesten Samples zu einem Kunstwerk kombinieren, das weit über allem steht, was hier sonst noch auf dem Sampler zu hören ist.

Zu „Lost And Found (S.F.L)“ müssen wir nicht viel sagen – ein Geniestreich. Und auch im Bezug auf das Artwork dieses Albums gilt es Anerkennung zu zollen – es stammt von 3D alias Robert del Naja, Mastermind von Massive Attack, und eben auch ein Graffitti Künstler den kein geringerer als Banksy als Inspiration bezeichnet.

Wie groß der Einfluss war, den Mo‘ Wax und andere in den frühen 90ern auf die Weiterentwicklung des Hip Hop zu neuen musikalischen Spielarten hatte, lässt sich heute nur bedingt nachvollziehen. Es lässt sich aber durchaus berechtigterweise behaupten, dass die Tatsache, dass wir die Musik dieses Albums heute kaum als revolutionär empfinden, ein klares Indiz dafür ist, wie viel sich durch „Headz“ und ein zwei weitere Alben verändert hat. Dieses Album ist nicht mehr und nicht weniger als Musikgeschichte.

V.A. – HEADZ – A SOUNDTRACK OF EXPERIMENTAL BEATHEAD JAMS – MO‘ WAX – MW LP 026 – 8/10

invcindetjaz

From Motor City to Motor City

Dass sich hinter dem Namen Inverse Cinematics zumindest zur Hälfte der gleiche Mann verbirgt wie hinter dem ungleich bekannteren Namen Motor City Drum Ensemble, musste ich mir tatsächlich von Eddi erklären lassen, dem Barmann in Rödelheim, in dessen Laden ich jahrelang die Freitagabende beschallen durfte. Ja, sagte er, als ich ihn erstaunt ansah, das ist der gleiche Typ.

Stimmt. Danilo Plessow, seines Zeichens viel gefeierter House Held aus Stuttgart, war auch vorher schon recht amtlich unterwegs, nur ungleich näher am Jazz. Was der Titel dieser EP ja durchaus nahe legt. Dass der Name der anderen großen Autostadt im Titel der EP zu finden ist, hat ebenso seine Berechtigung – das, was wir hier zu hören bekommen, ist zumindest im Titeltrack durchaus Detroit Jazzin‘ und nicht, beispielsweise, New Orleans Jazzin‘.

Also flottes Tempo, stilvoller Einsatz von Synths, ein wirklich guter Groove, ein paar soulschwangere Gesangssamples. Das Jazz Element klar am akustisch klingenden Bass zu erkennen, und am trocken treibenden, lässig gebrochenen Beat. Was wir sonst nur aus Skandinavien zu hören kriegen, beispielsweise von Xploding Plastix, oder dann und wann von Kevin Yost dargereicht bekommen, hier kommt es satt und kompetent aus Stuttgart.

Wie auch beim Motor City Drum Ensemble ist die Drum Arbeit von Danilo Plessow exzellent, die Samples sind klug gewählt und stimmig, der Einsatz der Synth Sounds stilvoll. Spannende Breaks sorgen für ausreichend Abwechslung – kein Wunder, dass Eddi damals der Track so gut gefiel.

Der Main Mix ist klar der Favorit hier – der All Good Funk Alliance Remix bringt nicht wirklich neue Ideen, wirkt fast eher wie eine Alternativversion des Originals. Die variierte Bass Line hat nicht den gleichen Drive, der modifizierte Drum Beat nicht so viel Groove, die bearbeiteten Vocal Samples garnieren mehr als dass sie dem Konzept angehörten – das ist nett, das gefällt, aber rollt auch ein wenig beliebig an uns vorbei.

Auf der B-Seite geht Herr Plessow etwas kantiger an die Beat- und Sample-Arbeit, lässt mal schön die Synths knarzen und die Beats rumpeln, so als wollte er uns sagen, dass der gefällige Teil des Abends nun vorbei sei und die deftigeren Nummern ausgepackt werden. „Sine-Flow Disco“ hört sich denn auch an als wäre es so etwas wie eine Zero dB Neuabmischung eines Inverse Cinematics Stücks. Da meint es einer ernst, inklusive Lateinamerikanischer Elemente und deftigen Drum Breaks. Gegen Ende geht die Reise definitiv Richtung Brasilien, ohne das elektronische Element über Bord gehen zu lassen.

Das abschließende „April Four“ nimmt dann wieder deutlich Tempo und Druck raus, so als wolle man sich eher Richtung Washington bewegen, in die Eighteenth Street Lounge der Thievery Corporation. Sehr auf Salon getrimmt, mit entspanntem Groove, und die Querflöte vom Dorfmeister ist auch mit dabei. Wie immer bei Inverse Cinematics überzeugende Beats, nur der Gehalt ist hier etwas dürftiger ausgefallen. Gute B-Seite halt.

Eine solide EP von einem Projekt, das durchaus mehr Aufmerksamkeit verdient gehabt hätte. Aber die bekam der gute Danilo dann ja noch – als Motor City Drum Ensemble.

INVERSE CINEMATICS – DETROIT JAZZIN‘ EP – PULVER – PULVER 016 – 6,5/10

kamflimrem1

Vier mal fein gemischt bitte

Die Karlsruher Experimental-Elektroniker lassen sich auf dieser EP von vier ausgewiesenen Feinmotorikern der elektronischen Musik ein paar schöne neue Kleider schneidern – Jan Jelinek (~scape), Nôze (Get Physical), Staubgold Labelkollege David Last und Aoki Takamasa (Fat Cat, heute Raster-Noton).

David Last verwandelt „Matt“ in ein leicht verspieltes, fast fröhliches, richtiggehend indisch verbrämtes kleines Fest mit feinen gebrochenen Beats, Dub Anleihen und Schellenkranzgehüpfe fast wie beim Folkloreabend im Touristenhotel. Richtiggehend übermütig, mit Kollektief-untypisch lebhaftem Kern. Fast schon treibt er es ein wenig zu bunt. Aber nur fast.

Herr Takamasa setzt im Anschluss im Remix von „After The Rain“ einen deutlichen Kontrapunkt, mit reduziertem Tempo im elektronisch verkleideten Hip Hop Beat, zerhäckselter Elektronik und ganz viel Entspanntheit. Das ist richtiggehend funky, und die kleinen Garnierungen vom Xylophon geben dem ganzen noch einen richtig feinen entrückten Hauch von Unschuld. Fast schon ein wenig zu lieb. Aber nur fast.

Nôze setzen beim „Lichterloh“ Remix auf flotte Minimal Beats und eine gute Prise Melancholie, gepaart mit ein wenig originalem Saxophon-Irrsinn und vokale Experimente – zwischenzeitlich treibt das gut an, schont hier und da allerdings auch nicht gerade die Nerven. Fast schon ein wenig zu forsch. Aber nur fast.

Das klare Highlight ist aber der Jan Jelinek Remix für die „Unstet-Schleifen“. Ein irrsinnig langsamer, deutlich in Jazz getränkter Beat mit einer simplen, aber wunderbaren Bass Line, ein paar Soundschleifen, die sich wie himmlisch entrückte Hawaii-Gitarren anhören – und beglückend seeliger Tiefe. Das ist von wirklich sehr seltener Schönheit. Nein, definitiv nicht fast schon zu schön. Einfach nur richtig schön.

KAMMERFLIMMER KOLLEKTIEF – REMIXED PART 1 – STAUBGOLD – STAUBGOLD 63 – 8/10

101303808

Bumm Bumm Bumm, jetzt mach Musik

Ja ja. So war das damals. Techno Anfang/Mitte der 90er war ein recht rohes Produkt. Wenn man sich auf Youtube anschaut, wie manche sich damals anzogen und zurecht machten, als sie in die Techno Clubs gingen, ist man doch teilweise ein klein wenig peinlich berührt. Man dachte ja damals, man sei voll im Herzen der urbanen Kultur angekommen, ich mein, wie viel städtischer geht es noch als volle Kraft Vierviertel und immer geradeaus, und doch sieht es von heute aus betrachtet teilweise ganz schön provinziell aus.

Und natürlich hört sich das, was auf diesem Sampler zu hören ist, gut 20 Jahre später auch echt ein wenig simpel an. Denn streng genommen ist der Albumtitel hier tatsächlich das Grundprinzip der Produktionsweise, wobei man durchaus hinzufügen kann, dass damals alles, was es so an Geräten und Möglichkeiten gab, noch so neu war, dass Drumtracks tatsächlich oft nur aus ein zwei Elementen bestanden, die halt so bei 140 BPM straight durchliefen, ebenso wie die kruden Samples, immer in die Loop, bis in die Unendlichkeit, Variationen nicht vorgesehen.

So ballern sich hier fünf bis dahin (und im Grunde auch danach) nicht weiter bekannte (vermutlich auch vorher noch nicht existente) Formationen durch das kompromisslose Technoprogramm. Der Sampler erschien auf Sabrettes, einem Schwesterlabel der Sabres Of Paradise von Andrew Weatherall, und bringt Beiträge von Turbulent Force, Point Alpha, THD, Pod, Psyche und Lords Of Afford. Alle dürfen zwei mal, die Lords nur ein mal, dafür mischt da aber Herr Weatherall persönlich mit.

Klar, es fällt leicht, aus heutiger Sicht zu sagen, dass die Rechnung, die hier aufgemacht wird, nicht aufgegangen ist. Andererseits wäre es auch ein klein wenig naiv, wenn man glauben wollte, dass eben diese Rechnung zur Gründung einer Band tatsächlich ernst gemeint gewesen sei. Die Ambivalenz des Titels und der damit verbundenen Botschaft ist so ziemlich das spannendste an diesem Doppelalbum. Denn einerseits ist es tatsächlich so, dass in diesen frühen Zeiten des Techno viele sich einfach die genannten Geräte besorgten und dann fröhlich in Abwesenheit kompositorischer Fähigkeiten drauflosproduzierten, was natürlich zum kritischen Hinterfragen einlädt und die Möglichkeit beinhaltet, dass dieses Album so etwas wie ein sarkastischer Kommentar ist – andererseits, und das dürfte ein wenig näher an der Wahrheit liegen, setzt das Album die Gleichung sehr konsequent und im Bezug auf den musikalischen Inhalt recht humorlos um, was nahe legt, dass man das eigene Konzept durchaus nicht allzu ernst nimmt, ihm aber gleichwohl konsequent folgt.

So gesehen ist diese Zusammenstellung an sich schon programmatischer, reflektierter und intelligenter als vieles andere, das aus dieser Zeit stammt, und damit eigentlich dem Punk näher als dem primär hedonistischen Dienst an den Tanzflächen. Das macht das Album deswegen heute nicht hörbarer, aber es lässt sich definitiv leichter drüber diskutieren als über vieles von dem, was damals beispielsweise in und um Frankfurt entstand und eher durch den generösen Konsum von Drogen zu erklären sein dürfte als durch bewusst in Gang gesetzte kreative Prozesse.

Und doch steckt in der Gleichung viel Positives. Jeder, der in den frühen Neunzigern ein tieferes Interesse an elektronischer Musik entwickelte, liebäugelte zumindest mit der Anschaffung des einen oder anderen Gerätes aus dem Hause Roland. Noch heute stehen in meinem Musikzimmer 303, 626 und 909 – die Gleichung ist ein wenig anders, das Prinzip natürlich ähnlich. Selbst den Emax habe ich noch, an dem ich damals alles sampelte, was nicht bei drei auf dem Baum war.

Es war großartig, mit diesen Geräten herumzuexperimentieren, der eigenen Vorstellung von Musik Ausdruck zu verleihen, ohne dass es jahrelanger Erlernung musikalischer Fähigkeiten bedurft hätte, und mit einem guten Kumpel so etwas wie eine Band zu gründen und auf Parties ein wenig an den Knöpfen zu drehen und über ein paar Tasten eines billigen Synthis die Samples in die Loop zu schicken.

Nicht dass ich das, was wir damals im Gästezimmer zusammen „produziert“ hatten, mit dem Output von Herrn Weatheralls Labels vergleichen wollte. So herausfordernd das Hören beispielsweise dieses Albums auch heute noch sein mag, es war halt das, was man damals hören wollte. Man mochte das. Auch wenn das heute fast ein wenig schwer vorstellbar ist. Aber wer damals mal auf den krasseren Floors des Dorian Gray vorbei schaute, merkte schnell, dass das Zeug wirkte. Für viele auch ohne den Konsum der Drogen, die mancher sich genehmigt hatte, der eben diese Tracks produzierte.

Aber ja. Damals war jeder eine Band. Man musste es nur tun.

V.A. – 101 + 303 + 808 = NOW FORM A BAND – SABRETTES – SBR 004 LP – 5/10

vistalevie

Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein

So oft erlebt, so oft bedauert – zwei talentierte Musiker finden zusammen, kombinieren ihre Fähigkeiten, produzieren ohne großen Erfolgsdruck ein erstaunlich gutes Album, nur um dann wieder getrennte Wege zu gehen und in der Versenkung zu verschwinen. Dass das dann auch noch auf einem Label geschieht, das Innovation wie kaum ein anderes verkörpert, nämlich Laurent Garniers F-Communications, macht es noch um so bedauernswerter.

Vista Le Vie, ein Produzentenduo aus Frankreich, hat außer zwei Mini-Alben, die vor dieser LP entstanden, nichts weiter veröffentlicht. Und wenn man sich die Suchresultate anschaut, die Google zu diesen beiden Herren anbietet, haben sie auch sonst keine großen Spuren in der Musikgeschichte hinterlassen. Schaut man sich die liebevolle und aufwändige Covergestaltung an und vergegenwärtigt sich, mit wie viel Hoffnung die Veröffentlichung dieses Albums verbunden gewesen sein muss, dann ist das richtig schade.

Selbst wenn ich noch tausend weitere Rezensionen schreiben würde – ich könnte nicht erklären, warum so eine Formation wie Vista Le Vie nicht zumindest noch den Weg zum zweiten Album hätte schaffen sollen. „A Futuristic Family Film“ ist richtig gut. Das ist anspruchsvolle, hochwertig produzierte Musik, mit einer Fülle wirklich guter Ideen – und doch blieb diese Platte weitestgehend unentdeckt.

Stilistisch ist der futuristische Familienfilm ein spannendes Gemisch elektronischer Downbeat Spielarten, mal etwas poppig, mal ein wenig Trip Hop infiziert, durchaus hier und da ein wenig nach Jazz duftend, oder nach Filmmusik – eine Mischung, die nicht nur gut funktioniert, sondern auch durchweg überzeugt. Dazu werden auch noch richtig gute Geschichten erzählt, stimmig inszeniert und mit großem Können produziert.

In „Crime In Stereo“ zum Beispiel erzählt Gaststar Black Sifichi von einem, der auszieht, eine Handfeuerwaffe zu erstehen, dringend braucht er sie, fühlt sich erst sicher, wenn er sie hat, will durch die Straßen ziehen, um sie irgendwo zu kaufen, will über Verbrechen lesen, am besten Verbrechen, die er selbst begeht. Und dann hat er sie, gute vier Stunden später, überlegt sich, wen er erschießt, wessen Verschwinden er im Fernsehen verfolgt, wenn die Nachrichten darüber berichten. Erinnert ein wenig an die paranoiden Monologe von MC 900 ft. Jesus, auch stilistisch.

Noch lässiger wird es im Anschluss in „For You (And You)“, eine Art poetische Erzählung über eine Unterhaltung mit Gott zum Thema Rhythmus, vorgetragen von Ishmael Reed, begleitet von einem entsprechend göttlich entspannten Sound – das ist richtig gut geschrieben, toll produziert, und hat Tonnen von Stil. Das ist eine wirklich tolle erste Seite dieses Albums, auch wenn mich persönlich das poppige „First Class“ am Anfang nur bedingt überzeugt.

Auf der zweiten, überwiegend instrumentalen Seite zeigen die beiden Produzenten, dass sie auch noch richtig gute Musiker und Arrangeure sind. „Refuse, Resist“, das in gleich zwei Teilen serviert wird, ist spannend und stimmig, im zweiten Teil sogar virtuos, und das dazwischen platzierte „That Strange Rhythm“ ist von fast lasziver Langsamkeit, perfekt begleitet von entsprechend verführerisch drauf gehauchten Texten einer gewissen Barbara Silverstone – auch sie hat neben diesem Auftritt kaum weitere Veröffentlichungen vorzuweisen. So etwas wie das Leitmotiv dieses Albums.

Für „Seven Thousand And Three Hundred Days“ haben Grand National vorbeigeschaut und erinnern in ihrer Performance direkt ein wenig an Big Audio Dynamite, nur ein Stück verträumter und fragiler, dafür aber mindestens ebenso cool. Und wieder stellt sich die Frage, wie es möglich ist, dass so ein Album verschmäht wird. Auch das verhaltene, fein elektronische „Tanzanite“ kann keine Begründung sein, so behutsam , wie es von stiller Unscheinbarkeit zu leicht vertrackter rhythmischer Kraft geführt wird, von einem Hauch Exotik durchzogen.

Für „A Curse She Cannot Win“ kehrt Frau Silverstone wieder ans Mikrofon zurück, eine Geschichte von unerfüllten Wünschen nach etwas, das nicht so ist wie die Dinge, die immer so sind, wie sie eben sind. Nicht sehr beglückend, und nicht eben der Höhepunkt dieses Albums. Dafür entschädigt uns „Cascade“ zum Ende des Albums mit raffinierter Rhythmik und stilvoller Instrumentalarbeit.

Nee. Das ist wirklich viel zu gut, als dass man den beiden Herren hätte sagen müssen, dass sie wieder nach Hause gehen mögen. Vielleicht hat die Marketingabteilung der Plattenfirma grad Sommerferien gehabt, wer weiß. Das Internet gibt da keine Antwort drauf. Wir trösten uns damit, dass dieses Album sehr gelungen ist und stellen uns einfach vor, dass Vista Le Vie ein lausiges zweites Album gemacht hätten und es so einfach besser ist. Hilft nur bedingt, ich weiß.

VISTA LE VIE – A FUTURISTIC FAMILY FILM – F COMMUNICATIONS – F 223 DLP – 8/10

deahermanl

Wenn das Soundtrack länger als der Film ist

Benjamin Herman ist Holländer, und er spielt Saxophon. Bandleader ist er auch, seine Formation nennt sich New Cool Collective. Und er hat auch schon an der Seite von Candy Dulfer gespielt. Vor sechs Jahren wurde er mal von „Esquire“ zum bestangezogenen Holländer gewählt.

Aus dieser kurzen Auflistung von Fakten lässt sich schon ein wenig herauslesen, dass der Benjamin so ein wenig auf der arrivierten, vielleicht gar etwas schmalzigen Seite des Jazz und Swing zu Hause ist. Und wenn man liest, dass er für dieses Album das City of Prague Philharmonic Orchestra eingeladen hat, verstärkt sich natürlich der Eindruck, dass es auf „Deal“ recht gediegen zugehen könnte.

Aber da täten wir Herrn Herman Unrecht. „Deal“ ist nur in wenigen Momenten etwas schnulzig, meist sogar ziemlich lebhaft. Und es hat durchaus Stil. Genau genommen handelt es sich auch um ein Soundtrack – Regisseur Eddy Terstall brauchte für einen 30minütigen Film um einen Mann, eine Frau und eine Hand voll Euro etwas Musik. Dass die gesamte Spieldauer länger ist als die 30 Minuten des Films, zeigt primär, dass Herman offensichtlich Spaß an der Arbeit hatte.

Konzeptionell ist „Deal“ so etwas wie eine Hommage an Spionage- und Agentenfilme der 60er und 70er und deren Filmmusik. Das macht man nicht mal so eben, dass man solch einen Sound nachempfindet und in die Gegenwart holt, und so hat Benjamin Herman auch deutlich über ein Jahr an diesem Album gesessen. Anfangs mit vier Kollegen, irgendwann dann auch mit dem oben erwähnten Orchester – ohne dessen Streicher wäre der Sound nicht so authentisch.

Die Mitstreiter sind durchweg fähig – Manuel Hugas spielt seinen Honer Bass, als hätte man ihn direkt aus den späten 60ern ins 21. Jahrhundert gebeamt, Joost Kroon erweist sich am Schlagzeug als versiert und variabel, Jesse van Ruller macht an der Gitarre eine elegante Figur und Carlo de Wijs rundet an der Hammondorgel die Zeitreise wirklich gekonnt ab. Herman selbst zeigt, dass er sein Saxophonspiel in den Rahmen des gewählten Konzepts bringen kann, ohne sich in Klischees zu verdudeln. Erfreulich, denn die Renaissance des Instruments dürfte noch immer recht lange auf sich warten lassen.

Zwischen Bond-ähnlichen Mustern, Ausflügen an die Cocktail-Bar, entspannten Funk-Anleihen, dramatischen und sinnlichen Momenten bedient das Album so ziemlich jedes Thema, das zu einem alten Agentenfilm gehört – und Hermans Band bringt sie überzeugend auf die Bühne. Das ist stilvoll eingespielt, hat einen guten Schwung und lässt den bestangezogenen Holländer erfreulich oberhalb der anfänglichen Befürchtungen landen.

Klar, das ist nicht viel mehr als ein unterhaltsames Album, das man mit genügend Genuss problemlos durchlaufen lassen kann, und auch in der DJ Tasche wird es eher nur vereinzelt landen, wenn die Bar gehobener und das Publikum gesetzter ist – aber das ist immer noch aller Ehren wert. Im besten Sinne unterhaltsam.

BENJAMIN HERMAN – DEAL – DOX RECORDS – DOX165 – 6/10