asthma

Die gute alte Quetschkommode

Ab und zu erwischt man bei den Compilations Exemplare, da fällt einem auf, dass so eine Titelzusammenstellung auch richtig spannend, überraschend und konzeptionell stimmig sein kann. Passiert selten, stimmt, meist sind das irgendwelche Hit-Sampler, denen man auch noch anmerkt, dass da entweder Eigeninteressen der Labels dahinter stecken, oder dass sie dem Ego des Zusammenstellenden schmeicheln sollen.

Nichts davon trifft hier zu. Im Gegenteil. Die Idee ist charmant, die Zusammenstellung anspruchsvoll und bereichernd, und selbst der Titel ist hübsch. Wer sich ein wenig in der englischen Sprache auskennt, weiß: der asthmatische Wurm, das ist das Akkordeon. Die Ziehharmonika. Melodeon, Bandoneon – eben alles, was man so hin und her zieht, mit Knöpfen und Tastaturen, was eben so asthmatisch röchelt, wenn man beim hin und her ziehen keine dieser Knöpfe oder Tasten drückt.

Zwölf mal Quetschkommode also. Und nicht irgendwelche offensichtlichen Geschichten, alte französische Chansons oder so, sondern elektronische Musik, in der das Akkordeon eine mehr oder weniger zentrale Rolle spielt. So eng das vom konzeptionellen Ansatz her auch klingen mag – es funktioniert, und das auf richtig schön charmante Weise, in einer erfreulich großen stilistischen Bandbreite.

Freunde der etwas anspruchsvolleren Barbeschallung mit Faible fürs Elektronische werden bereits bei der Auflistung der Künstler hellhörig. Múm, Doctor Rockit, Burnt Friedman, Gonzales, Dntel, Gotan Project – das darf man durchaus eine erlesene Auswahl nennen, und auch die anderen sechs Interpreten bringen keineswegs nur Füllmaterial.

Múm zum Beispiel, eine von diesen entzückend verrückten isländischen Truppen, geben uns ein paar hübsche Keyboard Akkorde, ein bisschen Percussion, das von ihnen immer gern verwendete Glockenspiel, eine naive kleine Melodie – und eben das Akkordeon, das den Liebreiz der viereinhalb Minuten perfekt abrundet. „I’m 9 Today“ könnte tatsächlich für einen neunten Geburtstag komponiert worden sein und ist wirklich sehr sehr hübsch. Im besten Sinne.

März folgen mit „Bar 1, 2, 3, 4“ auf Pfaden, die eine Nähe zu deutscher Minimalelektronik spüren lassen, mit dementsprechend deutlich höherem Tempo. Interessanterweise ist die Instrmentierung gar nicht so weit entfernt von der, die man bei Múm wählte, und auch die Melodien sind hier lieblich-einfach gehalten. In der zweiten Hälfte des Stückes gibt es dann noch einiges an Sprachsamples, die Worte aus der Welt der Bars beinhalten, eine kleine Assoziationsreihe mit einer netten Portion Humor. Chef ist nicht da, heißt es am Ende. Sitzt sicher im Studio.

Oder ist schlafen gegangen, wie der Hase von Sensorama. „Where The Rabbit Sleeps“ setzt voll auf eine feine kleine Melodie aus dem Akkordeon, die von leicht nach Krautrock riechendem Gitarrenspiel begleitet wird, dann abwechselnd von Synth Akkorden und reichhaltigem Glockenspiel abgelöst tief ins Repetitive geführt wird – so ziemlich das Gegenteil vom darauffolgenden „Sans Toi“ von einer Formation namens Hey, die das wohl am ehesten traditionell zu nennende Stück beiträgt, recht nah am Chanson, sehr französisch.

Da passt das feine „Café de Flore“ von Doctor Rockit alias Matthew Herbert fast schon zu gut hinten dran – erst das Thema Frankreich ganz dick ins Spiel gebracht, und dann das prototypische Stück elektronischer Interpretation hinten dran. Heute kommt einem der Titel ein klein wenig zu lang vor, dafür, dass es ja im Grunde nur aus einer einzigen Melodie-Idee besteht – aber ich glaube kaum, dass jemand irritiert wäre, wenn es heute in einem netten kleinen Café liefe. Herbert hat mal richtig Freude gemacht.

Zum Gotan Project muss man nicht wirklich viel sagen – sie sind ja lange sowas wie das Synonym für die Verwendung des Akkordeons im Downbeat Bereich gewesen, und „El Capitalismo Foraneo“ ist quasi wie die Blaupause des Gotan Konzepts – klassische Trip Hop Beats, ein wenig Dub, ein Akkordeon, ein wenig Piazzolla-Feeling, schon sind die Barbesucher verzückt.

Da sind Burnt Friedman und Jaki Liebezeit schon ein wenig überraschender. Ihr „Rastafahndung“ vom formidablen ersten „Secret Rhythms“ Album ist vielleicht nicht das stärkste Stück der beiden, passt aber trotzdem gut in die Reihe – zumal der schon im Titel angedeutete Bezug zum Reggae eher als gefühlte Richtung zu sehen ist und nicht zu streng genommen wird.

Es ist sicher kein Zufall, dass Friedmans Flanger-Partner Uwe Schmidt alias Atom TM gleich im Anschluss zu finden ist. Sein „Pole vs. Pentatonic Surprise“ lässt mich ein wenig rätseln, was das mit Pole zu tun hat, denn das, was dieses Stück zu bieten hat, erinnert tatsächlich deutlich an das, was man von Stefan Betke so über die Jahre zu hören bekam. Feines dubbiges Zeug, bei dem das Akkordeon verfremdet, verhallt, editiert den Raum über dem tiefen Bass und dem extrem reduzierten Rhythmustrack bevölkert. Sehr fein.

„Would Grandpa Like It?“ fragt dann Markus Nikolai, und wir können die Frage angesichts der experimentellen Natur dieses Stücks mit relativer Sicherheit verneinen. Sehr viel Hallraum, ebenso viel Echo, Stereoeffekte – das ist schon sehr abstrakt, was der Opa da so angeboten bekommt. Da hilft auch etwas später der Beat nicht sonderlich, das wird nicht eingängiger. Wer diese CD zum Dinner laufen lässt, sollte hier nur durchlaufen lassen, wenn man musikalische Allesesser eingeladen hat.

Das Nikolai-Stück ist ebenso wie das folgende von Dntel, „Your Hill“, bis dahin unveröffentlichtes Material – und zumindest für den tiefer interessierten Musikfreund ist auch der Dntel Track interessant, selbst wenn es uns das Stück anfangs etwas schwer macht. Dann fühlen wir uns ein klein wenig an „The Dream Of Evan And Chan“ erinnert, und das kann natürlich nur ein Kompliment sein.

Wechsel Garland setzt dann wieder einen interessanten Kontrapunkt, mit akustischer Gitarre, extrem dezenter Rhythmusbegleitung, einer schönen Bassbegleitung und fein perlenden Keys – ein elegant-entspannter Walzer mit einem Herz aus Akkordeon, der richtig charmant verzückt. Noch eine erfreuliche stilistische Dimension mehr, dabei sind wir doch schon fast am Ende des Albums.

Zum Abschluss besucht uns noch Gonzales, der ja eh so gut wie nichts falsch machen kann. Er lässt die gute alte Quetschkommode schön wehmütig sein, wie es sich gehört, begleitet von fast kitschigen Keyboards – fast würde man sich wünschen, dass Jaques Tati noch da wäre und herrlich verschrobene Filme machen, da hätte Gonzales ein perfektes Soundtrack für, garantiert.

So kann man eine schöne Compilation machen – mit einer wirklich interessanten Idee, einer sorgfältigen Titelauswahl, einer sehr sinnvollen Titelabfolge auf dem Album, einem schönen Titel und einer gut gestalteten und liebevoll produzierten Album-Hülle. Da passt so gut wie alles. Merci.

V.A. – THE ASTHMATIC WORM – MOBILÉ – MOBCD1 – 8/10

« »