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Die etwas andere Tanzfläche

Zugegeben – bei Four Tet bin ich durchaus schon mal ein wenig voreingenommen. Nicht dass ich grundsätzlich alles von ihm großartig fände – manchmal geht er mir auch ein wenig auf den Zeiger. Aber wenn mir bei ihm etwas gefällt, dann nicht nur ein bisschen. Und so viel schon mal vorweg: das hier gefällt mir.

Ursprünglich war mir Four Tet aufgefallen, als er gerade „Pause“ veröffentlicht hatte. 2001, verdammt lang her. Zu der Zeit sah man Kieran Hebden, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, noch als einen der Intellektuellen in der Downtempo Kategorie, der zwar gern mal experimentierte, vornehmlich aber Material für die Beschallung anspruchsvollerer Bars und Lounges lieferte.

Daran änderte auch „Rounds“ nicht wirklich etwas, das zwei Jahre später erschien, ebenso wie das allenfalls experimenteller werdende „Everything Ecstatic“ 2005. In den Jahren danach begann er sich dann aber immer mehr auch für die Tanzflächen zu interessieren und machte sich auf den Weg, auch diese mit Musik zu versorgen, die ein klein wenig abseits ausgetretener Pfade angesiedelt ist, etwas mehr das Experiment wagt und neue Einflüsse aufnimmt. So wurde aus dem Downbeat Erneuerer auch ein Dancefloor Eklektizist mit Anspruch.

Diese 12″ ist einer der Beweise dafür, dass ihm das auf durchaus spektakuläre Weise gelingen kann. Schon als er noch im gemächlicheren Tempo unterwegs war, hatte Hebden seine Freude daran, unterschiedlichste Sounds zusammenzubringen und daraus Rhythmen zu bauen, Welten zu erschaffen, Geschichten zu erzählen. Jetzt ist das Tempo im oberen Midtempo Dancefloorbereich angekommen, und während er hier das Sammeln, Verbasteln, Kombinieren und Aufeinanderschichten unterschiedlichster Sounds fast bis zur Perfektion treibt, dient dies weniger dem Storytelling, sondern primär dem Anspruch, der Dynamik des Stücks einen Körper zu geben, eine Substanz.

Dabei übernimmt die Arbeit am Schlagzeug eigentlich eher noch einen kleinen Teil der Arbeit. Ein wenig Hihat, eine trockene und warme Bassdrum, das war es eigentlich auch schon. Der Rest sind Synth Loops, diverse Bleeps und Sounds, allerhand Klopfen, Klöppeln, Drones und Glocken, und dieses fast an Akufen erinnernde bewusst abgehackt eingespielte zentrale Thema des Stücks. Vieles der Dynamik und des Zaubers dieses Stückes liegt im Repetitiven, und in der perfekten Ineinanderfrickelei all dieser Elemente.

Darüber lässt er dem Titel gehorchend singen – keine Texte, eher nur Vokale, eine helle, mit sanftem Druck gesungene Frauenstimme, die weniger als Stimme fungiert, sondern eher ein Synth Thema ersetzt, dabei aber sehr viel mehr Emotionalität transportiert, dem Ganzen diesen für Four Tet so schön spielerischen Charme gibt, eine überzeugte Form von Naivität, die einen lächeln lässt. Das ganze richtig schön opulent ausgedehnt auf durchaus sinnvolle 10:46 Minuten.

Beim noch längeren Remix – stolze 14 Minuten – lässt Kieran Hebden einen weiterern Erneuerer der modernen Tanzmusik ran, Floating Points alias Sam Shepherd. Der macht seinem Namen erst einmal alle Ehre und lässt es minutenlang floaten, gönnt uns ein weiträumiges Ambient Intro, in dem sich nur ganz allmählich ein Beat bemerkbar macht, sehr viel grader und ein gutes Stück schneller als im Original, treibender und näher an Houseformaten orientiert, während Glockentöne alles fein umspielen. Hihat dazu, und Schritt für Schritt mehr Bass, mehr Raum, mehr Fülle, allerhand Soundspielereien – hier wird die Tanzfläche mal grad komplett in die Wolken gehoben.

Dann ein knackiger Break, resolute Synth Stabs, und einen Moment später sind wir ganz tief im Broken Beat Eck angekommen – mutig, das fein fließende Houseformat zu verlassen und die Beats ein wenig zu durchbrechen, aber gleichzeitig gibt es einem auch die Möglichkeit, sich ein wenig von ihnen zu lösen, sich nicht allzu sehr an ihnen festzuklammern. Zumal es für den Rest des Stücks wieder mehr fließt, wieder mehr Ruhe einkehrt, wir uns eher im Deep House wiederfinden. Zum Abschluss dann noch einmal zwei Minuten flächig atmosphärischer Wohlklang. Die Verwandtschaft mit dem Original ist hier primär am Titel abzulesen – aber das hat uns ja noch nie wirklich gestört, wenn man so formidabel unterhalten wird wie hier.

FOUR TET – SING (12″) – DOMINO – RUG358T – 7,5/10

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