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Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein

So oft erlebt, so oft bedauert – zwei talentierte Musiker finden zusammen, kombinieren ihre Fähigkeiten, produzieren ohne großen Erfolgsdruck ein erstaunlich gutes Album, nur um dann wieder getrennte Wege zu gehen und in der Versenkung zu verschwinen. Dass das dann auch noch auf einem Label geschieht, das Innovation wie kaum ein anderes verkörpert, nämlich Laurent Garniers F-Communications, macht es noch um so bedauernswerter.

Vista Le Vie, ein Produzentenduo aus Frankreich, hat außer zwei Mini-Alben, die vor dieser LP entstanden, nichts weiter veröffentlicht. Und wenn man sich die Suchresultate anschaut, die Google zu diesen beiden Herren anbietet, haben sie auch sonst keine großen Spuren in der Musikgeschichte hinterlassen. Schaut man sich die liebevolle und aufwändige Covergestaltung an und vergegenwärtigt sich, mit wie viel Hoffnung die Veröffentlichung dieses Albums verbunden gewesen sein muss, dann ist das richtig schade.

Selbst wenn ich noch tausend weitere Rezensionen schreiben würde – ich könnte nicht erklären, warum so eine Formation wie Vista Le Vie nicht zumindest noch den Weg zum zweiten Album hätte schaffen sollen. „A Futuristic Family Film“ ist richtig gut. Das ist anspruchsvolle, hochwertig produzierte Musik, mit einer Fülle wirklich guter Ideen – und doch blieb diese Platte weitestgehend unentdeckt.

Stilistisch ist der futuristische Familienfilm ein spannendes Gemisch elektronischer Downbeat Spielarten, mal etwas poppig, mal ein wenig Trip Hop infiziert, durchaus hier und da ein wenig nach Jazz duftend, oder nach Filmmusik – eine Mischung, die nicht nur gut funktioniert, sondern auch durchweg überzeugt. Dazu werden auch noch richtig gute Geschichten erzählt, stimmig inszeniert und mit großem Können produziert.

In „Crime In Stereo“ zum Beispiel erzählt Gaststar Black Sifichi von einem, der auszieht, eine Handfeuerwaffe zu erstehen, dringend braucht er sie, fühlt sich erst sicher, wenn er sie hat, will durch die Straßen ziehen, um sie irgendwo zu kaufen, will über Verbrechen lesen, am besten Verbrechen, die er selbst begeht. Und dann hat er sie, gute vier Stunden später, überlegt sich, wen er erschießt, wessen Verschwinden er im Fernsehen verfolgt, wenn die Nachrichten darüber berichten. Erinnert ein wenig an die paranoiden Monologe von MC 900 ft. Jesus, auch stilistisch.

Noch lässiger wird es im Anschluss in „For You (And You)“, eine Art poetische Erzählung über eine Unterhaltung mit Gott zum Thema Rhythmus, vorgetragen von Ishmael Reed, begleitet von einem entsprechend göttlich entspannten Sound – das ist richtig gut geschrieben, toll produziert, und hat Tonnen von Stil. Das ist eine wirklich tolle erste Seite dieses Albums, auch wenn mich persönlich das poppige „First Class“ am Anfang nur bedingt überzeugt.

Auf der zweiten, überwiegend instrumentalen Seite zeigen die beiden Produzenten, dass sie auch noch richtig gute Musiker und Arrangeure sind. „Refuse, Resist“, das in gleich zwei Teilen serviert wird, ist spannend und stimmig, im zweiten Teil sogar virtuos, und das dazwischen platzierte „That Strange Rhythm“ ist von fast lasziver Langsamkeit, perfekt begleitet von entsprechend verführerisch drauf gehauchten Texten einer gewissen Barbara Silverstone – auch sie hat neben diesem Auftritt kaum weitere Veröffentlichungen vorzuweisen. So etwas wie das Leitmotiv dieses Albums.

Für „Seven Thousand And Three Hundred Days“ haben Grand National vorbeigeschaut und erinnern in ihrer Performance direkt ein wenig an Big Audio Dynamite, nur ein Stück verträumter und fragiler, dafür aber mindestens ebenso cool. Und wieder stellt sich die Frage, wie es möglich ist, dass so ein Album verschmäht wird. Auch das verhaltene, fein elektronische „Tanzanite“ kann keine Begründung sein, so behutsam , wie es von stiller Unscheinbarkeit zu leicht vertrackter rhythmischer Kraft geführt wird, von einem Hauch Exotik durchzogen.

Für „A Curse She Cannot Win“ kehrt Frau Silverstone wieder ans Mikrofon zurück, eine Geschichte von unerfüllten Wünschen nach etwas, das nicht so ist wie die Dinge, die immer so sind, wie sie eben sind. Nicht sehr beglückend, und nicht eben der Höhepunkt dieses Albums. Dafür entschädigt uns „Cascade“ zum Ende des Albums mit raffinierter Rhythmik und stilvoller Instrumentalarbeit.

Nee. Das ist wirklich viel zu gut, als dass man den beiden Herren hätte sagen müssen, dass sie wieder nach Hause gehen mögen. Vielleicht hat die Marketingabteilung der Plattenfirma grad Sommerferien gehabt, wer weiß. Das Internet gibt da keine Antwort drauf. Wir trösten uns damit, dass dieses Album sehr gelungen ist und stellen uns einfach vor, dass Vista Le Vie ein lausiges zweites Album gemacht hätten und es so einfach besser ist. Hilft nur bedingt, ich weiß.

VISTA LE VIE – A FUTURISTIC FAMILY FILM – F COMMUNICATIONS – F 223 DLP – 8/10

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