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Diebe auf Abwegen

1999 war die Thievery Corporation schon richtig fett im Geschäft. Ihr erstes Album war – auch Dank der Verwendung des großartigen „Shaolin Satellite“ auf der DJ Kicks von Kruder & Dorfmeister – richtig gut angekommen, und in der Folge zeigten die ersten 12″ Auskoppelungen des folgenden Albums, dass die beiden Chefs bei der Thievery Corporation das Niveau nicht nur halten, sondern auch noch deutlich steigern konnten.

Neben den bereits erwähnten Kruder & Dorfmeister war es zweifellos die Thievery Corporation, die den neuen Downbeat Sound definierten – und davon wollten auch diverse Künstler durch Remixaufträge etwas verabreicht bekommen. So ist die Liste der hier geremixten Künstler auch durchaus erlesen. David Byrne ist dabei, Gus Gus, Stereolab, Black Uhuru – stilistisch ist das obendrein auch eine beachtliche Bandbreite.

David Byrne lässt sich beispielsweise sein „Dance On Vaseline“ neu frisieren und bekommt prompt etwas geliefert, das dessen prägnante Gesangsarbeit geradezu elegant wirken lässt. Fast schon ein wenig zu glatt, könnte man meinen, aber primär weil der David doch irgendwie gar nicht so ein glatter ist. Baaba Maal liegt da schon ein klein wenig näher, denn schon 1999 war das Faible der Thievery Corporation für dubbige Weltmusik-Exkursionen stark ausgeprägt. Und so ist Baaba auf einem Beat, der klingt wie ein 90er-Jahre-Update des alten Paid-In-Full Drum Samples, primär über tief verhallte Vocal Samples zu hören, während man den Keyboards schon fast klassische Thievery Themen und Sounds entlockt. Das ist nicht weltbewegend, aber nett anzuhören.

Mit der Neubearbeitung von „Kc Doppler“ von der eher unbekannten Formation Slide Five weist das Album den ersten eher müden Titel auf – ein Beat, ein recht penetrant wiederholtes Orgelthema, ein paar spacige Effekte und Intermezzi, das ist etwas zu eintönig, um zu überzeugen. Wohliges Lounge Gepucker, das keine Richtung hat. Leider. Die Neubearbeitung von Rockers Hi-Fis „Transmission Central“ kommt da deutlich besser weg, natürlich auch weil die Rockers ein weit lohnenswerteres Original bereitgestellt haben. Flott flott das Ganze, aber Vorsicht, nicht dass noch Schweiß auf der Stirn den Auftritt versaut.

Und dann wird es diffizil. Denn „Tickertape Of The Unconscious“ von Stereolab ist im Original schon eine verdammt gute Nummer. Sich überhaupt dran zu setzen ist schon ziemlich gewagt. Wie bei der Corporation so üblich wird erst mal entschlackt, dann werden ein paar Elemente hervorgehoben – hier die Vocal Tracks – und das, was dann noch da ist, stilvoll angereichert. Das ist am Ende sehr Thievery, sehr lässig, von kühler Eleganz. Ist das gut? Offensichtlich wollte man es so, bei Stereolab.

Ähnlich geht es einem bei Pizzicato 5, deren „Porno 3003“ bereits als verdammt lässiger Trip daher kam – und nun als Thievery Corporation Remix fast so wirkt als wollte man alles raus nehmen, das beim Abspielen in einer Cocktail Lounge zu viel Aufmerksamkeit beansprucht. The artists have left the building. Oder dösen im Fauteuil, und werden anschließend von den johlenden Thievery Labelkollegen Thunderball geweckt, deren „Hijack“ vom schon damals nur wenig zeitgemäßen Drum And Bass Korsett befreit wird, aber dennoch nicht zwingender wird.

Edson Cordeiro, ein wohl recht begnadeter brasilianischer Sänger, bekommt sein „Ave Maria“ neu abgemischt und landet wie schon Baaba Maal im Hallraum und bekommt ein teilweise fast orientalisch anmutendes Ambiente, das durch kräftige Midtemporhythmen aufgepeppt wird – wie schon bei Slide Five eher ein wenig erinnerungswürdiger Moment der Sammlung. Auch von Waldecks „Defenceless“ bleibt nicht viel aufregendes hängen – das kann aber auch damit zusammenhängen, dass aus heutiger Sicht die Trip Hop Attitüde des Stücks nur bedingt verdaulich ist. So allein und schutzlos und so. Hm.

Dann „Polyesterday“ von Gus Gus. Siehe oben. Verdammt mutig, sich das vorzunehmen, wie schon im Fall von Stereolab, denn Gus Gus waren schon verdammt eigensinnig damals, passten in so gar kein Schema. Und Thievery war definitiv Schema. So sehr, dass vom Stück selbst mächtig wenig übrig bleibt. Puckert, blubbert, hallt, läuft durch. Bei Hooverphonic ist im Anschluss die gewöhnungsbedürftige Stimme der Chanteuse noch prägnanter – und findet nicht wirklich die Verbindung zum geremixten Instrumentalteil. Eher eine leicht verstörende Demontage.

Konsequenterweise tun sich die Herren Remixer bei den Avatars of Dub und deren „Sexelevatormuzik“ deutlich leichter, offensichtlich, weil deren Musik deutlich näher an der der Thievery Corporation liegt. Das groovt dann schon eher wie im Stile des ersten T-Corp-Albums und verströmt so ein klein wenig „Summer Madness“. Und danach dann Black Uhuru wie in einem modernen Dub Mix, das kann ja nur passen. „Boof ’n Biff ’n Baff“ wird sauber dekonstruiert und neu verklebt, das kann man so machen.

Es folgt noch eine moderat bearbeitete Version von Ursula 1000s „Savoir Faire“ und eine recht müde Neuabmischung von „Closer To God“ von Urbs ’n Chaoz – beides nichts, das das Gesamturteil des Albums noch groß beeinflussen kann. Ob es daran liegt, dass eineinhalb Jahrzehnte später die Anfänge der Downbeat Ära ein wenig beliebig wirken, ein wenig inhaltsleer und fassadenschwanger? Ich glaube nicht. Denn zum einen sind die spannendsten Stücke dieser Zusammenstellung im Original weit aufregender, und zum anderen ist das meiste dessen, was die Thievery Corporation vor und nach dieser Sammlung von Remixen gemacht hat, deutlich gehaltvoller und relevanter.

THIEVERY CORPORATION – ABDUCTIONS AND RECONSTRUCTIONS – EIGHTEENTH STREET LOUNGE MUSIC – ESL 017 – 5/10

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