unklepsy

Der große Wurf, aus dem Ärmel geschüttelt

Im Grunde könnte ich mein Urteil über dieses Album in einen kleinen dürren Satz mit einer simplen Aufzählung kleiden. Dieses Album besitze ich als Download, als CD und nicht weniger als drei Mal in Form von Vinyl. Aber das wäre nicht in Ordnung. „Psyence Fiction“ verdient eine ordentliche Lobhudelei. Auch wenn sie heute vielleicht einen Hauch weniger jubelnd ausfällt als damals, als ich das Album zum ersten Mal erstand.

Die Vorgeschichte ist, kurz gefasst, schon ziemlich legendär. James Lavelle gründete mit Mo‘ Wax das Label, das den Trip Hop Trend lostrat und für eine Weile so ziemlich zum Epizentrum musikalischer Innovation wurde. Einer seiner ersten Stars war DJ Shadow, sozusagen die ausführende Kraft bei der Erfindung des Begriffs Trip Hop, auf der Basis zweier 12″es und einer Nachricht auf James Lavelles Anrufbeantworter.

Lavelle, der ein Faible für wuchtigen Stilmix und dicke Produktionen hatte, erkannte schnell, dass seine Vorlieben großartig mit DJ Shadows legendärem Riecher für großartige Drum Loops und effektvolle Sample Collagen zusammenpasste. Und so lud er den guten Josh ein, mit ihm zusammen das erste UNKLE Album zu produzieren. Dann ging er mal kurz durch sein kleines rotes Büchlein mit den Telefonnummern berühmter Musikanten, fand ein paar illustre Gäste – fertig waren die Grundlagen für „Psyence Fiction“.

Jedenfalls so ungefähr. Tatsächlich hat es mehrere Jahre gedauert, bis dieses Album endlich fertig war, teilweise an der Westküste und teilweise in London produziert, und auch die Liste der musikalischen Gäste aus der Planungsphase hatte letztendlich nichts mit den Beteiligten am fertigen Album zu tun. Aber egal. Was zählt, ist das Resultat – und das kann man eigentlich nur dann nicht sonderlich gut finden, wenn man James Lavelle nicht leiden kann. Und das soll öfter vorkommen.

Wir hingegen halten uns von derartigen Anwandlungen fern. Zumindest mal fürs erste. Bleiben wir bei den Fakten. Beim Album. Sieht man es als Ganzes, ist es so etwas wie eine Sammlung all dessen, was man in den Neunzigern irgendwie toll fand, musikalisch. Da ist ein bisschen Electro, einiges an britischem Rock, ordentlich Hip- und Trip Hop, da sind klagende Sänger, bellende Rapper, sägende Gitarren und endlos viele Samples.

Den Start macht „Guns Blazing (Drums Of Death Part 1)“, in dem gleich der erste Gast seine Visitenkarte abgibt – Kool G Rap. Keiner der ganz berühmten Rapper, aber dafür einer von den richtig guten. Und so ist dieser Opener auch das beste Beispiel dafür, was entstehen kann, wenn Lavelles und DJ Shadows Fähigkeiten mit denen des Gaststars verschmelzen, wenn die Beats und der Rap perfekt miteinander harmonieren und die Stimmungen der Samples und elektronischen Begleitungen zum Rhythmus, zur Betonung, zur gefühlten Botschaft des Rappers passen. Satt, konsequent, atmosphärisch dicht, allenfalls aus heutiger Sicht ein wenig überladen. Trotzdem. Fett.

Es wird schnell klar, dass Shadow, der mit „Endtroducing“ knapp zwei Jahre vor diesem Album sein absolutes Meisterwerk abgeliefert hatte, auch auf „Psyence Fiction“ für den Löwenanteil der Kreativität und produktionstechnischen Qualität hatte. Man muss nur einmal im Internet nach einer Liste der von ihm verwendeten Samples suchen und sich die dann mal genauer anschauen – da ist einfach nichts unmöglich, und das Resultat ist zumindest Mitte bis Ende der 90er faszinierend. Oder man schaut sich einfach nur auf dem Album die Music Credits an – da steht fast durchweg nur „DJ Shadow“.

Beim zweiten Titel, dem „Unkle Main Title Theme“, wird man so auch eher an „Endtroducing“ erinnert als an irgend etwas, das James Lavelle produziert hat – allenfalls die sehr präsente Gitarre erinnert daran, dass Lavell schon 1998 ein Faible für Rockmusik hatte. Das verstärkt sich noch bei „Bloodstain“, ein etwas düsteres Werk, in dem die damals eher halbbekannte Alice Temple als Gastsängerin auftritt. Shadow legt den idealen Drumbeat drunter, glänzt mit kreativen Breaks, ein verzerrtes Gitarrensolo erledigt den Rest. Auch hier stimmt einfach die Atmosphäre – man kann Frau Temple für nur relativ überzeugend halten, zum Songkonzept passt ihre Performance allemal.

Und dann legt der Shadow wieder so einen monströs geilen Drum Loop hin. „Unreal“ ist genau das, zumindest im Bezug auf die Drum Samples und deren Bearbeitung – einfach unreal. Dazu ein paar dräuende Synthesizer und ein runtergesampeltes Gitarrenriff, ein Arrangement, das Minute für Minute dichter und packender wird, zwischendurch immer mal die Stimmung wechselt, mit tiefen drohenden Streichern mahnt, ein paar exzellente Breaks noch on top – auch hier fühlt man sich auf erfreuliche Art und Weise an die packendsten Momente von „Endtroducing“ erinnert, in denen DJ Shadow es so unvergleichlich schafft, mit der Spannung in seinen Stücken wie in einer Choreographie zu spielen.

Auftritt Richard Ashcroft. Der war damals schwer angesagt. Ganz große Nummer, The Verve waren so für zwei Jahre ganz hoch im Kurs. Und es war auch so ein wenig die große Zeit der britischen Rocksänger, die so schön wehklagend intonieren konnten. Ideal für „Lonely Soul“, in dem er schön oft „God knows you’re lonely souls“ singen kann, auch hier von großartigen Drum Loops unterstützt, von schwer emotionalisierenden Streichern, dramatischen Orgelthemen und allerhand Effekten. Und dann dieses endlos lange Break, das bei etwa fünf Minuten einsetzt, teilweise nur das Steicherthema variiert, fast bis ins konzertante, filmmusikalische. Was immer DJ Shadow da geritten hat, es war eine feine Idee, und das Wiedereinsetzen der Drums mit Streichern und Ashcroft ist durchaus eine Gänsehaut wert. Pathetisch? Ja. Aber eben auch echt gut gemacht.

Das ist überhaupt eine der Stärken dieses Albums – es wird teilweise echt dick aufgetragen, und es werden durchaus ein paar ebenso dicke Klischees verbraten, es wird sich hemmungslos bei allem bedient, von dem man weiß, dass es wirkt. Aber eben weil es in der Ausführung exzellent ist, kommt keine negative Stimmung auf.

Zumal dann eh die Gitarren einem die Birne vollschrammeln, bei „Nursery Rhyme“ – kompromisslos nach vorne gemischt, fast bis zur Verzerrung. Das geht ins Ohr, sozusagen. Der damals auf dem aufsteigenden Ast emporsingende Badly Drawn Boy singt zur krassen Begleitung, und komplett mit Refrain und feinem Drum Loop ist selbst dieses brachiale Werk so etwas wie ein Stück Popmusik. Und am Ende darf James Lavelle auch mal was machen. Keuchen.

Krasser als zum nächsten Stück kann der Wechsel kaum sein – wieder mächtig breite Streicher, dieses Mal auf einem Beat, der fast vom ollen Bambaataa stammen könnte. Eine interessante Kombination allemal. Synth Horns übernehmen, und irgendwie wirkt das wie so eine Mischung aus Kampfstern Galaktica und Früh-80er Electro Jams. Prompt kommt ein dicker fetter Newcleus Sample rein geschwappt, ein dicker Synth Bass, der erstaunlich gut zu den Streichern passt – „Celestial Annihilation“ hätte horrender Kitsch werden können, und ich würde mich nicht wundern , wenn manche dieses Stück auch so einstufen. Ich neige eher dazu, dem Experiment ein erstaunliches Gelingen zu attestieren.

Noch ein krasser Schnitt, zurück in den Hip Hop von Shadow und Lavelle – mit Gastrapper Mike D von den Beastie Boys. „The Knock (Drums Of Death Part 2)“ ist definitiv anarchischer, radikaler, beastiger als der erste Teil. Hier werden fröhlich die Beats und die Vocal Tracks zerhackt, hier knarzt Metallica Bassist Jason Newsted mit nem offensichtlich hoffnungslos übersteuerten Bass im Hintergrund rum – das haut rein.

Das bunte wilde Treiben führt uns dann zu „Chaos“, von und mit einer sonst nicht weiter bekannten Sängerin namens Atlantique – sie singt so naiv und pseudo-unbeholfen wie einst das Mädel in „The Party“ an der Seite von Peter Sellers – begleitet von ein wenig Gitarre und ein bisschen Beckengeschubber. Und einer Hupe, irgendwo zwischendrin. Mir ist nicht klar, was dieses Stück soll – so wenig, wie sie hier rein passt, die gute Atlantique, könnte man meinen, dass James Lavelle sie irgendwie putzig fand. Oder so. No more lullabies singt sie gegen Ende. Hätte man sich zu Herzen nehmen können, bevor sie ins Studio ging.

Aber egal, wir werden danach aufs allergrößte entschädigt. „Rabbit In Your Headlights“. Mit Thom Yorke in einer seiner wohl beeindruckendsten gesanglichen Darbietungen. Und wieder hat man das Gefühl, dass die Stimmung, die Intonation, das Thema – alles, was Yorke mitbringt, auf perfekte Weise von DJ Shadow aufgenommen wurde, der dann das ideale Arrangement, die genau richtigen Samples, eben einfach die perfekte Musik und Inszenierung dafür gefunden hat. Da greift alles ineinander, verschmelzen alle Elemente zu einem Erlebnis. Und spätestens, wenn man das unfassbar intensive Video zu diesem Stück gesehen hat, weiß man, dass man diese Perfektion noch eine Stufe weiter treiben kann.

Allein, wie in der Mitte des Stückes plötzlich die Drums förmlich explodieren und Thom Yorke seiner Stimme in vollem Umfang Ausdruck verleiht, kann einen fassungslos machen. Ebenso wie der Moment, an dem all dies abrupt angehalten wird und dem Piano Thema weicht – das Arrangement, man kann es nicht anders sagen, ist großartig.

Ja, es gibt gute Gründe, James Lavell nicht zu mögen. Vieles von dem, was er macht, leidet darunter, dass er sich irrsinnig wichtig nimmt, und noch mehr darunter, dass er irgendwie immer so den Eindruck zu machen scheint, als hätte er was irrsinnig wichtiges zu sagen, und doch ist in vielem von dem, was er nach diesem Album gemacht hat, nur richtig viel Betonung und wahnsinnig wenig Inhalt. Es ist bezeichnend, dass DJ Shadow nach einer Runde mit Lavelle bei UNKLE den Hut nahm und lieber allein weiter machte.

Aber für dieses eine Album hat es einfach gepasst. Fulminant sagt man gern, bei so einer Scheibe. Tatsächlich steht sie ziemlich allein da in der Welt der populären Musik, es gibt nicht wirklich viel vergleichbares, außer dem, was die beiden einzelnen Hauptdarsteller sonst so gemacht haben, und das auch nur bedingt. „Psyence Fiction“ ist tatsächlich ziemlich einzigartig, und das kann man nur von sehr wenigen Alben sagen.

UNKLE – PSYENCE FICTION – MO WAX – MW 085S – 9/10

 

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