toscaopera

Oper mal anders

Als 1997 der Kontinent zunehmend in den Bann des Wiener Downbeat Sounds geriet und die vorherrschende Meinung die war, dass Kruder und Dorfmeister die coolsten Hunde weit und breit wären, begab sich der Herr Dorfmeister mit seinem Kumpel Rupert Huber ins Studio, um dem doch recht spärlichen Output des K&D Projekts etwas substanzielleres hinzuzufügen. Man nannte sich Tosca, und das erste Album hieß dann auch konsequenterweise „Opera“.

Das interessante an diesem Projekt ist, dass der Sound des Duos dem Kruder & Dorfmeister Stil durchaus verwandt ist, gleichzeitig aber ein gutes Stück wagemutiger und experimenteller daher kommt, damit auch anspruchsvoller, greifbarer. Wo K&D dem Wohlklang fröhnen, liegt Tosca so etwas wie ein Konzept zugrunde, das wohl am ehesten mit dem von David Holmes‘ „Let’s Get Killed“ Album zu vergleichen ist, das im gleichen Jahr erschien.

Wie bei Holmes werden Sprach- und Gesangssamples verwendet, die der Verdichtung der Atmosphäre dienen, den Flow unterstützen, vage Themen einbringen und den konzeptionellen Anspruch illustrieren. Dass Dorfmeister und Huber dabei recht nah am damaligen Wiener Sound blieben, ist logisch – aber im Gegensatz zu vielem, das damals produziert wurde, lässt sich „Opera“ auch im Jahr 2014 noch mit Genuss hören.

Mit „Fuck Dub Part 1&2“ beginnt das Album gleich mit einem Paradebeispiel für die Produktionsweise des Duos – schleppende Beats, lässiges Bass Thema, schräge verlangsamte Gesangssamples und Sprachschnipsel, Synth und Vibraphon – es braucht nicht viel, um selbst über die stattliche Spielzeit von 8 Minuten und 40 Sekunden keine Langeweile aufkommen zu lassen.

Das folgende „Amalienbad“ ist so etwas wie eine Collage diverser gefundener Sounds und Aufnahmen, vermutlich aus alten Radiosendungen, auf der Straße aufgenommenen Gesprächsfetzen, Scatgesang von Straßenmusikern und ähnlichem – hier wird die Parallele zum David Holmes Album am deutlichsten. Im Anschluss wartet der „Worksong“ mit etwas mehr Tempo auf, mit breit angelegten Synth Teppichen, die dieses Projekt auch klar von K&D abgrenzen – und zwei Bass Riffs, die sich ideal ergänzen. Dazu wie schon beim Fuck Dub ein paar Dub Spielereien und Gesangssamples – alles mächtig entspannt und weit oberhalb des sonst üblichen Downbeat Niveaus dieser Zeit.

„Gimmi Gimmi“ zeigt erneut, welch formidables Händchen Huber und Dorfmeister vor allem bei der Auswahl der Beat- und Bassthemen haben – gerade weil sie hier grundsätzlich mit ebenso spannenden wie lässigen Kombinationen kommen, braucht es nicht mehr viel, um hörenswertes zu erschaffen. Ein paar Synth Riffs, ein paar dezente Vocal Samples und ein simples Piano Thema – fertig ist ein weiterer Downbeat Juwel.

Die nächste kleine Soundcollage stammt ganz offensichtlich von einem Straßenmusiker, der sich als „Chocolate Elvis“ vorstellt – das ist dann auch der nächste Titel des Albums, den man zweifellos zu den besten des Downbeat Genres zählen darf. Wieder ein herrlich dezenter, leicht jazziger Drum Beat, ein einfaches Bass Thema, Gesangssamples von eben jenem Chocolate Elvis und einer Opernsängerin (dürfte ja aus der „Tosca“ sein, oder?), ein paar Keys dürfen auch nicht fehlen. „Chocolate Elvis“ zeigt vielleicht am deutlichsten, warum Tosca deutlich mehr zu bieten hat als K&D.

Sechs von zehn Stücken dieses Albums sind vorüber – inklusive der kleinen Intermezzi – und das Album ist bereits jetzt ein echter Meilenstein des Genres. Vermutlich genau der richtige Zeitpunkt, um mit „Ambient Emely“ einen sehr deutlichen Kontrast zu setzen. Denn Dorfmeister und Huber können nicht nur dem Downbeat neue Höhepunkte bescheren, sondern auch exzellente Ambient Exkursionen fabrizieren. Vielschichtig, Neugier weckend, eine meditative Reise durch Nebel voller Stimmen, die von überall her stammen könnten, irgendwo zwischen Orb und Biosphere.

„Postgirl“ weckt uns dann mit einer Reprise des vorher schon verwendeten Scatgesangs, deutlich verlangsamt, mit eiernden Synths und japanischem Zählen, ebenfalls schon am Anfang des Albums zu hören – eine viereinhalbminütige Collage, in der die Samples gestückelt, neu zusammengesetzt, zu Chören kombiniert und durch die Drums aus dem „Fuck Dub“ ergänzt werden. Was nach Kakophonie klingt, hat trotzdem etwas melodiöses, was chaotisch scheint, hat doch eine klare musikalische Ordnung. Nichts, was man mit auf die Insel nähme, aber eine interessante Übung allemal.

Dann kommt wieder eine Minute vom Chocolate Elvis, der seinen Scat Stil erklärt, als wolle er ihn uns beibringen. Ein heiserer alter Mann, wie es scheint, der dabei improvisiert, fast schon rapt. Und schon sind wir am Ende des Albums, bei „Buona Sarah“, einem zehnminütigen Stück, das mit ungewohnt rohem Schlagzeug und gewohnt lässiger Bass Line aufwartet. Eine wieder leicht dubbige Expedition durch die Sound- und Samplewelten der beiden Produzenten, die über die lange Spieldauer immer wieder die Elemente variiert und austauscht und so nie eintönig wird. Fast schon konsequent endet es in einem dreiminütigen Nachhall aus Dub und Ambient.

Ich weiß noch sehr gut, wie ich damals in Frankfurt-Bockenheim im „Freebase“ dieses Album erstand, und wie sehr es mein ohnehin schon großes Interesse an diesem damals noch recht neuen Musikstil verstärkte. Manche behaupten, dass der Erfolg dieses Albums nicht möglich gewesen wäre, wenn es nicht die „DJ Kicks“ von Kruder & Dorfmeister gegeben hätte. Ich wage da zu widersprechen – die DJ Kicks hat sicher das Genre geprägt und sehr viel Aufmerksamkeit in Richtung Downbeat gelenkt, aber ohne Alben wie dieses wäre das Genre auch gleich wieder ausgereizt gewesen.

„Opera“ ist wegweisend und innovativ, vielseitig und interessant. Die Art und Weise, wie hier einzelne Elemente immer wieder aufgegriffen, modifiziert, variiert, in unterschiedlichen Tempi wiedergegeben und neu zusammengestellt werden, erinnert sogar ein wenig an „Neu!“, und auch sonst ist die Haltung bei aller Wiener Lässigkeit durchaus ein wenig dem Krautrock nahe. Und damit schweben Huber und Dorfmeister deutlich über dem, was der Downbeat sonst so hervorbrachte.

TOSCA – OPERA – G-STONE – G-STONE CD 002 – LP: STYLE DISQUES STY 001 – 8,5/10

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