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Bumm Bumm Bumm, jetzt mach Musik

Ja ja. So war das damals. Techno Anfang/Mitte der 90er war ein recht rohes Produkt. Wenn man sich auf Youtube anschaut, wie manche sich damals anzogen und zurecht machten, als sie in die Techno Clubs gingen, ist man doch teilweise ein klein wenig peinlich berührt. Man dachte ja damals, man sei voll im Herzen der urbanen Kultur angekommen, ich mein, wie viel städtischer geht es noch als volle Kraft Vierviertel und immer geradeaus, und doch sieht es von heute aus betrachtet teilweise ganz schön provinziell aus.

Und natürlich hört sich das, was auf diesem Sampler zu hören ist, gut 20 Jahre später auch echt ein wenig simpel an. Denn streng genommen ist der Albumtitel hier tatsächlich das Grundprinzip der Produktionsweise, wobei man durchaus hinzufügen kann, dass damals alles, was es so an Geräten und Möglichkeiten gab, noch so neu war, dass Drumtracks tatsächlich oft nur aus ein zwei Elementen bestanden, die halt so bei 140 BPM straight durchliefen, ebenso wie die kruden Samples, immer in die Loop, bis in die Unendlichkeit, Variationen nicht vorgesehen.

So ballern sich hier fünf bis dahin (und im Grunde auch danach) nicht weiter bekannte (vermutlich auch vorher noch nicht existente) Formationen durch das kompromisslose Technoprogramm. Der Sampler erschien auf Sabrettes, einem Schwesterlabel der Sabres Of Paradise von Andrew Weatherall, und bringt Beiträge von Turbulent Force, Point Alpha, THD, Pod, Psyche und Lords Of Afford. Alle dürfen zwei mal, die Lords nur ein mal, dafür mischt da aber Herr Weatherall persönlich mit.

Klar, es fällt leicht, aus heutiger Sicht zu sagen, dass die Rechnung, die hier aufgemacht wird, nicht aufgegangen ist. Andererseits wäre es auch ein klein wenig naiv, wenn man glauben wollte, dass eben diese Rechnung zur Gründung einer Band tatsächlich ernst gemeint gewesen sei. Die Ambivalenz des Titels und der damit verbundenen Botschaft ist so ziemlich das spannendste an diesem Doppelalbum. Denn einerseits ist es tatsächlich so, dass in diesen frühen Zeiten des Techno viele sich einfach die genannten Geräte besorgten und dann fröhlich in Abwesenheit kompositorischer Fähigkeiten drauflosproduzierten, was natürlich zum kritischen Hinterfragen einlädt und die Möglichkeit beinhaltet, dass dieses Album so etwas wie ein sarkastischer Kommentar ist – andererseits, und das dürfte ein wenig näher an der Wahrheit liegen, setzt das Album die Gleichung sehr konsequent und im Bezug auf den musikalischen Inhalt recht humorlos um, was nahe legt, dass man das eigene Konzept durchaus nicht allzu ernst nimmt, ihm aber gleichwohl konsequent folgt.

So gesehen ist diese Zusammenstellung an sich schon programmatischer, reflektierter und intelligenter als vieles andere, das aus dieser Zeit stammt, und damit eigentlich dem Punk näher als dem primär hedonistischen Dienst an den Tanzflächen. Das macht das Album deswegen heute nicht hörbarer, aber es lässt sich definitiv leichter drüber diskutieren als über vieles von dem, was damals beispielsweise in und um Frankfurt entstand und eher durch den generösen Konsum von Drogen zu erklären sein dürfte als durch bewusst in Gang gesetzte kreative Prozesse.

Und doch steckt in der Gleichung viel Positives. Jeder, der in den frühen Neunzigern ein tieferes Interesse an elektronischer Musik entwickelte, liebäugelte zumindest mit der Anschaffung des einen oder anderen Gerätes aus dem Hause Roland. Noch heute stehen in meinem Musikzimmer 303, 626 und 909 – die Gleichung ist ein wenig anders, das Prinzip natürlich ähnlich. Selbst den Emax habe ich noch, an dem ich damals alles sampelte, was nicht bei drei auf dem Baum war.

Es war großartig, mit diesen Geräten herumzuexperimentieren, der eigenen Vorstellung von Musik Ausdruck zu verleihen, ohne dass es jahrelanger Erlernung musikalischer Fähigkeiten bedurft hätte, und mit einem guten Kumpel so etwas wie eine Band zu gründen und auf Parties ein wenig an den Knöpfen zu drehen und über ein paar Tasten eines billigen Synthis die Samples in die Loop zu schicken.

Nicht dass ich das, was wir damals im Gästezimmer zusammen „produziert“ hatten, mit dem Output von Herrn Weatheralls Labels vergleichen wollte. So herausfordernd das Hören beispielsweise dieses Albums auch heute noch sein mag, es war halt das, was man damals hören wollte. Man mochte das. Auch wenn das heute fast ein wenig schwer vorstellbar ist. Aber wer damals mal auf den krasseren Floors des Dorian Gray vorbei schaute, merkte schnell, dass das Zeug wirkte. Für viele auch ohne den Konsum der Drogen, die mancher sich genehmigt hatte, der eben diese Tracks produzierte.

Aber ja. Damals war jeder eine Band. Man musste es nur tun.

V.A. – 101 + 303 + 808 = NOW FORM A BAND – SABRETTES – SBR 004 LP – 5/10

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